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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.09.2023

Betörend, poetisch, abgründig

Die Vegetarierin
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Inhalt:
In drei grossen Kapiteln erzählt Han Kang die Geschichte von Yeong-Hye, die aufgrund eines Traums von einem Tag auf den anderen beschliesst, keine tierischen Produkte mehr zu sich zu nehmen. Im ...

Inhalt:
In drei grossen Kapiteln erzählt Han Kang die Geschichte von Yeong-Hye, die aufgrund eines Traums von einem Tag auf den anderen beschliesst, keine tierischen Produkte mehr zu sich zu nehmen. Im ersten Kapitel wird aus der Sicht ihres Ehemannes erzählt, im zweiten Kapitel ist der Schwager von Yeong-Hye der Protagonist und im dritten Kapitel kommt ihre Schwester zu Wort.
Nach und nach wird klar, dass es Yeong-Hye gar nicht wirklich darum geht, in Zukunft keine tierischen Produkte mehr zu konsumieren, sondern dass ganz andere, rätselhafte Beweggründe hinter dieser Entscheidung stehen.
Die heimlichen Leidenschaften ihres Umfelds, die Gewalt ihres Vaters und das Verlangen ihres Schwagers werden aufgedeckt und das Unverständnis der Südkoreanischen Gesellschaft trägt seinen Teil dazu bei, dass Yeong-Hye durch die Maschen eines Systems fällt, das sämtliche Menschen, welche sich von einer sozialen Norm abwenden, ausgrenzt.

Meine Meinung:
Von ganz vielen Menschen habe ich gehört, dass dieses Buch verstörend sei. Ich kann das zwar nachvollziehen, würde die kurze Geschichte aber eher als ungemein betörend bezeichnen. Die Autorin wählt nämlich eine sehr einzigartige, bildhafte Sprache, die stets ein wenig in der Schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit belassen wird und einen enormen Sog entwickelt. Nicht nur beschreibt sie den den schrittweisen Zerfall ihrer Protagonistin absolut authentisch und mit einer Schonungslosigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie blickt auch tief in menschliche Abgründe und auf versehrte Körper und Seelen.
Was treibt Yeong-Hye an? Leidet sie an einer Essstörung? Oder an Schizophrenie? Ist alles nur ein Traum oder möchte sie wirklich nur sterben? Das Buch lässt viel Interpretationsspielraum, um das Schicksal unserer Protagonistin zu ergründen und bleibt dabei äusserst vage. Es lässt uns Leser*innen die Verlorenheit spüren, welche Yeong-Hye wohl seit dem Auftreten ihres Traums empfindet.
Das Buch blickt auch sehr kritisch auf das Konstrukt der (lieblosen) Ehe und der Familie und zeigt auf, wie schnell sich Menschen fremd werden können. Ich bin immer noch ganz gebannt von dieser atemlos erzählten Geschichte und möchte unbedingt weitere Bücher der koreanischen Autorin lesen.

Meine Empfehlung:
Mich persönlich hat Han Kang mit diesem kurzen Roman in ihren Bann gezogen und wer aussergewöhnliche, nicht ganz aufgelöste Geschichten mag, die einen Hang zum Morbiden und Skurrilen haben, ist mit diesem Buch ebenfalls bestens beraten.

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Veröffentlicht am 23.09.2023

Beeindruckender literarischer Text, der mich nicht immer ganz abholen konnte

Blutbuch
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Inhalt:
Die Hauptfigur Kim in diesem autofiktionalen Buch ist nonbinär und auf der Suche nach einer neuen, nicht heteronormativen Sprache und Form, um sich und den eigenen Körper zu beschreiben und gleichzeitig ...

Inhalt:
Die Hauptfigur Kim in diesem autofiktionalen Buch ist nonbinär und auf der Suche nach einer neuen, nicht heteronormativen Sprache und Form, um sich und den eigenen Körper zu beschreiben und gleichzeitig die Geschichte der eigenen Familie zu erzählen.
Alles dreht sich um eine Blutbuche, die damals für die Grossmeer (Grossmutter) der erzählenden Person gepflanzt worden ist und deren imposante Erscheinung die Familiengeschichte indirekt miterzählt. Hexen, derbe Sexszenen, eine sanfte Annäherung an die stets angsteinflössende und nun langsam dement werdende Oma und ganz viel Verletzlichkeit, Humor, Zeitsprünge und Szenenwechsel machen dieses Buch zu einem einzigartigen (eigenartigen?) fragmentarischen Stück Literatur.

