Profilbild von SimoneF

SimoneF

Lesejury Star
online

SimoneF ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit SimoneF über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.01.2025

Stark!

Halbe Leben
0

„Halbe Leben“ war mein erstes Buch von Susanne Gregor. Da mir aber kürzlich von einer Freundin „Wir werden fliegen“ empfohlen wurde, war ich sehr neugierig und gespannt.

Paulina ist eine slowakische Pflegekraft, ...

„Halbe Leben“ war mein erstes Buch von Susanne Gregor. Da mir aber kürzlich von einer Freundin „Wir werden fliegen“ empfohlen wurde, war ich sehr neugierig und gespannt.

Paulina ist eine slowakische Pflegekraft, die ihre beiden halbwüchsigen Kinder in der Heimat zurücklässt, um in Österreich bei Klaras Familie die Großmutter zu betreuen. Diese ist nach einem Schlaganfall häufig verwirrt und auf Hilfe angewiesen. Paulina arbeitet im Zwei-Wochen-Rhythmus, lebt also immer zwei Wochen bei Klara und Jakob, ihrer Tochter und der Großmutter im Haus, um dann für zwei Wochen zurück in die Slowakei zu fahren.

Paulina ist einfühlsam, fleißig und kompetent, sie bekommt schnell einen Draht zu Klaras Mutter, die ganze Familie schließt Paulina schnell ins Herz. Paulina wird auch ein Stück weit ins Familienleben integriert – und bekommt auf der anderen Seite immer wieder zu spüren, dass sie doch nur eine Angestellte ist. Dieser Zwiespalt wurde von Susanne Gregor sehr einfühlsam und realistisch beschrieben, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das bei vielen Familien, bei denen eine Pflegekraft im Haushalt lebt, zu ähnlichen schwierigen Situationen führen kann. Einerseits wohnt man unter einem Dach, erlebt einander zwangsläufig in privateren Situationen, hat aber letztendlich nur ein professionelles Verhältnis. Zudem treffen bei Paulina und Klara völlig unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinander, die zu Missverständnissen führen. Klara hat einen sehr fordernden, aber gut dotierten Job in einem Architekturbüro, und behandelt Paulina aus Gedankenlosigkeit gelegentlich von oben herab. Sie ist es gewohnt, dass sich Dinge mit Geld regeln lassen, während Paulina sehen muss, wie sie mit ihren beiden Kindern über die Runden kommt, und sich zwischen ihrem Leben als Mutter und dem Beruf fernab der Heimat aufreibt.

Susanne Gregors klarer, schnörkelloser Schreibstil gefiel mir auf Anhieb. Die Charaktere wirken realistisch und lebendig, und ich konnte mich vor allem in Paulina sehr gut hineinversetzen. Auf gewisse Weise konnte ich jedoch auch Klara verstehen. Der Roman ist geschickt aufgebaut und hält bis zur letzten Seite die Spannung, so dass ich das Buch nicht weglegen konnte und es in einem Rutsch gelesen habe. Ein Buch das sehr nachdenklich stimmt und das ich unbedingt weiterempfehlen möchte!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.01.2025

Leben im Krieg

Nachtgäste
0

Nachdem ich kürzlich „Radio Sarajevo“ von Tijan Sila gelesen hatte, wurde ich nun auf „Nachtgäste“ aufmerksam.

Die Ich-Erzählerin Maja, eine fiktive junge Erwachsene, deren Wunsch es ist, Schriftstellerin ...

Nachdem ich kürzlich „Radio Sarajevo“ von Tijan Sila gelesen hatte, wurde ich nun auf „Nachtgäste“ aufmerksam.

Die Ich-Erzählerin Maja, eine fiktive junge Erwachsene, deren Wunsch es ist, Schriftstellerin zu werden, erzählt tagebuchartig von ihrem Leben während des Bosnienkrieges in Sarajevo. Das Schreiben wird hierbei für sie zu einer Notwendigkeit, da es ihrem Leben Struktur und Halt gibt. Zusammen mit ihren Eltern, ihrem verheirateten Bruder und dessen schwangerer Frau, der Großmutter, zwei Partisanen und dem Hund Sniffy wohnen sie im Museum, dessen Direktor der Vater ist, nachdem ihre Wohnung ausgebrannt ist.

