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Scarletta

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Veröffentlicht am 08.05.2024

Eine berührende Odyssee durch ein geschundenes Georgien

Vor einem großen Walde
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Als der Erzähler Saba nach 18 Jahren als Flüchtling in England zurück in Georgiens Hauptstadt Tiflis ankommt, scheint er im Inneren genauso zersplittert und aufgewühlt zu sein wie sein Herkunftsland. Man ...

Als der Erzähler Saba nach 18 Jahren als Flüchtling in England zurück in Georgiens Hauptstadt Tiflis ankommt, scheint er im Inneren genauso zersplittert und aufgewühlt zu sein wie sein Herkunftsland. Man schreibt das Jahr 2010. Georgien hat gerade einen zerstörerischen Krieg und einen schwierigen Waffenstillstand hinter sich. (Kaukasuskrieg 2008 mit Russland und den von Russland unterstützten, international nicht anerkannten Republiken Südossetien und Abchasien auf der anderen Seite.) Dem Konflikt folgten Jahre des Bürgerkriegs, die das Land an den Rand der Katastrophe brachte.

Gerade zu Sabas Ankunft ist die Stadt nach einem Unwetter überflutet, dass gar die Tiere aus dem Zoo ausgebrochen sind. Was für eine düstere, fast makabere Ausgangslage. Eine Suchaktion voller Hindernisse startet, denn es stehen nicht nur ein Nilpferd im Weg, das die Straße blockiert, oder ein lauernder Tiger im Gebüsch, sondern auch eine korrupte Bürokratie und Beschattung durch die Polizei.

Über Saba schwebt sowieso schon seine eigene schicksalhafte Gewitterwolke. Als achtjähriges Kind entkam er mit seinem älteren Bruder Sandro und seinem Vater Irakli den Bürgerkriegswirren nach dem Zerfall der Sowjetunion nach England. Die Mutter der Kinder musste der Vater damals aus Mangel an Geld für ein Visum in dem nun unabhängigen Georgien zurücklassen. Mittlerweile ist Mutter Eka verstorben. Sabas Vater ist vor kurzem in die Heimat zurückgekehrt und gilt als verschollen. Schon lange hatte er davon fabuliert, sich von den Orten der Vergangenheit verabschieden zu wollen. Bruder Sandro folgte seinen Spuren und verschwand ebenfalls. Nun ist es an Saba, sie beide zu finden. Schon bei der Zwischenlandung in Kyjiw/ Ukraine warnt ein Unbekannter Sabo vor der Weiterreise. Auf georgischem Boden wird er gleich von der Polizei wegen seines Nachnamens kritisch beäugt. Sein Vater hätte einen Mord begangen, wird ihm erzählt und gleich sein Pass eingezogen. Das nennt man üble Startbedingungen.

Saba folgt nun einer Art von “Brotkrumen-Spur”, ein bildreiches Spiel in Anlehnung an das grimm’sche Märchen von Hänsel und Gretel, das Sandro und Saba in ihrer Kindheit gespielt haben. Die Spuren die Saba verfolgt, sind voller literarischer Verweise, z.B. auf Märchen, Shakespeare, Charles Bukowski. Allerdings agiert er hierbei nicht wie ein engagierter Detektiv, sondern wie ein desorientierter Fremder in einer ihm unkenntlich gewordenen Ursprungsheimat.

Gut, dass Saba nicht allein bleibt auf der Suche nach Sandros Graffitis und weiteren Hinweisen. Rasch steht ihm ein georgischer Taxifahrer, Nodar, zur Seite. Was für ein offenherziger, tapferer Schicksalsgefährte für den liebenswerten Saba in diesem bedrohlichen Umfeld!

Nodar trägt schwer an dem Schicksal seiner eigenen Familie. Seine siebenjährige Tochter Natja ist seit dem Krieg in Südossetien vermisst, als Nodar und seine Frau Ketino überstürzt fliehen mussten.
Trotz dieses Kummers hat der lebenserfahrene Nodar schnell einen humorigen Spruch auf den Lippen. Frei nach dem Dschungelbuch erklärt er Sabo zu Mogli und schreibt sich selber so die Rolle des bärigen Balu zu. Das passt, denn Nodar trägt eine ganz besondere Weisheit.

