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Veröffentlicht am 21.04.2022

Opfer des Krieges

Wir sind Wölfe
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Inhalt: Ostpreußen 1945: Als in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs die Rote Armee in Ostpreußen einmarschiert, muss die Familie Wolf mit nur wenig Gepäck und einem Pferdewagen fliehen. In dem großen ...

Inhalt: Ostpreußen 1945: Als in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs die Rote Armee in Ostpreußen einmarschiert, muss die Familie Wolf mit nur wenig Gepäck und einem Pferdewagen fliehen. In dem großen Durcheinander während eines Angriffs auf die Flüchtenden auf dem Eis des Frischen Haffs, verlieren die drei Kinder der Familie den Anschluss und sind nun auf sich allein gestellt. Die Älteste, die elfjährige Liesl, trägt nun die schwere Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister - den siebenjährigen Otto und die erst eineinhalb Jahre alte Mia - denn sie hat ihrer Mutter versprochen, gut auf die beiden aufzupassen. Im bitterkalten Winter Ostpreußens schlagen sie sich alleine durch und werden zu sogenannten „Wolfskindern“.

(„Wolfskinder“ wurden die deutschen Kinder genannt, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs elternlos in Ostpreußen zurückblieben und in den Wäldern zu Tausenden um ihr Überleben kämpften.)

Meine Meinung: Tragischerweise ist das Thema Flucht und Vertreibung im Moment wieder sehr aktuell, was dieses Buch noch eindringlicher und emotionaler macht. Da mir das Thema Flucht aus Ostpreußen aber aus persönlichen Gründen sehr am Herzen liegt - die Familie meines Vaters wurde vertrieben und meine Oma wagte die Flucht über das Frische Haff - wollte ich das Buch trotz der aktuellen Fluchtbewegungen aus der Ukraine unbedingt lesen.
„Wir sind Wölfe“ wird vom Verlag schon für Kinder ab 10 Jahren empfohlen, was ich allerdings wegen einiger dramatischer und emotionaler Szenen im ersten Viertel noch für zu jung halte. Außerdem würde ich Eltern empfehlen, das Buch zusammen mit ihren Kindern zu lesen um sofort Fragen beantworten zu können und Hintergründe zu erklären.
Die Geschichte liest sich durch die einfache, bildhafte und einfühlsame Sprache, sowie die relativ große Schrift sehr schnell, doch die Handlung lässt auch Erwachsene schon mal hart schlucken. Dass die Geschichte von der elfjährigen Liesl erzählt wird (die mir sehr schnell ans Herz gewachsen ist), macht sie noch eindringlicher und berührender. Schlagartig ist für Liesl und ihren kleinen Bruder Otto die Kindheit vorbei und sie müssen Verantwortung übernehmen, lügen, betteln, stehlen und Tiere töten, um zu überleben. Zudem sind sie ständig Gefahren ausgesetzt und müssen sich verstecken. Doch die Hoffnung, dass ihre Mutter sie findet, bleibt. Immer wieder treffen sie auf russische Soldaten oder andere „Wolfskinder“. Sie spielen mit den Kindern, helfen einander und können zeitweise auch wieder unbeschwerte Momente erleben. Auch von einigen Soldaten erfahren sie Güte und Meschlichkeit. Diese Passagen lockern die Geschichte auf und machen sie nicht allzu bedrückend.

Fazit: Eine eindringliche und berührende Geschichte, die ich nicht nur Kindern und Jugendlichen ans Herz legen möchte, sondern auch Erwachsenen!

Veröffentlicht am 18.04.2022

Solider Nordseekrimi

Nordwestnacht
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Inhalt: Der junge Polizeimeister Nils Scheffler unterstützt als Polizeiberater ein Filmteam, das in St. Peter Ording eine Folge der Krimireihe „Mörderischer Norden“ drehen will. Als großer Filmfan genießt ...

Inhalt: Der junge Polizeimeister Nils Scheffler unterstützt als Polizeiberater ein Filmteam, das in St. Peter Ording eine Folge der Krimireihe „Mörderischer Norden“ drehen will. Als großer Filmfan genießt er seine neue Aufgabe, lernt alle Teammitglieder kennen und verliebt sich in die 2. Hauptdarstellerin Julia. Dann wird die Leiche eines der Aufnahmeleiter gefunden - auf grausame Weise getötet - und Julia ist plötzlich spurlos verschwunden. Die Kommissare Hendrik Norberg und Anna Wagner beginnen zu ermitteln und auch Nils möchte unbedingt herausfinden, was mit Julia geschehen ist...

