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Veröffentlicht am 22.05.2026

Der amerikanische Traum als Bühne für Selbsttäuschung und Abhängigkeit

Sunset Flip
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Mit »Sunset Flip« widmet sich Joey Goebel erneut einem ungewöhnlichen Thema und rückt diesmal die Welt des Wrestlings in den Mittelpunkt, eine Sportart, die in der Literatur bislang kaum Beachtung gefunden ...

Mit »Sunset Flip« widmet sich Joey Goebel erneut einem ungewöhnlichen Thema und rückt diesmal die Welt des Wrestlings in den Mittelpunkt, eine Sportart, die in der Literatur bislang kaum Beachtung gefunden hat. Doch wie so oft bei Goebel geht es letztlich um weit mehr als nur den eigentlichen Gegenstand der Handlung. Ähnlich wie bereits in »Heartland« und gewissermaßen auch in seinem gesamten bisherigen Werk kreist der Roman erneut um den amerikanischen Traum und die Frage, wie Menschen versuchen, sich aus einfachen Verhältnissen heraus ein anderes Leben aufzubauen.
Im Zentrum steht Auggie Schnuck, der eher zufällig in die Welt des Wrestlings gerät und auf den ersten Blick kaum wie jemand wirkt, der in diesem Milieu bestehen könnte. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen, ist introvertiert und träumt eigentlich von einer Karriere in Hollywood. Wrestling erscheint ihm zunächst lediglich als eine mögliche Einstiegschance in die Unterhaltungsindustrie, und tatsächlich scheint sein Manager ernsthaft bemüht zu sein, ihn auf diesem Weg zu unterstützen. Doch je tiefer Auggie in diese Welt hineingezogen wird, desto stärker gerät er in ein Geflecht aus Abhängigkeiten, Illusionen und schicksalhaften Entwicklungen, denen er sich kaum entziehen kann.
Literatur, die sich intensiv mit Sport beschäftigt, bewegt sich grundsätzlich auf schwierigem Terrain, denn nur selten besitzt Sport allein genügend intellektuelle Tragweite, um eine längere literarische Auseinandersetzung zu rechtfertigen. Umso wichtiger ist daher alles, was sich um das eigentliche Geschehen herum entfaltet, wie die gesellschaftlichen Mechanismen, die menschlichen Konflikte und die symbolische Ebene. Gerade beim Wrestling, das wesentlich auf Inszenierung, Täuschung und Rollenbildern beruht, eröffnet sich dabei ein interessanter Zusammenhang zur Schauspielerei und zur Welt der Unterhaltung, an dem Goebel auch gezielt ansetzt. Nach anfänglichen Befürchtungen, der Roman könne zu sehr im Wrestling- oder Hollywoodmilieu verharren, gelingt es ihm jedoch erfreulicherweise recht schnell, die Geschichte auf eine allgemeinere Ebene zu heben, auf der es letztlich um das Streben nach Erfolg, Anerkennung und persönlichem Glück geht, selbst dann, wenn die äußeren Umstände einen immer wieder zurückdrängen.
Auggie Schnuck bleibt dabei eine Figur, die sich eher treiben lässt, als ihr Leben aktiv zu gestalten, weshalb es kaum überrascht, dass er trotz seines Erfolgs im Wrestling immer wieder vom eigenen Weg abkommt. Obwohl er eigentlich genügend Härte entwickelt haben müsste, um konsequent an seinem Traum festzuhalten, wirkt er oft orientierungslos und fremdbestimmt. Schon früh deutet sich an, dass sein Wunsch nach einer Karriere in Hollywood vermutlich unerreichbar bleiben wird, wodurch sich zwangsläufig die viel grundlegendere Frage stellt, was vom Leben übrig bleibt, wenn die großen Träume zerbrechen.
Literarisch gehört Joey Goebel sicherlich nicht zu den ganz großen Stilisten, auch wenn sein Name immer wieder mit bedeutenderen Autoren in Verbindung gebracht wird. Seine Romane sind leicht zugänglich, vergleichsweise schlicht konstruiert und mit eher einfachen erzählerischen Mitteln umgesetzt. Dennoch gelingt es ihm immer wieder, mit bemerkenswerter Genauigkeit kleine Nuancen des amerikanischen Lebensgefühls sowie die allgegenwärtige Sehnsucht nach Erfolg, Macht und gesellschaftlichem Aufstieg einzufangen, und zwar weniger wertend als vielmehr beobachtend. Zwar wird Auggie als ambivalente Figur beschrieben, doch erreicht diese Ambivalenz den Leser emotional nicht immer vollständig, und ähnlich verhält es sich auch mit einigen Nebenfiguren.
Zudem entsteht der Eindruck, dass Goebel Themen, die er in früheren Romanen bereits überzeugender behandelt hat, hier noch einmal variiert: Die Sensibilität eines Mannes in einer Welt, die Härte verlangt, schilderte er in »Ich gegen Osborne« deutlich eindringlicher, während das Ringen um Erfolg innerhalb der Kulturindustrie in »Vincent« stärker ausgearbeitet war. Auch als Roman über den amerikanischen Traum wirkt »Heartland« letztlich facettenreicher und nachhaltiger. So erscheint »Sunset Flip« stellenweise fast wie eine Zusammenfassung vieler Motive und Themen, die Joey Goebel bereits zuvor beschäftigt haben. Das macht den Roman keineswegs schlecht – er bleibt lesenswert, unterhaltsam und durchaus spannend –, doch von einem literarisch herausragenden Werk oder einem wirklich großen Schriftsteller zu sprechen, fällt auch nach diesem Buch schwer.

