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Veröffentlicht am 29.11.2025

Faszinierende Charakterentwicklung mit Drama, Magie und emotionalen Feuer

Medea
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Die griechische Mythologie übt schon immer eine Faszination auf mich aus. Daher war ich sehr neugierig auf diesen Roman. Wird er mit einem meiner Lieblingsromane Madeline Millers „Circe“ mithalten können? ...

Die griechische Mythologie übt schon immer eine Faszination auf mich aus. Daher war ich sehr neugierig auf diesen Roman. Wird er mit einem meiner Lieblingsromane Madeline Millers „Circe“ mithalten können? Kann die Autorin vermitteln, wieviel Spannendes die griechische Mythologie uns auch heute noch erzählen kann? Kleiner Spoiler: Ja!

Der Mythos um Medea und um die Argonauten wurde von der Antike bis in die Gegenwart immer wieder literarisch verwertet. Trotzdem hatte ich von Medea und Jason bislang nur ein grob skizziertes Bild mit den üblichen Schlagworten: Medea – die Hexe, Jason – der Held der Argonauten. Damit räumt die Autorin Rosie Hewlett hier auf und haucht den antiken Figuren mit Magie, Liebe, Rache und einem sehr weiblichen Blick Leben ein.

Medea wurde als eine Prinzessin von Kolchis geboren. Die Göttin Hekate hat sie mit derselben speziellen Gabe beschenkt (eigentlich eher verflucht) wie Medeas Tante Circe - der Magie. Medeas Vater verabscheut die Magie, bis er erkennt, dass sie als machtvolle Waffe zu benutzen ist. Diese magische Kraft wird Medea anziehend für machtgierige Männer machen, die übrigen Menschen aber abstoßen.

Als Kolchis zum Hüter des goldenen Vlieses wird, das seinen Besitzer unbesiegbar machen soll, wird es Ziel griechischer Helden, die diesen Schatz erringen wollen. Unter ihnen sind auch Jason und seine Argonauten. Das Zusammentreffen mit ihnen wird Medeas Leben für immer verändern.

Die Autorin lässt uns das packende Geschehen aus Medeas Perspektive erleben. So lernt man Medea in ihrem ganzen vielschichtigen, facettenreichen Wesen kennen. Man nimmt Teil an ihren inneren und äußeren Kämpfen, man fühlt ihre Ängste, ihre Wut, ihre Ungerechtigkeit und auch ihre Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein. Von ihrer traumatischen Kindheit und Entdeckung ihrer magischen Fähigkeiten, bis zu ihrer Liebesgeschichte mit Jason und darüber hinaus, folgen wir Medeas Spuren. Man bekommt ein tiefes Verständnis für Medea, warum sie so handelt und meint, es wäre ihre einzige Wahl.

Auch die wichtigen weiblichen Nebencharaktere bleiben im Gedächtnis hängen. Medeas Tante Circe belehrt ihre Nichte über die Macht der Magie und ihren positiven Gebrauch. Doch Medea spürt schon als Kind die rastlose dunkle Seite der Magie in sich, von der sich Circe nie verleiten ließ.
Circes Warnung schwingt für mich bis zum Ende der Geschichte mit:
„Manche Türen, die geöffnet werden, können nie wieder geschlossen werden.“ S. 160

Atalanta als einziges weibliches Mitglied der Argonauten punktet mit großer innerer Stärke und eindrücklicher Warnung an Medea.
Und Jason - ein charismatischer Held? (Für mich wird er von nun an ein manipulativer Mistkerl bleiben, sorry…). Da hat sich mein Blick wie auch auf die Argonauten-Truppe durch diese Geschichte deutlich geändert.