Meine Meinung: „Nord West Nacht“ ist bereits der dritte Fall für die Soko St. Peter Ording, lässt sich aber auch ohne Vorwissen problemlos lesen.
Der Schreibstil von Svea Jensen ist flüssig und sie erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven.
Die drei Ermittler Hendrik, Anna und Nils, die mir schon aus den Vorgängerkrimis bekannt waren, mag ich inzwischen richtig gern und die Einblicke in deren Privatleben haben genau die richtige Länge und gefallen mir gut. Auch die Beschreibungen von St. Peter Ording und der Umgebung finde ich sehr gelungen, vor allem, weil ich schon häufiger dort Urlaub gemacht habe und mir alles sehr gut vorstellen konnte.
Die Ermittlungen kommen nach dem qualvollen Tod des jungen Aufnahmeleiters erst einmal nur langsam in Fahrt und laufen in verschiedene Richtungen. Außerdem kommt es zu Kompetenzrangeleien mit der Mordkommission Flensburg, über die sich besonders Hendrik ärgert. Ganz langsam steigert sich die Spannung und die Krimihandlung wird dynamischer.

Fazit: Ein unterhaltsamer und solider Nordsee-Krimi, der mir hauptsächlich wegen seiner sympathischen Protagonisten und des Nordseefeelings gefallen hat.

Veröffentlicht am 13.04.2022

Alles andere als Durchschnitt

Eine Frage der Chemie
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Inhalt: Amerika 1952 -1961: Elisabeth Zott ist eine äußerst brillante Chemikerin, was für Frauen in den 50er und 60er Jahren noch sehr ungewöhnlich ist und nicht nur die männlichen Kollegen legen ihr immer ...

Inhalt: Amerika 1952 -1961: Elisabeth Zott ist eine äußerst brillante Chemikerin, was für Frauen in den 50er und 60er Jahren noch sehr ungewöhnlich ist und nicht nur die männlichen Kollegen legen ihr immer wieder Steine in den Weg. Nur bei dem ebenso begabten Nobelpreiskandidaten Calvin Evans findet sie Liebe und Verständnis. Als ihr Jahre später dann überraschend die Moderation der Fernsehsendung „Essen um sechs“ angeboten wird, sagt die alleinerziehende Elizabeth zu, denn sie braucht dringend das Geld und auch Kochen ist für sie Chemie. Der Sender sieht das allerdings anders...

Meine Meinung. Der Schreibstil lässt sich sehr flüssig lesen. Bonnie Garmus erzählt eindringlich, aber auch warmherzig und locker, mit schrägem Humor und punktet mit witzigen Dialogen. Nach einem kurzen Einstieg springt die Geschichte einige Jahre in die Vergangenheit zurück und erzählt von Elizabeths bisherigem Weg mit allen Höhen und Tiefen.
Wie Elizabeth Zott selbst von sich sagt, ist sie anders als andere und ganz bestimmt kein Durchschnitt. Gerade wegen ihrer ungewöhnlichen Art mochte ich sie sehr gern. Sie ist Chemikerin mit Leib und Seele, außerdem unkonventionell, schlagfertig und direkt. Trotz ihrer Empfindsamkeit und ihren persönlichen Tragödien ist sie eine starke Frau, die man bewundern muss. Aber die Autorin hat nicht nur Elizabeth wunderbar beschrieben, sondern auch die vielen anderen Charaktere. Alle sind einzigartig und und teilweise etwas schräg. Manche mag man, andere verabscheut man. Ganz besonders gern mochte ich Mad, Elizabeths 4-jährige hochbegabte Tochter, und Halbsieben, den großen klugen Hund. Beide haben mich häufig zum Schmunzeln gebracht.
Trotz der tollen Charaktere und des Humors hat die Geschichte zu einem großen Teil eine etwas traurige Grundstimmung, aber glücklicherweise ein befriedigendes Ende.

Fazit: „Eine Frage der Chemie“ ist ein ganz besonderes Buch. Es ist eine Mischung aus Witz, Tragik und dem Mut, seinen Weg zu gehen. Elizabeth Zott wird mir sicher noch lange im Gedächtnis bleiben.

Veröffentlicht am 05.04.2022

Spannender 2. Fall

Das Mädchen und der Totengräber (Die Totengräber-Serie 2)
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Inhalt: Wien 1894. Im Kunsthistorischen Museum wird die Leiche des hochangesehenen Ägyptologen Professor Alfons Strösser gefunden - in einem Sorkophag und fachmännisch mumifiziert. Ist der Professor einem ...

Inhalt: Wien 1894. Im Kunsthistorischen Museum wird die Leiche des hochangesehenen Ägyptologen Professor Alfons Strösser gefunden - in einem Sorkophag und fachmännisch mumifiziert. Ist der Professor einem alten Fluch zum Opfer gefallen? Inspektor Leopold von Herzfeldt ermittelt und sucht unter anderem Rat bei dem Totengräber Augustin Rothmayer, denn der schreibt zur Zeit an seinem neuen Buch „Totenkulte der Völker“ und weiß deshalb einiges über ägyptische Flüche. Zur gleichen Zeit werden in verschiedenen Wiener Bezirken die verstümmelten Leichen junger Männer gefunden.

