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Veröffentlicht am 28.11.2018

Kafkaesker Science-Fiction-Roman

Das Experiment
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Manchmal sind mir Wissenslücken echt unangenehm, vor allem dann, wenn es sich um gute Schriftsteller handelt. So geht es mir gerade mit Arkadi und Boris Strugatzki, die ich erst jetzt dank des grandiosen ...

Manchmal sind mir Wissenslücken echt unangenehm, vor allem dann, wenn es sich um gute Schriftsteller handelt. So geht es mir gerade mit Arkadi und Boris Strugatzki, die ich erst jetzt dank des grandiosen Romans "Das Experiment" kennengelernt habe. Richtig schlimm ist, dass mir die Brüder, bevor ich das Buch im Laden entdeckte, völlig unbekannt waren.


Ich habe das Buch ehrlich gesagt auch aus den falschen Motiven gekauft, denn ich bin allein nach dem Rückentext des Verlags gegangen. Das soll nicht implizieren, dass der Verlag Irreleitendes geschrieben hat. Vielmehr habe ich die wichtigsten Hinweise völlig ignoriert. So habe ich ein völlig anderes Buch gelesen als ich erwartet hatte. Und trotzdem bin ich hin und weg und froh, das Buch gelesen zu haben. Um ehrlich zu sein: Vielleicht hätte ich den Roman - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt - gar nicht gelesen, wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet. Mir war nach etwas Seichtem und schnell Lesbarem. "Das Experiment" ist aber nun einmal nicht seicht und die Sätze und vor allem Dialoge fand ich zu gut, um sie in aller Eile zu konsumieren. Manchmal ist es gut, überrascht zu werden.

Bei allen literarischen Qualitäten ist "Das Experiment" aber vor allem eine beißende Kritik am damaligen Sowjet-Russland. Schon nach dem ersten Kapitel stellte sich mir gar nicht mehr die Frage, weshalb die Strugatzki-Brüder das Buch so lange unter Verschluss hielten. Mir hat der Roman aber auch so gut gefallen, weil es mich an vielen Stellen ungemein an Kafkas Werke erinnerte - den Kafka'schen Humor mit eingeschlossen.

Wer ein Buch erwartet, bei dem man das Hirn ausschalten kann, wird enttäuscht werden. Wenigstens ein bisschen sollte man das Hirn einschalten, denn die Fragen, die sich während des Lesens stellen, werden wohlweislich nicht bis zum Erbrechen von den Autoren beantwortet. Da muss der Leser schon mitdenken und sich sein eigenes Bild machen. Es dürfte auch hilfreich sein, ein bisschen über Zaren- und Sowjet-Russland (vor allem unter Stalin und Cruschtschow zu wissen. Ein bisschen allgemeines Geschichtswissen ist durchaus auch hilfreich, um die vielen Andeutungen zu verstehen. Und nein: Das ist nicht arrogant, das ist ein Tipp.

Alle Andeutungen habe ich natürlich nicht verstanden - trotz des Vorworts, des kurzen Erläuterungsteils und des Nachworts, aber das bisschen Allgemeinwissen, über das ich verfüge, hat ungemein geholfen, den Ereignissen zu folgen.

Was aber ist "Das Experiment" nun? Es ist ganz sicher kein typischer Sci-Fi-Roman. Ja, es gibt sie, die Sci-Fi-Elemente, aber im Kern ist "Das Experiment" eine Kritik an verschiedenen politischen Ideologien und eine Parabel auf die Sehnsucht der Menschen nach Erkenntnis zum Sinn des Lebens. Zumindest habe ich das Buch so verstanden.

Mir persönlich hat die Mischung gefallen. Die Strugatzki-Brüder verbinden völlig absurde Geschehnisse (ich sage nur Paviane) mit dystopischen, intellektuellen, philosophischen und aberwitzigen Situationen - und das so gekonnt, dass das Buch einfach Spaß macht.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich empfehle "Das Experiment" all denen, die intelligente Literatur mögen und womöglich etwas mit Franz Kafka anfangen können. Die sind hier gut aufgehoben. "Das Experiment" ist ein tolles Buch, das Lust auf den Rest des Werks der Strugatzki-Brüder macht!

