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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.06.2024

Weiter geht der Irrsinn im EU-Zirkus, äh -Parlament

Herr Sonneborn bleibt in Brüssel
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Ich wusste, dass dies ein deprimierendes Buch werden würde, und trotz des Humors hab ich lange gebraucht, es komplett durchzulesen. Dass sich der Irrsinn von Sonneborns erster Amtszzeit im Europaparlament ...

Ich wusste, dass dies ein deprimierendes Buch werden würde, und trotz des Humors hab ich lange gebraucht, es komplett durchzulesen. Dass sich der Irrsinn von Sonneborns erster Amtszzeit im Europaparlament wiederholt, wundert nicht. Allerdings fängt jetzt DIE PARTEI auch noch an ernsthaft Politik zu machen und zur stärksten Opposition gegen Vetternwirtschaft und Korruption in den EU-Hallen zu werden, wenn nicht mal mehr übergeordnete Instanzen keine Probleme in illegalen Großspenden an Altparteien erkennen, mit denen sich Industrielle und Immobilienunternehmer für sie begünstigende Gesetzgebungen erkaufen wollen.
Sonneborn zeigt auch mit seinem zweiten Buch auf, dass die Grundidee der Europäischen Union eigentlich eine ganz gute ist, wenn sich nicht so viele Abgeordnete durch egoistische Klüngelei ihrer Ressourcen bedienen würden.
Lachen und Weinen wechseln sich (wie schon beim ersten Buch) ab, mensch möchte verzweifeln über die politischen Zustände, die immer mehr zur Shitshow werden. Man kann von Sonneborn und seiner PARTEI halten, was man will, aber im Dschungel der irren Gesetze bringen sie Klarheit und Transparenz in eine Institutiton, die zunehmend weniger transparent für die Bürger:innen wird, für die sie Politik macht.

Veröffentlicht am 09.06.2024

Hervorragend recherchiertes Sittenporträt!

Berlin Rosalie
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Das „Rosalie“ ist ein Edelbordell in Berlin Kreuzberg. Es ist der Arbeitsort von Julia und Christin. Tagsüber leben die beiden zusammen in einer WG, abends arbeiten sie im Rosalie. So wie dutzende andere ...

Das „Rosalie“ ist ein Edelbordell in Berlin Kreuzberg. Es ist der Arbeitsort von Julia und Christin. Tagsüber leben die beiden zusammen in einer WG, abends arbeiten sie im Rosalie. So wie dutzende andere Frauen.
Dem Bordell voran steht Gisela, eine reife Frau, die es perfektioniert hat, die Lust der Männer zu Geld zu machen. Doch Gisela ist nicht nur Geschäftsfrau, sie ist in ihrem Metier auch für ihre faire Art bekannt. So kommt es, dass sie Olga befreit, die unter falschen Versprechen für eine lukrative Arbeit nach Deutschland gelockt wurde. Die Frau aus Osteuropa ist der Besitzerin des Edelbordells dankbar, doch statt in ihre Heimat zurückzukehren und die traumatischen Erfahrungen zu vergessen, arbeitet sie nicht nur von nun an für Gisela, sie spezialisiert sich in Richtung Seualassistenz. Ihre Arbeit mit behinderten Männern, die ohne Olga ihre seuellen Bedürfnisse nicht realisierten könnten, erfüllt Olga mit dem Gefühl, der Gesellschaft einen relevanten Dienst zu leisten.
Berührt von der Geschichte Olgas bieten Christin und Julia ihr an, mit in die WG zu ziehen. Tagsüber zu Hause, abends und nachts im Rosalie.
Der Wind dreht sich, als das Rosalie erst einzelnen Menschen und schließlich der Bürokratie ein Dorn im Auge wird. Die Frauen müssen sich überlegen, ob jede für sich alleine streitet oder alle zusammen kämpfen.

