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Veröffentlicht am 22.01.2026

Gentechnik - Segen oder Fluch?

Real Americans
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Ich bin immer etwas skeptisch, wenn auf dem Schutzumschlag eines Buchs mit Superlativen um sich geworfen wird. So auch hier. „Herausragend“, befindet die New York Times, und die Washington Post bezeichnet ...

Ich bin immer etwas skeptisch, wenn auf dem Schutzumschlag eines Buchs mit Superlativen um sich geworfen wird. So auch hier. „Herausragend“, befindet die New York Times, und die Washington Post bezeichnet „Real Americans“ als fesselnd, verspielt und philosophisch. Es werden also große Erwartungen geweckt und dieses Mal nicht enttäuscht.
Der Roman ist in drei Teile geteilt. Der erste Teil handelt von Lily, Tochter chinesischer Einwanderer, die in New York in einem unbezahlten Praktikantinnenjob arbeitet und nicht so recht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Ihre Eltern, beides Wissenschaftler, sind etwas enttäuscht, dass sie nicht in ihre Fußstapfen tritt. Als Lily den erfolgreichen Matthew kennenlernt und die beiden sich ineinander verlieben, ändert sich Lilys Leben von Grund auf. Doch die Beziehung hält nicht an und Lily, die mittlerweile einen Sohn hat, zieht an die Westküste.
Der zweite Teil wird aus Sicht des Sohns Nick erzählt. Nick weiß nicht, wer sein Vater ist und beschließt, ihn über einen DNA-Test ausfindig zu machen. Er wird tatsächlich fündig. Diese Information hält er allerdings vor seiner Mutter geheim. Vater und Sohn lernen sich kennen, doch die Beziehung ist problematisch, denn Matthews Lebenswirklichkeit ist eine ganz andere als die des Studenten Nick.
Im dritten Teil des Romans erfahren wir schließlich, was Nicks Großeltern dazu bewogen hat, Maos China unter großen Gefahren zu verlassen. Man erfährt viel über das entbehrungsreiche Leben im kommunistischen China, wo Wissenschaftler mit Argwohn beäugt wurden und Hungersnot herrschte. Sehr anschaulich wird ihre Ankunft in den USA geschildert, das einfache Leben, das sie zunächst führen, doch auch ihre beruflichen Erfolge in der Gentechnikforschung. Dieser Teil des Romans spielt im Jahr 2030 und Nicks Großmutter Mei blickt auf ihr Leben zurück.
Ich konnte „Real Americans“ tatsächlich über weite Strecken kaum aus der Hand legen. Es ist ein vielschichtiger Generationenroman, der die gesellschaftlichen Situationen in China und den USA sehr anschaulich schildert. Am Schluss schließt sich der Kreis, Nick versucht, Fehler seiner Eltern und Großeltern, die Gentechnik für einen Segen für die Menschheit hielten, auszubügeln bzw. den Schaden zu begrenzen. Diesen Schluss fand ich nicht ganz so realistisch. Alles in allem kann ich „Real Americans“ jedoch voll und ganz empfehlen.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Niemands Töchter
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Judith Hoerschs Debütroman „Niemands Töchter“ handelt von vier Frauen, Marie, Gabriele, Alma und Isabell. Am Anfang fand ich es ausgesprochen verwirrend, zwischen den Kapiteln, die aus der Sicht der einzelnen ...

Judith Hoerschs Debütroman „Niemands Töchter“ handelt von vier Frauen, Marie, Gabriele, Alma und Isabell. Am Anfang fand ich es ausgesprochen verwirrend, zwischen den Kapiteln, die aus der Sicht der einzelnen Frauen erzählt werden, hin- und herzuspringen, zumal auch die Zeitebenen ständig wechseln. Auch die Beziehung der Frauen untereinander ist lange unklar. Nachdem ich den Versuch aufgegeben habe, die Puzzlestücke zeitlich einzuordnen, und einfach darauf vertraut habe, dass alles irgendwann Sinn ergibt, fand ich das Buch deutlich angenehmer zu lesen.
Es geht um die Themenbereiche „wer bin ich und wo gehöre ich hin?“. Alma spürt schon seit ihrer frühen Kindheit in ihrer Familie, die aus Mutter und Großeltern besteht, dass sie nicht nur äußerlich anders ist. Die Frage nach dem Vater wird ausweichend beantwortet. Als sie als junge Frau erfährt, dass sie adoptiert ist, bricht sie den Kontakt zur Mutter ab und zieht nach Berlin. Diesen Teil der Geschichte konnte ich nicht ganz nachvollziehen. Warum dieser unerbittliche Bruch mit der Adoptivmutter, die doch alles für ihr Kind getan hat?
Isabell, die andere Tochter in der Geschichte, wächst mit Mutter und Vater gutsituiert in Berlin auf. Der Vater, ein erfolgreicher Arzt, ist an seiner Tochter nicht sonderlich interessiert und betrachtet Isabells Mutter mehr oder weniger als „trophy wife“, eine hübsche Frau, mit der man angeben kann. Als diese stirbt, bricht für die zehnjährige Isabell eine Welt zusammen.
Das Schicksal führt Alma und Isabell beide in dieselbe psychotherapeutische Praxis. Die beiden lernen sich kennen und merken, dass sie viel mehr gemeinsam haben als geahnt.
Obwohl ich mich mit keiner der Personen wirklich identifizieren konnte und so manche Entscheidung für mich nicht nachvollziehbar war, hat mich die Geschichte gefesselt. Der Schreibstil ist packend, die Personen und ihre Lebenssituationen gut beschrieben. Vor allem Almas Kindheit in einem kleinen Dorf in der Eifel im Haus ihrer bodenständigen Großeltern fand ich äußerst realistisch dargestellt. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 05.01.2026