Meine Meinung:
Melli hat auf ihrem Blog Mellis Buchleben eine Leserunde zu diesem Buch veranstaltet und Julia und ich durften mitlesen. Das Buch ist definitiv der ideale Stoff für eine Leserunde. Von Anfang an war klar, dass wir es mit einem literarischen Text, der zwar mit "Roman" untertitelt ist, aber aus zahlreichen Fragmenten besteht, zu tun haben. Kim de l'Horizon schreibt manchmal derb, machmal einfühlsam poetisch (was ich persönlich als grösste Stärke empfunden habe) und leider auch immer wieder sehr von oben herab und aufgesetzt/künstlich wirkend, was ich als ermüdend empfand.

Sprache und Aufbau:
Das fünfteilige Buch besteht aus verschiedenen Schichten von Erinnerungen, Fantasiegebilden und Träumen. Immer wieder wird auf die Kindheit/auf Kindheiten geblickt, die gewaltvolle Grossmutter, die ihre Härte aus ihrer eigenen Kindheit hat, Generationen von Generationen von Menschen (oft Frauen), welche ihr Leid weitergetragen haben, welche ihr Leid hat abstumpfen und hart werden lassen.
Eine fast schon wissenschaftliche Abhandlung über das Vorkommen von Blutbuchen in der Schweiz hat mich so gelangweilt, dass ich das Buch wohl abgebrochen hätte, wenn ich es alleine gelesen hätte. Dafür haben die letzten beiden Abschnitte mir sehr zugesagt und vor allem der zarte Versuch der Hauptfigur, sich mit der Grossmutter auszusöhnen, hat mich tief berührt.

Mein Fazit:
Sicher ist es für einige Leser*innen nicht ganz einfach, in dieses Buch hineinzufinden und wer gerne eine einigermassen chronologisch erzählte Geschichte lesen möchte, ist damit sicher auch falsch beraten. Ich habe es sehr schön gefunden, dieses Buch zu lesen, mir ein eigenes Bild zu machen mit Melli und Julia zu diskutieren und in die einzigartige, berührende Sprache einzutauchen. Obwohl ich einige Schwächen im Buch gesehen habe (Stichwort zu aufgesetzte/herablassende Erzählhaltung), anerkenne ich die literarische Qualität und Wichtigkeit dieses Textes. Macht euch doch gerne selber ein Bild.

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Veröffentlicht am 14.09.2023

Dicht und spannend erzählt, zarter und zugleich kraftvoller Erzählstil

Herbst
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Inhalt:
Während der Herbst den Sommer ablöst und grosse Veränderungen und Unsicherheiten die Welt prägen, bleibt Daniels Leben gleich. Er befindet sich in einem Schwebezustand zwischen schlafen und wachen ...

Inhalt:
Während der Herbst den Sommer ablöst und grosse Veränderungen und Unsicherheiten die Welt prägen, bleibt Daniels Leben gleich. Er befindet sich in einem Schwebezustand zwischen schlafen und wachen und begeht seinen hundertsten Geburtstag im Pflegeheim. Seine ehemalige Nachbarin Elisabeth konzentriert sich auf eine wichtige, feministische Seminararbeit, auf eine zarte Annäherung an ihre Mutter und auf die täglichen Besuche im Pflegeheim, bei denen sie Daniel vorliest und in Erinnerungen schwelgt.
Im Auftakt der Jahreszeiten-Reihe erzählt Ali Smith von Freundschaft, Liebe und der Vergänglichkeit und macht Lust auf mehr.