Mit jugendlichem Blick und ironischem Unterton schildert sie ihren Alltag inmitten des Krieges und ihre oft skurrilen Beobachtungen. Diese sind oft tragisch und komisch zu gleich, etwa wenn es darum geht, eine Ultraschalluntersuchung für die hypochondrische Schwägerin zu „organisieren“. Und so steht die Leichtigkeit von Majas jugendlicher Erzählweise oft im Gegensatz zu den schrecklichen Ereignissen des Krieges.

Ein sehr lesenswerter Roman, der glücklicherweise 30 Jahre nach seinem Erscheinen nun wieder neu aufgelegt wurde.


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.01.2025

aufrüttelndes Buch zur chemischen Unterwerfung

Und ich werde dich nie wieder Papa nennen
0

Caroline Darian ist die Tochter von Gisele Pelicot, die in den letzten Jahren durch ihren Mut, den Prozess gegen ihren Ex-Mann öffentlich zu führen, zur feministischen Ikone geworden ist. Ihr Mann hatte ...

Caroline Darian ist die Tochter von Gisele Pelicot, die in den letzten Jahren durch ihren Mut, den Prozess gegen ihren Ex-Mann öffentlich zu führen, zur feministischen Ikone geworden ist. Ihr Mann hatte sie über Jahre betäubt, vergewaltigt und übers Internet über 70 anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten und die Taten gefilmt. Im Dezember 2024 wurde er zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Caroline Darian beschreibt in ihrem Buch die Zeit zwischen dem 2. November 2020, dem Tag, an dem sie von den Vorwürfen gegen ihren Vater erfuhr, bis Ende 2021. Sie erzählt eindrücklich, wie sehr die Taten ihres Vaters das gesamte Familiengefüge erschüttert haben, und auch, wie unterschiedlich ihre Mutter und sie diese verarbeiten. Auch die sensationslüsterne Berichterstattung durch die Boulevardmedien und die Belastung, die diese für die Familie darstellte werden thematisiert, und dieses Buch ist auch für Caroline Darian eine Möglichkeit, ihre Geschichte selbst zu erzählen.

Caroline Darian setzt sich inzwischen für die Opfer chemischer Unterwerfung ein. Noch immer wird diese häufig nicht als solche erkannt, und Caroline Darian klärt darüber auf, bei bestimmten Anzeichen hellhörig zu werden und auf einer toxikologischen Untersuchung zu bestehen.

Sehr erschreckend ist auch zu lesen, wie sie, ihre Mutter und ihre Geschwister nach dem Termin auf der Polizeiwache, bei dem sie erstmals mit den Fotos und Videos des Vaters bzw. Ehemannes konfrontiert wurden, völlig allein gelassen worden. Es gab weder eine medizinische noch eine psychologische Betreuung. Caroline Darian weist eindringlich darauf hin, dass hier im Bereich Opferbegleitung noch vieles im Argen liegt.

Ein sehr bewegendes und empfehlenswertes Buch, das hoffentlich dazu beiträgt, das Thema der chemischen Unterwerfung weiter in den Focus zu rücken, Anzeichen hierfür zu erkennen und den Opferschutz zu verbessern.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.01.2025

ein toller Reihenauftakt!

FREI – Bester Sommer (FREI 1)
0

Ich muss zugeben, das Cover hat mich zuerst in die Irre geleitet, und ich hielt es eher für ein Mädchenbuch. Glücklicherweise habe ich mir den Klappentext doch noch genauer angesehen und wurde neugierig.

Der ...

Ich muss zugeben, das Cover hat mich zuerst in die Irre geleitet, und ich hielt es eher für ein Mädchenbuch. Glücklicherweise habe ich mir den Klappentext doch noch genauer angesehen und wurde neugierig.

