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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.03.2025

großartige Geschichte über die Lebenswege von Frauen in 3 Generationen

Stromlinien
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In den Elbmarschen warten die Zwillingsschwestern Enna und Jale sehnsüchtig auf die Entlassung ihrer Mutter Alea. Doch als der erhoffte Tag kommt, sind Alea und Jale verschwunden. Entschlossen macht sich ...

In den Elbmarschen warten die Zwillingsschwestern Enna und Jale sehnsüchtig auf die Entlassung ihrer Mutter Alea. Doch als der erhoffte Tag kommt, sind Alea und Jale verschwunden. Entschlossen macht sich Enna auf eine Reise durchs Alte Land. Dabei lüftet sie die dunklen Geheimnisse ihrer Familiengeschichte, die ihr Leben für immer verändern.
"Stromlinien" von Rebekka Frank ist für mich ein literarisches Feuerwerk, das die Seele berührt und lange nachhallt. Die Autorin schafft es, die Schicksale der Frauen über drei Generationen hinweg so eindringlich darzustellen, dass man fast den Herzschlag jeder einzelnen Protagonistin spüren kann. Es ist, als ob man durch ein Kaleidoskop blickt, in dem jedes Fragment – jede Erfahrung, jede Tragödie und jede zarte Hoffnung – ein essenzielles Puzzleteil des großen Ganzen bildet.
Besonders fasziniert mich, wie Frank das unermüdliche Spiel von Verantwortung und Schuld in den Familienlinien beleuchtet. Ihre Schilderungen zeigen eindrucksvoll, wie wir im jugendlichen Leichtsinn Taten begehen, deren Grausamkeit uns oft erst später bewusst wird, wenn die unerwarteten Konsequenzen unbarmherzig zuschlagen. Dieses Handeln, das aus einer unüberlegten Impulsivität heraus entsteht, hinterlässt nicht nur Narben, sondern führt im Buch auch zu einem schuldhaften Schweigen, das die Frauen einmauert und deren persönliches Wachstum hemmt. Es ist, als ob die unausgesprochene Schuld wie ein schwerer Schleier über die Seele legt, der den Weg zu Freiheit und Heilung versperrt.
In diesem Kontext gewinnen die Schicksale der Zwillinge Ehmi und Greetje sowie ihrer Enkel Jale und Enna eine besondere Bedeutung. Die Zwillingsfiguren verkörpern die doppelte Last der geteilten Geschichte: Während Ehmi und Greetje als erwachsene Frauen in einem moralischen Strudel um ihre Entscheidung um Alea gefangen sind, kämpfen deren Töchter Jale und Enna mit den nachhaltigen Auswirkungen dieser vergangenen Taten. Die unbewussten Wiederholungen und das beharrliche Schweigen, das über Generationen hinweg anhält, zeigen eindrucksvoll, wie sich Verantwortung und Schuld wie ein roter Faden durch das Leben ziehen – und wie schwer es ist, sich von ihnen zu befreien, solange die Wunden nicht aufgearbeitet werden.
Rebekka Frank gelingt es meisterhaft, den Leser:innen nicht nur eine fesselnde Geschichte zu präsentieren, sondern auch einen Spiegel vorzuhalten – einen Spiegel, in dem sich jeder in den komplexen Gefühlswelten der Frauen wiederfinden kann. Die Verbindung zwischen persönlichen Erlebnissen, gesellschaftlichen Strömungen und der schmerzlichen Realität, die aus jugendlichem Leichtsinn und dem anschließenden Schweigen entsteht, macht das Buch zu einem unverzichtbaren Werk. Es fordert uns heraus, uns mit den Schatten unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen, um Raum für Heilung und persönliches Wachstum zu schaffen.
"Stromlinien" ist ein literarisches Meisterwerk, das die zeitlosen Themen von Schuld, Verantwortung und dem Drang, sich selbst zu befreien, auf eine Weise beleuchtet, die aktuell, relevant und zutiefst menschlich ist.
Danke an Lovelybooks für das Leseexemplar!

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Veröffentlicht am 24.03.2025

eine interessante, fast philosophische Annäherung

Dunkelheit
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„Dunkelheit. Ein Plädoyer“ von Lisa-Viktoria Niederberger ist ein Buch, das auf überraschend zugängliche Weise die vielen Seiten der Dunkelheit beleuchtet. Dabei geht es nicht nur um das, was wir in der ...