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Liebe, Macht und Moral als Kräfte gesellschaftlicher Selbsttäuschung

Die Liebeshungrigen
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Mit Romanen wie »Die Gierigen« und »Die Zeit der Ruhelosen« hat sich Karine Tuil nicht nur in Frankreich, sondern längst auch im deutschsprachigen Raum den Ruf einer ernstzunehmenden Autorin für politische ...

Mit Romanen wie »Die Gierigen« und »Die Zeit der Ruhelosen« hat sich Karine Tuil nicht nur in Frankreich, sondern längst auch im deutschsprachigen Raum den Ruf einer ernstzunehmenden Autorin für politische und gesellschaftliche Themen erarbeitet. Entsprechend groß waren die Erwartungen an ihren neuen Roman »Die Liebeshungrigen«, den ich mit spürbarer Vorfreude erwartet habe – und tatsächlich gelingt es Tuil erneut, eine Geschichte vorzulegen, die von gesellschaftlichen Spannungen, politischen Fragestellungen und moralischen Konflikten durchzogen ist. Dabei richtet sie ihren Blick zwar in erster Linie auf ihr Heimatland Frankreich, greift jedoch Themen auf, die weit über nationale Grenzen hinausreichen und viele moderne Gesellschaften gleichermaßen betreffen dürften.
Wie bereits in ihren früheren Werken arbeitet Tuil mit mehreren Figuren, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen und jeweils ihren eigenen Beitrag zu dem komplexen Gesamtbild leisten, das der Roman entwirft. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem die Welt des Films, genauer gesagt die Entstehung eines künstlerisch anspruchsvollen Films, der bewusst in aktuelle feministische Debatten eingreifen und gesellschaftliche Diskussionen anstoßen soll. Doch gerade dieses Vorhaben setzt zahlreiche Spannungen und Konflikte frei: beim ehrgeizigen Regisseur ebenso wie bei den Schauspielerinnen, der Autorin, den Kritikern, der Social-Media-Öffentlichkeit und letztlich auch beim Publikum, das sich zwischen moralischer Empörung, Sensationslust und echtem Interesse bewegt. Parallel dazu erzählt der Roman die Geschichte von Dan Lehman, einem ehemaligen Präsidenten, der zunehmend im Alkohol Zuflucht sucht und sich immer weiter in einen persönlichen Abgrund hineinbegibt.
Im Vergleich zu einigen ihrer vorherigen Romane wirkt »Die Liebeshungrigen« weniger global ausgerichtet, doch das bedeutet keineswegs, dass Karine Tuil auf große gesellschaftliche oder ethische Fragen verzichten würde. Vielmehr konzentriert sie sich diesmal stärker auf die Mechanismen öffentlicher Debatten und auf die Macht kultureller Narrative, insbesondere im Medium Film, das heute wie kaum ein anderes gesellschaftliche Resonanz erzeugen kann. Tuil beschreibt eindrucksvoll, welche Dynamik entsteht, wenn Kunst nicht lediglich der Unterhaltung dienen will, sondern bewusst versucht, in aktuelle Diskurse einzugreifen und unbequeme Wahrheiten sichtbar zu machen – oft mit provozierenden und ungeschönten Mitteln.