Der Ich-Erzähler Joshua ist ein aufgeweckter 14-jähriger Junge, der in seinem Leben schon zwölfmal umgezogen ist, da seine Mutter als Künstlerin ständig auf der Suche nach neuer Inspiration ist. Und nach Stationen wie Berlin, Neapel, Wien oder Hamburg verschlägt es Joshua diesmal in das kleine Nest Rottloch. Joshua ist alles andere als begeistert, und sein Bestreben, in der Schule neue Freunde zu finden, hält sich in Grenzen. Wozu auch, schließlich geht es in ein paar Monaten sicher wieder an den nächsten Ort. Doch die lokale Schule entpuppt sich als äußerst ungewöhnlich mit einem sehr freien und experimentellen pädagogischen Ansatz, und das Schuljahr startet für die Achtklässler gleich mit einer Projektwoche: Fünf Tage geht es allein ohne Handy und Erwachsene in Kleingruppen zum Wandern und Campen in den Wald. Joshua wird mit Nico, Koray, Nasrin und Nina in eine Gruppe eingeteilt. Die ungleiche Gruppe macht sich auf den Weg, und jeder hat nicht nur die nötigste Wanderausrüstung im Gepäck, sondern auch seine ganz eigenen Probleme und Geheimnisse. Die fünf unterschiedlichen Charaktere müssen sich zu einem Team zusammenfinden, und das ist angesichts der Dynamiken, die sich in Gruppen unweigerlich ausbilden, gar nicht so einfach. Und dann stoßen sie im Wald auch noch auf merkwürdige Dinge…

Sarah Welk trifft den jugendlichen Ton perfekt, und beim Lesen hatte ich tatsächlich das Gefühl, in die Gedanken- und Gefühlswelt eines 14-Jährigen einzutauchen, mit all ihren Unsicherheiten, Träumen und Ängsten. Besonders gut hat mir gefallen, dass die Geschichte dazu ermutigt, hinter die Fassade anderer Menschen zu blicken und nicht vorschnell zu urteilen.

Die Autorin verwendet umgangssprachliche Satzkonstruktionen („weil da war…“) und Wortwahl, jedoch so wohldosiert und gekonnt, dass es niemals gewollt oder künstlich wirkt, ganz im Gegenteil. Der Schreibstil ist so herrlich natürlich, lebendig und voller trockenem Humor, das ich dieses Buch an einem Tag verschlungen habe. Es hat mich stilistisch an William Sutcliffe erinnert, dessen Bücher „Grüner wird’s nicht“ und „Genial normal“ ich letztes Jahr gelesen und mich dabei köstlich amüsiert habe, obwohl ich schon aus dem Alter der Zielgruppe herausgewachsen bin (und mein Sohn mit knapp 11 noch etwas jung dafür ist – aber ich hoffe, er wird sie in 1-2 Jahren ebenso begeistert lesen).

Dieser erste Band macht Lust auf mehr, und ich bin schon gespannt, wie es mit den fünfen in Rottloch weitergeht!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.01.2025

Es brodelt, aber es passiert nichts

Drei Wochen im August
0

Elena erhält kurzfristig die Möglichkeit, das Ferienhaus ihrer Chefin in Frankreich zu nutzen. Ihr Mann Kolja bleibt daheim, in der Ehe kriselt es. Elena fährt also mit ihren beiden Kindern (6 und 13), ...

Elena erhält kurzfristig die Möglichkeit, das Ferienhaus ihrer Chefin in Frankreich zu nutzen. Ihr Mann Kolja bleibt daheim, in der Ehe kriselt es. Elena fährt also mit ihren beiden Kindern (6 und 13), der Freundin der Tochter und dem Kindermädchen Eve. Eigentlich sind die Kinder schon zu alt für eine Nanny, aber die Kinder hängen an ihr, und Elena hofft auf erholsame Wochen.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Elena und Eve erzählt, und dennoch konnte ich zu keiner der beiden eine Verbindung aufbauen und wirklich mit ihnen fühlen. Es ging mir mit diesem Buch ähnlich wie mit „Heim schwimmen“ von Deborah Levy, das ebenfalls in einem Ferienhaus in Frankreich spielt, ich fand einfach keinen Zugang.

Von Anfang an herrscht eine beklemmende, unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, und ich habe beim Lesen ständig darauf gewartet, dass sich diese entlädt oder etwas Entscheidendes passiert, doch im Grunde geschieht nichts. Fremde Personen tauchen auf, im Umland gibt es Waldbrände, Elena und Eve konkurrieren darum, wer den besseren Draht zu den Kindern hat, doch wieder warte ich vergeblich auf eine entscheidende Wende. Es findet keine für mich erkennbare Figurenentwicklung statt, alles brodelt unter der Oberfläche, doch es führt zu keiner Aussprache oder Eruption.

Insgesamt hatte ich nach dem Klappentext etwas völlig anderes erwartet und wurde leider enttäuscht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere