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Veröffentlicht am 04.12.2024

An American Dream

Das geträumte Land
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Nachdem Jende Jonga seine Frau Neni und den gemeinsamen Sohn Liomi zu sich nach New York geholt hat, glaubt er, endlich sein Leben hier beginnen zu können. In seinem kamerunischen Dorf träumen alle davon, ...

Nachdem Jende Jonga seine Frau Neni und den gemeinsamen Sohn Liomi zu sich nach New York geholt hat, glaubt er, endlich sein Leben hier beginnen zu können. In seinem kamerunischen Dorf träumen alle davon, in Amerika zu leben. Jende lebt den amerikanischen Traum. Er arbeitet hart und findet durch seinen Cousin eine Anstellung als Chauffeur beim erfolgreichen Wallstreet-Banker Clark Edwards.
Jende arbeitet für Clarks gesamte Familie, lernt so dessen Frau und die beiden Söhne kennen, und bekommt durch die Nähe viel von den Problemen der Familie mit, die so ganz anders sind als die eigenen. Während Jendes Ängste existenzieller Natur sind – denn sein Asylantrag soll vor Gericht verhandelt werden – scheinen besonders Clarks Frau und sein ältester Sohn von Kümmernissen geplagt zu sein, die ihre jeweiligen Leben auf ganz andere Weise beeinflussen.
Die Finanzkrise des Jahres 2008 schlägt ihre Wellen durch beide Familien, die jeweils auf ihre Arten mit den Wirkungen der Rezession umgehen müssen.

So wie Jende den Wagen durch den Verkehr New Yorks lenkt, so lenkt Imbolo Mbue ihre Protagonist:innen durch die Höhen und Tiefen des American Dream. Jende versucht seiner Familie ein Leben im verheißenen Land aufzubauen, und auch seine Frau Neni ist darauf bedacht, die Grundsteine für ein besseres Leben für das gemeinsame Kind zu legen. Während Jende im Maßstab zu anderen nicht so viel zu verlieren hat, gilt es für die Clarks, in der Finanzkrise die Verluste so gering wie möglich zu halten. Doch manche Schuld lässt sich nicht tilgen und ihr Verlust ist in keiner Währung der Welt aufzuwiegen.
Mbue zeichnet vielfältige Figuren in ihrem Buch, jede individuell problembeladen und auf der Suche nach der ganz eigenen Lösung. In jeden Kopf ihrer Geschichte lässt sie ihre Leser:innen einmal hineinblicken. Ihr Erzählstil ist schlicht, und doch wirkungsvoll.

Veröffentlicht am 04.12.2024

(K)Ein Buch für eine Depression?

Die Wand
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Marlen Haushofers „Die Wand“ war unser Juni-Buch im feministischen Buchclub. Das Buch ist nicht neu, sein Inhalt vielen bekannt, und wer noch nie von diesem Werk gehört hat, dem sei die Handlung mit wenigen ...

Marlen Haushofers „Die Wand“ war unser Juni-Buch im feministischen Buchclub. Das Buch ist nicht neu, sein Inhalt vielen bekannt, und wer noch nie von diesem Werk gehört hat, dem sei die Handlung mit wenigen Worten erklärt: Eine Frau besucht ihre Cousine in den Bergen, eines Morgens wacht sie auf und findet Weg ins Dorf von einer durchsichtigen Barriere versperrt. Was sie fortan als die Wand bezeichnet, trennt sie vom Rest der Welt, der auf der anderen Seite zu leblosen Figuren erstarrt ist. Und innerhalb dieser Wand lebt sie als letzter Mensch mit einigen Tieren, um die sie sich kümmert.