Erneut ist Karine Tuil damit ein Roman gelungen, der sich durchaus als literarischer Beitrag zu gegenwärtigen Debatten lesen lässt, wobei sie gesellschaftliche Konflikte nicht einfach nur abbildet, sondern durch ihre Figuren und Konstellationen weiterdenkt. Besonders überzeugend ist dabei, dass der Fokus nie ausschließlich auf den behandelten Themen liegt, sondern immer auch auf den Menschen selbst, auf ihren Widersprüchen, Sehnsüchten und persönlichen Interessen. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Mosaik unterschiedlichster Perspektiven und Motivationen.
Wie schon in ihren früheren Büchern bewegt sich Tuil dabei überwiegend innerhalb privilegierter gesellschaftlicher Kreise: Sie schreibt über Politiker, Schriftsteller, Schauspieler und Regisseure und richtet ihren Blick damit weniger auf die breite Gesellschaft als vielmehr auf jene Menschen, die öffentliche Debatten prägen oder zumindest beeinflussen können. Das mag mitunter distanziert wirken, erscheint jedoch keineswegs unpassend, denn gerade in Zeiten sozialer Medien sind es häufig Kulturschaffende und Intellektuelle, von denen man sich differenzierte Beiträge zu gesellschaftlichen Fragen erhofft – auch wenn die Realität oft genug zeigt, dass dort ebenfalls Eitelkeit, Egoismus und der Wunsch nach Aufmerksamkeit dominieren. Genau diesem Spannungsverhältnis verleiht Tuil in »Die Liebeshungrigen« eine literarische Form und macht deutlich, wie stark persönliche Bedürfnisse, verletzte Egos und die Sehnsucht nach Liebe selbst politische oder moralische Entscheidungen beeinflussen können.
Als Autorin gesellschaftspolitischer Literatur bleibt Karine Tuil damit weiterhin äußerst bemerkenswert. Zwar zeichnet auch sie ein eher düsteres Bild der modernen Gesellschaft, doch wirkt ihre Perspektive weniger radikal und kompromisslos als etwa die von Virginie Despentes, hinter deren literarischer Wucht Tuil letztlich doch etwas zurückbleibt.

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Veröffentlicht am 01.05.2026

Rückkehr nach Harris

John of John
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Nach zwei bereits viel beachteten Romanen legt Douglas Stuart mit »John of John« nun ein weiteres Werk vor, das seinen bisherigen Weg als Autor konsequent fortsetzt und zugleich um eine neue Facette bereichert. ...