Zunächst einmal vielen Dank an Frank Ewald für das Rezensionsexemplar! Ich war sehr neugierig, wie ein Mann das Thema Sxarbeit verarbeiten würde. Ich finde es wirklich gut recherchiert. Allein dass das Thema Sxualbegleitung aufgegriffen wird, war schon bemerkenswert, aber auch, dass der Autor die spezielle Besteuerung von S*xworkerinnen geschildert hat oder über Anmeldeverfahren Bescheid wusste, zeigt, dass er bei Frauen im Gewerbe recherchiert hat. Dem Buch liegen wahre Begebenheiten zugrunde, und auch wenn ich manche Sätze manchmal seltsam fand (als wären die Protagonist:innen alle eher aus „einfachem Hause“, ist die Story auf jeden Fall ein gutes Porträt in einen Bereich, in den es sonst wenig Einblicke gibt.

Veröffentlicht am 06.05.2024

Großer Fan der Reihe!

Boys Run the Riot 2
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Um ihr neu gegründetes Label weiter voranzutreiben, suchen sich Ryo, Jin und Itsuka Jobs, denn sie brauchen Geld für ihr Projekt. Ryo versucht einen Aushilfsjob zu finden, bei dem er der Junge sein kann, ...

Um ihr neu gegründetes Label weiter voranzutreiben, suchen sich Ryo, Jin und Itsuka Jobs, denn sie brauchen Geld für ihr Projekt. Ryo versucht einen Aushilfsjob zu finden, bei dem er der Junge sein kann, als der er sich fühlt. Doch das gestaltet sich als gar nicht so leicht für ihn, der im Körper eines Mädchens geboren wurde. Als er endlich eine Stelle findet, bei der er akzeptiert wird, lernt er eine Kollegin kennen. Ihre Art nervt Ryo zunächst stark, doch sie könnte eine wirklich gute Freundin werden. Doch dann gibt es einen Zwischenfall, bei dem Ryo wieder auf sein angeborenes Geschlecht reduziert wird, und ihm ist danach, die Arbeit einfach hinzuwerfen. Stattdessen konzentriert Ryo sich wieder auf das gemeinsame Label. Um Boys Run The Riot groß rauszubringen, hat Jin eine Kampagne mit einer erfolgreichen Bloggerin organisiert. Und dann missbraucht ausgerechnet die Person, von der er sich wirklich verstanden fühlt, Ryos Vertrauen und outet ihn in seinem gesamten Umfeld...

Der zweite Band der Boys-Run-The-Riot-Reihe war ein klitzekleines bisschen dünner als der erste, doch nicht weniger intensiv. Ryo muss sich mit Menschen auseinandersetzen, die den Umgang mit einer transidenten Person nicht gewöhnt sind und ihn deshalb mehr als nur in Verlegenheit bringen. Wieder und wieder kommt er in Situationen, in denen sein gerade aufgebrachtes Vertrauen ins Wanken gerät und grundlegendes Misstrauen der einzige Weg scheint, sich gegen Enttäuschungen zu wappnen. Ryo ist ein so liebenswerter und relatable Charakter, ich liebe die Reihe richtig und freue mich auf den dritten von vier Bänden!

Veröffentlicht am 06.05.2024

Die Hochzeitsglocken läuten nicht für alle gleich wohlklingend

Das Ende der Ehe
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Am 1. Mai war Feiertag und Treffen des feministischen Buchclubs, bei dem wir Emilia Roigs „Das Ende der Ehe. Für eine Revolution der Liebe“ gelesen haben. Das Buch hatten wir ausgewählt, bevor Roig in ...

