Platzhalter für Profilbild

Monsieur

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Monsieur ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Monsieur über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.02.2026

Nicht nur die Tauben verschwinden

Der letzte Sommer der Tauben
0

Aus der Perspektive kindlicher Wahrnehmung beschreibt Abbas Khider in seinem neuen Roman »Der letzte Sommer der Tauben« das allmähliche Eindringen des Kalifats in den Alltag des Jungen Noah und seiner ...

Aus der Perspektive kindlicher Wahrnehmung beschreibt Abbas Khider in seinem neuen Roman »Der letzte Sommer der Tauben« das allmähliche Eindringen des Kalifats in den Alltag des Jungen Noah und seiner Familie, der miterleben muss, wie sich innerhalb nur eines Sommers das gesamte bisher vertraute Leben grundlegend verändert und jede Normalität Schritt für Schritt verloren geht. So wird bereits am Beispiel des Vaters, der früher als Kleiderverkäufer arbeitete und nun gezwungen ist, seine Produktfotos zu verändern, weil darauf Frauen abgebildet sind, deutlich, wie selbst scheinbar nebensächliche Details des Alltags von neuen Regeln bestimmt werden, wobei diese ersten Einschränkungen nur den Anfang einer Kette immer gravierenderer Maßnahmen darstellen, die die Freiheit zunehmend beschneiden, bis schließlich öffentliche Steinigungen und Folterungen auf den Straßen keine Ausnahme mehr sind, sondern zur grausamen Normalität gehören. Doch Khiders Roman erschöpft sich nicht allein in der Darstellung dieser Veränderungen, sondern zeigt zugleich, wie seine Protagonisten nach und nach selbst Teil eines gefährlichen Widerstands werden, über dem fortan ständig die Bedrohung durch Verhaftung und Tod schwebt, sodass das anfänglich harmlose Aufkleben feindlicher Plakate bald zu weit riskanteren Handlungen führt.
Von Abbas Khider ist man bereits mehrere überraschend starke Romane gewohnt, wobei insbesondere »Der Palast der Miserablen« als eine kleine Perle seines literarischen Schaffens gelten kann, und auch sein neuer Roman hat seine Qualitäten. Obwohl er leicht, kurz und unaufgeregt erzählt ist, gelingt es ihm mit wenigen, präzisen Mitteln eindringlich zu vermitteln, was es bedeutet, unter der Herrschaft des Kalifats zu leben. Die Darstellung wirkt dabei zugleich authentisch und erschütternd, ohne jedoch in übermäßiges Pathos zu verfallen, da die kindliche Erzählperspektive dem Geschehen eine gewisse Distanz und Unmittelbarkeit verleiht, wodurch der Text nicht dauerhaft dramatisch wirkt, sondern vielmehr von einem naiven und entwaffnenden Ton getragen wird, der die Schwere und Tragik der Ereignisse nicht aufhebt, sondern auf besondere Weise sichtbar macht. Gerade durch diese Erzählweise findet Khider einen poetischen Zugang zum Grauen, sodass selbst im Schrecken noch Momente von Schönheit aufscheinen können und der Roman literarisch eine Ebene erreicht, auf der er auch unabhängig von seiner politischen Thematik Bestand hätte.
Die Geschichte wird in zahlreichen kurzen Kapiteln erzählt, was stellenweise etwas fragmentarisch oder abgehackt wirken mag, letztlich jedoch eine eigene, dichte Atmosphäre erzeugt, da »Der letzte Sommer der Tauben« episodenhaft aufgebaut ist und mitunter wie ein Mosaik einzelner Szenen erscheint, das gerade durch diese Struktur eine fast lyrische Wirkung entfaltet.
Als kurzes, bodenständiges und zugleich aufrüttelndes Buch über den Verlust der Freiheit unter dem Kalifat und über den Mut einfacher Menschen im Kampf um ihre Rechte überzeugt Abbas Khiders Roman daher sowohl inhaltlich als auch literarisch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.10.2025

Authentischer und mutiger Blick auf den Bürgerkrieg

Der brennende Garten
0

Einen authentischen und mutigen Blick auf den Bürgerkrieg in Sri Lanka bietet der im Ausland bereits vielfach ausgezeichnete Roman »Der brennende Garten« von V. V. Ganeshananthan.
Hierzulande wurde dieses ...