Meine Meinung:
"Herbst" ist mein erstes Buch von Ali Smith und stand schon ziemlich lange auf meiner Wunschliste. Ich wusste überhaupt nicht, worauf ich mich einlassen würde und bin mit einem bunten Strauss von Themen, einer zarten und zugleich äusserst eindringlichen Erzählsprache sowie einer spannenden Rahmenhandlung belohnt worden.
Vor allem die erste Hälfte des Buches hat mich überwältigt. In der zweiten Hälfte waren mir die Abschnitte manchmal fast ein wenig zu kurz und verzettelt, aber gegen Ende stimmte der Erzählrhythmus für mich wieder und ich habe mich erneut verzaubern lassen von dieser schönen Sprache und der nahegehenden Geschichte.
Besonders gut gefallen hat mir, dass ich - durch die Seminararbeit der Protagonistin Elisabeth - gleich zwei wichtige historische Frauenfiguren kennenlernen durfte, die mir bis dahin noch kein Begriff gewesen sind. Zum einen ist das die Pop-Up-Künstlerin und Begründerung der britischen Pop-Art Pauline Boty, zum anderen ist es die Schauspielerin Christine Keeler, die sich auf dem verschollenen Kunstwerk "Scandal 63" von Pauline Boty befindet. Es ist absolut beeindruckend, wie Ali Smith so viele Themen auf so wenigen Seiten zu vereinen vermag, ohne dass ihre Geschichte auch nur einmal überladen wirkt. Ich freue mich schon sehr auf die weiteren Bände der Reihe und bin gespannt auf alles, was ich noch entdecken darf.

Meine Empfehlung:
Von mir gibt es eine sehr herzliche Empfehlung für dieses Buch, das mit seiner aussergewöhnlich fesselnden Sprache, den berührenden Themen und die aus dem Leben gegriffenen Figuren überzeugt.

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Veröffentlicht am 29.08.2023

Der letzte Wallander, emotional und tiefgründig

Der Feind im Schatten
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Inhalt:
Kurt Wallanders Gedächtnis lässt nach und das Altern macht ihm zu schaffen. Immerhin konnte er sich einen Traum erfüllen und lebt nun gemeinsam mit seinem Hund Jussi auf dem Land. Eigentlich würde ...

Inhalt:
Kurt Wallanders Gedächtnis lässt nach und das Altern macht ihm zu schaffen. Immerhin konnte er sich einen Traum erfüllen und lebt nun gemeinsam mit seinem Hund Jussi auf dem Land. Eigentlich würde auch bald sein Urlaub beginnen, doch Håkan und Louise von Enke, die fast-Schwiegereltern seiner Tochter Linda, verschwinden plötzlich. Schnell bemerkt Wallander, dass die von Enkes voller Geheimnisse stecken und dass nur ein tiefes Graben in der Vergangenheit Licht ins Dunkel bringen wird.

Meine Meinung:
Die Wallander-Krimis von Henning Mankell haben definitiv einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Dieser letzte Band der Wallander-Reihe steht schon länger bei mir im Regal und ich war mir (und bin mir auch jetzt) nicht ganz sicher, ob ich das Buch nicht doch schon einmal vor Jahren gelesen habe. Viele Szenen kamen mir nämlich bekannt vor, das kann aber natürlich auch daran liegen, dass ich mittlerweile fast alle Wallander-Filme (teilweise mehrfach) gesehen habe.
Aber so oder so: dieser letzte Band der Reihe hat es mir angetan. Wallanders zunehmende Vergesslichkeit macht ihm zu schaffen und gleichzeitig beschäftigt er sich mit einem Fall, der ihn und vor allem seine Tochter persönlich betrifft. Sehr viele nachdenkliche und ruhige Szenen haben mich tief berührt. Besonders emotional war ein Wiedersehen mit seiner grossen Liebe Baiba Liepa, die aus Riga angereist ist, um Wallander etwas wichtiges mitzuteilen. Generell ist dieser Krimi sehr poetisch erzählt und die Spannung wird nur langsam aufgebaut. Darauf muss man sich einlassen, denn es zeichnet Henning Mankells Erzählstil aus. Zwischentöne waren im sehr wichtig, genauso wie politische und historische Bezüge, Charakterstudien und Melancholie.

Meine Empfehlung:
Ihr wollt euch auf einen langsam erzählten, gesellschaftskritischen Krimi mit einem oft zynischen, aber vor allem kompetenten und melancholischen Ermittler einlassen? Ihr schreckt nicht vor komplexen Handlungen und tiefgründigen menschlichen und historischen Verstrickungen zurück? Dann ist diese Reihe genau für euch gemacht und ich empfehle euch (nicht nur) die Krimis von Henning Mankell sehr gerne.