Beeindruckend ist, aus Medeas Sicht die Wirkung der dunklen Magie zu erleben. Wie diese seelische und körperliche Kraft fordert, wie ein wirbelnder, berauschender Strom mit schier grenzenlosen Kräften das Innere mitreißt.
Mir gefällt, dass Medea in diesem Roman mehr als nur die Hexe aus der Mythologie wird, denn man erlebt aus ihrer Perspektive, warum sie so handelt, wie sie es tut, ohne dass sie dabei von ihrer Schuld freigesprochen oder rehabilitiert wird. Der Autorin gelingt es zu vermitteln, wie komplex Medea als Charakter ist. Der weibliche Blickwinkel richtet den Fokus auf Medeas Verhältnis zu den Männern in ihren Leben: von der missbräuchlichen Benutzung ihrer Fähigkeiten durch den Vater und den Bruder zu den psychischen Manipulationen, unter denen sie bei Jason leidet. Man hinterfragt, wie sie durch die Umstände geformt wurde, wer Geist und Persönlichkeit beeinflusst

Wie Dunkelheit, Zorn und Leid im Kern von Medeas Geschichte liegt, macht einen tiefen Eindruck. Doch es fehlen auch nicht Möglichkeiten für Medea, sich für Licht und Frieden zu entscheiden. Warnungen gibt es genug.

Rosie Hewlett hat Klassische Literatur und Zivilisation studiert, was deutlich an ihrem Werk zu merken ist. Daneben liefert sie eine Menge an Dramatik, Leidenschaft und Feuer, genug um einen zu fesseln und zu verzaubern. Der Roman ist extrem spannend, detailreich und mit rasantem Schwung geschrieben. Die dramatischen Wendungen, die großartige und sehr authentische Entwicklung der Charaktere und die emotionale Nähe zur Protagonistin ließen mich das Buch kaum aus der Hand legen.
Deshalb fände ich es toll, wenn Hewletts Debütroman über Medusa auch ins Deutsche übersetzt wird.

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Veröffentlicht am 20.11.2025

Mit Herz und Humor auf Gespensterjagd

Gespensterjäger auf eisiger Spur (Band 1) - Mit 8 neu illustrierten Farbseiten
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Ist es nicht toll, wenn man beim (Vor-)Lesen merkt, wie viel Spaß die Autorin beim Schreiben hatte? Hier sprüht es vor Fantasie und Humor.

„Tompatsch!“ so nennt Toms große Schwester Lola oft abfällig ...

Ist es nicht toll, wenn man beim (Vor-)Lesen merkt, wie viel Spaß die Autorin beim Schreiben hatte? Hier sprüht es vor Fantasie und Humor.

„Tompatsch!“ so nennt Toms große Schwester Lola oft abfällig ihren vermeintlich tollpatschigen neunjährigen Bruder. Ja, Tom hat es nicht leicht in seiner Familie. Lola kommandiert ihn gerne herum und macht sich über seine Ängste lustig. Tom fürchtet sich, wenn er mal etwas aus dem Keller holen soll. Dabei ist es im dumpfen Kellerabteil wirklich gruselig.

Tatsächlich macht Tom dort unten recht unfreiwillig Bekanntschaft mit einem Gespenst. Gut, dass Toms Oma Zeit hat und ihm Gehör und Glauben schenkt. Gegen Gespenster weiß sie zwar keinen Rat, aber immerhin kann sie ihn zu ihrer Bekannten Frau Kümmelsaft schicken. Eine Frau mit einem satten Fachwissen, was die Gruselwesen betrifft, und die bereit ist, Tom in ihre Kenntnisse einzuweihen. Jetzt zeigt sich, was Tom wirklich auf dem Kasten hat. Er schließt unerwartete Freundschaften und ist in der Lage, seine Ängste zu überwinden.

Der Loewe- Verlag hat die „Gespensterjäger-Reihe“ mit neuen bunten Illustrationen von Franziska Blinde aufgefrischt aufgelegt. So fällt diese Reihe einer neuen Generation junger Leser*innen ins Auge. Und das ist gut so, finde ich.
Die farbenfrohen neuen Illustrationen ergänzen die Zeichnungen der Autorin ausdrucksstark. Die Gespenstergeschichte ist auch nach über 30 Jahren noch immer frisch, lebendig und überhaupt nicht angestaubt.

