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Veröffentlicht am 12.10.2023

Tragische Familiengeschichte mit Sogwirkung

Im letzten Licht des Herbstes
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Inhalt:
Claras Schwester Rose ist verschwunden und seither ist nichts mehr, wie es war. Nicht nur verhalten sich Claras Eltern ganz anders als sonst, es zieht auch noch ein fremder Mann ins Nachbarhaus ...

Inhalt:
Claras Schwester Rose ist verschwunden und seither ist nichts mehr, wie es war. Nicht nur verhalten sich Claras Eltern ganz anders als sonst, es zieht auch noch ein fremder Mann ins Nachbarhaus ein. Clara steht täglich am Fenster um auf ihre Schwester zu warten und den neuen Nachbar Liam zu beobachten. Sie weiss nicht, weshalb er hier ist und sie weiss auch nicht, dass ihre Nachbarin Mrs. Orchard und Liam eine gemeinsame Geschichte verbindet, der sie nach und nach auf die Spur kommt.

Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich ganz spontan gemeinsam mit Martina vom Blog "Martinas Buchwelten" gelesen und es war sehr schön, mich mit ihr austauschen zu können. Vom ersten Satz an war ich mitten in dieser tragischen, sehr berührenden Geschichte und finde, dass Mary Lawson sowohl zart und einfühlsam als auch extrem spannend erzählt. Ich kann das Buch wirklich nur loben und möchte bald weitere Bücher der Autorin entdecken. Obwohl Lawson verschiedene Figuren zu Wort kommen lässt, ist die achtjährige Clara - zumindest in meinen Augen - die eigentliche Protagonistin der Geschichte. Die Liebe zu ihrer Schwester, ihre Klugheit und ihr Pflichtbewusstsein sind sehr realistisch erzählt. Ausserdem kümmert sich Clara während Mrs. Orchards Krankenhausaufenthalt liebevoll um deren Kater Moses und damit wird sie zu meiner kleinen Heldin

Schreibstil und Aufbau:
Das Buch wird aus drei Perspektiven erzählt und besonders hervorheben möchte ich, dass es Mary Lawson gelungen ist, allen drei Figuren - die sie übrigens jeweils aus der ich-Perspektive erzählen lässt - eine ganz unterschiedliche Stimme zu geben. So schafft sie es eindringlich und äusserst gekonnt, die kleine Clara zu Wort kommen zu lassen ohne aufgesetzt oder gekünstelt zu wirken. Erfahrungsgemäss tun sich Autor*innen mit Kinderstimmen ja oft ziemlich schwer. Hier gelingt dies mühelos. Elizabeth Orchard, die im Krankenhaus liegt und ihre Gedanken und Erinnerungen vorbeiziehen lässt und dabei Licht ins Dunkel bringt, klingt ganz anders. Sie ist nachdenklicher aber immer versöhnter mit ihrem Leben. Die dritte Perspektive ist Liams Sicht auf die Dinge, die er in der neuen Nachbarschaft antrifft. Ausserdem erfahren wir mehr über seine Vergangenheit und die Gründe, welche ihn nach Solace geführt haben.
Lawsons Erzählsprache sorgt für viel Spannung, die aber ohne Tempo auskommt, sondern sich langsam aufbaut und einen stetigen Sog entwickelt. Ausserdem sind die Beschreibungen wunderschön poetisch und man kann sich in dieser Geschichte so richtig verlieren.

Meine Empfehlung:
Es ist länger her, dass ich mich so sehr in einem Buch festgelesen habe, wie in diesem. "Im letzten Licht des Herbstes" ist ein wahrer buchiger Schatz, der zum Schmökern einlädt und eine bewegende Geschichte mit einer mutigen jungen Protagonistin erzählt. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 05.10.2023

Nicht ganz zeitgemäss, aber mit einer wunderschönen Atmosphäre und viel Unterhaltung

Weihnachten im kleinen Café an der Mühle
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Inhalt:
Es weihnachtet in Wümmerscheid-Sollensbach und Sophie von Metten stürzt sich nicht nur in die festlichen Vorbereitungen, sondern auch in einen Umbau ihrer Gasträume. Währenddessen müssen ausserdem ...