„Es heißt, so was bringt Unglück. […] Du musst sie bis zum Ende vorlesen, auch wenn dein Kind schon eingeschlafen ist.“ S. 117

Bald tummeln sich in Sabas Kopf die imaginären Stimmen der Menschen, die er längst verloren hat. Sie ziehen ihn für Momente aus der Gegenwart heraus, während sie ihm zusprechen, unterstützen, ermahnen oder an etwas erinnern. Ein Unterstützer ist sein betrunkener Nachbar aus der frühen Kindheit, der ihn beispielsweise vor georgischen Krankenhäusern warnt. Erinnern wird ihn immer wieder die Kindheitsfreundin Nino. Sie ist immer eine gefährliche Kommentatorin, denn sie trägt ihm etwas nach: Sabas kindlicher Versuch sie zu beschützen, hat sie damals das Leben gekostet.

So hangeln sich Saba und Nodar an Erinnerungsorten, an den hinterlassenen Graffitibotschaften des Bruders, und kryptischen Seiten eines väterlichen Theaterstückes entlang, die immer voller Magie, Literatur und mystischen Bildern sind. Nebenbei tauchen sie ein in die tragische Geschichte Georgiens, seine Kultur und Natur.

Doch irgendwann kommt der Moment, wo die „Brotkrumen“ enden, weil der Bruder selber zum Gejagten wird. Nun muss sich Saba selbstständig seinen schicksalhaften Weg bahnen. Das ist der Augenblick, wenn der Roman zu einem ganz großen Wurf anhebt.

Fazit
Schon der Titel des Romans ist voller märchenhafter Magie, denn er bezieht sich auf den finsteren, bedrohlichen Wald der Gebrüder Grimm, in den Hänsel und Gretel geführt werden, wo die Hexe lauert. Nodar beginnt dieses Märchen mit den Worten „Vor einem großen Walde…“ . Der dunkle, bedrohliche Wald zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Der Autor benutzt ihn als Metapher und als Realität. Es ist ein verlorener Ort, der mal Schutz, dann auch wieder Gewalt, Verrat und Tod birgt. Der Ursprung des Bildes der kindermordenden Baba Yaga (Hexe), des Bösen, wird zunehmend klarer und realer.

„Bruder, jeder Wald in Georgien hat seine Hexen, Süßigkeiten, die an Zweigen hängen und Baba-Jaga-Hütten, die auf Hühnerbeinen herumhüpfen." S. 358

Vardiashvilis Sprache ist ungemein poetisch, mit einem außerordentlichen Reichtum an Bildern und Magie. Dazwischen steht herrlich Nodar mit seinem augenzwinkernden, oft schwarzen Humor. Gleichzeitig berührt der Roman durch seine ganz klare Darstellung der bedrückenden Konsequenzen von Krieg, dem Konflikt durch die Aggression Russlands. Dem Autor gelingt es, dass wir das Leid spüren, das Blut fließen sehen.
Ganz speziell sind die Stimmen der Toten, die Saba unablässig begleiten und oft auch quälen.

Vollkommen eingenommen bin ich durch die authentischen Charaktere, die mir sofort ans Herz gewachsen sind. Sogar die imaginären Stimmen in Sabas Bewusstsein sind voll ausgestaltet.

Ich kann sofort Sabas Wunsch nachvollziehen, durch die Spurensuche seine Familie wieder zu komplettieren. Der Vorwärtsschub, der einen durch Tiflis, weitere Städte bis ins Hinterland Georgiens treibt, ist intensiv zu fühlen Finsternis und Verlust sind ständige Begleiter. Sowohl Saba als auch Nodar sind traumatisiert beim Versuch, die verlorenen Teile wieder zusammenzufügen.

Nodar wird ganz unerwartet ein sehr wichtiger Charakter im Handlungsverlauf. Mir gefällt vor allem sein Galgenhumor. Dieser ist sein Versuch, um mit der Tragik seiner Lage umzugehen, um den Mut nicht zu verlieren. Mir kommt es so vor, als könnte diese Art typisch georgisch sein.

