Der amerikanische Traum als Bühne für Selbsttäuschung und Abhängigkeit
Sunset FlipMit »Sunset Flip« widmet sich Joey Goebel erneut einem ungewöhnlichen Thema und rückt diesmal die Welt des Wrestlings in den Mittelpunkt, eine Sportart, die in der Literatur bislang kaum Beachtung gefunden ...
Mit »Sunset Flip« widmet sich Joey Goebel erneut einem ungewöhnlichen Thema und rückt diesmal die Welt des Wrestlings in den Mittelpunkt, eine Sportart, die in der Literatur bislang kaum Beachtung gefunden hat. Doch wie so oft bei Goebel geht es letztlich um weit mehr als nur den eigentlichen Gegenstand der Handlung. Ähnlich wie bereits in »Heartland« und gewissermaßen auch in seinem gesamten bisherigen Werk kreist der Roman erneut um den amerikanischen Traum und die Frage, wie Menschen versuchen, sich aus einfachen Verhältnissen heraus ein anderes Leben aufzubauen.
Im Zentrum steht Auggie Schnuck, der eher zufällig in die Welt des Wrestlings gerät und auf den ersten Blick kaum wie jemand wirkt, der in diesem Milieu bestehen könnte. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen, ist introvertiert und träumt eigentlich von einer Karriere in Hollywood. Wrestling erscheint ihm zunächst lediglich als eine mögliche Einstiegschance in die Unterhaltungsindustrie, und tatsächlich scheint sein Manager ernsthaft bemüht zu sein, ihn auf diesem Weg zu unterstützen. Doch je tiefer Auggie in diese Welt hineingezogen wird, desto stärker gerät er in ein Geflecht aus Abhängigkeiten, Illusionen und schicksalhaften Entwicklungen, denen er sich kaum entziehen kann.
Literatur, die sich intensiv mit Sport beschäftigt, bewegt sich grundsätzlich auf schwierigem Terrain, denn nur selten besitzt Sport allein genügend intellektuelle Tragweite, um eine längere literarische Auseinandersetzung zu rechtfertigen. Umso wichtiger ist daher alles, was sich um das eigentliche Geschehen herum entfaltet, wie die gesellschaftlichen Mechanismen, die menschlichen Konflikte und die symbolische Ebene. Gerade beim Wrestling, das wesentlich auf Inszenierung, Täuschung und Rollenbildern beruht, eröffnet sich dabei ein interessanter Zusammenhang zur Schauspielerei und zur Welt der Unterhaltung, an dem Goebel auch gezielt ansetzt. Nach anfänglichen Befürchtungen, der Roman könne zu sehr im Wrestling- oder Hollywoodmilieu verharren, gelingt es ihm jedoch erfreulicherweise recht schnell, die Geschichte auf eine allgemeinere Ebene zu heben, auf der es letztlich um das Streben nach Erfolg, Anerkennung und persönlichem Glück geht, selbst dann, wenn die äußeren Umstände einen immer wieder zurückdrängen.
Auggie Schnuck bleibt dabei eine Figur, die sich eher treiben lässt, als ihr Leben aktiv zu gestalten, weshalb es kaum überrascht, dass er trotz seines Erfolgs im Wrestling immer wieder vom eigenen Weg abkommt. Obwohl er eigentlich genügend Härte entwickelt haben müsste, um konsequent an seinem Traum festzuhalten, wirkt er oft orientierungslos und fremdbestimmt. Schon früh deutet sich an, dass sein Wunsch nach einer Karriere in Hollywood vermutlich unerreichbar bleiben wird, wodurch sich zwangsläufig die viel grundlegendere Frage stellt, was vom Leben übrig bleibt, wenn die großen Träume zerbrechen.
Literarisch gehört Joey Goebel sicherlich nicht zu den ganz großen Stilisten, auch wenn sein Name immer wieder mit bedeutenderen Autoren in Verbindung gebracht wird. Seine Romane sind leicht zugänglich, vergleichsweise schlicht konstruiert und mit eher einfachen erzählerischen Mitteln umgesetzt. Dennoch gelingt es ihm immer wieder, mit bemerkenswerter Genauigkeit kleine Nuancen des amerikanischen Lebensgefühls sowie die allgegenwärtige Sehnsucht nach Erfolg, Macht und gesellschaftlichem Aufstieg einzufangen, und zwar weniger wertend als vielmehr beobachtend. Zwar wird Auggie als ambivalente Figur beschrieben, doch erreicht diese Ambivalenz den Leser emotional nicht immer vollständig, und ähnlich verhält es sich auch mit einigen Nebenfiguren.
Zudem entsteht der Eindruck, dass Goebel Themen, die er in früheren Romanen bereits überzeugender behandelt hat, hier noch einmal variiert: Die Sensibilität eines Mannes in einer Welt, die Härte verlangt, schilderte er in »Ich gegen Osborne« deutlich eindringlicher, während das Ringen um Erfolg innerhalb der Kulturindustrie in »Vincent« stärker ausgearbeitet war. Auch als Roman über den amerikanischen Traum wirkt »Heartland« letztlich facettenreicher und nachhaltiger. So erscheint »Sunset Flip« stellenweise fast wie eine Zusammenfassung vieler Motive und Themen, die Joey Goebel bereits zuvor beschäftigt haben. Das macht den Roman keineswegs schlecht – er bleibt lesenswert, unterhaltsam und durchaus spannend –, doch von einem literarisch herausragenden Werk oder einem wirklich großen Schriftsteller zu sprechen, fällt auch nach diesem Buch schwer.