„Dunkelheit. Ein Plädoyer“ von Lisa-Viktoria Niederberger ist ein Buch, das auf überraschend zugängliche Weise die vielen Seiten der Dunkelheit beleuchtet. Dabei geht es nicht nur um das, was wir in der Nacht oft als bedrohlich oder unheimlich empfinden, sondern um ganz neue Perspektiven auf das, was Dunkelheit eigentlich sein kann.
Die Autorin führt uns durch ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse, die sie im Laufe der Zeit gesammelt hat – und verbindet diese mit interessanten historischen Einblicken. Sie fragt zum Beispiel, warum wir Licht immer mit Fortschritt und Sicherheit verbinden, während Dunkelheit oft nur als Mangel oder Gefahr gesehen wird. Niederberger zeigt, dass in der Dunkelheit auch etwas Wertvolles steckt, das unser Leben bereichert: die Ruhe, die natürliche Ordnung und die Möglichkeit, dem hektischen Alltag zu entkommen.
Ein besonderer Teil des Buches widmet sich den Auswirkungen von künstlichem Licht. Niederberger erklärt, wie unser übermäßiger Gebrauch von Licht nicht nur den Himmel verdunkelt und Sterne verschwinden lässt, sondern auch das Verhalten von Tieren und letztlich auch unser eigenes Wohlbefinden beeinträchtigt. Dabei wird klar, dass unser moderner Lebensstil seinen Preis hat – und dass es wichtig ist, auch den natürlichen Rhythmus der Nacht wieder zu schätzen.
Was „Dunkelheit. Ein Plädoyer“ aber so besonders macht, ist die liebevolle Art und Weise, wie Niederberger die Nacht beschreibt. Sie malt uns Bilder von klaren, sternenklaren Himmeln und einer fast magischen Stille, die in der Dunkelheit wohnt. Ihre Sprache ist dabei ehrlich und poetisch zugleich – sie spricht uns direkt an und lässt uns spüren, wie bereichernd es sein kann, sich auf die Dunkelheit einzulassen.
Das Buch lädt dazu ein, die gewohnten Denkmuster zu hinterfragen und den Blick für das Ungewöhnliche zu öffnen. Es ist eine Mischung aus persönlichen Geschichten, praktischen Beobachtungen und einer frischen Sichtweise auf ein Thema, das uns alle betrifft. Wer bereit ist, sich auf dieses Erlebnis einzulassen, findet in „Dunkelheit. Ein Plädoyer“ einen inspirierenden und nachdenklichen Begleiter, der auch in einer zunehmend hell erleuchteten Welt die Schönheit der Nacht wieder sichtbar macht.
Danke an Netgalley und den Haymon-Verlag für das Leseexemplar!

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Ermittlung zwischen Traum und Realität

Der Nachtgänger
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„Der Nachtgänger“ hat mich in seinen Bann gezogen – ein Thriller, der mit einer unglaublichen Dichte an falschen Fährten und einem grandiosen Twist am Ende überzeugt. Das Autorenduo schafft es meisterhaft, ...