Inhalt:
Es weihnachtet in Wümmerscheid-Sollensbach und Sophie von Metten stürzt sich nicht nur in die festlichen Vorbereitungen, sondern auch in einen Umbau ihrer Gasträume. Währenddessen müssen ausserdem noch einige Gäste aus England unterhalten werden. Doch ausgerechnet im ganzen Trubel ist Peter mehr denn je nicht zu Hause und seine Kleidung riecht nach einem fremden Parfüm. Wird es dafür eine harmlose Erklärung geben?

Meine Meinung:
Dieser fünfte Band der Reihe hat mich bestens unterhalten und eine schöne weihnachtliche Atmosphäre verbreitet. Darin ist alles enthalten, was ich an der Reihe vom ersten Band an gemocht habe und lässt vor allem tief in Sophie von Mettens Alltag, ihre Planung, den Umbau ihres Bistros und auch in die Küche blicken. Das hat mir sehr gut gefallen. Schade nur, dass sie stets alleine für das gemeinsame Haus, den Gasthof und auch noch ihre Tochter verantwortlich ist.
Ziemlich schräg aber sehr witzig wird dann aber der Besuch aus der englischen Partnerstadt beschrieben, sprechen doch die Vorsitzenden des Dorfvereins, welche mit der Partnerstadt korrespondiert haben, eigentlich gar kein Englisch, in der heutigen Zeit natürlich maximal unrealistisch, aber darüber habe ich hinweggelesen. Nach zahlreichen Missverständnissen kommt dieser Besuch überhaupt zustande und entsprechend chaotisch aber gerade noch rechtzeitig wird ein Programm für die ausländischen Gäste zusammengestellt. Dabei wird den Wümmerscheid-Sollensbacher durch die ganzen Vorbereitungen klar, wie schön und aussergewöhnlich die heimatlichen Weihnachtsbräuche sind und es kommt so richtig schöne Weihnachtsstimmung auf. Die Beschreibungen der Dekorationen und des Weihnachtsmarkt sind sehr detailliert und herzerwärmend.
Einziger (sich leider durch die Reihe durchziehender) Kritikpunkt sind die absolut verstaubten Geschlechterrollen, die leider sehr aus der Zeit gefallen wirken und so extrem wohl in keiner anderen heutzutage geschriebenen Reihe anzutreffen sind.

Fazit zur Reihe:
Der fünfte Band der Reihe hat es mir von der Atmosphäre her wieder so richtig angetan und dafür gesorgt, dass ich mich im kleinen Café an der Mühle genau so wohl gefühlt habe, wie bei meinem ersten Besuch bei Sophie von Metten. Sofern man also in Bezug auf einen einigermassen zeitgemässen Alltag keine Ansprüche hegt oder gut über weltfremde Stereotype hinweglesen kann, hat diese Reihe einen grossen Unterhaltungswert zumal die Erzählsprache wirklich eine einzigartig schöne Stimmung zaubern kann.

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Veröffentlicht am 05.10.2023

Packend und handwerklich geschickt erzählt, Highlight!

Wo auch immer ihr seid
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Inhalt:
Kiều verliert an Weihnachten ihre Oma, an die sie sich kaum erinnern kann, schliesslich hat ihr Vater seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Dann aber reist Kiều mit ihren ...

Inhalt:
Kiều verliert an Weihnachten ihre Oma, an die sie sich kaum erinnern kann, schliesslich hat ihr Vater seit fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Dann aber reist Kiều mit ihren Eltern zu ihrem Onkel Sơn nach Kalifornien, wo sich die ganze Familie zur Testamentseröffnung treffen soll. Während sie noch mit ihrer eigenen Beziehung hadert, wird sie mit einer seltsam fremden und zugleich vertrauten Welt konfrontiert, in der sie sich zuerst zurechtfinden muss, bevor sie ihre Familie erneut kennenlernen kann.

Meine Meinung:
Ich bin sehr froh, dieses Buch in der Bibliothek gefunden zu haben, so hat nämlich mein Lesemonat gleich mit einem Highlight gestartet. Khuê Phạms (autofiktional verzerrte) Familiengeschichte, ihre liebevolle und genau beobachtende Erzählweise und die differenzierte und sehr berührende Auseinandersetzung mit sich selber hat mich begeistert. Das Buch habe ich in wenigen Tagen verschlungen und dabei hatte ich stets das Gefühl, mit am Esstisch, im Flieger oder im Zimmer zu sitzen und hautnah miterleben zu dürfen, wie eine Familie nach so vielen Jahren zusammenfindet, sich neu organisieren muss, und dabei zugleich von gefühlt unüberwindbaren Grenzen voneinander getrennt und trotzdem auch irgendwie vereint ist.