Einen authentischen und mutigen Blick auf den Bürgerkrieg in Sri Lanka bietet der im Ausland bereits vielfach ausgezeichnete Roman »Der brennende Garten« von V. V. Ganeshananthan.
Hierzulande wurde dieses Thema bislang nur selten literarisch aufgegriffen – umso spannender ist dieser Roman für alle Leser, die sich für fremde Kulturen und politische Zusammenhänge interessieren. Sie werden hier zweifellos auf ihre Kosten kommen, denn die Autorin liefert genau das, was man sich von einem solchen Werk erhofft.
Im Mittelpunkt steht die junge Tamilin Sashi, die fest entschlossen ist, Ärztin zu werden. Doch während sie zielstrebig ihren Weg geht, versinkt das Land plötzlich im Bürgerkrieg. Sashi gerät in einen Strudel aus Gewalt und Verlust: Nach und nach muss sie Abschied von ihren Brüdern nehmen, die – wie so viele Männer in ihrer Umgebung, auch ihr Nachbar und Freund K. – direkt vom Krieg betroffen sind. Trotzdem hält sie unbeirrt an ihrer Bestimmung fest und kann schließlich als Ärztin ihren Teil zum Überleben beitragen.
Der Roman schildert nicht nur die Schrecken des Krieges, sondern führt die politischen Umstände immer wieder auf die Menschen zurück, die sie erleiden müssen. Dabei zeigt das Werk auch deutlich feministische Züge: Es erzählt vom Mut und der Entschlossenheit starker Frauen, die für ihre Familien, ihr Land – und letztlich für sich selbst – kämpfen. Ganeshananthan gelingt es, diese Themen harmonisch in die Gesamterzählung einzubetten, sodass ein ausgewogenes Zusammenspiel aus Krieg, Selbstfindung, Kultur- und Gesellschaftskonflikt entsteht.
Am Ende entfaltet »Der brennende Garten« sogar eine universelle Bedeutung, die auch Leser fesseln dürfte, die sich sonst weniger für politische Themen interessieren. Der Roman besitzt eine starke Sogkraft: Er ist spannend und mitreißend, zugleich einfühlsam und empathisch erzählt. Auf behutsame Weise greift er gesellschaftliche und politische Fragen auf, ohne je belehrend oder erdrückend zu wirken.
Angereichert mit vielen lebendigen Details, die der Geschichte Tiefe und Glaubwürdigkeit verleihen, überzeugt »Der brennende Garten« in vielerlei Hinsicht. Ein unbedingt lesenswerter Roman – auch für Skeptiker, die vielleicht zögern würden, sich auf ein so ernstes Thema einzulassen. Sie werden es nicht bereuen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.10.2025

Schneeengel

Drei Tage im Schnee
0

Wer im Herbst nach einer ruhigen und kurzen Erzählung sucht, die zum Einkuscheln im Sessel einlädt und für einige Stunden in eine stille, fast entrückte Welt entführt, könnte in Ina Bhatters Roman „Drei ...