Immer wieder scheint die Liebe zu Georgien hindurch. Man erlebt die schönen Seiten der georgischen Kultur (wie z.B. die große Gastfreundschaft trotz eigenem Hunger oder Not). Doch auch die negativen Seiten wie z.B. die Korruption werden offen dargestellt. Man nimmt etwas Wissen über die Geschichte Georgiens mit. Sogar die Überflutung des Zoos von Tiflis und der Ausbruch der Tiere sind tatsächlich passiert (im Jahr 2015).

Mir hat ganz besonders gefallen, dass der Autor Saba nach dem zweiten Drittel des Buches die Verfolgung der „Brotkrumen-Spur“ erlässt. Dadurch bekommt die Handlung noch einmal einen ganz eigenen, berührenden Charakter. Mitzuerleben, wie Saba in den Bergen des Kaukasus die schlimmeren Konsequenzen des Krieges erlebt und wie er emotional damit umgeht, ist herzzerreißend. Der Gegensatz von lustig zu grausam, wird hier immer härter und nimmt einem den Atem, treibt einem schließlich die Tränen in die Augen.

Für mich gehört dieser Roman schon jetzt zu meinen Lese-Highlights dieses Jahres.

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Veröffentlicht am 23.04.2024

Bunter Strauß von Schicksalen

Das Fenster zur Welt
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Während 1944 in Italien die Bomben fallen, treffen sich in der Ruine eines Weinkellers einer Toskanischen Villa zwei ganz unterschiedliche Fremde und verbringen einen einzigartigen Abend. Der eine ist ...

Während 1944 in Italien die Bomben fallen, treffen sich in der Ruine eines Weinkellers einer Toskanischen Villa zwei ganz unterschiedliche Fremde und verbringen einen einzigartigen Abend. Der eine ist Ulysses Temper, ein junger englischer Soldat. Die sechzigjährige Evelyn Skinner ist eine britische Kunsthistorikerin und ist nach Italien gekommen, vor allem um Kunstwerke zu retten. Letztendlich wollte sie auch ihre Erinnerungen an ihre italienische Zeit wieder zum Leben erwecken, ganz besonders an ihre große Liebe Livia.

Evelyn gelingt es durch ihre Einsichten, ihre große Leidenschaft für die Kunst, Italien, besonders Florenz, einen Sämling in Ulysses‘ Gemüt zu pflanzen. Dieser geht dort an, gedeiht und wird seinem weiteren Leben und dem seiner Freunde eine bestimmte Richtung geben.
Evelyn sieht etwas Besonders in Ulysses, eine Art Gefährten im Geiste, empfindet sich wieder jung. Ulysses fühlt sich ebenso zu Evelyn hingezogen. Es entsteht eine ganz besondere Beziehung in dieser kurzen Zeit. Eine Verbindung, die sie beide in Gedanken über Jahre begleitet. Man wartet sehnsüchtig darauf, dass sich die beiden wiedersehen. Doch stets verpassen sie sich knapp.

„Diesen Tanz sollten Evelyn und Ulysses noch jahrelang fortführen. Nur in Gedanken waren sie immer beeinander. Ein eleganter Two-Step, geboren aus einem Jig an einem Straßenrand in der Toskana.“ S. 283

Zunächst kehrt Ulysses aber heim nach London, wo seine Frau Peg inzwischen das Kind eines anderen Mannes geboren hat.
Ulysses Temper ist ein warmherziger Mann, der meist an das Wohlergehen der anderen denkt. Kein Wunder, dass dieses Kind Alys wichtiger Teil seiner Wahlfamilie werden wird. Und er wird das Ruder seines Lebens herumdrehen, denn durch seinen Mut und sein großes Herz wird ihm ein Erbe zuteil.
„Incipit vita nuova“ … „So beginnt ein neues Leben.“ S. 235

In den nächsten vier Nachkriegs-Jahrzehnten werden wir als Leserinnen mit Ulysses und seiner Wahlfamilie – Alys, seinen Freunden Cress und Col, Peg u.v.a. - zwischen dem Pub im ärmlichen Londoner East End und dem neuen Lebensmittelpunkt in der sonnigen, charmanten Stimmung von Florenz pendeln. Kein Wunder, dass sich die Charaktere dann vor allem in Florenz in Ulysses Pension versammeln. So können wir es genießen, durch die Gassen der Stadt zu wandeln, die durch die reiche Kunst und Geschichte der Renaissance geprägt ist.