Der Erzählton ist für die junge Leserschaft absolut verständlich und sehr spannend. Der Umfang der Kapitel ist perfekt für die Aufmerksamkeitsspanne. Die Handlung ist mit vielen Wendungen, Überraschungen und einer kräftigen Prise Humor versehen. Das ist genau das, was mir an den Büchern von Cornelia Funke immer aufs Neue gefällt.

Was für sympathische Charaktere trifft man wieder an! Tom macht eine großartige und sehr authentische Entwicklung durch. Er stellt sich seinen Ängsten und schafft es, über sich hinauszuwachsen. Am Ende kann seine Schwester nur noch staunen über ihren mutigen und lässigen kleine Bruder. Wunderbar, dass in der Oma eine freundliche, geduldige Zuhörerin gefunden wird. Die extravagante Frau Kümmelsaft, die Tom hilft, fordert und ihm eine Menge zutraut, ist eine herrlich schrille Begleiterin.

Man lernt witzige und fantasievolle Details über Gespenster. Da wagt man sich nun neugierig und erwartungsvoll in den Keller, immer aufmerksam nach Gespensterschleim Ausschau haltend.

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Veröffentlicht am 13.11.2025

Wer hat die Macht über die Erinnerungen?

Das Buch der verlorenen Stunden
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Kaum schlägt man diesen Roman auf, wird man in einen fast gespenstischen, faszinierenden Ort versetzt: Der „Zeitraum“, der Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wo alles als Erinnerung verweilt, was ...

Kaum schlägt man diesen Roman auf, wird man in einen fast gespenstischen, faszinierenden Ort versetzt: Der „Zeitraum“, der Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wo alles als Erinnerung verweilt, was auf der Erde passiert ist. Man kann ihn sich vorstellen als eine Art Bibliothek gefüllt mit Büchern, die die Erinnerungen der Verstorbenen in sich tragen. Anfangs, als Zeit kaum mehr als eine Idee war, kamen ganz besondere Menschen nur mit konzentrierter Willenskraft in diesen mystischen Ort. Später hatten nur Zeithüter mit speziellen Uhren Zugang. Diese Uhren und die damit verbundenen Aufgaben wurden von Vater zu Sohn weitergegeben.

Die 11jährige Lisavet Levy ist Tochter eines solchen Uhrmachers in Nürnberg. Es ist die Reichsprogromnacht, als das Mädchen mit Hilfe ihres Vaters Zuflucht im Zeitraum findet. Ihr Vater Ezekiel hat Uhren für Zeithüter hergestellt wie schon Generationen seiner Vorfahren. Sein Laden wird in dieser Nacht von Nazihorden gestürmt. Da er sich weigert, Uhren für dieses Regime herzustellen, ist es für ihn für die Flucht zu spät. Lisavet ist somit im Zeitraum gerettet, aber auch für viele Jahre gefangen.
Außerhalb der Zeit wächst sie dort ohne physische Bedürfnisse zwischen den Büchern und Geistern auf. Die Welt außerhalb kann sie nur durch die Erinnerungen der Vergangenen sehen. Sie lernt, zwischen den erinnerten Zeiten zu wandeln.

Im Laufe der Zeit sind die speziellen Uhren der Zeithüter meist in die Hände von Regierungen übergegangen. Lisavet realisiert, dass Spione der Regierungen (zunächst Nazis, dann russische und amerikanische) den Zeitraum betreten und ausgewählte Erinnerungsbücher zerstören, um ihre jeweilige Version der Geschichte durchzusetzen. Schockiert versucht sie, die Reste zu retten und in ihrem eigenen Erinnerungsbuch zu bewahren. Damit mischt sie sich in gefährliche Angelegenheiten ein und ist Leuten und Geheimdiensten im Weg.
Ihr bedeutungsschweres und wichtiges Buch der Erinnerungen trägt sie stets bei sich. Es wird ein Objekt der Begehrlichkeit für andere.
Schließlich trifft Lisavet 1949, mittlerweile eine blutjunge Erwachsene, auf den amerikanischen CIA-Agenten Ernest Duquesne. Er bietet ihr Einblicke in die Welt, die sie verlassen hat, an. Lisavets Weg nimmt eine dramatische Wendung, der auch den Zeitraum verändern wird.