Wer im Herbst nach einer ruhigen und kurzen Erzählung sucht, die zum Einkuscheln im Sessel einlädt und für einige Stunden in eine stille, fast entrückte Welt entführt, könnte in Ina Bhatters Roman „Drei Tage im Schnee“ fündig werden. Das schmale Buch erzählt von einer jungen Frau, die sich für drei Tage in ein kleines Holzhaus zurückzieht, fernab der Großstadt und dem Lärm des Alltags. Ihr Ziel ist es, dem ständigen Trubel, der sie seit Jahren bestimmt, wenigstens für einen Augenblick zu entkommen. Bereits nach kurzer Zeit beginnt sie, die Abgeschiedenheit und das verlangsamte Lebenstempo zu schätzen.
Eine entscheidende Rolle spielt die Begegnung mit einem kleinen Mädchen, das vor dem Haus im Schnee spielt und dort ausgelassen seine Schneeengel in die weiße Fläche drückt. Diese scheinbar unscheinbare Begebenheit wird zum Schlüsselmoment: Die Erzählerin erinnert sich an ihr eigenes inneres Kind, an die Träume, die sie als Kind und Jugendliche hegte, und die sie im Laufe ihrer Karriere und ihrer rastlosen Suche nach „mehr“ längst aus den Augen verloren hat. Nach und nach erkennt sie, wie leer ihr ständiges Streben nach mehr Geld, mehr Anerkennung, mehr Liebe in Wahrheit ist – und dass sie dafür Opfer bringt, die sie in ihrem Innersten unglücklich machen.
Bhatters Roman braucht nur die titelgebenden drei Tage, um in der Protagonistin den Entschluss reifen zu lassen, ihr Leben grundlegend zu ändern. Diese kurze Zeitspanne genügt, um alte Sehnsüchte neu zu beleben, verdrängte Wünsche wieder freizulegen und die Einsicht wachsen zu lassen, dass sie nicht länger einem Lebensentwurf folgen will, der von außen diktiert wird.
Schon das Format des Buches verweist darauf, dass es weniger als ein klassischer Roman angelegt ist, sondern vielmehr als Geschenk- oder Erbauungsbuch gedacht scheint. Es ist eine jener Geschichten, die den Leser an das erinnern wollen, was im Leben wirklich zählt. Mit Zuspruch, sanften Ermahnungen und einer gewissen Wärme wird er ermutigt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, sich nicht von der Gesellschaft treiben zu lassen und wieder den Blick für das Wesentliche zu gewinnen.
In dieser Tradition steht Bhatters Text nicht allein. Werke wie John Streleckys „Das Café am Rande der Welt“, Sergio Bambarens Erzählungen oder auch Paulo Coelhos berühmter „Alchimist“ bedienen ein ähnliches Bedürfnis. Alle vermitteln im Kern dieselbe Botschaft: Verwirkliche deine Träume, statt dich in einem Leben zu verlieren, das dir von Werbung, Konventionen und gesellschaftlichem Druck aufgezwungen wird. Auch „Drei Tage im Schnee“ bietet inhaltlich nichts radikal Neues, sondern reiht sich in diese Literaturgattung ein. Doch vielleicht liegt seine eigentliche Stärke gerade darin, altbekannte Erkenntnisse neu ins Bewusstsein zu rufen.
Für Leser, die selbst in einem unglücklichen Strudel aus Stress, Überforderung und Selbstentfremdung gefangen sind, kann das Buch ein Impulsgeber sein. Es hält den Spiegel vor und vermittelt die Botschaft: Veränderung ist möglich – und manchmal braucht es dafür nur einen kleinen Anstoß. Wer jedoch bereits einen ähnlichen Weg der Selbstreflexion hinter sich hat oder mit den erwähnten Klassikern vertraut ist, wird hier wohl kaum Neues entdecken.
Literarisch steht der Roman seinen Vorbildern nicht zwingend nach, doch in seiner Thematik wirkt er stellenweise wie eine Wiederholung bekannter Muster. Hinzu kommt, dass die Glaubwürdigkeit der Handlung etwas schwächelt. Die Geschwindigkeit, mit der die Protagonistin von hektischem Leistungsstreben in tiefes Nachdenken stürzt und schließlich konkrete Entscheidungen für ein neues Leben trifft, wirkt konstruiert. Dass ein einziges Mädchen, das nicht einmal besonders detailliert beschrieben wird, genügt, um solch einen radikalen Wandel auszulösen, erscheint wenig plausibel. Realistischer wäre es, wenn die Begegnung zwar ein Auslöser wäre, die eigentliche Veränderung jedoch erst nach längerer Zeit reifen würde – vielleicht auch unter Rückfällen in alte Gewohnheiten.
Am Ende will Bhatters Erzählung ein wenig zu viel. Sie möchte gleichzeitig aufzeigen, was im Leben falsch läuft, und zugleich illustrieren, wie eine neue Art des Denkens sofort Veränderung bewirken kann. Dabei bleibt der Realismus auf der Strecke. Dennoch erfüllt „Drei Tage im Schnee“ seinen Zweck: Es reiht sich ein in die Vielzahl an Büchern, die mit allgemeinen Lebensweisheiten Mut machen wollen, und kratzt – wie viele andere Vertreter dieses Genres – zwar nur an der Oberfläche, bietet aber vielleicht dennoch kurzzeitig Trost und Inspiration.
Für jene, die eine kleine, nachdenkliche Lektüre für einen ruhigen Herbstabend suchen, ist Bhatters Roman durchaus geeignet. Er schenkt ein paar Stunden der Einkehr, erinnert an verlorene Träume und lädt dazu ein, das eigene Leben für einen Moment aus einer anderen Perspektive zu betrachten – auch wenn er dabei keine neuen Wahrheiten offenbart.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.09.2025