Schlechte Töchter und schlechte Ehefrauen

Was vor uns liegt
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Acht junge Frauen leben im Jahr 1934 in dem von Nonnen geführten Grimaldi-Konvikt in Rom. Dort herrschen gefängnisähnliche Zustände. Abends werden die Türen verschlossen und das Licht zu einer bestimmten ...

Acht junge Frauen leben im Jahr 1934 in dem von Nonnen geführten Grimaldi-Konvikt in Rom. Dort herrschen gefängnisähnliche Zustände. Abends werden die Türen verschlossen und das Licht zu einer bestimmten Zeit abgedreht. Tagsüber dürfen sie das Konvikt verlassen, um ihrem Studium nachzugehen. Die acht Frauen, von denen jede ein Geheimnis vor den anderen verbirgt, sind eine Art Schicksalsgemeinschaft. Eine von ihnen, Emanuela, hat durch ein uneheliches Kind, das in einem Internat aufwächst, Schande über die Familie gebracht und sie vertraut sich nicht einmal ihren Freundinnen an. Die andere, Augusta, gibt vor zu studieren, schreibt aber in Wirklichkeit Romane, die wahrscheinlich nie einen Verleger finden werden. Im faschistischen Italien der 1930er Jahre war es so gut wie unmöglich, als Frau ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wer einmal einen Hauch von Freiheit verspürt hat, wird niemals mehr eine gute Tochter und Ehefrau sein, konstatiert Augusta.
Was mich sehr irritiert hat, ist, dass die Beschreibungen der einzelnen Frauenschicksale manchmal nahtlos ineinander übergehen, so dass ich oft nicht wusste, von wem jetzt gerade die Rede ist. Der distanzierte und langatmige Schreibstil machte es mir teilweise schwer, Empathie für die Frauen zu empfinden, einige waren mir regelrecht unsympathisch. Als eine der acht nach langer Krankheit stirbt, hält sich die Trauer sehr in Grenzen, schnell gehen alle wieder zum Alltag über. Eine andere hält es für angemessen, eine der Freundinnen zu bestehlen, um das Startkapital für ein Leben außerhalb des Konvikts zu bekommen. Etwa in der Mitte des Buchs wird ein Vorfall geschildert, der mich so schockiert und angewidert hat, dass ich das Buch beinahe zur Seite gelegt hätte.
Laut Verlag handelt es sich bei „Was vor uns liegt“ um einen „legendären Debütroman“, der mich jedoch nicht in seinen Bann ziehen konnte. Ich würde ihn nicht weiterempfehlen.

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Veröffentlicht am 05.01.2026

War es ein Unfall oder Mord?

Lügennebel. Ein Fall für Hanna Ahlander
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Sechs Studenten wollen einen unbeschwerten Skiurlaub in der schwedischen Ferienregion von Åre verbringen. Schon auf der Hinfahrt im Zug wird kräftig dem Alkohol zugesprochen, im luxuriösen Ferienhaus, ...

