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Veröffentlicht am 01.02.2026

Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich

Alle glücklich
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Für Außenstehende müssen die Holtsteins wie eine Bilderbuchfamilie wirken: der Vater Alexander, Oberarzt im Krankenhaus, Mutter Nina arbeitet halbtags als MTA, und die Kinder Emilia und Ben. Emilia ist ...

Für Außenstehende müssen die Holtsteins wie eine Bilderbuchfamilie wirken: der Vater Alexander, Oberarzt im Krankenhaus, Mutter Nina arbeitet halbtags als MTA, und die Kinder Emilia und Ben. Emilia ist mit ihren sechzehn Jahren frisch verliebt in einen etwas älteren Jungen, der ihr einiges an Erfahrung voraushat. Ben ist Student und ein Einzelgänger, der sich am liebsten in seinem Zimmer verkriecht und mit anderen Computernerds zockt. Nina bemüht sich nach Kräften, die Familie wenigstens zu einem gemeinsamen Abendessen zusammenzubringen, doch oft gelingt nicht einmal dieses Minimum an Gemeinsamkeit, nicht zuletzt, weil Alexander häufig erst spät von der Arbeit kommt. Wie es wirklich in ihren Kindern aussieht, davon haben Nina und Alexander keine Ahnung. Beispielsweise leidet Ben darunter, dass er noch nie eine Freundin hatte. Überhaupt gibt es viel Unausgesprochenes zwischen den Familienmitgliedern, auch zwischen den Eheleuten läuft es schon lange nicht mehr rund.
Die Kapitel werden aus Sicht der vier Familienmitglieder erzählt und geben Einblicke in deren Seelenleben. Jedem Kapitel ist ein eFrage vorausgestellt, die sich die jeweilige Person gerade stellt: Wozu mache ich mir die Mühe überhaupt? (Nina), Irgendjemand, der mich sieht, irgendjemand? (Ben), Ich mache doch alles richtig, oder etwa nicht? (Alexander), Oder bin ich ihm doch zu jung? (Emilia). Jede der Personen steuert auf ein Ereignis zu, das ihr Leben und das Leben der anderen Familienmitglieder grundlegend verändern wird.
Trotz einiger Längen fand ich das Buch spannend und kurzweilig. Tolstois berühmter Eingangssatz aus Anna Karenina hat auch knapp 150 Jahre nach dessen Erscheinen noch Gültigkeit: Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.
Ein Roman, der nachdenklich macht.

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Veröffentlicht am 30.01.2026

Ein schwieriger Lebensabschnitt

Die Liebe, später
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Kora und Anselm führen seit Jahrzehnten eine Wochenendehe. Beide sind beruflich erfolgreich, er als Biologe in Berlin, sie als Radiojournalistin in Köln, wo sie ihr gemeinsames Zuhause haben. Jetzt ist ...

Kora und Anselm führen seit Jahrzehnten eine Wochenendehe. Beide sind beruflich erfolgreich, er als Biologe in Berlin, sie als Radiojournalistin in Köln, wo sie ihr gemeinsames Zuhause haben. Jetzt ist Anselm pensioniert und der fast sechzigjährigen Kora, die gerade eine schwere Herz-OP hinter sich hat, wurde vom Sender ein Auflösungsvertrag angeboten, von dem sie sich nicht sicher ist, ob sie ihn annehmen soll. Während Anselm sich mit Begeisterung in ein neues Projekt, einen Libellenteich im Garten, stürzt, hinterfragt Kora ihr ganzes Leben. Ist sie überhaupt noch glücklich mit Anselm? Wie soll sie diese ständige Nähe aushalten? Und wo ist die selbstbewusste Kora von früher geblieben? Kora begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit, trifft alte Freunde und Weggefährten und macht sich Gedanken, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll.
Zunächst hatte ich Schwierigkeiten damit, wie die Autorin von einer Begebenheit in Koras Leben scheinbar willkürlich zur nächsten wechselt. Eben lag Kora noch von der OP geschwächt im Krankenhaus, dann ist sie ein kleines Mädchen, das seine Mutter verloren hat, nur um im nächsten Absatz Felix, einen Bekannten, dessen Frau spurlos verschwunden ist, zu besuchen. Dieses Hin- und Herspringen hat mich am Anfang ziemlich irritiert. Als ich mich dann auf den Schreibstil eingelassen habe, hat mich die Geschichte doch gefesselt und ich wollte herausfinden, wie sich Kora entscheidet. Ebenfalls interessant fand ich den Handlungsstrang um Felix‘ verschwundene Frau. Das Buch wirft Fragen auf, die sich wahrscheinlich viele Frauen, vor allem in Koras Alter, irgendwann stellen. Was mich etwas frustriert hat, ist die Tatsache, dass ein Handlungsstrang, der mich sehr interessiert hat, nicht aufgelöst wird, sondern einfach nach langen Spekulationen im Sand verläuft. Die Umschlagillustration ist im übrigen sehr irreführend, da sie suggeriert, dass der Roman von einer weitaus jüngeren Frau handelt.