Meine Meinung: „Das Mädchen und der Totengräber“ ist bereits der 2.Teil der neuen historischen Krimireihe um Inspektor Leopold von Herzfeldt und den Totengräber Augustin Rothmayer und hat mir sogar noch besser gefallen als der 1.Teil. Die Geschichte hat mich von Anfang an gefesselt. Oliver Pötzsch schreibt so packend, lebendig und bildhaft, dass man schnell in die Atmosphäre des historischen Wiens eintauchen kann. Der Bezug auf das alte Ägypten, auf Grabräuber und Flüche, hat mir besonders gut gefallen. Es gibt aber gleichzeitig auch noch einen zweiten Fall zu lösen, denn ein unheimlicher Serienmörder bringt junge Männer um.
Leo - der Piefke - wird immer noch nicht völlig von seinen Kollegen anerkannt. Besonders der offen gezeigte Antisemitismus von Oberinspektor Paul Leinkirchner ärgert ihn. Doch Leos neue Ermittlungsmethoden zeigen Erfolg und auch durch seine Kollegialität verbessert sich die angespannte Situation ganz langsam. Zudem muss er an seiner Beziehung zu seiner Freundin Julia arbeiten, wenn er sie nicht verlieren will.
Julia arbeitet inzwischen als Tatortfotografin und ihre Aufgabe ist es, die getöteten jungen Männer zu fotografieren. Schnell bildet sie sich eine eigene Meinung zu den Morden und kann es nicht lassen, selber heimlich zu ermitteln. Vom Totengräber, der ja der Titelgeber der Reihe ist, hätte ich mir etwas mehr gewünscht, denn er ist der am interessantesten und skurrilsten beschriebene Charakter des Buches, aber dabei trotzdem sehr liebenswert und gutherzig. Zu Beginn einiger Kapitel gibt es etwas schaurige Auszüge aus Rothmayers neuen Buch über Totenkulte zu lesen.
Durch die häufig wechselnden Perspektiven, die nicht selten mit einem Cliffhanger enden, steigt gerade im letzten Drittel die Spannung noch einmal an.

Fazit: „Das Mädchen und der Totengräber“ ist ein komplexer und spannender historischer Krimi mit einer tollen Atmosphäre und Protagonisten, die mir inzwischen schon richtig ans Herz gewachsen sind. Ich habe das Buch, so wie auch alle anderen Bücher von Oliver Pötzsch, sehr gerne gelesen und freue mich schon auf sein nächstes Buch.

Veröffentlicht am 29.03.2022

Emotional und tiefgründig

Die Reise der Sommerfrauen
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Inhalt: Kathleen ist 80 Jahre alt und lebt allein in ihrem Cottage in Cornwall mit Blick aufs Meer. Ihre Tochter Liza, die völlig mit der Organisation ihrer Familie und ihrem Job als Lehrerin beschäftigt ...

Inhalt: Kathleen ist 80 Jahre alt und lebt allein in ihrem Cottage in Cornwall mit Blick aufs Meer. Ihre Tochter Liza, die völlig mit der Organisation ihrer Familie und ihrem Job als Lehrerin beschäftigt ist, möchte das Cottage lieber verkaufen und ihre Mutter sicher in einem Seniorenheim unterbringen. Doch damit ist Kathleen überhaupt nicht einverstanden und plant stattdessen einen Roadtrip durch die USA. Durch eine Anzeige findet sie die junge Martha, die sie als Fahrerin begleiten wird. Während Kathleen und Martha unterwegs sind, zieht Liza kurzentschlossen in das Cottage ihrer Mutter, denn sie braucht dringend ein paar Tage Abstand von ihrer Familie.

Meine Meinung: Sarah Morgan erzählt die Geschichte im Wechsel aus den Perspektiven der drei unterschiedlichen Frauen, so dass man jeweils einen Einblick in deren Gedanken bekommt. Ihr Schreibstil ist wie immer flüssig, lebendig und mit leichtem Humor, was ich sehr mag. Ihre drei Protagonistinnen beschreibt sie so warmherzig und authentisch, dass man sie sofort ins Herz schließt. Aber auch alle Nebencharaktere werden glaubwürdig beschrieben. Jede der Frauen steckt gerade in einer schwierigen Phase ihres Lebens, die letztendlich zu einem Wendepunkt wird. Es geht um Liebe, Familie, Freundschaft und Neuanfänge und es hat mir viel Spaß gemacht, Kathleen, Liza und Martha auf diesem, manchmal sehr emotionalen Weg zu begleiten.

Fazit: „Die Reise der Sommerfrauen“ ist ein sehr unterhaltsamer und auch tiefgründiger Sommerroman mit einer Prise Humor und wundervollen Protagonistinnen.