Die Fragilität der Eliten

Schwanentage
0

Chinesische Literatur, die im deutschsprachigen Raum erscheint, trägt fast immer eine gesellschaftliche oder politische Dimension in sich. Häufig sind es Texte, in denen Autoren die Missstände ihres Landes ...

Chinesische Literatur, die im deutschsprachigen Raum erscheint, trägt fast immer eine gesellschaftliche oder politische Dimension in sich. Häufig sind es Texte, in denen Autoren die Missstände ihres Landes anklagen oder die Spannungen innerhalb der Gesellschaft sichtbar machen. In diese Tradition fügt sich auch Zhang Yuerans Roman „Schwanentage“ nahtlos ein. Das Werk legt den Schwerpunkt vor allem auf die tief verankerten Klassenunterschiede in der chinesischen Gesellschaft und erzählt davon, wie diese Gräben das Leben der Menschen prägen – bis in die intimsten Beziehungen hinein.
Im Zentrum steht Yu Ling, ein Kindermädchen, das sich mit Hingabe um den Sohn einer wohlhabenden Familie kümmert. Ihre Arbeitgeber sind typische Vertreter der urbanen Elite: Der Hausherr hat sich durch geschäftliche Aktivitäten ein beträchtliches Vermögen aufgebaut, während seine Frau sich künstlerisch betätigt und Porträts malt, ohne dabei sonderlich erfolgreich oder originell zu wirken. Für Yu Ling macht es im Alltag kaum einen Unterschied, ob die Herrschaften anwesend oder unterwegs sind – ihre Rolle bleibt stets die der Dienenden. Sie hat gelernt, sich in dieser Position zurechtzufinden, auch wenn sie insgeheim von einem anderen Leben träumt. Doch sowohl ihre bescheidene Herkunft als auch ihr niedriger Bildungsstand halten sie davon ab, soziale Grenzen zu überschreiten. Hinzu kommt eine dunkle Vergangenheit, die sie unauflöslich mit der Familie verbindet. Denn die Arbeitgeber kennen ein Geheimnis, das sie zur Abhängigkeit zwingt. Gleichzeitig weiß aber auch Yu Ling einiges über die Abgründe ihrer wohlhabenden Dienstherren.
Dieses fragile Gleichgewicht gerät ins Wanken, als der Großvater, der eigentliche Architekt des Reichtums, wegen Korruption verhaftet wird. Plötzlich sind die Rollen nicht mehr klar verteilt: Die vormals Mächtigen verlieren ihren Status, die Zugehörigkeiten innerhalb des Hauses verschieben sich. Yu Ling bleibt zwar weiterhin für den Sohn zuständig, doch eine Bezahlung erhält sie nun nicht mehr. In ihrer Verzweiflung erwägt sie sogar, den Jungen zu entführen, um auf diese Weise kurzfristig Geld zu erpressen. Aus dieser Konstellation ergibt sich ein ständiges Hin und Her, ein Spiel der Machtverhältnisse, das den Roman bestimmt. Während die gesellschaftliche Ordnung ins Rutschen gerät, scheint nur eines unverändert: der Hausschwan, ein exzentrisches Haustier des Sohnes, der unbeeindruckt von allem Chaos durch den Garten stolziert und so etwas wie eine groteske Konstante verkörpert.
Zhang Yueran entwickelt ihren Roman aus genau diesem Durcheinander heraus. Sie zeigt, wie brüchig ein System ist, das nach außen hin festgefügt und unerschütterlich wirkt, im Inneren jedoch auf instabilen, moralisch verrotteten Fundamenten ruht. Ein Korruptionsskandal reicht aus, um alles ins Wanken zu bringen. Aus Yu Lings Perspektive erzählt, entfaltet sich ein manchmal durchaus amüsantes Panorama, in dem die Verwirrungen und Umbrüche der Oberschicht mit einer gewissen Schadenfreude zu beobachten sind.