Am 1. Mai war Feiertag und Treffen des feministischen Buchclubs, bei dem wir Emilia Roigs „Das Ende der Ehe. Für eine Revolution der Liebe“ gelesen haben. Das Buch hatten wir ausgewählt, bevor Roig in den sozialen Netzwerken mit antisemitischen Aussagen aufgefallen ist. Entsprechend Bauchschmerzen hatten manche von uns, das Buch vor dieser Kulisse zu besprechen.
Wem es beim aktuellen politischen Klima gelingt, Autorin und Werk zu trennen, der bekommt einen umfassenden Einblick, was an der Institution Ehe richtig, richtig falsch läuft. Deshalb gucken zwischen den Seiten meines Exemplars auch Fähnchen raus, mit denen ich mir viele Stellen markiert habe, die ich besonders interessant fand. Unbezahlte Care- und Sorgearbeit, systematische Benachteiligung der Frau in der Ehe, Sexarbeit, die patriarchale Kernfamilie, Geld, alternative Erziehungs- und Fürsorgemodelle, gleichgeschlechtliche Ehe – das sind unter anderem Themen, denen sich Roig in in ihrem Buch widmet und die ich in ihrer Fülle gar nicht wiedergeben kann, weil sie mich noch immer beschäftigen und in einem stetigen Denkprozess halten. Die Autorin bietet keinen abschließenden Lösungsansatz, das wäre auch utopisch bei der Abschaffung eines Systems, das sich über Jahrhunderte verfestigt hat. Sie liefert aber Ansätze, über dieses System zu reflektieren, erzählt aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz und zeigt auf, was zumindest möglich sein könnte.

Ich bin sehr froh, dass wir uns im feministischen Buchclub dazu entschlossen haben, „Das Ende der Ehe“ zu lesen. Ich hatte es schon länger auf dem Schirm, und so gab es einen Anlass, dieses relevante Buch nicht weiter nur auf der Merkliste zu haben, sondern endlich mal „durchzuarbeiten“!

Veröffentlicht am 06.05.2024

Ungerechtigkeit in höchsten Kreisen

Prima facie
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Ihren prekären Voraussetzungen zum Trotz hat Tessa alles erreicht, was man an ihrem bisherigen Punkt im Leben schaffen kann. Sie hat ihre Herkunft hinter sich gelassen, mit einem Stipendium in Cambridge ...

Ihren prekären Voraussetzungen zum Trotz hat Tessa alles erreicht, was man an ihrem bisherigen Punkt im Leben schaffen kann. Sie hat ihre Herkunft hinter sich gelassen, mit einem Stipendium in Cambridge Jura studiert, gehört seit sechs Jahren einer renommierten Kanzlei an und gewinnt einen scheinbar aussichtslosen Fall nach dem anderen. Doch Tessa merkt auch, dass sie ihre Abstammung nie ganz abschütteln wird, nie zu den Familien mit Old Money gehören wird, für die Status eine Selbstverständlichkeit ist, während Tessa sich die Symbole ihres Standes hart erarbeitet hat.
Ihren Erfolg verdankt Tessa einem scharfen Intellekt und ihrem Verständnis des Gesetzes und was es für die leistet, die ihm unterstehen. Die junge Anwältin hat ein tiefes Vertrauen in die Justiz, ihrer Auffassung nach gibt das Gesetz jedem eine faire Chance, solange die Anwälte beider Parteien eines nur die bestmögliche Geschichte vor eine Jury und eine:n Richter:in bringen.
Auf dem Höhepunkt ihres Lebens und ihrer Karriere widerfährt ihr ein so großes Übel, das Tessa an ihr Vertrauen in das Gesetz zweifeln lässt. Wie kann Gerechtigkeit hergestellt werden, wenn die Justiz sie einem versagt?

Suzie Miller „Prima Facie“ setzt aus den Facetten Vorher, Damals, Jetzt, Danach ein Bild zusammen, um den Werdegang ihrer Protagonistin zu zeichnen. Tessa Ensler ist eine allzu nahbare Frau mit Wünschen, Träumen, Hoffnungen, Sorgen und Ängsten, deren während der Geschichte erlittenes Unrecht einer jeden von uns hätte passieren können. Die Geschichte, wie sie erzählt ist, hat mich über das Ende hinaus zum Sinnieren angeregt. Ein sehr empfehlenswertes Buch!