Die Rahmengeschichte des Romans ist sehr spannend und hochaktuell. Was die Autorin den Amerikaner Ernest über die Spione im Zeitraum sagen lässt, ist leider nur zu wahr:
„Staatliche Stellen möchten gern steuern, woran sich im Zeitraum erinnert wird. Mitunter zerstören sie dabei Dinge, die sie für gefährlich halten. Sie verbrennen Erinnerungen.“ (S. 138) und „Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ (S. 126)
Lisavet hält das zerstörerische Verhalten der Spione für „imperialistisch“ und weiß, dass Erinnerungen, das Wertvollste sind, was wir besitzen. Keiner hat das Recht sie zu zerstören.
Die Erklärungen der Regierungen dafür sind fadenscheinig. Offiziell soll dies der Verhinderung von Kriegen oder Ausbreitung des Kommunismus/Kapitalismus (je nachdem ob Amerikaner oder Russen) dienen. Damit das Narrativ im Einklang mit ihrer Ideologie steht, werden Menschen und Erinnerungen ausgelöscht und somit die Wahrheit. Da bekommt selbst Spion Ernest Zweifel.

Nicht nur Autokratien möchten unliebsame Historie und Tatsachen zu gern umschreiben. Staatschefs setzen heute ganz bewusst Fake-News und „alternative Fakten“ in die Welt oder drehen jahrhundertealte Geschichte um, damit sie ihren imperialistischen Bestrebungen in den Kram passen. Sie brauchen gar nicht so eine Uhr eines Zeithüters, sie löschen schon längst Erinnerungen aus. Die Autorin Gefuso möchte durch ihre Metaphern des „Zeitraumes“ und der Zeithüter darauf aufmerksam machen.
Die Hauptcharaktere Lisavet und Ernest waren am Anfang sehr einnehmend, machen später unerwartete Wandlungen durch. Aber im weiteren Verlauf mochte ich Lisavet zunehmend weniger. Ihre Entscheidungen werden immer fragwürdiger und widersprechen dem, weswegen ich sie anfangs schätzte. Die Art, wie sie allmählich die Oberhand gewinnt und moralische Bedenken beiseiteschiebt, hat mich teilweise sehr verstört. Für mich war diese Entwicklung nicht nachvollziehbar.

Gefusions Erzählweise ist ein wenig herausfordernd. Verschiedene Zeitebenen und Handlungsstränge werden kapitelweise verflochten: Zum einen das Dasein Lisavets im sogenannten „Zeitraum“ und die Gegenwartsebene in Boston des Jahres 1965. Der Plot pendelt somit immer vor- und rückwärts mit wechselnden Charakteren, Vor- und Rückverweisungen im Handlungsstrom.
Zum einen bietet der Plot eine lebhafte Fantasy-Ebene mit vielen politischen und philosophischen Anspielungen, die man erst mal verarbeiten möchte. Dazu kommt dann die Anlehnung an einen teils gewalttätigen und verworrenen Spionagethriller, in der die CIA und der Kalte Krieg eine Rolle spielen.

FAZIT
Die Rahmenhandlung fand ich faszinierend, sehr aktuell und wichtig. Die Fragen, wie Geschichte und Zeitgeschehen erinnert wird, wie Zensur und Geschichtsfälschung durchgeführt wird, wie man Erinnerung und geschichtliche Wahrheit retten kann, sind sehr spannend. Dieser Teil des Romans mahnt uns, dass wir auch Zeit(be)hüter sein sollten, um die Vergangenheit und die daraus folgenden Lehren zu schützen und zu bewahren.
Schließlich hat die Autorin versucht, eine dramatische Romanze, einen Spionagethriller, ein Coming-of-Age und eine Widerstandsgeschichte miteinander zu verweben. Um am Ende alle Handlungsstränge zu einem guten Abschluss zu führen, ist die eigentliche Botschaft des Buches für mich persönlich leider fast verloren gegangen.

Wer eine Mischung aus Magie, Agententhriller und Liebesgeschichte schätzt, bekommt hier das volle Paket. Allein für die vielen Denkanstöße und die Idee der Rettung der Zeitgeschichte ist der Roman durchaus lesenswert. Denn am Ende bewegt einen vor allem die Frage: Wer bestimmt, woran wir uns erinnern? Wie können wir die Wahrheit schützen?

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Weibliche Forschungsgeschichte lebendig erzählt

Geniale Frauen, geniale Forschung
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Es besteht eindeutig noch Nachholbedarf an Büchern über die Errungenschaften von Frauen in Kultur und Wissenschaft. Ihre Werke und Arbeiten sind lange genug unter den Tisch gekehrt, gestohlen oder vergessen ...

Es besteht eindeutig noch Nachholbedarf an Büchern über die Errungenschaften von Frauen in Kultur und Wissenschaft. Ihre Werke und Arbeiten sind lange genug unter den Tisch gekehrt, gestohlen oder vergessen worden. Wunderbar, dass in diesem Bereich endlich auch viel für Kinder und Jugendliche geschrieben wird, so dass die Arbeit dieser Frauen wertgeschätzt wird und gerade die Mädchen motiviert werden.

Frances Durkin hat mit der Illustratorin Nur Ventura hier ein aus dem Englischen übersetztes großformatiges Buch für Kinder ab 8 Jahren verfasst, mit einem speziellen Themengebiet im Zentrum, aus dem Mädchen oft gedrängt worden sind: Die „MINT“-Fachbereiche. MINT ist das Kürzel für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik, wichtige Bereiche für wirtschaftliche Innovationen.
Auch in diesen Fachgebieten gibt es eine – oft wenig bekannte - weibliche Forschungsgeschichte.

Im ersten Teil des Buches werden zwanzig Frauen aus ganz unterschiedlichen Ländern, Zeitepochen und Wirkungsbereichen vorgestellt. Ihnen ist gemein, dass sie alle spannende und interessante Vorreiterinnen in den MINT-Bereichen waren. Sie haben ihre Ideen in wichtige Entdeckungen, Entwicklungen und Erfindungen eingebracht, die Menschen bis in die heutige Zeit inspirieren und vielleicht noch im Alltag helfen. Oft genug ist ihr Name auch uns Erwachsenen nicht geläufig.

Die Zeitspanne ist beachtlich, da sie über 3000 Jahre umspannt. Die Reise beginnt mit der ersten Parfümeurin Tapputi Belatekallim in Mesopotamien 1200 v.Chr., deren Namen man in den Keilschriften entdeckte. Sie endet in der Gegenwart bei der Kenianerin Nzambi Matee, die einen günstigen Baustoff aus recyceltem Plastik entwickelte. Die deutschen Vertreterinnen Maria Sibylla Merian und Margarete Steiff werden vermutlich vielen von uns ein Begriff sein.

Jeder Forscherin wird eine abwechslungsreiche und lebendig illustrierte Doppelseite gewidmet. In kurzen Texten werden die Frauen mit biografischen Informationen, ihrem Forschungsgebiet, ihrem Einstieg in die Wissenschaft und ihren Erfolgen vorgestellt. Große Überschriften, überschaubare Texte, schöne Illustrationen und prägnante Labels rufen Aufmerksamkeit hervor und sollten die jungen Leser*innen in der Regel nicht überfordern. Gelegentlich tauchen ein paar schwierige Begriffe auf, die im Glossar am Ende des Buches erklärt werden.