Nach zwei bereits viel beachteten Romanen legt Douglas Stuart mit »John of John« nun ein weiteres Werk vor, das seinen bisherigen Weg als Autor konsequent fortsetzt und zugleich um eine neue Facette bereichert. Im Zentrum steht diesmal die Geschichte von Cal, der als Ausgangspunkt für ein vielschichtiges Geflecht aus Figuren dient, in dem Tradition, soziale Zwänge, gesellschaftliche Konventionen und insbesondere die Religion eine prägende und kaum zu übersehende Rolle spielen.
Während seines Studiums bot sich Cal die Gelegenheit, der Enge seiner Heimatinsel Harris zu entkommen und sich in Edinburgh ein eigenständiges, freieres Leben aufzubauen, das ihm neue Perspektiven eröffnete. Doch nach dem Abschluss wird er aufgrund mangelnder beruflicher Möglichkeiten dazu gezwungen, in sein Elternhaus zurückzukehren, wo ihn eine bedrückende Atmosphäre erwartet, die für ihn kaum auszuhalten ist. Seine Eltern sind geschieden, sodass er fortan wieder bei seinem Vater lebt, doch das Verhältnis zwischen den beiden ist angespannt und von Konflikten geprägt. Der tief religiöse Vater John versucht mit Nachdruck, seinem Sohn seine Werte zu vermitteln und ihn in eine Lebensordnung zu drängen, der Cal sich innerlich nicht gewachsen fühlt. Hinzu kommen die schwierigen äußeren Umstände – die Armut und die körperlich fordernde Arbeit in der Weberei –, die das Leben zusätzlich erschweren. Gleichzeitig trägt Cal eine Sehnsucht in sich, die ihn zurück an die Erfahrungen seiner Zeit in der Großstadt denken lässt, wo er erstmals Nähe und Liebe zu anderen Männern erleben konnte.
Nachdem Douglas Stuart bereits in seinen früheren Romanen eindrucksvoll gezeigt hat, wie feinfühlig er Figuren unter dem Druck gesellschaftlicher Erwartungen zeichnen kann, ist es umso bemerkenswerter, dass ihm dies auch in seinem neuen Werk erneut gelingt. »John of John« ist sorgfältig und überzeugend aufgebaut: Der Roman beginnt mit Cals zögerlicher Rückkehr auf die Insel, und schon nach wenigen Seiten entsteht ein klares Bild seines Innenlebens sowie seiner inneren Zerrissenheit. Von Beginn an liegt eine düstere Vorahnung über der Handlung, da man sich als Leser kaum vorstellen kann, wie Cal dem zunehmenden Druck und der erdrückenden Enge seiner Umgebung standhalten soll. Statt eines plötzlichen dramatischen Umschwungs entfaltet sich die Geschichte jedoch in vielen kleinen Konflikten und Reibungspunkten, die sich nach und nach zuspitzen – nicht selten im direkten Zusammenhang mit seinem Vater, der ihn immer wieder mit seinen Erwartungen konfrontiert.
Dabei vermeidet der Roman konsequent einfache Klischees, denn auch die Nebenfiguren sind vielschichtig angelegt und tragen ihre eigenen Geschichten mit sich, die ihr Verhalten in einem anderen Licht erscheinen lassen. Besonders Cals Vater entwickelt sich zu einer beinahe heimlichen Hauptfigur, deren innere Widersprüche den Text zusätzlich vertiefen: Einerseits übt er Druck auf seinen Sohn aus und treibt ihn in die Enge, andererseits scheint er selbst von einem Wunsch nach Freiheit geprägt zu sein, dem er nie vollständig nachgehen konnte. Gerade in dieser Ambivalenz wird deutlich, wie ähnlich Vater und Sohn einander letztlich sind.
Im Kontext von Douglas Stuarts bisherigen Veröffentlichungen lässt sich »John of John« nicht ganz eindeutig einordnen. Während »Shuggie Bain« als sein bekanntestes Werk den Grundstein für seinen literarischen Erfolg legte und »Young Mungo« mit größerer Härte vor allem gesellschaftliche Themen in den Vordergrund rückte, schlägt der neue Roman einen etwas anderen Ton an. Zwar deutet sich zunächst eine ähnliche thematische Richtung an, doch entwickelt sich die Geschichte zunehmend stärker auf einer persönlichen Ebene und konzentriert sich vor allem auf die komplexen Beziehungen zwischen den Figuren. Gesellschaftliche Aspekte bilden dabei eher den Hintergrund, vor dem sich das eigentliche Drama entfaltet, dessen Kern im Zusammenspiel der Charaktere liegt.
In dieser Hinsicht ist der Roman zweifellos gelungen und stellenweise beeindruckend in seinem feinen Gespür für Figuren und zwischenmenschliche Beziehungen. Douglas Stuart erweist sich einmal mehr als äußerst talentierter Autor, der es versteht, seine Themen zu variieren, auf Nuancen zu achten und diese einem breiten Lesepublikum zu vermitteln.