Gelegentlich unterbricht die Autorin die Handlung mit Exkursen, in denen Yu Ling über ihre Herkunft, ihre Wünsche und ihre geheimen Gedanken spricht. Dabei wird schnell klar, wie sehr sie ihre Arbeitgeber verachtet – auch wenn sie ihnen das niemals ins Gesicht sagen würde. Diese Einschübe sind jedoch eher knapp gehalten und reichen kaum über die Oberfläche hinaus. So bleibt manches unerschlossen, was dem Roman zusätzliche Tiefe hätte verleihen können. Besonders gegen Ende neigt die Geschichte sogar dazu, ins Slapstickhafte zu kippen. Wenn die Handlung sich plötzlich um die fieberhafte Suche nach einem USB-Stick mit brisanten Daten dreht, wirkt das Geschehen eher wie eine Komödie, die mit leichtfertigen Gags operiert. Dadurch fällt es schwer, das Werk als Ganzes ernst zu nehmen.
„Schwanentage“ erscheint somit weniger als realistische Milieustudie, sondern eher als überzeichnete Parabel über Klassismus. Die Figuren sind stark typisiert, fast karikaturenhaft. Sie stehen nicht für sich selbst, sondern verkörpern gesellschaftliche Rollenbilder. Yu Ling ist die fleißige, unscheinbare junge Frau, die aufgrund ihrer benachteiligten Herkunft um Anerkennung kämpft. Der Hausherr wird zum Stereotyp des oberflächlichen Geschäftsmannes, der ohne besondere Begabung auskommt, dafür aber jede Gelegenheit nutzt, sein Umfeld für eigene Zwecke auszubeuten. Seine Frau wiederum ist die reiche Dame, die sich ein wenig Selbstständigkeit über eine Kunstform sichert, die kaum Talent verrät. Und ihr Sohn entspricht dem Bild des verwöhnten Kindes der Elite, das mit überzogenen Erwartungen konfrontiert ist, sich aber gegen den Druck seines Vaters zur Wehr setzt – etwa, indem es die Pflichtübungen am Klavier mit offenem Widerwillen absolviert.
Durch diese klare Rollenverteilung wirkt der Roman stellenweise eindimensional. Die Handlung entwickelt sich zwar temporeich und unterhaltsam, doch bleibt das erzählerische Spektrum beschränkt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Zhang Yuerans Schreibstil, der überwiegend beschreibend bleibt, ohne tiefere Reflexionen oder komplexe innere Monologe zuzulassen. Die Sprache erinnert eher an leichte Kost als an literarische Feinschmeckerei.
Und dennoch entfaltet „Schwanentage“ seine Wirkung. Gerade die Überspitzung erlaubt es, gesellschaftliche Strukturen deutlich herauszuarbeiten. In den überzeichneten Zügen steckt ein Wahrheitsgehalt, der das Lesen lohnend macht. Das Werk zeigt, wie dünn die Fassade von Wohlstand und Macht sein kann, wie schnell eine vermeintlich stabile Ordnung zerfällt und wie hartnäckig zugleich soziale Grenzen bestehen bleiben. Yu Ling bleibt trotz aller Verschiebungen letztlich die Untergeordnete, gefangen in Abhängigkeiten, die sie nicht zu durchbrechen vermag.
Am Ende ist Zhang Yuerans Roman also ein vielschichtiges, wenn auch nicht immer ausgewogenes Werk: teils Gesellschaftssatire, teils Komödie, teils Kritik am Klassensystem. „Schwanentage“ mag nicht die große literarische Tiefe erreichen, überzeugt aber durch seine pointierte Darstellung sozialer Gegensätze und die humorvolle Schärfe, mit der es die Absurditäten einer privilegierten Welt entlarvt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.09.2025

Nähe und Distanz

ë
0

Romane, die das Leben von Geflüchteten oder Migranten in Deutschland literarisch verarbeiten, haben sich längst als fester Bestandteil des deutschsprachigen Buchmarktes etabliert. Sie erzählen von der ...