Das Buch punktet mit einem Teil, in dem zu zwölf interaktiven Experimenten eingeladen wird, die immer in bestimmten Bezug zu einer der vorgestellten Forscherinnen steht. Ein Beispiel für diese Mitmachexperimente ist die Konstruktion einer kleinen Brücke, zu der man sich von der Entwicklerin Sarah Guppy (1770-1852) inspirieren lassen kann. Was man dazu braucht? Zwei Bücher, ungekochte Spaghetti und eine Tüte Minimarshmallows. Diese Aktivitäten sind alle mit klaren, bebilderten Anleitungen versehen, so dass eigentlich nichts schiefgehen sollte. So kommt man aus dem (Vor-)Lesen ins Tun.

Bei diesen „MINT-Projekten für Zuhause“ wird oftmals in der Anleitung eine „erwachsene Assistentin oder Assistent“ angefragt. Eine solche erwachsene Begleitung fände ich gerade für das Grundschulalter auch bei den Vorstellungen der „genialen Frauen“ wichtig. So können Fragen gleich geklärt werden.

Ich habe mir das Buch mit einer Grundschülerin angeschaut, die an dem untersten Ende der empfohlenen Altersgruppe steht. In diesen jungen Jahren finde ich es empfehlenswert, sich zunächst jeweils nur auf eine Forscherin mit ihren wegweisenden Arbeiten zu konzentrieren und gemeinsam mit dem Kind ein zugehöriges Experiment im zweiten Teil des Buches zu starten. Die Hinweise im Buch geben den Erwachsenen dazu auch Anregungen.
So greift man öfter zu dem Buch und es bleibt längere Zeit ein spannender Wegbegleiter und kann ermutigen und inspirieren.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

So wird Rilke lebendig und bunt

Mein Freund Rilke
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Was für ein „Geburtstagsgeschenk“ für Rainer Maria Rilke (1875-1926) und alle die ihn und seine Werke lieben! Am 4. Dezember 2025 wäre Rilkes 150. Geburtstag. Wer ihn nur vom Namen her kennt oder in der ...

Was für ein „Geburtstagsgeschenk“ für Rainer Maria Rilke (1875-1926) und alle die ihn und seine Werke lieben! Am 4. Dezember 2025 wäre Rilkes 150. Geburtstag. Wer ihn nur vom Namen her kennt oder in der Schule leidvoll ertragen musste, kann nochmal neu Anlauf nehmen.

Herzerfrischend und mutig schenkt uns just jetzt die Autorin und Illustratorin Melanie Garanin eine ganz neue, moderne und überraschende Perspektive auf den Dichter – in Form einer Graphic Novel. Hat man vielleicht Rilke eher als melancholischen, düsteren Typ mit hohem Verschleiß an Liasons abgespeichert, darf man ihn nun von seiner charmanten und witzigen Seite kennenlernen.

Die Autorin und Illustratorin Melanie Garanin hat sich schon geraume Zeit gründlich mit Rilkes Lyrik beschäftigt. Bislang illustrierte sie z.B. Kinderbücher, 2020 erschien ihr erster Comic. Doch endlich setzt sie Rilke mit der Feder in Szene.
In dieser Graphic Novel ermöglicht Garanin uns eine spannende Begegnung mit Rilke, indem sie uns die Figur der Kultur-Journalistin Ellen begleiten lässt. Ellen kennt eigentlich Rilke auch nur vom Namen als bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, aber weiß kaum etwas über sein Werk.

Mit dem Auftrag über Rilke zu recherchieren, reist sie mit ihrem Rollköfferchen zunächst nach Worpswede, wo sie gleich in eine Veranstaltung gerät, wo Leute Rilke abfeiern. Die Begegnungen mit „Rilke-Ultras“ findet sie eher schräg, will sich schleunigst entziehen und lieber auf Internetrecherche zurückgreifen. Da prallt sie förmlich mit einer „Person“ zusammen. Sie erkennt ihn im Gegensatz zu uns Leser*innen noch nicht sofort (Rilke!!!!). Schon entzündet sich ein kleiner Flirt zwischen beiden. Ellen will nun doch weiter auf biographische Spurensuche gehen, schließlich lockt Paris als nächste Station. Dort wartet bereits wieder überraschend Rilke auf sie, und es startet eine klassische Liebesgeschichte. Ellen ist geflasht von diesem charmanten, verständnisvollen, poetischen Typen. So eine Romanze wiederfährt einem ja auch nicht mehr alle Tage.