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Veröffentlicht am 22.01.2026

Gentechnik - Segen oder Fluch?

Real Americans
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Ich bin immer etwas skeptisch, wenn auf dem Schutzumschlag eines Buchs mit Superlativen um sich geworfen wird. So auch hier. „Herausragend“, befindet die New York Times, und die Washington Post bezeichnet ...

Ich bin immer etwas skeptisch, wenn auf dem Schutzumschlag eines Buchs mit Superlativen um sich geworfen wird. So auch hier. „Herausragend“, befindet die New York Times, und die Washington Post bezeichnet „Real Americans“ als fesselnd, verspielt und philosophisch. Es werden also große Erwartungen geweckt und dieses Mal nicht enttäuscht.
Der Roman ist in drei Teile geteilt. Der erste Teil handelt von Lily, Tochter chinesischer Einwanderer, die in New York in einem unbezahlten Praktikantinnenjob arbeitet und nicht so recht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Ihre Eltern, beides Wissenschaftler, sind etwas enttäuscht, dass sie nicht in ihre Fußstapfen tritt. Als Lily den erfolgreichen Matthew kennenlernt und die beiden sich ineinander verlieben, ändert sich Lilys Leben von Grund auf. Doch die Beziehung hält nicht an und Lily, die mittlerweile einen Sohn hat, zieht an die Westküste.
Der zweite Teil wird aus Sicht des Sohns Nick erzählt. Nick weiß nicht, wer sein Vater ist und beschließt, ihn über einen DNA-Test ausfindig zu machen. Er wird tatsächlich fündig. Diese Information hält er allerdings vor seiner Mutter geheim. Vater und Sohn lernen sich kennen, doch die Beziehung ist problematisch, denn Matthews Lebenswirklichkeit ist eine ganz andere als die des Studenten Nick.
Im dritten Teil des Romans erfahren wir schließlich, was Nicks Großeltern dazu bewogen hat, Maos China unter großen Gefahren zu verlassen. Man erfährt viel über das entbehrungsreiche Leben im kommunistischen China, wo Wissenschaftler mit Argwohn beäugt wurden und Hungersnot herrschte. Sehr anschaulich wird ihre Ankunft in den USA geschildert, das einfache Leben, das sie zunächst führen, doch auch ihre beruflichen Erfolge in der Gentechnikforschung. Dieser Teil des Romans spielt im Jahr 2030 und Nicks Großmutter Mei blickt auf ihr Leben zurück.
Ich konnte „Real Americans“ tatsächlich über weite Strecken kaum aus der Hand legen. Es ist ein vielschichtiger Generationenroman, der die gesellschaftlichen Situationen in China und den USA sehr anschaulich schildert. Am Schluss schließt sich der Kreis, Nick versucht, Fehler seiner Eltern und Großeltern, die Gentechnik für einen Segen für die Menschheit hielten, auszubügeln bzw. den Schaden zu begrenzen. Diesen Schluss fand ich nicht ganz so realistisch. Alles in allem kann ich „Real Americans“ jedoch voll und ganz empfehlen.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Niemands Töchter
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Judith Hoerschs Debütroman „Niemands Töchter“ handelt von vier Frauen, Marie, Gabriele, Alma und Isabell. Am Anfang fand ich es ausgesprochen verwirrend, zwischen den Kapiteln, die aus der Sicht der einzelnen ...