„Der Nachtgänger“ hat mich in seinen Bann gezogen – ein Thriller, der mit einer unglaublichen Dichte an falschen Fährten und einem grandiosen Twist am Ende überzeugt. Das Autorenduo schafft es meisterhaft, die Leser:innen ständig im Dunkeln tappen zu lassen, sodass man sich in einem Netz aus Rätseln und unerwarteten Wendungen verliert. Besonders faszinierend ist das immer wiederkehrende Thema des Schlafwandelns, das in diesem Buch eine zentrale Rolle spielt.
Die Geschichte dreht sich um einen mysteriösen Fall, bei dem der schlafwandelnde Hauptzeuge unfreiwillig in das Geschehen hineingezogen wird. Während sich Ermittler Joona Linna als Experte für Serienmörder durch zahlreiche Irrwege und falsche Fährten kämpft, laufen scheinbar eindeutige Hinweise ins Leere. Allmählich verdichtet sich das Netz aus Zweifeln und Verdächtigungen, bis in einem atemberaubenden Twist der wahre Täter entlarvt wird. Die Grenze zwischen Realität und Albtraum verschwimmt dabei immer wieder aufs Neue – eine Spannung, die dem Roman seine filmische Dynamik verleiht.
Ein Aspekt, der mich besonders berührt hat, ist die Darstellung von Joona, dem Ermittler, der diesmal allein ermittelt. Joona besticht durch seine sympathische, authentische Art – ein Charakter, der trotz der erdrückenden Dunkelheit des Falls stets einen Funken Menschlichkeit bewahrt. Seine ruhige Entschlossenheit und sein unermüdlicher Einsatz, die Wahrheit ans Licht zu bringen, machen ihn zu einem echten Leuchtturm in diesem Labyrinth aus falschen Fährten. Allerdings verliert der Krimi meiner Meinung nach davon, dass Joona diesmal allein ermittelt - die Dynamik zwischen Joona und Saga Bauer sorgte bisher für viele Sympathiepunkte und zusätzliche emotionale Tiefe. Es bleibt die Hoffnung, dass sie im nächsten Band wieder in Erscheinung tritt und das ohnehin schon faszinierende Kepler-Universum weiter bereichert.
Zudem beeindruckt die Eigenart des Autorenduos, auch Nebenfiguren mit liebevoller Detailverliebtheit einzuführen – nur um sie dann, sei es durch ihr plötzliches Ableben oder weil sie schlicht keine Rolle mehr spielen, rasch wieder verschwinden zu lassen. Dieses Stilmittel verleiht der Erzählung eine besondere Dynamik und lässt die Leser:innen stets am Rande der Erwartung verharren.
Ein winziger Kritikpunkt für mich ist allerdings, dass Kepler mehrere Subplots durch das komplette Buch ziehen, die dann quasi mit einem Schulterzucken nebenbei geklärt werden. Das lässt mich etwas fragend zurück.

„Der Nachtgänger“ ist ein mitreißendes Leseerlebnis, das durch seine spannende Handlung, das faszinierende Spiel mit dem Thema Schlafwandeln und die vielschichtige Darstellung der Figuren besticht. Vor allem Joona, der sympathische und zugleich zutiefst menschliche Ermittler, macht diesen Thriller zu einem unvergesslichen Erlebnis. Ein absolut empfehlenswerter Roman für alle, die sich in ein Labyrinth aus Geheimnissen und überraschenden Enthüllungen verlieren möchten.

Danke an Bastei-Lübbe und Lesejury für das Lese-Exemplar!

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  • Spannung
Veröffentlicht am 12.03.2025

Identitätsfindung und große Emotionen

Märtyrer!
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"Märtyrer" von Kaveh Akbar hat mich zutiefst beeindruckt – ein Roman, der mit scharfsinniger Klugheit und zärtlicher Sensibilität seine Figuren zum Leben erweckt und dabei weitreichende Themen aufgreift. ...

"Märtyrer" von Kaveh Akbar hat mich zutiefst beeindruckt – ein Roman, der mit scharfsinniger Klugheit und zärtlicher Sensibilität seine Figuren zum Leben erweckt und dabei weitreichende Themen aufgreift. Der Autor führt den Leser auf eine Reise, die von den kulturellen Nuancen Irans bis zu den kontrastreichen Realitäten der USA reicht. Dabei wird freies Denken in all seinen Facetten zelebriert – von Queerness über intersektionales Denken bis hin zu den allgegenwärtigen Herausforderungen des Rassismus.
Besonders berührt hat mich die Art und Weise, wie Akbar die Identitätsfindung des Protagonisten darstellt, der zwischen seiner Faszination für das Märtyrertum und den widersprüchlichen Erwartungen seiner Umwelt hin- und hergerissen ist. In diesem Kontext findet sich auch das prägnante Zitat des Buches: "Acht der zehn Gebote sagen dir, was du nicht sollst. Aber man kann das alles sein Leben lang unterlassen und trotzdem nichts Gutes tun." Dieses Zitat eröffnet einen tiefgründigen Blick auf die Realität, insbesondere für BIPoC-Personen, die in rassistischen Umfeldern leben. Während ihnen oft zahlreiche Verbote auferlegt werden – es gibt vieles, was sie nicht tun „dürfen“ –, zeigt das Buch eindrucksvoll, dass wahre Identität erst in den Entscheidungen entsteht, die wir für etwas treffen. Es ist dieser Mut, aktiv zu werden und sich für Werte und Lebensentwürfe zu entscheiden, der nicht nur den Protagonisten, sondern auch die herausfordernden Lebenswege der Nebenfiguren prägt.
Diese Nebenfiguren, deren Lebenswege von tiefem Schmerz und gesellschaftlichen Widerständen gezeichnet sind, finden trotz aller Widrigkeiten immer wieder einen Halt in der Liebe. Es ist die Liebe, die ihnen in den dunkelsten Stunden Hoffnung schenkt und sie aufrecht erhält – ein Lichtstrahl, der zeigt, dass selbst in einem von Verboten und Ausgrenzung geprägten Umfeld die Kraft der eigenen Entscheidungen den Weg zur Selbstverwirklichung ebnet.
Insgesamt ist "Märtyrer" ein literarisches Meisterwerk, das sowohl intellektuell als auch emotional herausfordert. Kaveh Akbar gelingt es, gesellschaftliche Zusammenhänge und individuelle Schicksale kunstvoll miteinander zu verweben und dabei eine Botschaft zu vermitteln, die weit über das geschriebene Wort hinausgeht: Identität entsteht nicht durch das bloße Vermeiden von Fehlern, sondern durch den mutigen Akt, für etwas einzustehen – selbst, wenn der Weg steinig und voller Hürden ist. Dieses Buch ist eine inspirierende Lektüre, die lange im Gedächtnis bleibt und zum Nachdenken anregt.
Danke an den Rowohlt-Verlag und NetgalleyDE für das Leseexemplar!