Man nimmt Teil an persönlichen Entwicklungen, Trennungen, Verlusten, Trauer, Sorgen, Überraschungen, den Schicksalswegen, dem Alltagsleben der ganz speziellen Charaktere.
Auch die exzentrische Evelyn werden wir Leser
innen wieder treffen. Gerade durch die Figur dieser lesbischen Kunsthistorikerin bekommen wir viele spannende Einblicke in die Kunst und Architektur von Florenz.

Natürlich geht die politische Zeitgeschichte nicht an ihnen vorüber, so dass die 70iger Jahre in Italien sie sehr aufwühlt.
„Wir durchleben immer noch das ideologische Erbe der französischen Revolution, Hitlers und Mussolinis“ sagte Evelyn. „Kratzt man an der Oberfläche, hebt das Monster wie gehabt seinen Kopf. Das Böse wurde zwar besiegt, aber es hat sich nicht in Luft aufgelöst. Das ist etwas, womit wir leben müssen, Ulysses.“ S. 432

Fazit
Eigentlich gleich dieser Roman einem Stillleben. Mit dem zarten Pinsel einer ausgewählt poetischen Sprache ist es wie ein Gemälde aufgebracht. So bunt, mediterran und frisch, wie auch das Cover des Buches, aber auch voller Weisheiten.

Es taucht zwar eine große, vielfältige Menge an Charakteren über eine erzählte Zeitspanne von 40 Jahren auf, aber eine eigentliche Handlung oder einen Spannungsbogen findet man kaum. Das ist etwas, was ich doch vermisst habe.

Ulysses ist ein wunderbarer Hauptcharakter und der Grund, immer wieder zum Buch zurück zu kehren. Ein schieres Labyrinth an Charakteren ist miteinander durch die Liebe, den Krieg, die Kunst, das Schicksal verknüpft. Selbst ein sprechender Papagei und kommunizierende Bäume tauchen auf.

Statt eines Spannungsbogens folgt man den Schicksalswegen der vielen Charakteren, und denen zweier Städte. So kann man sich an der stimmungsvollen Beschreibung der Entwicklung von London und vor allem Florenz in diesen Nachkriegsjahrzenten erfreuen. Besonders beeindruckend sind dabei die Schilderungen der verheerenden Flutkatastrophe von 1966, die sehr bewegend dargestellt wird.

Über ein paar Unebenheiten in der Übersetzung bin ich gestolpert, wie z.B. Alys „Mulltuchbluse“, bei der es sich wohl um eine Musselin-Bluse handeln müsste.

Im Endeffekt kann sich jeder etwas ganz Unterschiedliches aus dem Erzählen der kleinen Dinge des Lebens, der Beziehungen, Entwicklungen, Schicksale mitnehmen. Bei manchen hallt es nach, anderen sagt es vielleicht weniger. Eintauchen und Entspannen ist auf jeden Fall garantiert.




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Veröffentlicht am 18.04.2024

Die unbekannte Frau hinter Adenauer

Gussie
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Wie Memorykärtchen, die gerade aufgedeckt werden, so kommt mir das wunderschöne Cover auf den ersten Blick vor. Man ahnt schon, dass es sich um eine aparte junge Frau handelt, die sich dahinter verbirgt. ...

Wie Memorykärtchen, die gerade aufgedeckt werden, so kommt mir das wunderschöne Cover auf den ersten Blick vor. Man ahnt schon, dass es sich um eine aparte junge Frau handelt, die sich dahinter verbirgt. Doch wer ist sie? Interessanterweise zeigt dieser Ausschnitt ein Gemälde einer Frau, die Gussie gerufen wurde. So lautet ja auch der Titel des Buches.