Judith Hoerschs Debütroman „Niemands Töchter“ handelt von vier Frauen, Marie, Gabriele, Alma und Isabell. Am Anfang fand ich es ausgesprochen verwirrend, zwischen den Kapiteln, die aus der Sicht der einzelnen Frauen erzählt werden, hin- und herzuspringen, zumal auch die Zeitebenen ständig wechseln. Auch die Beziehung der Frauen untereinander ist lange unklar. Nachdem ich den Versuch aufgegeben habe, die Puzzlestücke zeitlich einzuordnen, und einfach darauf vertraut habe, dass alles irgendwann Sinn ergibt, fand ich das Buch deutlich angenehmer zu lesen.
Es geht um die Themenbereiche „wer bin ich und wo gehöre ich hin?“. Alma spürt schon seit ihrer frühen Kindheit in ihrer Familie, die aus Mutter und Großeltern besteht, dass sie nicht nur äußerlich anders ist. Die Frage nach dem Vater wird ausweichend beantwortet. Als sie als junge Frau erfährt, dass sie adoptiert ist, bricht sie den Kontakt zur Mutter ab und zieht nach Berlin. Diesen Teil der Geschichte konnte ich nicht ganz nachvollziehen. Warum dieser unerbittliche Bruch mit der Adoptivmutter, die doch alles für ihr Kind getan hat?
Isabell, die andere Tochter in der Geschichte, wächst mit Mutter und Vater gutsituiert in Berlin auf. Der Vater, ein erfolgreicher Arzt, ist an seiner Tochter nicht sonderlich interessiert und betrachtet Isabells Mutter mehr oder weniger als „trophy wife“, eine hübsche Frau, mit der man angeben kann. Als diese stirbt, bricht für die zehnjährige Isabell eine Welt zusammen.
Das Schicksal führt Alma und Isabell beide in dieselbe psychotherapeutische Praxis. Die beiden lernen sich kennen und merken, dass sie viel mehr gemeinsam haben als geahnt.
Obwohl ich mich mit keiner der Personen wirklich identifizieren konnte und so manche Entscheidung für mich nicht nachvollziehbar war, hat mich die Geschichte gefesselt. Der Schreibstil ist packend, die Personen und ihre Lebenssituationen gut beschrieben. Vor allem Almas Kindheit in einem kleinen Dorf in der Eifel im Haus ihrer bodenständigen Großeltern fand ich äußerst realistisch dargestellt. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 05.01.2026

Schlechte Töchter und schlechte Ehefrauen

Was vor uns liegt
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Acht junge Frauen leben im Jahr 1934 in dem von Nonnen geführten Grimaldi-Konvikt in Rom. Dort herrschen gefängnisähnliche Zustände. Abends werden die Türen verschlossen und das Licht zu einer bestimmten ...

Acht junge Frauen leben im Jahr 1934 in dem von Nonnen geführten Grimaldi-Konvikt in Rom. Dort herrschen gefängnisähnliche Zustände. Abends werden die Türen verschlossen und das Licht zu einer bestimmten Zeit abgedreht. Tagsüber dürfen sie das Konvikt verlassen, um ihrem Studium nachzugehen. Die acht Frauen, von denen jede ein Geheimnis vor den anderen verbirgt, sind eine Art Schicksalsgemeinschaft. Eine von ihnen, Emanuela, hat durch ein uneheliches Kind, das in einem Internat aufwächst, Schande über die Familie gebracht und sie vertraut sich nicht einmal ihren Freundinnen an. Die andere, Augusta, gibt vor zu studieren, schreibt aber in Wirklichkeit Romane, die wahrscheinlich nie einen Verleger finden werden. Im faschistischen Italien der 1930er Jahre war es so gut wie unmöglich, als Frau ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wer einmal einen Hauch von Freiheit verspürt hat, wird niemals mehr eine gute Tochter und Ehefrau sein, konstatiert Augusta.
Was mich sehr irritiert hat, ist, dass die Beschreibungen der einzelnen Frauenschicksale manchmal nahtlos ineinander übergehen, so dass ich oft nicht wusste, von wem jetzt gerade die Rede ist. Der distanzierte und langatmige Schreibstil machte es mir teilweise schwer, Empathie für die Frauen zu empfinden, einige waren mir regelrecht unsympathisch. Als eine der acht nach langer Krankheit stirbt, hält sich die Trauer sehr in Grenzen, schnell gehen alle wieder zum Alltag über. Eine andere hält es für angemessen, eine der Freundinnen zu bestehlen, um das Startkapital für ein Leben außerhalb des Konvikts zu bekommen. Etwa in der Mitte des Buchs wird ein Vorfall geschildert, der mich so schockiert und angewidert hat, dass ich das Buch beinahe zur Seite gelegt hätte.
Laut Verlag handelt es sich bei „Was vor uns liegt“ um einen „legendären Debütroman“, der mich jedoch nicht in seinen Bann ziehen konnte. Ich würde ihn nicht weiterempfehlen.

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