Schreibstil und Aufbau:
In einem ersten Erzählstrang erleben wir die in Berlin lebende Kiều, welche kaum Vietnamesisch spricht und vor fünfzehn Jahren zuletzt in Vietnam war und schliesslich mit ihren Eltern nach Kalifornien reist, wo sie sich zuerst im ganzen Chaos der Kulturen zurechtfinden muss. Anhand des zweiten Erzählstrangs, der Geschichte der Jugendjahre von Kiềus Vater Minh, der während des Vietnamkriegs von seiner Familie nach Deutschland geschickt wird, um Medizin zu studieren, lernen wir etwas über eine in Deutschland mit der kommunistischen Partei sympathisierende Studierendenorganisation. Während Minh realisiert, welche unterschiedliche Kriegspropaganda kursiert, wird es für ihn immer schwieriger, die Erzählungen seiner in Vietnam verbliebenen Familie einzuordnen. In einem dritten Erzählstrang begleiten wir Minhs Bruder Sơn während seiner Flucht von Saigon nach Kalifornien.
Es hat mich beeindruckt, wie Phạm diese durchaus komplexen historischen Hintergründe absolut gekonnt in ihren Roman einbaut. So oft lesen wir Berichte aus einer amerikanischen Perspektive auf diesen furchtbaren, so lange andauernden Krieg. Aber Khuê Phạm gibt ihrer vietnamesischen Familie eine Stimme und lässt tief in eine nachhaltig traumatisierte Gesellschaft blicken.

Meine Empfehlung:
Ich bin voller Lob für diesen Roman, der äusserst komplexe historische Hintergründe aber auch Themen wie Herkunft, Rassismus und Zugehörigkeit so vielschichtig und packend erzählt. Dieses Buch ist wirklich eine Entdeckung für mich und ich empfehle es euch allen weiter.

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Veröffentlicht am 02.10.2023

Unterhaltsam und liebevoll erzählt

Kräuter der Provinz
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Inhalt:
Das kleine Dorf Maierhofen droht auszusterben... Es wird immer ruhiger, Geschäfte müssen schliessen und auch die Menschen im Dorf sind nicht mehr glücklich. Die Bürgermeisterin Therese hat aber ...

Inhalt:
Das kleine Dorf Maierhofen droht auszusterben... Es wird immer ruhiger, Geschäfte müssen schliessen und auch die Menschen im Dorf sind nicht mehr glücklich. Die Bürgermeisterin Therese hat aber eine sehr mutige Idee, um ihrer Heimat eine letzte Chance zu geben und gemeinsam mit ihrer besten Freundin Christine und einer kleinen Notlüge schafft sie es, ihre Cousine Greta, eine berühmte Werbetexterin, nach Maierhofen zu locken und um Unterstützung zu bitten. Nun aber müssen alle an einem Strang ziehen, um das Unmögliche möglich zu machen.

Meine Meinung:
Vor einigen Jahren habe ich "Das Weihnachtsdorf", den zweiten Band der Maierhofen-Reihe gelesen und habe mich sofort in diesen kleinen fiktiven Ort verliebt. Nun möchte ich die komplette Reihe (inklusive ReRead des Weihnachtsbands im November/Dezember) lesen. In "Kräuter der Provinz" wird zuerst einmal gezeigt, wie es Maierhofen gelungen ist, über die Ortsgrenzen hinweg als Geniesserdorf bekannt zu werden. Das kleine Dorf ist anfänglich noch ziemlich ausgestorben und die Bürgermeisterin Theresa, die sich neben ihrer Krebserkranung vor allem auch Sorgen um ihre Heimat macht, ist verzweifelt. Es muss etwas geschehen und zum Glück kann sie ihre Cousine Greta, eine bekannte Werbetexterin, dazu bringen, nach Maierhofen zu kommen und ein grosses Projekt für das Dorf zu planen.
Was mir besonders gut gefallen hat: es wird Wert darauf gelegt, dass alle Menschen im Dorf sich mit dem, was sie haben und können beteiligen dürfen und sollen und dass wirklich nachhaltige, regionale Produkte und Dienstleistungen angeboten werden. Die Autorin wendet sich im Anhang auch noch in einem Brief an uns Leserinnen und betont dabei, wie wichtig es ihr ist, nachhaltige Beispiele aufzuzeigen und so zum Nachdenken anzuregen. Ausserdem sind alle Rezepte im Anhang problemlos vegetarisch und vegan umzusetzen.
Insgesamt waren für mich vor allem am Anfang der Geschichte ein wenig zu viele Klischees und Geschlechterstereotype anzutreffen, diese werden aber im Verlauf des Buches ein wenig aufgeweicht und ich habe die Bewohner
innen von Maierhofen, die sich so sehr für ihre Heimat engagieren und dabei auch immer mal wieder etwas wagen, sehr ins Herz geschlossen und freue mich bereits auf den nächsten Band.