Sechs Studenten wollen einen unbeschwerten Skiurlaub in der schwedischen Ferienregion von Åre verbringen. Schon auf der Hinfahrt im Zug wird kräftig dem Alkohol zugesprochen, im luxuriösen Ferienhaus, das den Eltern von Wille, dem Alphamännchen der Clique, gehört, ist es genauso. Nicht nur Alkohol wird konsumiert, sondern auch Drogen. Die jungen Leute sind laut und feiern bis spät in die Nacht, womit sie sich in der direkten Nachbarschaft nicht gerade beliebt machen.
Am Morgen nach einer dieser Partys wird eines der beiden Mädchen tot im Schnee vor der Villa aufgefunden. Ist sie selbst, volltrunken wie sie war, bei minus zwanzig Grad in den Schnee hinausgelaufen und erfroren? Oder war es etwa Mord?
Die beiden Ermittler Hannah Ahlander und Daniel Lindskog vernehmen die geschockten jungen Leute, von denen jeder behauptet, nichts mit Fannys Tod zu tun zu haben. Während ihrer Vernehmungen wird schnell klar, dass auch schon vor Fannys Tod Spannungen und Rivalitäten in der Gruppe bestanden. Als dann auch noch das Gästehaus auf dem Grundstück wenig später brennt und einer der Studenten das Weite sucht, scheint die Lage klar zu sein. Weshalb sonst sollte er geflüchtet sein? Doch die Dinge sind komplizierter als es zunächst scheint.
Ich verfolge Viveca Stens Polarkreisreihe von Anfang an, dieser Band hat mir ganz besonders gut gefallen. Die Personen und ihre Beziehungen untereinander sind glaubhaft dargestellt und die Story ist äußerst spannend. Ich mag es auch, wenn man etwas über das Privatleben der Ermittler erfährt und das ist bei Viveca Sten immer der Fall. Ich freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung dieser Reihe! Ich habe das Buch als Hörbuch, gelesen von Vera Teltz, gehört, und es war ein Vergnügen, ihrer ausdrucksstarken Stimme zuzuhören.

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Veröffentlicht am 29.12.2025

Sehr klischeehaft und voraussehbar

Das Jahr voller Bücher und Wunder
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Vor Jahren habe ich das Buch „Im Freibad“ von Libby Page gelesen und fand es unterhaltsam und herzerwärmend. Deshalb habe ich mich nun über die Neuerscheinung „Das Jahr voller Bücher und Wunder“ der Autorin ...

Vor Jahren habe ich das Buch „Im Freibad“ von Libby Page gelesen und fand es unterhaltsam und herzerwärmend. Deshalb habe ich mich nun über die Neuerscheinung „Das Jahr voller Bücher und Wunder“ der Autorin gefreut. Um es kurz zu machen: ich hatte viel mehr erwartet. Die Story hörte sich vielversprechend an. Mathilda Nightingale, deren Mann Joe vor einem halben Jahr gestorben ist, bekommt einen Anruf aus einer Buchhandlung, wonach sie ein Buch abholen soll, das Joe für sie hinterlegt hat. Es stellt sich heraus, dass Joe ihr für ein ganzes Jahr Bücher ausgesucht hat, jeden Monat kann Tilly sich ihr Buch in der Buchhandlung „Book Lane“ abholen. Seit Joes Tod konnte Tilly, die eigentlich eine Leseratte ist, kein Buch mehr lesen. Durch die monatliche Lektüre verliert sich ihre Leseblockade und dank der Bücher schafft sie es, sich wieder auf das Leben und seine Herausforderungen einzulassen. Sie unternimmt Reisen, lernt Kochen und beginnt mit Joggen, um nur ein paar zu nennen. So weit, so gut, die Idee ist ganz schön, doch leider ist die Geschichte von Anfang an auch mit einer Liebesgeschichte verquickt. Ich habe überhaupt nichts gegen Liebesgeschichten, doch die kitschigen Formulierungen und die überdeutlichen Anzeichen, wer am Schluss ein Paar wird, haben mir überhaupt nicht gefallen. Dauernd errötet jemand angesichts von putzigen Sommersprossen oder bekommt weiche Knie, wenn ein bestimmter Name genannt wird oder ein Stückchen nackte Haut aufblitzt. Ich habe das Buch als Hörbuch gehört. Gut möglich, dass es mir in Buchform besser gefallen hätte, denn obwohl die Sprecherin eine angenehme Stimme hat, verleiht sie manchen Personen eine dermaßen fürchterliche Stimme, dass mir das Zuhören schwerfiel. Beispielsweise Prudence, die über 70jährige Mitarbeiterin der Buchhandlung Book Lane, die eine dermaßen brüchige und zittrige Stimme hat, wie ich sie noch nie an einer lebenden Person gehört habe. Mir ist klar, dass es nicht einfach ist, so viele verschiedene Stimmen für all die Charaktere eines Buchs so darzustellen, dass man sie unterscheiden kann, aber man kann auch übertreiben. Ähnlich ist es mit Tillys Schwester Harper, die total hysterisch und überdreht klingt.
Die vielen Klischees, deren sich die Autorin bedient, haben mich auch genervt. So riecht Buchhändler Alfie nach Büchern, was ich reichlich seltsam finde, während Tilly, die mit ihrer roten Mähne und ihren Ringelstrümpfen an eine erwachsene Pippi Langstrumpf erinnert, nach Apfel und Vanille duftet.
Es gab Passagen im Buch, die mich gut unterhalten haben, aber alles in allem hat mich „Das Jahr voller Bücher und Wunder“ enttäuscht.

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