Veröffentlicht am 28.11.2018

Starker Thriller

Feinde
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Ich habe nicht viel erwartet, als ich Susanne Saygins "Feinde" gekauft habe. Das Cover hat mich im Buchladen aber immer dermaßen angelacht, dass ich irgendwann tatsächlich zugegriffen habe. Und ich habe ...

Ich habe nicht viel erwartet, als ich Susanne Saygins "Feinde" gekauft habe. Das Cover hat mich im Buchladen aber immer dermaßen angelacht, dass ich irgendwann tatsächlich zugegriffen habe. Und ich habe es keine Sekunde lang bereut.

Dieses Buch ist - um es auf den Punkt zu bringen - verdammt gut. Ich stehe deutschen Krimi- und Thrillerautoren eher kritisch gegenüber. Meistens sind mir die Romane zu seicht oder zu konstruiert oder schlicht zu langweilig. Aber Saygings Debüt ist von Anfang bis Ende dermaßen realistisch, gut geschrieben und spannend, dass ich froh bin, es mir gekauft und es gelesen zu haben. Laut Klappentext hat Susanne Saygin für "Feinde" fünf Jahre recherchiert und ich bin versucht, das zu glauben.

Auf mich wirkte der Thriller, der in Köln beginnt (und weit davon entfernt ist, ein seichter Regionalkrimi zu sein), wohl durchdacht und realitätsnah. Alles, was in dem Buch geschieht, könnte so auch geschehen (und geschieht wohl leider auch teilweise so - was das Erschreckendste und Niederschmetterndste ist).

Auch sprachlich hat mich "Feinde" überzeugt. Susanne Saygin hat einen eher nüchternen Sprachstil gewählt, der weit entfernt ist vom Betroffenheitschmalz, den viele schlechtere Autoren angesichts der Thematik wohl gewählt hätten. Saygins Sprache ist direkt, teilweise erschreckend direkt, aber es passt jederzeit und wirkt nie aufgesetzt. Auch das - gerade wenn Autoren sexuell explizite Sprache verwenden - hebt sie wohltuend vom Durchschnitt ab.

Für mich ist Saygin eine echte Entdeckung. Wie sie die Geschichte vorantreibt und sich am Ende alles nach und nach auflöst und sich dann auch noch ganz nebenbei eine unfassbar schöne, ganz unsentimental erzählte Liebesgeschichte herauskristallisiert, das könnte man als sehr konstruiert bezeichnen, aber - ganz ehrlich - das hat mich keine Minute gestört. Eher fällt mir das jetzt auf, während ich das Buch rezensiere und noch einmal Revue passieren lasse.

Während des Lesens habe ich kein einziges Mal mit den Augen gerollt oder mit dem Kopf geschüttelt oder auch nur ansatzweise Unmut empfunden. Nein, ich habe mich bestens unterhalten gefühlt.

In "Feinde" gibt es wahnsinnig viel zu entdecken - Saygin verknüpft Korruption, Menschenhandel, EU-Politik, Mord, Rechtsradikalismus, aber auch naive Hilfsbereitschaft zu einem brodelnden Gemenge, das keine einfache Lösung zulässt. Das merkt man am Ende auch. Genau genommen kann man natürlich anführen, wie unrealistisch es ist, aber ich will es mal so sagen: Die Spuren wurden während des gesamten Thrillers immer wieder gelegt, so dass es für mich echt okay ist, auch wenn dies das einzige Mal ist, dass Saygin bei allem Realismus einfach mal nicht hyperrealistisch sein wollte.

Für die deutschsprachige Thrillergemeinschaft ist Susanne Saygin jedenfalls ein großer Gewinn. Ich hoffe, sie wird noch mehr Bücher veröffentlichen!