Meine Empfehlung:
Der erste Band der Reihe hat es mir wirklich angetan und ich habe mich neu in die idyllische Region Maierhofen verlieben können und freue mich nun sehr auf die weiteren Bände und vor allem auf meinen ReRead des Weihnachtsbandes.

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Veröffentlicht am 25.09.2023

Betörend, poetisch, abgründig

Die Vegetarierin
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Inhalt:
In drei grossen Kapiteln erzählt Han Kang die Geschichte von Yeong-Hye, die aufgrund eines Traums von einem Tag auf den anderen beschliesst, keine tierischen Produkte mehr zu sich zu nehmen. Im ...

Inhalt:
In drei grossen Kapiteln erzählt Han Kang die Geschichte von Yeong-Hye, die aufgrund eines Traums von einem Tag auf den anderen beschliesst, keine tierischen Produkte mehr zu sich zu nehmen. Im ersten Kapitel wird aus der Sicht ihres Ehemannes erzählt, im zweiten Kapitel ist der Schwager von Yeong-Hye der Protagonist und im dritten Kapitel kommt ihre Schwester zu Wort.
Nach und nach wird klar, dass es Yeong-Hye gar nicht wirklich darum geht, in Zukunft keine tierischen Produkte mehr zu konsumieren, sondern dass ganz andere, rätselhafte Beweggründe hinter dieser Entscheidung stehen.
Die heimlichen Leidenschaften ihres Umfelds, die Gewalt ihres Vaters und das Verlangen ihres Schwagers werden aufgedeckt und das Unverständnis der Südkoreanischen Gesellschaft trägt seinen Teil dazu bei, dass Yeong-Hye durch die Maschen eines Systems fällt, das sämtliche Menschen, welche sich von einer sozialen Norm abwenden, ausgrenzt.

Meine Meinung:
Von ganz vielen Menschen habe ich gehört, dass dieses Buch verstörend sei. Ich kann das zwar nachvollziehen, würde die kurze Geschichte aber eher als ungemein betörend bezeichnen. Die Autorin wählt nämlich eine sehr einzigartige, bildhafte Sprache, die stets ein wenig in der Schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit belassen wird und einen enormen Sog entwickelt. Nicht nur beschreibt sie den den schrittweisen Zerfall ihrer Protagonistin absolut authentisch und mit einer Schonungslosigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie blickt auch tief in menschliche Abgründe und auf versehrte Körper und Seelen.
Was treibt Yeong-Hye an? Leidet sie an einer Essstörung? Oder an Schizophrenie? Ist alles nur ein Traum oder möchte sie wirklich nur sterben? Das Buch lässt viel Interpretationsspielraum, um das Schicksal unserer Protagonistin zu ergründen und bleibt dabei äusserst vage. Es lässt uns Leser*innen die Verlorenheit spüren, welche Yeong-Hye wohl seit dem Auftreten ihres Traums empfindet.
Das Buch blickt auch sehr kritisch auf das Konstrukt der (lieblosen) Ehe und der Familie und zeigt auf, wie schnell sich Menschen fremd werden können. Ich bin immer noch ganz gebannt von dieser atemlos erzählten Geschichte und möchte unbedingt weitere Bücher der koreanischen Autorin lesen.

Meine Empfehlung:
Mich persönlich hat Han Kang mit diesem kurzen Roman in ihren Bann gezogen und wer aussergewöhnliche, nicht ganz aufgelöste Geschichten mag, die einen Hang zum Morbiden und Skurrilen haben, ist mit diesem Buch ebenfalls bestens beraten.

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