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Veröffentlicht am 11.03.2025

Emotionen, Schmerz und Poesie

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Sarah Lorenz' Debütroman Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken erzählt die bewegende Geschichte von Elisa, die in Form von Briefen an die Dichterin Mascha Kaléko ihr Leben reflektiert. Ihre Wut ...

Sarah Lorenz' Debütroman Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken erzählt die bewegende Geschichte von Elisa, die in Form von Briefen an die Dichterin Mascha Kaléko ihr Leben reflektiert. Ihre Wut über die gesellschaftliche Gleichgültigkeit gegenüber der Not und das Versagen sozialer Systeme ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Erzählungen. Diese Wut ist nicht nur Ausdruck ihres persönlichen Schmerzes, sondern auch eine Anklage gegen eine Gesellschaft, die oft wegschaut.
Elisa berichtet von ihrer schwierigen Kindheit im Heim und ihrer Zeit als Obdachlose auf der Kölner Domplatte. Trotz aller Dunkelheit ist viel Lebenshunger zu spüren – eine wilde Energie, ein Drängen, das sie antreibt. Gleichzeitig ist da eine Faszination an der Verwahrlosung, eine Art Heroin Chic, ein Hingezogensein zur Ästhetik des Zerfalls. Sie taumelt durch exzessive Nächte, verliert sich in der Sucht nach Rausch und Vergessen. Auch sexuelle Ausbeutung spielt eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Männer, die sich ihre Not zunutze machen, ihre Sehnsucht nach Nähe missbrauchen – Elisa erlebt es immer wieder. Sie sucht verzweifelt nach Liebe, nach einem echten Ankommen. Doch lange findet sie nur Leere, wird zurückgeworfen auf sich selbst, auf eine Welt, die ihr nichts schenkt. Trotz allem verspürt sie eine zerstörerische Faszination am Untergang. Sie balanciert ständig am Rande des Abgrunds, was dem Roman eine intensive Spannung verleiht. All dies wäre nicht zu ertragen, gäbe es da nicht immer auch Hoffnung auf etwas anderes, was sie vorantreibt und sie im Leben hält.
Besonders eindrucksvoll ist die gewählte Form: Jedes Kapitel nimmt ein Gedicht als Ausgangspunkt, um von dort aus in Elisas Vergangenheit einzutauchen. Die Lyrik wird so zum Spiegel ihrer Erfahrungen, gibt den Erinnerungen eine Struktur und verleiht dem Roman eine poetische Tiefe. Diese ungewöhnliche Erzählweise verstärkt die emotionale Wucht des Textes und hebt ihn aus der Masse vergleichbarer Geschichten heraus.
Sarah Lorenz gelingt es, mit Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken ein kraftvolles Debüt vorzulegen, das die Abgründe der menschlichen Seele auslotet und gleichzeitig Hoffnungsschimmer aufzeigt. Ein Buch, das lange nachhallt und tief bewegt.
Danke an den Rowohlt-Verlag und Netgalley für das Lese-Exemplar!

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