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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.07.2019

Ausgefeilter Thriller

Silent Victim
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Das Buch beginnt recht harmlos, und beinahe schleichend erfährt man etwas über die schreckliche Kindheit und Jugend von Emma. Prompt wird man in den Strudel ihrer Erlebnisse hineingezogen. Ein wenig britisch ...

Das Buch beginnt recht harmlos, und beinahe schleichend erfährt man etwas über die schreckliche Kindheit und Jugend von Emma. Prompt wird man in den Strudel ihrer Erlebnisse hineingezogen. Ein wenig britisch unterkühlt, aber schon mit Nachdruck versteht es Caroline Mitchell, einem die Gefühlswelt der Figuren näherzubringen.

Erzählt wird die Story aus unterschiedlichen Perspektiven: mal ist es Emma, mal ihr Mann Alex und dann kommt auch der Lehrer Luke zu Wort. Letzterer hat sich an Emma, seiner Schülerin, herangemacht und sie missbraucht. Gerade als Frau leidet man schon sehr mit und möchte ihr helfen. An bestimmten Stellen entfleucht einem doch mal ein „Oh, nein!“ und das Herz schlägt etwas schneller.

Ab diesem Zeitpunkt kann man sich der Geschichte nicht mehr entziehen. Manchmal habe ich mich dabei ertappt, dass ich geflucht habe, wenn wieder ein Perspektivwechsel anstand. Beispielsweise wollte ich aus Emmas Sicht wissen, wie es weitergeht und hätte mir da dann gewünscht, dass ihr Mann mal den Mund hält. Aber es ist klar, dass das von der Autorin so gewollt war. Letztendlich treibt das die Spannungskurve nach oben und hält den Leser im Sog gefangen.

Allein durch die Beschreibung der Location fühlt man sich auf diese einsame Insel versetzt. Man spürt fast körperlich auch den Verfall des elterlichen Häuschens, in dem die junge Familie nun lebt und Emma weiterhin in den trüben Untiefen ihrer Vergangenheit verstrickt ist.

Ich bin ehrlich: Wenn ich nur das Cover gesehen hätte, wäre das Buch nie in meine Finger geraten. So bin ich aber froh, dass ich es lesen und dadurch wieder eine Autorin kennenlernen durfte, die mich mit ihrem Thriller sehr überzeugt hat. Trotz oder gerade aufgrund der britischen Unterkühltheit zu Beginn. Übrigens spielt Caroline Mitchell die Tatsache gut in die Karten, dass sie jahrelang als Polizistin gearbeitet hat und auf Fälle von häuslicher Gewalt und schweren sexuellen Verbrechen spezialisiert war.

Persönliches Fazit: Ausgefeilter Thriller mit dem ganz eigenen britischen Charme, der den Leser nach einem seichten Start schnell in einen Strudel aus Fragen zieht. Empfehlenswert für jeden, der gern miträtselt und -fiebert.


© Recensio Online, 2019, Sabine

Veröffentlicht am 27.07.2019

Solider Thriller mit Ekelfaktor

Er will sie sterben sehen
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Dieser Thriller kommt am Anfang eher als Krimi daher. Die Spannung hält sich in Grenzen, denn es geht erst einmal um Ermittlungsarbeit und Verhöre. Erst später im Buch nimmt die Story an Fahrt auf und ...

Dieser Thriller kommt am Anfang eher als Krimi daher. Die Spannung hält sich in Grenzen, denn es geht erst einmal um Ermittlungsarbeit und Verhöre. Erst später im Buch nimmt die Story an Fahrt auf und die Spannung steigert sich, so dass man dem Ende förmlich entgegenfiebert. Das Buch gliedert sich in fünf Teile, an deren Anfang jeweils ein Blick auf einen Jungen geworfen wird, der etwas Grausames erlebt, und im Laufe der Story wird klar, wie dies mit den furchtbaren Morden zusammenhängt. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Leser eine hohe Ekelschwelle haben sollte.

Der Junge stirbt. Sein Körper ist mit Maden überzogen. Wenn er an den Lippen ein Kitzeln spürt, streckt er die Zunge heraus und nimmt die Made in den Mund. Ihm gefällt das Kribbeln am Gaumen, bevor er sie schluckt. Manchmal streift er die Maden von seiner Wunde am Fuß, um zu sehen, wie weit sie mit ihrer zerstörerischen Arbeit gekommen sind. (Pos. 4119)

Carmen Mola hat einen flüssigen Schreibstil. Etwas gewöhnungsbedürftig fand ich jedoch, dass die Story in der Gegenwartsform geschrieben ist. Wer sich mit spanischen Namen und Orten schwer tut, der wird beim Lesen etwas holpern, aber das gibt sich, wenn man sich an die Namen gewöhnt hat. Die Protagonisten sind differenziert und authentisch beschrieben. Da ist einmal die Inspectora Elena Blanco, Chefin der Brigade de Análisis de Casos, Brigade für Sonderermittlungen (BAC), die an einem privaten Schicksalsschlag zu knabbern hat und deren Tage deswegen aus zu wenig Schlaf, zu viel Grappa, Karaoke-Singen und dem Abschleppen von One-Night-Stands besteht. Ihr Vorgesetzter Rentero kommt etwas überheblich daher, er will um jeden Preis glänzen und verhindern, dass Ermittlungspannen ein schlechtes Licht auf ihn werfen könnten. Dann gibt es noch den jungen, ehrgeizigen Polizisten Ángel Zárate. Er war dabei, als die Leiche von Susana gefunden wird, und er will unbedingt zum Team der BAC.

“Eine Frage noch: Warum nehmen Sie mich auf?" "Weil mir gefällt, dass du einer Kollegin die Brieftasche geklaut hast, die dir mit einem Schlag den Kopf abhauen könnte. Dafür verdienst du eine Belohnung ... und eine Strafe: Du wirst den Eltern die Todesnachricht überbringen. Ich war gerade unten und habe einen Grappa getrunken, um mir Mut zu machen, aber ich reiße mich immer noch nicht darum” (Pos. 557)

Ich fühlte mich durch die anschaulichen Ortsbeschreibungen direkt nach Madrid versetzt, und das Kopfkino tat sein Übriges, um mitzufühlen und dabei zu sein. Das Team der BAC hat mit den identischen Morden an Susana und ihrer Schwester Lara ziemliche Probleme, denn es geht darum, herauszufinden, ob der Mörder von Lara unschuldig hinter Gittern sitzt oder einen Nachahmer hat. Erschwerend kommt hinzu, dass die Familie der Schwestern zu den Roma gehören, denen der Ehrenkodex über alles geht und die mit der Polizei nicht kooperieren. Durch überraschende Wendungen erfährt man erst ziemlich spät, wer der Täter und was seine Motivation ist, und ein dramatischer Showdown lässt den Leser bis zum Schluss mitfiebern.

Persönliches Fazit: Dies ist ein solides Thrillerdebüt der Autorin, und der Cliffhanger am Ende verrät uns, dass es wohl weitere Fälle für Elena Blanco und ihr Team der BAC geben wird. Wer sich von kriechendem Gewürm nicht abschrecken lässt, dem gebe ich sehr gern eine Leseempfehlung!

© Recensio Online, 2019, Elisabeth

Veröffentlicht am 27.07.2019

Toller Roadtrip!

WEST
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Nach dem Lesen bleibe ich ziemlich ratlos zurück. Ist das ein Gleichnis, eine Fabel? Steckt eine versteckte Botschaft in diesem Büchlein? Das Lesen an sich war ebenso ein Abenteuer wie die Reise von Cy ...

Nach dem Lesen bleibe ich ziemlich ratlos zurück. Ist das ein Gleichnis, eine Fabel? Steckt eine versteckte Botschaft in diesem Büchlein? Das Lesen an sich war ebenso ein Abenteuer wie die Reise von Cy Bellmann. Um einem Fund auf die Spur zu gehen, von dem er in der Zeitung gelesen hat, gibt er alles auf. Nicht nur sein Zuhause und seine Farm, sondern auch seine Tochter Bess.

In seinem kleinen Heimatdorf in Pennsylvania bekommt er für sein Vorhaben Gegenwind, doch davon lässt er sich nicht beeindrucken. Einzig seine Tochter glaubt an ihn und kann es kaum erwarten, dass ihr Vater zurückkommt.

„In ihren Augen war er heldenhaft, tapfer und entschlossen. […] Er war ein Mann mit einer Mission […]. Sie zweifelte kein bisschen daran, dass sie ihn wiedersehen würde.“ (Zitat)

Zusammen mit einem Indianer namens „Alte Frau aus der Fremde“ macht er sich auf, die unglaublichen Weiten Amerikas zu erkunden. Was mir besonders gut gefällt, ist dass die Autorin den Leser über Cys Route mehr oder weniger im Unklaren lässt. Wir bekommen keine Anhaltspunkte, wo genau er langreitet, wo er sich befindet, sondern können es lediglich anhand einiger Wegweiser - wie dem Fluss oder dem Gebirge - erahnen. Das macht Amerika in dieser Geschichte größer, als es damals war. Die Suche nach dem Unerreichbaren, die Entfernung zu seiner Tochter, die immer größer wird und die beiden schließlich entfremdet ... das sind zwei der zentralen Themen in diesem Roman.