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Veröffentlicht am 17.04.2026

Wurzeln schlagen

Ein Ort, der bleibt
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Auswanderungsgeschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus sind mittlerweile gewiss kein Neuland mehr. Nicht selten geraten zeitgenössische Autoren in die Schwierigkeit, einem derart intensiv behandelten ...

Auswanderungsgeschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus sind mittlerweile gewiss kein Neuland mehr. Nicht selten geraten zeitgenössische Autoren in die Schwierigkeit, einem derart intensiv behandelten Themenfeld noch wirklich neue Facetten abzugewinnen, weshalb auch Sandra Lüpkes Roman »Ein Ort, der bleibt« zunächst mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden kann. Allerdings stellt der Versuch, diese historische Thematik mit botanischen Motiven zu verknüpfen, durchaus einen reizvollen Ansatz dar, der selbst kritische Leser zumindest neugierig machen könnte.
Der Roman ist dabei ambitioniert angelegt, nicht nur hinsichtlich seines Umfangs. Ebenso zeigt sich dieser Anspruch in der Vielzahl der Figuren sowie in den unterschiedlichen Erzählebenen, zwischen denen die Autorin mit auffälliger Frequenz wechselt, indem sie gleich drei Perspektiven miteinander verknüpft und darüber hinaus einen zeitlichen Bogen spannt, der sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt.
Im Zentrum der Handlung steht jedoch vor allem die Geschichte von Magda und Alfred. Das Ehepaar aus Münster wird aufgrund seiner jüdischen Herkunft zur Emigration gezwungen und versucht schließlich in Istanbul, sich eine neue Existenz aufzubauen, wobei Alfred als angesehener Botaniker in die Reformbestrebungen Atatürks passt, der die türkischen Universitäten durch den Einfluss ausländischer Wissenschaftler modernisieren möchte.
Als übergreifende Metapher dient dabei die Idee des Wurzelnschlagens. Diese ist nicht nur auf die Pflanzenwelt bezogen, sondern spiegelt zugleich das Schicksal der beiden Protagonisten wider, die in der Fremde gezwungen sind, sich ein neues Zuhause zu schaffen. Die Autorin greift diesen Ansatz zwar punktuell auf, vertieft ihn jedoch nur in Ansätzen, etwa wenn Alfreds mangelnde Türkischkenntnisse zu praktischen Schwierigkeiten führen oder die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem türkischen Universitätssystem sichtbar werden, ohne dass diese Aspekte erzählerisch wirklich ausgeschöpft würden, da sie oftmals lediglich angedeutet bleiben und kaum nachhaltige Wirkung entfalten.
Statt einer intensiven Auseinandersetzung mit Figuren und Details dominiert vielmehr eine distanzierte, beinahe nüchtern wirkende Darstellung des Lebenswegs der Auswanderer. Diese erweckt den Eindruck, als handele es sich weniger um einen lebendigen Roman als vielmehr um eine mosaikartige Aneinanderreihung recherchierter Fakten, wobei der Text stellenweise den Charakter einer sachlichen Reportage annimmt und es der Autorin nicht gelingt, ihren Figuren die notwendige emotionale Tiefe zu verleihen. Insgesamt erscheint die Erzählung erstaunlich leblos.
Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die später einsetzende Handlung um Imke nur lose mit der Hauptgeschichte verknüpft wirkt. Trotz erkennbarer Bemühungen liefert sie kaum neue Impulse, sondern erscheint vielmehr wie ein beliebiger Zeitsprung, der in vergleichbaren Werken bereits allzu häufig eingesetzt wurde, um tatsächlich noch Spannung oder Interesse zu erzeugen.
In der Gesamtheit erweist sich somit die Grundidee, entwurzelte Menschen mit Pflanzen und deren Fähigkeit zum Anwachsen in Beziehung zu setzen, als nicht tragfähig genug, um einen nahezu fünfhundert Seiten umfassenden Roman zu stützen. Dieser erhebt zwar den Anspruch eines groß angelegten zeitgeschichtlichen Epos, bleibt jedoch letztlich in seiner Wirkung hinter diesen Ambitionen zurück und kann allenfalls als mittelmäßig bezeichnet werden.