Was die Wand in Marlen Haushofers wohl bekanntestem Werk ist, darüber ist sich die Literaturwissenschaft bis heute nicht einig. Die Wand ist eine Grenze, klar, aber zu wem oder was? - Ich glaube, die Wand bedeutet für jede:n etwas anderes, und das auch in verschiedenen Stadien des eigenen Lebens. Ich habe das Buch erstmals vor 15 oder 16 Jahren gelesen, als ich in meinen Zwanzigern war. Damals habe ich gerade eine Depression hinter mir gehabt, für mich war die damals gelesene Wand eine Entfremdung; keine Verbindung zu den Menschen in unmittelbarer Nähe zu haben. Was für eine Ironie, dass ich mich aktuell in einer ähnlichen Situation befinde und mich an manchen Tagen dem Gefüge der Welt entzogen fühle.
Entsprechend schwer fiel es mir, das Buch erneut in dieser Lage zu lesen und darüber zu sprechen. Meine gegenwärtige Einsamkeit ist mir so fremd und ängstigt mich, denn in dem Alleinsein meines Lebens als selbstgewählter Single mit gemütlicher Wohnung gab es kaum Momente, in denen ich mich tatsächlich einsam gefühlt hab. Und während sich meine Tränen Bahn gebrochen haben, fand ich in den anwesenden Frauen des Buchclubs einen so wohltuenden Trost. Ein bisschen hab ich mich der Welt wieder näher gefühlt, und glaube: das geht vorbei.

Haushofers Roman ist so viel mehr. Er ist Emanzipation von einem früheren Leben und einer Weiblichkeit, die sowohl die Protagonistin als auch ihre Erschafferin als einschränkend und hinderlich wahrnehmen. Das frühere Leben als Frau, deren Sphäre Heim und Kinderbetreuung sind, streift sie ab, um so gut es geht im Einklang mit der Natur zu leben, in der sie die ihr anvertrauten Tiere nicht nur versorgt, sondern auch als Gefährt:innen wahrnimmt, und um Felder zu bestellen. Durch den Mangel an handwerklichen und praktischen Fähigkeiten und die nie verschwindende Abscheu, Wild töten zu müssen um der Nahrung Willen wird Haushofers Protagonistin nicht zu dem, was einen Mann ausmacht, ist aber auch keine Frau mehr. Sie wird zu einem geschlechtlosen Wesen zwischen den beiden Polen der früheren Zivilisation, die hinter der Mauer verschwunden ist.
Für diesen Roman gibt es keine richtige und keine falsche Zeit, um es zu lesen. Der Moment ist immer richtig, weil man zu jedem Zeitpunkt etwas anderes für sich aus der Geschichte ziehen wird.

Veröffentlicht am 04.12.2024

Welcome to my jungle

Das Kind in dir muss Heimat finden
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Therapie brauchen eigentlich diejenigen, die auslösen, weshalb Menschen zu Büchern wie diesem hier greifen. Nur liegt das Spektrum für Veränderung zunächst mal ausschließlich im eigenen Handlungsraum, ...

Therapie brauchen eigentlich diejenigen, die auslösen, weshalb Menschen zu Büchern wie diesem hier greifen. Nur liegt das Spektrum für Veränderung zunächst mal ausschließlich im eigenen Handlungsraum, und ein Ratgeber wie "Das Kind in dir muss Heimat finden" kann da eine erste Stellschraube sein.

Das Buch ist seit Jahren auf der Spiegel-Bestsellerliste, entsprechend viele Rezensionen gibt es, die den Inhalt beschreiben, dass ich den nicht wiederkauen muss.
Vor einigen Jahren habe ich dieses Buch schon mal besessen, fühlte mich damals aber vom Inhalt nicht abgeholt. Stefanie Stahls Buch ist so eins der Sorte, für die muss der richtige Zeitpunkt kommen, und den hatte ich vor einigen Wochen, als ich in eine mittelschwere Krise gestürzt bin. Mein riesengroßes Glück war, unmittelbar eine therapeutische Kurzzeitlösung gefunden zu haben. Zwischen den wöchentlichen Terminen wollte ich aber nicht rein zwischen meinen Gedanken hin- und herpendeln, sondern Aufschluss über das bekommen, was sich psychisch bei mir losgetreten hat, und da war "Das Kind in dir muss Heimat finden" ein erster Kompass, an dem sich meine Gedanken orientieren konnten, um eine Richtung zwischen den Sitzungen zu bekommen.

Das Buch ersetzt keine Therapie (den Anspruch hat es aber auch nicht), aber es ist eine Ergänzung für Leute wie mich, die das Gefühl haben, nicht untätig rumsitzen können und den Sturm vorüberziehen lassen, sondern nach Impulsen zur Selbstarbeit suchen, um die zur Verfügung stehende Therapiezeit optimal zu nutzen.