Begleitet von Davies‘ unglaublich bilderreichem Schreibstil, erfahren wir nicht nur aus Cays Sicht, wie sich die Reise entwickelt, sondern auch von Bess, wie sie während seiner Abwesenheit erwachsen wird. Cys Gedanken haben schon fast etwas Poetisches, genau wie die Beschreibung der Landschaft. Mit wenigen Worten kann die Autorin das karge Land zum Leben erwecken.

Persönliches Fazit: Ein Roadtrip der ruhigeren Art, der es trotz seiner Kürze in sich hat. Eine Empfehlung an jeden, der ein kleines Abenteuer miterleben möchte.

© Recensio Online, 2019, Katharina

Veröffentlicht am 21.07.2019

Niemand kann das Böse aufhalten

Das Dorf der toten Herzen
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Der Titel beschreibt schon sehr treffend, worum es hier geht. Ein Dorf im Süden Spaniens, eine karge Landschaft. Die Bewohner zu sehr darauf konzentriert, am Leben zu bleiben und ihre Geheimnisse zu bewahren. ...

Der Titel beschreibt schon sehr treffend, worum es hier geht. Ein Dorf im Süden Spaniens, eine karge Landschaft. Die Bewohner zu sehr darauf konzentriert, am Leben zu bleiben und ihre Geheimnisse zu bewahren. Die Kargheit der Wüste hat sich in den Herzen der Menschen niedergelassen und macht sie unempfänglich für Mitgefühl. Das hätten Jacobo und seine Familie jedoch dringend benötigt.

Nachdem seine Frau Irene ermordet wurde, landet die gemeinsame Tochter in der Psychiatrie. Den Ermittlungen der Polizei zufolge soll sie den Auftrag gegeben haben, ihre Eltern zu töten. Doch das streitet sie vehement ab. Während Jacobo sich nach und nach zurück ins Leben kämpft, muss er gleichzeitig gegen die Vorurteile der Bewohner von Portocarrero kämpfen. Wurde er anfangs wohlwollend in ihrem Kreis aufgenommen, wird er jetzt nach und nach von dort verdrängt. Dabei kann sich Jacobo nicht sicher sein, wer sein Verbündeter ist. Und auch der Glaube an die Unschuld seiner 14-jährigen Tochter beginnt langsam zu bröckeln.

„Es schnürte ihm die Kehle zu, und er befürchtete, wieder in diesem Meer aus Dunkelheit zu versinken, dem er gerade entkommen war. Aber er wollte durchhalten. Noch ein kleines bisschen durchhalten.“ (Zitat S. 28)

Die wechselnden Perspektiven waren einerseits wirklich gut gewählt, andererseits hielten sie die Charaktere auf Distanz. Die Chatverläufe zwischen Miriam und ihren Freunden wurden sehr gut eingebaut, und auch die Sicht von Nora, Miriams Anwältin, gibt der ganzen Sache eine andere Perspektive. Bei Miriam war ich mir nie sicher, was Sache ist. Konnte sie mich im einen Moment noch von ihrer Unschuld überzeugen, habe ich im nächsten gehofft, dass sie für ihre Taten büßen muss.

Sie war in vielen Dingen reifer als ein Durchschnitts-Teenie, was aber wohl auch damit zusammenhängt, dass sie durch die Arbeitslosigkeit ihres Vaters und dem damit zusammenhängenden Verlust ihres Zuhauses schnell erwachsen werden musste. Der erste Eindruck ist jedoch hängen geblieben: Sie ist ein verwöhntes Mädchen und denkt, ihr gehört die Welt. Sicher ist es schwer, alles hinter sich lassen zu müssen und vom Wohlwollen der Familie und Nachbarn zu leben. Aber kann ein solcher Hass in einem so jungen Menschen wachsen?

„Sie hatte jedes Recht der Welt, alles zu tun, um ihre Freiheit zu erlangen. Oder sollte sie einfach akzeptieren, dass ihr Vater ein Alkoholiker und ihre Mutter nie da war, dass sie in einer beschissenen Bruchbude lebten und ihr alle Türen zum Leben verschlossen blieben?“ (Zitat S. 223)

Die Story wird nicht nur in der Gegenwart erzählt, es finden sich auch Rückblenden. So erfährt der Leser, wie Jacobo und seine Familie in diese missliche Lage gekommen sind. Diese werden in die Geschichte eingestreut und sind nicht gekennzeichnet, sodass ich am Anfang eines Kapitels erst den chronologischen Zusammenhang suchen musste.

Die Hitze, der Staub und die flirrende Luft habe ich beim Lesen spüren können. Der Schreibstil ist, passenderweise, etwas trocken und manchmal auch anstrengend. Nichtsdestotrotz wollte ich immer weiterlesen, konnte das Buch nicht ruhen lassen. Nach „Monteperdido“ ist dem Autor hier wieder ein dichter Thriller gelungen, der mit dem Debüt definitiv mithalten kann.

Persönliches Fazit: Ein deprimierender, atmosphärischer Thriller mit steigender Spannung und irreführenden Wendungen.

© Recensio Online, 2019, Katharina

Veröffentlicht am 18.07.2019

Ein starker Thriller!

Kinderspiel - Die Fesseln der Vergangenheit
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Tobias Miller, Psychologe und Profiler, kehrt aus seiner Wahlheimat USA zurück nach Österreich. In Übersee hat er als Psychologe im Todestrakt gearbeitet und in die Abgründe der menschlichen Psyche geblickt. ...

Tobias Miller, Psychologe und Profiler, kehrt aus seiner Wahlheimat USA zurück nach Österreich. In Übersee hat er als Psychologe im Todestrakt gearbeitet und in die Abgründe der menschlichen Psyche geblickt. Doch ein Rätsel konnte er bis heute nicht lösen: das Verschwinden von Ilona, seiner Freundin aus Kindertagen.

„Wir hatten akzeptiert, dass der Wald seine dunklen Seiten barg und dass der Tod zum Leben gehörte.“ (Zitat)

Nach dreißig Jahren verschwindet ein zweites Kind, Ilona zum Verwechseln ähnlich, und Tobias schöpft wieder Hoffnung - auch wenn bereits niemand mehr daran glaubt, dass Ilona noch lebt. Dieses Erlebnis machte Tobias zu dem Menschen, der er heute ist, und zu einem außergewöhnlich sympathischen Protagonisten.

Mit seinen Ecken und Kanten wirkt er authentisch. Äußerlich hat er zwar weniger Ecken, dafür mehr Rundungen, aber auch (oder gerade) das macht ihn sympathisch. Die Schuldgefühle, ausgelöst durch Ilonas Verschwinden, sind bis heute geblieben. Ebenso wie die quälenden Fragen. Was wäre gewesen, wenn ...?

„Das ganze Leben ist ein Todestrakt . . . “ (Zitat)

Dieser Satz sagt so viel über Tobias aus, was ich niemals beschreiben könnte. Und doch erklärt er vieles im Nachhinein. Keine Bindungen eingehen, zurückhaltend sein. Er lässt tief blicken, gerade in den Kapiteln, in denen wir ihn begleiten.

Die Handlung wirkt anfangs durch die vielen Zeitebenen komplex. In der Vergangenheit lernt der Leser Tobias und Iris als Kinder kennen und geht in einem anderen Erzählstrang sogar zurück bis in die Zeit des II. Weltkriegs. In der Gegenwart lassen uns Tobias und Chefinspektor Bruno Horvarth an den Geschehnissen teilhaben. Diese Ebenen sind toll miteinander verflochten. So führen die Hinweise der unterschiedlichen Zeiten schließlich zum Täter und vervollständigen einander.

„Nicht mehr lange. […] Dann wird die Wahrheit über uns kommen. Sie ist schon auf dem Weg zu uns. Und mit ihr die Gerechtigkeit!“ (Zitat)

Man rätselt, insbesondere als Thrillerleser, immer gerne mit, und hier kommt man voll auf seine Kosten. Bis zum Ende hin habe ich im Dunkeln getappt, hatte zwar einige Vermutungen, doch die habe ich wieder verworfen und neue Theorien aufgestellt. Die Handlung spielt sich in einer knappen Woche ab, und so bleibt auch keine Zeit zum Luftholen.

Besonders gut hat mir der Schreibstil gefallen. Sehr gut zu lesen, flüssig, und dennoch so detailliert, dass ich oft das Gefühl hatte, mittendrin zu sein. Ich konnte die Gerüche riechen, den Staub atmen und die Kälte spüren. Die Gänsehaut gab es noch obendrauf – Tobias jagt den Leser schier durch die Handlung. Es bleibt immer spannend, selbst in den Rückblenden, und das schaffen wenige Autoren.

Persönliches Fazit: Ein Thriller, der tief in die dunkle Seele der Menschen schaut und lange nachhallt. Sehr gute Recherche und ständig wachsende Spannung sind das Geheimrezept.

© Recensio Online, 2019, Katharina