Tolle Geschichte
KatabasisEin neues Werk von Rebecca F. Kuang – endlich! Wie man es von der Autorin kennt, ist auch dieses Buch brillant geschrieben. Bereits auf den ersten Seiten wurde Kuangs typischer Schreibstil deutlich. Komplex ...
Ein neues Werk von Rebecca F. Kuang – endlich! Wie man es von der Autorin kennt, ist auch dieses Buch brillant geschrieben. Bereits auf den ersten Seiten wurde Kuangs typischer Schreibstil deutlich. Komplex und doch leicht zu verstehen und flüssig lesbar. Rebecca F. Kuang schafft es, mit prägnanten Sätzen, deutlich zu machen, was sie sagen und zeigen möchte. Insgesamt empfinde ich ihre Art zu schreiben, immer als sehr auf den Punkt gebracht. Kluge Anspielungen auf Philosophie und Mythologie, die zum Nachdenken und Entschlüsseln einladen, gab es hier ebenfalls, was mir gut gefallen hat.
Zwar wirkt der Einstieg zunächst überfrachtet – Figuren wie Alice, Peter und Prof. Grimes werden rasch eingeführt –, doch gleichzeitig entsteht so sofort ein lebendiges Bild von Alice' Welt: der Campus, ihr Arbeitsplatz, die Hölle – und natürlich die Magie!
Doch der Reihe nach: Alice studiert Analytische Magie in Cambridge. Bei einem Experiment geschieht ein Unfall, und ihr Doktorvater, Prof. Grimes, landet in der Hölle. Da Alice überzeugt ist, ihn für ihre akademische Karriere zu brauchen, schmiedet sie einen kühnen Plan: Sie will ihm folgen und ihn zurückholen. Überraschend schließt sich ihr ausgerechnet Peter an – Kollege, Rivale und Erzfeind zugleich. In der Hölle angekommen, müssen die beiden schnell feststellen, dass sich der akademische Alltag und die höllischen Prüfungen gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Doch werden sie Grimes finden? Und falls ja – zu welchem Preis? Die Grundidee fand ich schon nach lesen des Klappentextes, total spannend und einzigartig. Ich war total gespannt auf die Umsetzung und kann jetzt sagen, dass ich diese im Großen und Ganzen gelungen fand und trotzdem der Meinung bin, dass etwas Potenzial verschenkt wurde bzw. noch mehr hätte ausgeschöpft werden können.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die doppeldeutige und bitterböse Botschaft des Romans: Wissenschaft ist die Hölle. Für viele junge Akademikerinnen ist das mehr als nur eine Metapher – sie befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihren (meist männlichen) Doktorvätern, das schnell zur persönlichen Hölle werden kann. Kuang verarbeitet zahlreiche Details dieser toxischen Dynamiken in Katabasis: etwa die Erwartung, eigene Forschungsinteressen zugunsten der Projekte des Betreuers zurückzustellen, ohne Anerkennung in Publikationen zu erhalten, oder die endlosen Überstunden, die weit über das Zumutbare hinausgehen. All das übersetzt sie in eine magische Welt, in der Alice wortwörtlich in die Hölle geht – und dort auf weitere Opfer des Professors und des Systems trifft.
Zugleich beleuchtet die Geschichte auch feministische Themen. In den Dialogen zwischen Alice und ihrer Vertrauensperson Helen zeigt Kuang differenziert die verschiedenen Positionen innerhalb des Feminismus auf. Sie macht deutlich, wie tief patriarchale Strukturen wirken – selbst dann, wenn man versucht, sie auszublenden. Alice erlebt dies am eigenen Leib, besonders dort, wo sich Klassismus und Sexismus überlagern.
Diese kritische Auseinandersetzung mit patriarchalen Machtverhältnissen in der Wissenschaft funktioniert für mich hervorragend – sie ist gleichzeitig klug, unterhaltsam und einfach wichtig zu betrachten.
Weniger überzeugend fand ich hingegen die Umsetzung der Kritik in der konkreten Höllenwelt. Die Reise durch die unterschiedlichen Höfe der Hölle wirkte im letzten Drittel für mich zunehmend zäh, stellenweise sogar etwas verworren, und es gab einige Logikbrüche, die das Leseerlebnis gestört haben. Ich muss also leider sagen, dass mich die Haupthandlung gegen Ende etwas verloren hat.
Die Beziehung zwischen Alice und Peter hat mich emotional stark berührt. Beide kämpfen gegen die Entmenschlichung durch gesellschaftliche Zuschreibungen – sie als sexuelles Objekt, er als Projekt für soziale Anerkennung. Beide wissen, wie es sich anfühlt, nicht als Individuum wahrgenommen zu werden. Kuang arbeitet diesen Aspekt sehr feinfühlig heraus. Allerdings empfand ich die Entwicklung ihrer Beziehung zum Ende hin als etwas klischeehaft und vorhersehbar.
Insgesamt ist es nicht mein Lieblingsbuch der Autorin, trotzdem mochte ich es gesamtbetrachtet gerne. Trotz kleiner Schwächen in der Umsetzung bleibt der Roman für mich eine lohnenswerte Lektüre: eindringlich, provokant und nachhallend. Ich habe selten eine so präzise und spürbare Kritik an patriarchalen Strukturen in der akademischen Welt gelesen. Das magische Setting in der Hölle hat mich für einige Tage in eine andere Welt entführt – und dabei gut unterhalten. Nur gegen Ende hat mich die Story allgemein ein bisschen verloren.