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Weil das Leben nicht nach Plan verläuft

Salto
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Nachdem Kurt Prödel mit »Klapper« ein bemerkenswertes Debüt im Jugendroman vorgelegt und sich damit als neue literarische Stimme profiliert hat, sind die Erwartungen an seine Neuerscheinung »Salto« folgerichtig ...

Nachdem Kurt Prödel mit »Klapper« ein bemerkenswertes Debüt im Jugendroman vorgelegt und sich damit als neue literarische Stimme profiliert hat, sind die Erwartungen an seine Neuerscheinung »Salto« folgerichtig hoch. Der Autor steht vor der Aufgabe, an diesen Erfolg anzuknüpfen und zugleich zu demonstrieren, dass er auch mit neuen Figuren und Themen eine vergleichbare erzählerische Dichte zu entfalten vermag.
Prödel vermeidet jedoch die naheliegende Versuchung, sein früheres Werk zu variieren, und schlägt bewusst einen eigenständigen Weg ein. Mit Marko entwirft er eine Figur, die sich deutlich von Klapper unterscheidet, ohne an literarischer Attraktivität einzubüßen. Marko ist kein klassischer Außenseiter, vielmehr ein junger Mensch in einer Phase existenzieller Verortungslosigkeit. Der Verlust der Mutter während der Corona-Pandemie sowie das spannungsvolle, wenn auch von Zuneigung geprägte Verhältnis zu seinem aus einfachen Verhältnissen stammenden Vater bilden nur den Hintergrund eines komplexeren Suchprozesses. Sein zunächst eingeschlagener Weg in Richtung Medizinstudium endet abrupt in Ablehnungen und führt ihn unverhofft nach Ungarn.
Die Beziehung zu seiner Freundin Claire tritt dabei deutlich hinter die innere Entwicklung des Protagonisten zurück. Anders als im Vorgängerroman fungiert die Liebesbeziehung nicht als zentrales narratives Gravitationsfeld, sondern bleibt Randmotiv. Im Zentrum steht Markos tastende Annäherung an eine neue Lebenssituation, geprägt von Selbstzweifeln, Unsicherheiten und der Suche nach Orientierung.
Der Roman folgt keinem streng linearen Erzählfaden. Vielmehr gewinnt er seine Struktur aus dem Sich-Treiben-Lassen seines Helden, bis ein überraschender erzählerischer Kunstgriff die Handlung in eine unerwartete Richtung lenkt. Gerade für Leser ohne Vorwissen entfaltet diese Offenheit einen eigenen ästhetischen Reiz.
Im Vergleich zu »Klapper« wirken die Figuren weniger exzentrisch und weniger demonstrativ originell, dafür umso glaubwürdiger. »Salto« ist ein leiserer, zurückhaltender Roman, der nicht auf Effekte setzt, sondern auf feine Nuancierungen. Die Beziehungen zwischen Marko und Claire sowie zwischen Vater und Sohn werden nicht zugespitzt, sondern in leichten Gesten und Alltagsszenen entfaltet. Diese Erzählweise zeugt von literarischer Reife und trägt den Roman überzeugend.
Erneut ist Prödel ein warmherziger und unaufdringlicher Text gelungen, dessen Figuren man sich ohne emotionale Manipulation verbunden fühlt. »Salto« erweist sich als authentischer, klischeefreier und sensibel komponierter Entwicklungsroman über das Erwachsenwerden. Damit bestätigt Prödel seinen Rang als eine der beachtenswertesten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Jugendliteratur, und weckt berechtigte Neugier auf sein nächstes literarisches Projekt.

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