Veröffentlicht am 09.06.2024

Liest sich wie ein Auftakt zu mehr

Die Stadt der Schattenschläfer und die Melodie der Albträume
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Im beschaulichen Quedlinburg lebt wohl die größte Fangemeinde von Blasmusik. Die 13-jährige Elly kann das dauernde Buff-ta-ta nicht mehr hören, es verursacht ihr beinahe körperliche Schmerzen. Ellys Musik ...

Im beschaulichen Quedlinburg lebt wohl die größte Fangemeinde von Blasmusik. Die 13-jährige Elly kann das dauernde Buff-ta-ta nicht mehr hören, es verursacht ihr beinahe körperliche Schmerzen. Ellys Musik Vorliebe für Metal macht sie zur Randfigur. Aus diesem Grund entschließt Elly sich, Quedlinburg und ihre Eltern zurückzulassen. Doch dann taucht Holger Hellborn als neuer Lehrer an Ellys Schule. Seine offene und gar nicht zur Mentalität der Stadt passende Art bringt Elly mit Nana, Schatten, Lucky und Lederhosen-Boy zusammen, und für die Dauer eines Liedes erleben die Jugendlichen das erste Mal, wie es ist, sich frei zu fühlen.
Hellborn verschwindet und hinterlässt nichts als ein mysterisöses Notenheft. Keiner glaubt, dass der neue Lehrer freiwillig gegangen ist, und weil es nicht der erste seltsame Vorfall ist, versuchen die Außenseiter-Kids Hellborn zu finden. Sie stoßen auf ein altes Geheimnis unter der Stadt und erfahren, wie es mit der fanatischen Vorliebe für Blasmusik in Quedlinburg zusammenhängt.
Elly willl Hellborn unbedingt finden und erfährt dabei auch ein großes Geheimnis über sich selbst.

Ich empfand dieses als ein ungewöhnliches Kinderbuch mit leicht düsterem Setting. Ich brauchte ein bisschen, mich in die Story einzulesen, aber sowohl Humor als auch Charaktere sind sehr gelungen. Elly ist eine Außenseiterfigur mit großem Identifikationspotential, die mir direkt sympathisch war.
Gegen Ende hin habe ich mich gefragt, wohin die Geschichte auf den letzten paar Seiten noch gehen könnte, und dann war sie auch schon vorbei, ohne übriggebliebene Fragen aufzuklären. Mein Gefühl sagt mir, dass Die Stadt der Schattenschläfer und die Melodie der Albträume der Auftakt zu mehr war, und über ein Wiedersehen mit Elly und den anderen Außenseiter-Kids würde ich mich nur zu sehr freuen!

Veröffentlicht am 09.06.2024

Keegan setzt jedes Wort gezielt!

Reichlich spät
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Nach Ende der Arbeit nimmt macht Cathal sich auf den Heimweg. Im Bus setzt sich ihm gegenüber eine Frau auf den freien Platz. Er atmet ihren Duft ein, und die Erinnerung führt ihn direkt zurück zu Sabine. ...

Nach Ende der Arbeit nimmt macht Cathal sich auf den Heimweg. Im Bus setzt sich ihm gegenüber eine Frau auf den freien Platz. Er atmet ihren Duft ein, und die Erinnerung führt ihn direkt zurück zu Sabine. Sabine, die er fast geheiratet hätte. Aber eben nur fast.
Der Ehering ist bereits gekauft, und dann ist es diese eine feindselige Haltung zu viel gegenüber dem Plural Frauen, der dafür sorgt, dass Sabine endgültig geht.

Claire Keegan gelingt es, auf gerade einmal knapp 50 Seiten einen intensiven Blick von der Alltagsmisogynie eines Mannes zu zeichnen. Ihre Sprache ist so klar und präzise, jedes Wort gezielt gesetzt. Cathal wünscht sich die Verbindlichkeit einer festen Partnerschaft, erträgt gleichzeitig aber die Anwesenheit der Frau nicht, die er besitzen will und die er in Person als auch in ihren Zuwendungen, als selbstverständlich hinnimmt. Keegan lässt ihren männlichen Protagonisten wie einen feinen Sprühregen auf die Szenerie rieseln, seine Aussagen und Handlungen so mikroskopisch, in der Masse dann aber doch antifeministisch. Ihre erdachte Figur ist das schon viel zu oft erlebte reale Pendant zu Männern, die sich vom Feminismus drangsaliert fühlen, ohne genau zu wissen, warum eigentlich. Großartiges Buch!