Romane, die das Leben von Geflüchteten oder Migranten in Deutschland literarisch verarbeiten, haben sich längst als fester Bestandteil des deutschsprachigen Buchmarktes etabliert. Sie erzählen von der Suche nach einer neuen Heimat, während die alte Herkunft und Geschichte weiterhin präsent bleibt. Auch 2025 wird dieser Trend mit neuen Stimmen fortgeführt. Unter den aktuellen Veröffentlichungen hat es Jehona Kicaj mit ihrem Roman „ë“ sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Kicaj selbst kam als Kind mit ihrer Familie aus dem Kosovo nach Deutschland, und diese Erfahrung bildet den Kern ihres literarischen Debüts.
Auf vergleichsweise engem Raum schildert sie ihre Ankunft, die ersten Schritte der Eingliederung und vor allem den mühsamen Zugang zur deutschen Sprache. Anfangs noch mit hörbarem Akzent gesprochen – besonders das rollende „r“ bleibt ein Hindernis – wird Deutsch nach und nach zur eigentlichen Muttersprache, während das Albanische immer fremder erscheint. Kicaj zeigt, wie Sprache Identität verschieben und Zugehörigkeit verändern kann. Zugleich beschreibt sie das Leben ihrer Familie in der neuen Umgebung, das geprägt ist von Anpassungsversuchen, aber auch von Missverständnissen, Rückschlägen und der Erfahrung offener wie subtiler Fremdenfeindlichkeit.
Doch so sehr „ë“ von Migrationserfahrungen handelt, so auffällig ist auch die Distanz, die der Roman zum eigentlichen Ursprungsgeschehen wahrt. Kicaj hat den Kosovo-Krieg nicht unmittelbar miterlebt. Sie kennt ihn lediglich durch Erzählungen von Angehörigen oder durch mediale Berichterstattung. Diese Entfernung, die für viele vergleichbare Bücher untypisch ist, macht „ë“ zwar eigen, zugleich aber auch angreifbar. Der Roman bleibt häufig an der Oberfläche, wiederholt bekannte Muster des Genres und bietet nur selten Perspektiven, die Leser ohne persönlichen Bezug zum Kosovo überraschen oder bereichern könnten.
Gerade im Vergleich zu anderen Werken wirkt Kicajs Buch dadurch schwach. Es mangelt an prägnanten Details, die neue Einsichten eröffnen, und an erzählerischem Raffinement. Statt einer klaren Dramaturgie reiht die Autorin Erinnerungen, Eindrücke und Gedanken lose aneinander. Der Text springt durch Zeiten und Themen, ohne dass daraus eine zwingende Entwicklung entsteht. Ein Beispiel ist die ausgedehnte Episode über eine Zahnbehandlung. Anfangs sorgt sie für Irritation, doch sobald klar wird, dass es sich um ein Symbol handelt, breitet Kicaj die metaphorische Bedeutung derart ausführlich aus, dass der Leserschaft keine eigene Deutung mehr bleibt.
So bleibt am Ende der Eindruck, dass nicht jede persönliche Erinnerung automatisch literarische Kraft entfaltet. „ë“ wirkt trotz autobiografischer Grundlage eher wie ein Konstrukt, das Distanz wahrt, statt emotionale Nähe aufzubauen. Das Buch ist kurz, detailarm und berührt nur bedingt. Für Leser mit eigenen Migrationserfahrungen oder mit direktem Bezug zum Kosovo mag es ansprechend sein. Für ein breiteres Publikum aber reiht es sich eher unscheinbar zwischen zahlreichen anderen Migrationsromanen ein und vermag kaum, eine nachhaltige Wirkung zu hinterlassen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere