Ein schmales Buch mit wichtigem Inhalt - Über die materiellen Bedingungen von (weiblicher) Freiheit
Bereits mit die Freiheit einer Frau hat Edouard Louis seine Mutter ins Zentrum seines Schreibens gestellt und ihr Ausbrechen aus einer gewaltvollen Ehe und einen Neuanfang in Paris eindrucksvoll beschrieben. ...
Bereits mit die Freiheit einer Frau hat Edouard Louis seine Mutter ins Zentrum seines Schreibens gestellt und ihr Ausbrechen aus einer gewaltvollen Ehe und einen Neuanfang in Paris eindrucksvoll beschrieben. In Monique bricht aus zeigt er nun auf, dass eine solche Befreiung zu oft keine dauerhafte Freiheit verspricht. Zu stark sind Muster und Strukturen, die Menschen immer wieder in die gleichen Abhängigkeiten zu drängen scheinen. Und so muss auch Monique ein weiteres Mal für ihre Freiheit kämpfen und sich von einem gewalttätigen Partner, der sie unterdrückt, befreien.
Diesmal ist Louis dabei unmittelbar an ihrer Seite, bietet ihr ein temporäres Zuhause in seiner Wohnung, versorgt sie mit Essen und Geld und unterstützt sie beim Start in ein neues, erstmals seit über 50 Jahren überhaupt, selbstständiges Leben. Dabei verändert sich auch die durch die Vergangenheit durchaus belastete Beziehung der beiden. Louis beginnt Monique nicht mehr als Mutter zu sehen, mit all den Erwartungen, die an diese Rolle geknüpft sind, sondern als eigenständige Frau, mit Bedürfnissen, Wünschen und Träumen, die nun zu seiner gleichberechtigten Freundin wird. Die Unterstützung, die Monique für eine erfolgreiche Befreiung benötigt, zeigt dem Autor abermals und ganz unmittelbar auf, dass Freiheit jenseits abstrakter Proklamationen in unserer Gesellschaft eine materielle Grundlage hat, Freiheit so wird deutlich, muss man sich leisten können. Dies betrifft nicht nur einen positiven Freiheitsbegriff, als Befähigung zu etwas, nein, Moniques Beispiel zeigt eindringlich auf, dass selbst die Freiheit von Gewalt und Unterdrückung ohne notwendige materielle Grundlage zu oft und für zu viele Menschen eine Illusion und Wunsch bleibt.
Was Louis beschreibt ist nicht weniger als eine Metamorphose einer Frau der Arbeiterklasse, die versucht aus ihren Klassenzwängen und der darin für sie vorgesehenen Rolle und Unterdrückung auszubrechen und dem Leben mehr abzutrotzen als die gesellschaftlichen Strukturen für sie vorgesehen haben. Eindrucksvoll und auf nur wenigen Seiten vermittelt der Autor wie diese Unabhängigkeit auch ihre sozialen Beziehungen verändert, nicht zuletzt auch zu ihrem Sohn.
Louis macht es sich nicht einfach. In dieser Geschichte den Täter im jeweiligen Partner auszumachen, greift zu kurz. Vielmehr sind es Klassengrenzen, Diskriminierung und patriarchale Strukturen, unter denen nicht nur Louis Mutter leidet, sondern die auch ihre Peiniger wiederum zu Opfer eines Systems machen, das ihnen nur begrenzte Möglichkeiten einer gesunden menschlichen Entwicklung ermöglicht. Die Radikalität in der Louis diesen Gedanken verfolgt, kann ich persönlich nicht vollständig teilen, insofern hinter den absolut determinierenden Strukturen bei Louis das Individuum seine Verantwortung vollkommen zu verlieren scheint. Das macht dieses Buch für mich jedoch nicht weniger wertvoll.
Als „Archäologe seiner Mutter“ setzt der Autor nicht nur Monique ein Denkmal, sondern zeigt anschaulich wie Klassenzwänge und patriarchale Strukturen Lebenschancen determinieren und wie schwierig es ist diesen zu entkommen. Monique hat es geschafft. Unbedingt lesen!