Wer verbirgt sich hinter diesem Rufnamen? Es ist Auguste Adenauer, geborene Zinsser, die zweite Ehefrau des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer. Das Gemälde war sein Lieblingsbild seiner Frau.

Ausgangspunkt dieses Romans, der die Biographie von Gussie Adenauer ins Zentrum stellt, ist das Jahr 1948. Gussie Adenauer ist erst 52 Jahre alt und liegt im Bonner Johannes-Hospital im Sterben. Um ihr Ende wissend blickt sie zurück auf ihr Leben, sie „reist zurück in der Zeit“. Wie beim Memory-Spiel wird ein Erinnerungskärtchen nach dem anderen aufgedeckt, bis vor unseren Augen ein Persönlichkeitsbild dieser Frau erscheint. Dabei kehren wir immer wieder zur sterbenden Gussie zurück.

Wir lernen Gussie als junges Mädchen kennen, eine Arzttochter, die 1919 den verwitweten Kölner Oberbürgermeister (seit 1917) Konrad Adenauer heiratet. Dieser ist 19 Jahre älter als sie, Vater von drei minderjährigen Kindern und hat unter tragischen Umständen seine Frau Emma verloren. Gussies Familie war mit der Familie Adenauer aus der Nachbarschaft bereits freundschaftlich verbunden. Dabei verabschiedet sie sich von ihren Zukunftsträumen „man kann nur ein Leben leben…“ (S. 157)

Gussie wird eine verliebte Ehefrau, eine liebevolle Stiefmutter und schenkt selber fünf Kindern das Leben. Der traurige Verlust des ersten Sohnes wenige Tage nach der Geburt begleitet sie ihr Leben lang.
Es ist sehr spannend, das Schicksal der Adenauers nach dem Ende des 1. Weltkriegs, durch die wilden 20iger Jahre bis zum Durchbruch des Dritten Reiches zu beobachten. In Gussies Leben verflechten sich Familiäres, Öffentliches und Politisches eng. Die junge Frau engagiert sich sozial und politisch.

Mit der Machtübernahme der Nazis ändert sich das Leben der Familie komplett. Konrad Adenauer wird observiert, verfolgt, er muss fliehen, sich verstecken, wird inhaftiert. Sein Leben ist in Gefahr. In dieser Zeit erdrückt die Last, die Gussie zu tragen hat, sie fast.
Am Ende stehen Verhöre der Gestapo, eine unmenschlich erzwungene Entscheidung und Lagerhaft. Gussie Adenauer stirbt nur wenige Jahre nach dem Krieg an den Folgen dieser Ereignisse. Sie erlebt nicht mehr, wie ihr Mann der erste Bundeskanzler wird. Er wird sie um fast 20 Jahre überleben.

„Die wenigen Mutigen kommen ihr in den Sinn. Sie haben mit ihrem Leben bezahlt. Wärest du dazu bereit gewesen, Gussie? Es ist nur menschlich, vor der eigenen Angst in die Knie zu gehen. Widerstand ist ein großes Wort. Wer sind wir, uns ein Urteil anzumaßen?“ (S. 79)

Fazit:
Der Autor Christoph Wortberg wagt ein Buch, das von Anfang an das tragische Ende offenlegt und nie aus den Augen verliert. Das ist sehr berührend. Es gibt ihm die Möglichkeit, dass Gussie, ihr Leben nochmal vor Augen, kommentieren und gewichten kann. Gleichzeitig zieht sich so ein Hauch von Melancholie durch die Seiten.

Sehr gelungen empfinde ich, dass der Autor Christoph Wortberg bei den Rückblickskapiteln eine gewisse Chronologie einhält und zwischendurch immer wieder zur sterbenden Gussie zurückkehrt. Denn auch noch in den letzten Tagen zeigt sie ihre besondere Persönlichkeit.
Die Zeitstränge lassen sich gut einordnen, da kleine (nachempfundene) datierte Briefzitate an und von Gussie den Kapiteln vorangestellt werden. Nebenbei wird so auch die Zeitgeschichte durch Gussies Augen erlebbar.