Was für herrliche, sympathische und authentische Charaktere die Autorin da geschaffen hat. Ellen ist irgendwo um die 40 Jahre herum und wie aus dem alltäglichen Leben erschaffen. Sie kämpft mit denselben Alltagsproblemen wie wir z.B. mit den bockenden Teleskopstangen des Rollkoffers oder den Tücken mit Koffer in der Pariser Metro unterwegs zu sein und manch anderen Hindernissen des Lebens.
Rilke in unser Jahrhundert zu beamen und lebendig werden zu lassen, ist ein wahrer Genuss. Seine Figur bleibt ein etwas komischer, spezieller, aber sehr liebenswerter und heiterer Typ.

Schon auf dem Cover verbindet die Autorin verschiedene Zeiten und Ebenen: wir sehen neben Rilke und Ellen die Gazelle aus einem Rilke-Gedicht.
Das führt uns zur Form: Erfreulicherweise – und für Comics untypisch – kommt diese Graphic Novel ganz ohne Sprechblasen und eckige Panels aus. Hier entwickelt Melanie Garanin eine ganz eigene, individuelle Form, die sich auch in der Gestaltung der Seiten dem Verlauf der Geschichte anpasst.

Man merkt, dass hier noch alles von Hand mit Tusche und Feder gezeichnet und mit Aquarellfarben coloriert ist. Die Vergangenheit Rilkes ist in einen altmodisch wirkenden Sepia-Ton getaucht. Mit Ellen kommt eine angenehm sanfte Farbigkeit ins Spiel.
Die Illustrationen wirken sehr bewegt, leicht und fein, immer wieder mit viel Humor gewürzt. Die Gefühlswelt und die Gedanken der Menschen werden sicht- und erlebbar. Und es sticht ins Auge, dass Garanin Tiere, vor allem Hunde sehr am Herzen liegen. Immer wieder kann man sich an den zarten windhundartigen Vierbeinern erfreuen, z.B. in den feinen Vignetten an den Kapitelanfängen und immer wieder in kleinen Details.

Die Schrifttypen sind sehr bewusst eingesetzt: Schreibschrift herrscht in der Jetztzeit vor, biographische Texte zu Rilkes Biographie in Druckschrift, Zitate aus Rilkes Gedichte erscheinen wie ausgeschnitten auf farbigen Zetteln wie Post-Its. Das trägt zu einer angenehmen Übersichtlichkeit bei. Auf diese Weise wird die Lyrik feinsinnig in die Handlung eingewebt und trägt oft Rilkes Stimmung in die Jetztzeit hinüber.
Melanie Garanin erhebt nicht den Anspruch, eine übliche Biografie zu verfassen. Aber man lernt einzelne Stationen und Eckdaten von Rilkes Lebensweg kennen ohne in die Tiefe zu gehen. Seine reichlichen Beziehungen zu Frauen werden praktisch und übersichtlich mal komplett auf zwei Doppelseiten abgehandelt.

Dafür lernt man Rilke über sein Werk kennen, denn es tauchen immer wieder Sequenzen aus seinen Gedichten auf. Seine bildreiche Lyrik lädt ja auch förmlich ein, sie zu illustrieren.
Der Witz liegt darin, biographische Elemente mit einer fiktionalen Geschichte in Wort und Bild zu verbinden. Für dieses Experiment muss man natürlich offen sein, um an Rilke mal ganz andere Facetten zu erkennen oder ihn überhaupt ganz neu kennenzulernen.
Auf jeden Fall ist diese Verbindung von Literaturwissenschaft und dem bildreichen Comic an dieser Stelle hervorragend gelungen. Es macht es Lust darauf, wieder einmal in ein paar Rilke-Gedichte einzutauchen.

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