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Veröffentlicht am 24.08.2023

Kleiner Kritik zum Trotz sehr unterhaltsam

Glückssterne über dem kleinen Café an der Mühle
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Inhalt:
Dottis Bistro wird immer bekannter und Gäste aus dem In- und Ausland machen sich auf nach Wümmerscheid-Sollensbach, um sich von der Qualität der ländlichen Küche zu überzeugen. Die Besitzerin Sophie ...

Inhalt:
Dottis Bistro wird immer bekannter und Gäste aus dem In- und Ausland machen sich auf nach Wümmerscheid-Sollensbach, um sich von der Qualität der ländlichen Küche zu überzeugen. Die Besitzerin Sophie strebt aber nach mehr und möchte für Dottis Bistro wortwörtlich die Sterne vom Gastrohimmel holen. Doch ist ihr Koch und Küchenchef Louis die geeignete Besetzung für den Posten? Und lassen sich durchwachte Nächte mit diesen hohen Ambitionen vereinbaren?

Meine Meinung:
Einmal mehr durfte ich zu Sophie von Metten nach Wümmerscheid-Sollensbach reisen und mich kulinarisch verwöhnen lassen. Das Autor*innenduo hat definitiv nicht zu viel versprochen und sogar einige Einblicke in die Sterneküche gewährt, was mir sehr gut gefallen hat. Auch zarte romantische Entwicklungen und mit einem Augenzwinkern erzählte Geschichten rund um den Lattenlurch, der für die grosse Bekanntheit der Region mitverantwortlich ist, haben mich bestens unterhalten.
Weniger gut gefallen hat mir, dass Sophie sich nach der Geburt ihrer Tochter zu einer ganz ekelhaft selbstgerechten Person entwickelt. Dies wird zwar - zum Glück - im weiteren Verlauf der Geschichte noch relativiert und Sophie sieht ein, dass sie sich falsch verhalten hat, aber es passt einfach so gar nicht zu ihrem Charakter. Ausserdem finden sich im Buch einige Kapitel, in denen frischgebackene Mütter sich damit quälen, ihr "altes" Gewicht wieder zu erreichen. Ich frage mich immer, warum es nötig ist, einem Körper, der gerade einen Menschen geschaffen hat, diese Zwänge überzustülpen. Es ist dabei auch komplett egal, wie humorvoll dieses Buch daherkommt, das hat in einer solchen Wohlfühlgeschichte eben genau nichts zu suchen.

Schreibstil und Aufbau:
Am Anfang dieses Buches wird vor allem das Familienleben der Familie von Metten mit ihrem kleinen Töchterchen portraitiert. Das hat mich persönlich nicht so interessiert und wirkte in meinen Augen aus den oben genannten Gründen auch nicht immer ganz rund erzählt. Als es Sophie und Peter aber nach und nach schaffen, ihren Alltag als Familie und die jeweilige Arbeit unter einen Hut zu bringen und sich in dieser nicht ganz einfachen Phase ihres Lebens auch Hilfe holen, wo sie diese benötigen - was ich übrigens sehr schön und realistisch dargestellt fand - wird die Geschichte immer runder. Man bemerkt, dass die Schreibenden sich wieder auf gewohntem Terrain bewegen und die Abstecher in die Küche werden mehr, spannender und vor allem mit viel Hintergrundwissen gespickt erzählt.
Wie in den Vorgängerbänden ergänzen übrigens wieder einige Rezepte die Bücher, das finde ich persönlich immer sehr charmant. Als besonderes Extra hat eine bekannte Sterneköchin nicht nur einen Gastauftritt im Buch, sondern auch noch eines ihrer Rezepte verraten.

Meine Empfehlung:
Meiner Kritik zum Trotz hat mich dieser Roman insgesamt sehr gut unterhalten und es freut mich, dass ich noch einen weiteren Band vor mir habe, der wieder zur Weihnachtszeit spielt und den ich mir im Spätherbst kaufen werde.

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