Man bekommt einen sehr berührenden Eindruck von Gussies Charakter. Ihre Emotionen, ihre Sicht auf die Zeit und auch die Zweifel an den eigenen Entscheidungen sind sehr gut nachvollziehbar.

Von Anfang an beweist die junge Frau großen Mut, Empathie und Stärke. Man kann sich kaum vorstellen, wie ihr Mann seine Familie, gesellschaftliche und politische Aufgaben je ohne sie hätte bewältigen können.

Besonders berührt haben mich ihre Jahre im Dritten Reich, in denen sie vor schier unlösbare Aufgaben gestellt wird und an der Grausamkeit der nationalsozialistischen Machthaber zugrunde geht. Die Atmosphäre der Bedrohung, Angst, Ausweglosigkeit ist selbst beim Lesen sehr beklemmend. Hier gehen die Geschehnisse unter die Haut.
Dem Buch liegt eine sehr gründliche Recherche zugrunde. Die Romanform schenkt dem Autor gegenüber einem biographischen Sachbuch einige Freiheiten. So können wir als Leser*in auch viel besser in die Gefühlswelt Gussies eintauchen.

Der Schreibstil ist bildhaft, knapp und mit einer großen Tiefe, sodass ich das Buch ungern aus der Hand legte. Von mir aus hätte es gern noch ausführlicher und länger sein dürfen.

Auguste Adenauer werde ich gewiss nicht so schnell vergessen durch diese sehr bewegende und tiefgründige Darstellung.

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Veröffentlicht am 01.03.2024

Spannende Reise in die japanische Mythologie

Die Perlenjägerin
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Die amerikanische Autorin Miya T. Beck folgt mit großer Neugier den Spuren ihrer japanischen Herkunft. Diese Wurzeln führen sie zu den Mythen und Legenden Japans, aus denen sie eine ganz neue fantastische ...

Die amerikanische Autorin Miya T. Beck folgt mit großer Neugier den Spuren ihrer japanischen Herkunft. Diese Wurzeln führen sie zu den Mythen und Legenden Japans, aus denen sie eine ganz neue fantastische Geschichte für Jugendliche webt. Auch für mich als Erwachsene war es ein großer Lesegenuss in diese Bilderwelt einzutauchen.

‘Eintauchen‘ ist da die passende Metapher, denn mit den beiden Hauptcharakteren, den Zwillingen Kai und Kishi lernen wir zwei blutjunge Perlentaucherinnen kennen. Kai stellt ihre Familie vor, in der die Frauen die Aufgabe des Tauchens übernehmen. Eine gefährliche Tätigkeit, so mussten sie vor nicht allzu langer Zeit erleben, wie die geliebte Tante Hamako ihr Leben dabei verlor. Kein Wunder, dass die Eltern nun natürlich noch vorsichtiger sind und strenge Regeln aufstellen.

So hat Kishi jüngst den Schritt getan und hat sich beim Perlentauchen ihre Tauchkappe verdient. Kai muss sich da noch bemühen, denn es fällt ihr schwer, sich geduldig und folgsam den Anweisungen der Mutter zu fügen. Diese verlangt zum Beispiel, dass bei einem Tauchgang auch nur ein Perlenfund mit an die Wasseroberfläche geholt werden darf.
Doch genau so ein Regelverstoß Kais führt dazu, dass Kishi in die Fänge des legendären Geisterwals gerät und in die Tiefen der Unterwelt verschleppt wird. Ihre Zwillingsschwester Kai lässt sich nicht daran hindern, alles zu versuchen, Kishi zu retten. Doch wer kann verhindern, dass die Schwester ins Reich der Toten übergeht?

Kai zögert nicht, in Verhandlung mit dem mythischen Drachenkönig zu treten, einen Handel mit der Göttin der Unterwelt einzugehen und zu versuchen, die verlangte magische Perle der Königin der Fuchsdämonen zu erringen. Eine abenteuerliche, gefahrvolle Reise steht Kai bevor, die sie fort vom geliebten Meer in die Lüfte, auf die Berge, in Höhlen und auf den Rücken eines Pferdes führen wird.
Nicht jeder, der ihr Hilfe anbietet, stellt sich als Freund heraus. Nicht jeder, der sie verletzt, ist ein Feind.

Fazit
Zunächst möchte ich mal meine Begeisterung über die bezaubernde Cover- und Buchschnitt-Gestaltung ausdrücken. Das Cover greift einige Elemente der Geschichte auf und bringt sie so fantastisch ins Bild.

Durch das Cover wird man gleich auch in den japanischen Background eingeführt. Genau diese Bilderwelten der japanischen Mythologie und Legenden hatten mich interessiert. Sie werden sehr einfühlsam und bildreich in die Geschichte eingewoben, sodass man nie überfordert ist. Doch auch mit der Härte, Gewalt und Grausamkeit jener Zeit wird man konfrontiert.

Die Riege der Protagonisten ist zwar vielfältig, aber auch gut überschaubar. Die junge Perlentaucherin Kai schildert aus ihrer Sicht das Geschehen. Man kann sich wunderbar mit dieser Figur identifizieren, die viele Abenteuer und eine rasante persönliche Entwicklung durchlebt. Die Zwillinge sind sehr gegensätzliche Charaktere, lieben sich aber innig. Kai sieht sich eher als den „bösen“ Zwilling. Tatsächlich ist sie anfangs ungeduldig und ungehorsam, aber ihr Durchsetzungswillen und Zielstrebigkeit sind es, die sie als tapfere Heldin durch ihr Abenteuer hindurch tragen werden. Ihre Liebe und Ergebenheit zu Kishi lassen sie treu ihre Mission durchhalten. Diese gefahrvolle Reise lässt sie reifen, erwachsen werden und Verantwortung übernehmen. Immer wieder stehen schmerzhafte Entscheidungen vor ihr. Von Anfang an zieht Kai aus den Mythen ihrer Heimat, die sie seit Kindertage begleiten, Weisheit und Kraft. Vielleicht schafft sie damit sogar einen neuen Heldenmythos. Das mitzuerleben ist sehr bereichernd.

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Veröffentlicht am 27.02.2024

Elyssa & Aenaeas - eine tragische Liebe in Karthago

Elyssa, Königin von Karthago
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Das Cover, sehr zurückhaltend, klassisch mit dem zarten Gold eines sich auflösenden Schleiers leitet sehr treffend zu diesen Roman hinüber.

Die Grundlage dieses Romans bildet die klassische Geschichte ...

Das Cover, sehr zurückhaltend, klassisch mit dem zarten Gold eines sich auflösenden Schleiers leitet sehr treffend zu diesen Roman hinüber.

Die Grundlage dieses Romans bildet die klassische Geschichte um den trojanischen Prinzen Aeneas, den wir schon aus Homers Ilias kennen. Die letzte Schlacht um Troja ist geschlagen. Aeneas trägt seinen Vater auf den Schultern durch die Flammen. Zusammen mit seinem Gefolge zieht er auf einer Irrfahrt durch das Mittelmeer. Am Ende erreichten sie das Gebiet um den Fluss Tiber, um dort das „neue Troja“ zu gründen, aus dem später Rom entstand.

Eine unter mehreren Stationen auf Aeneas langer Irrfahrt war die junge Stadt Karthago. Diese war von Elyssa (auch Dido genannt) gegründet worden. Die phönizische Prinzessin war mit ihrem Gefolgsleuten vor ihrem Bruder hierher an die Küste Nordafrikas geflohen.

Vergil kommt ins Spiel

Der römische Dichter Vergil erzählt in seiner „Aineas“ seine eigene Geschichte um Aeneas und Elyssa. Er lässt den geflohenen trojanischen Helden in einen Sturm geraten. Dieser verschlägt ihn mit seinen Leuten, darunter auch sein kleiner Sohn Iulus, an das Ufer der neu gegründeten Stadt Karthago. Hier wird er von der Herrscherin Elyssa freundlich aufgenommen. Ihr erzählt Aeneas vom Schicksal Trojas, den Listen der Griechen, seiner Irrfahrt und auch von dem Orakel der Götter.
Die verwitwete Elyssa verliebt sich in Aeneas. Doch eine Beziehung zwischen beiden widerspricht dem Willen von Zeus, der auf die Gründung des neuen Weltreiches besteht.

Elyssa rückt wieder ins Rampenlicht

Auf Vergils Version greift die spanische Autorin Irene Vallejo in dem Roman „Elyssa“ zurück. In ihrer Wiedererzählung der Mythologie betrachtet sie die Ereignisse aus wechselnden Perspektiven von Elyssa, ihrer Halbschwester Anna, des trojanischen Helden Aeneas, dem Gott der Liebe Eros und sogar aus der des Dichters des Epos Vergil selber.

Themen und Figuren aus der griechischen Mythologie werden in der modernen, auch gerade feministisch orientierten Literatur zur Zeit gerne aufgegriffen und neu erzählt. Mich haben da besonders die Erzählungen von Madeline Miller („Circe“) oder Natalie Haynes begeistert. Vielleicht bin ich deshalb mit einer bestimmten Erwartungshaltung an diesen Roman herangegangen. Die konnte allerdings nicht in allen Punkten erfüllt werden.

Das Schicksal des Aenaes nach dem trojanischen Krieg oder der Mythos um Karthago war mir nicht so präsent, dass ich problemlos in die Geschichte hätte einsteigen können. Leider fehlen dem Roman entweder eine erläuternde Einführung oder ein paar Zeilen im Anhang zum Nachschlagen. Da bleibt einem nur die eigene Internetrecherche um die Wissenslücken zu füllen. Natürlich kann man das Buch auch ohne Nachschlagen lesen, aber mir persönlich fehlt dann der Hintergrund.

Untypische Heldinnen

Der Wechsel der Perspektiven der handelnden Charaktere erfolgt kapitelweise. Dieser Sichtwechsel ist recht interessant und abwechslungsreich. Vor allem die Schilderungen des Gottes Eros zeigten gewissen Witz. Auch dass man in die Schreibblockade und die Gefühlswelt des Dichters des Epos, den Römer Vergil, Einblicke bekommt, empfand ich als sehr frische, auflockernde Idee.
Die Charaktere Elyssa und Aeneas haben einiges gemeinsam. Er – ein typischer Held, der letzte Überlebende des trojanischen Königsgeschlechtes auf der Suche nach einem Neuanfang, Sie - eine mutige, heldenhafte Frau, als Prinzessin geboren, taktisch-kluge Stadtgründerin. Beide sind im mittleren Alter mit einer ehelichen Beziehung hinter sich. Trotzdem oder gerade deshalb sind sie keine klassischen Helden, sondern Menschen mit Zweifeln, Unsicherheiten und dem Bedürfnis nach Liebe und Sicherheit. Das ist ein echter Pluspunkt dieser Geschichte.

Mit Elyssa wird auch eine bislang eher unbekannte Frau aus dem Dunkel der Mythen ins Licht der Aufmerksamkeit gestellt. Sonst ist sie vielleicht eher bekannt als kleine Randnotiz der Geschichte Karthagos. Auch Karthago als Handlungsort fällt aus dem Rahmen. Beides finde ich sehr erfrischend neu.

Der Schreibstil ist ansonsten eher etwas distanziert, in ruhigerem Tempo und an der Klassik orientiert. Das führte allerdings zu einer gewissen inneren Distanz zu den Figuren bei mir, so dass ich mich nicht in die Handlung hineingezogen fühlte. Dabei ist durchaus ein Spannungsbogen geboten. Die Konflikte durch innere und äußere Feinde setzen die Charaktere nämlich ziemlich unter Druck.

Die Konflikte, die in und um Karthago herum stattfinden, muten einem als Leser
in nicht antik, sondern leider nur zu aktuell an: Kolonialismus, Vertreibung anderer Völker, Genozid, Fremdenhass, Intrigen, Ermordung politischer Gegner etc.
Vermutlich tut man sich als Leser*in etwas leichter, wenn man nicht gleich mit einer bestimmten Erwartungshaltung an diesen Roman herangeht und auch ein ruhiges Erzähltempo entspannend findet.

Immerhin ist der Mythos um die Stadt Karthago mal etwas Neues im Reigen der mythologischen Neuerzählungen.

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