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22,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Wallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 176
  • Ersterscheinung: 23.07.2025
  • ISBN: 9783835359499
Jehona Kicaj

ë

Roman. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025
Ein stilles und zugleich sprachmächtiges Buch, das vom Verlust der Heimat durch Krieg, von Schmerz und Sprachverlust erzählt. In diesem ergreifenden Debüt findet die Autorin eine großartige eigene Sprache.

Der ungewöhnliche Titel »ë« steht für einen Buchstaben, der in der albanischen Sprache eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist gar nicht ausgesprochen wird. Als Kind von Geflüchteten aus dem Kosovo ist die Erzählerin auf der Suche nach Sprache und Stimme. Sie wächst in Deutschland auf, geht in den Kindergarten, zur Schule und auf die Universität, sucht nach Verständnis, aber stößt immer wieder auf Zuschreibungen, Ahnungslosigkeit und Ignoranz.
Als der Kosovokrieg Ende der 90er-Jahre wütet, erlebt sie ihn aus sicherer Entfernung. Doch auch in der Diaspora sind Krieg und Tod präsent – sie werden nur anders erlebt als vor Ort.

Der Roman »ë« erzählt von dem in Deutschland kaum bekannten Kosovokrieg und erinnert an das Leid von Familien, die ihre Heimat verloren haben, deren ermordete Angehörige anonym verscharrt wurden und bis heute verschollen oder nicht identifiziert sind. Eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann, weil sie buchstäblich in jeder Faser des Körpers steckt, wird von Jehona Kicaj im wahrsten Wortsinn zur Sprache gebracht.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.12.2025

Über den Kosovokrieg

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Dieses Werk wird durch eine namenlose Ich-Erzählerin getragen, die durch Rückblicke ihres eigenen Lebens und die ihrer Vorfahren dem Leser die politischen Konflikte und Kriegsschilderungen des Kosovos ...

Dieses Werk wird durch eine namenlose Ich-Erzählerin getragen, die durch Rückblicke ihres eigenen Lebens und die ihrer Vorfahren dem Leser die politischen Konflikte und Kriegsschilderungen des Kosovos nahebringt.

Die Erzählerin selbst hat den Kosovokrrieg Ende der 90er nicht unmittelbar selbst erlebt. Dennoch zeigt der Roman auf, wie auch die folgenden Generationen unter den Folgen leiden. Eindrücklich ist hier, dass es auch sehr unterbewusste oder tief verankerte Folgen sein können, wie bei der Ich-Erzählerin das starke Zähneknirschen, was der Zahnarzt unwissend auf erhöhten Stress zurückführt.

Einzigartig an dem Werk ist, wie die Autorin Sprache und Krieg zusammenführt. Die Einschübe der Zahnarztbesuche, bei denen das Zähneknirschen im Zentrum steht, drücken die sprachlichen Schwierigkeiten sowie die Sprachlosigkeit der Ich-Erzählerin aus. Dies zeigt, wie stark nachhallend Kriegserlebnisse von Familienmitgliedern sein können.

Das Werk leistet einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit vergessener Kriege und vergessener Opfer.

Ein aussergewöhnlicher Roman, der für den Leser lehrreich und bewegend ist.

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Veröffentlicht am 28.11.2025

Transgenerative Kriegstraumata

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Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. ...

Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. Sie weiß, dass es so nicht ist und selbst wenn. Vielleicht hat sie die Wörter zu lange gefangen gehalten, grübelt sie.

Elias sagt, dass ihr sprachlicher Ausdruck so präzise ist wie der einer Synchronsprecherin. Vielleicht liegt es daran, dass sie die Deutsche Sprache als Kind vor dem Fernseher gelernt hat, überlegt sie. Monate später im Kindergarten, hörte sie die vage vertrauten Worte auch aus Kindermündern. Ihre Muttersprache ist Albanisch. Als jedoch Ende der 90er der Kosovokrieg begann, war Schluss mit dem heimatlichen Wortschatz. Sie mussten weg. Sobald sie die serbische Grenze erreichten, mussten sie schweigen. Nur ihr Vater konnte fließend Serbisch, hatte es in der Schule und beim Militär gelernt. Der Grenzbeamte forderte ihre Pässe, aber Mamas Hände zitterten so sehr, dass sie den Reißverschluss des roten Lederbeutels nicht öffnen konnte. Sie gab ihn dem Vater mit gesenktem Blick. Der Grenzbeamte sah auf sie herab, ließ sie aussteigen und das Auto ausräumen. Die Pässe gab er ihnen nicht zurück, er schob sie von sich, als wären sie Unrat. Da hatte sie zum ersten Mal gesehen, wie ihre Eltern gedemütigt wurden.

Wenn man mich fragt, woher ich „ursprünglich“ komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit. S. 11

Fazit: Jehona Kicaj hat sich in ihrem Romadebüt ihrer Heimat, dem Kosovo genähert. Ihre Protagonistin war ein stilles Kind, weil sie zur Sprachlosigkeit erzogen wurde. Ihre Eltern haben frühzeitig die Flucht nach Deutschland ergriffen und sind von der ethnischen Säuberung, des Völkermordes, den die serbischen Soldaten an den Kosovaren (ebenso an Kroaten und Bosniern) verübt haben, verschont geblieben. Doch offensichtlich erlebt man einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung, die zurückgebliebenen Angehörigen, im Asyl ebenfalls, nur anders. Das stille Kind wächst zu einer stillen Frau heran, die die traumatischen Erfahrungen nicht verarbeiten kann. Und so zerbeißt sie in den Nachtstunden die Worte, die herauszufallen drohen. Mir gefällt gut, wie die Autorin die Protagonistin geschaffen hat. Eine unauffällige, introvertierte Frau, die unterm Radar fliegt. Ihr einziger näherer Bekannter hilft ihr, ihre Geschichte sichtbar zu machen und zu begreifen, indem er ihr zuhört und Interesse zeigt. Ein ruhiger Roman, der die Mechanismen dieses Unrechts sichtbar macht, die Feindseligkeit und den Hass der serbischen Bevölkerung, die sich völlig im Recht gefühlt hat und das Versagen der europäischen Staaten, die bei der Entwicklung der humanitären Katastrophe tatenlos zugeschaut haben. Ein wichtiges Buch über transgenerative Traumata.

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Veröffentlicht am 01.10.2025

Ein stiller Schrei voller Kraft

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Ein Buch, das leise beginnt und dennoch tief im Innersten widerhallt. Jehona Kicaj hat eine Sprache gefunden, die Wunden sichtbar macht, die sich nicht schließen lassen. In jedem Satz schwingt die Erfahrung ...

Ein Buch, das leise beginnt und dennoch tief im Innersten widerhallt. Jehona Kicaj hat eine Sprache gefunden, die Wunden sichtbar macht, die sich nicht schließen lassen. In jedem Satz schwingt die Erfahrung von Entwurzelung, Verlust und dem ständigen Ringen um Zugehörigkeit mit. Die Erzählerin steht zwischen zwei Welten, und doch fühlt sie sich in keiner wirklich zu Hause. Dieses Dazwischen, dieses nie ganz Ankommen, beschreibt die Autorin mit einer Zartheit, die unter die Haut geht, und mit einer Klarheit, die gleichzeitig verstört und tröstet.

Besonders eindringlich ist, wie hier Geschichte in Körper eingeschrieben wird. Krieg, Tod, Sprachlosigkeit – nichts davon bleibt fern, selbst wenn das Geschehen geographisch weit weg ist. In den Augen anderer nur ein Kind, das in Deutschland aufwächst, doch im Innern immer das Bewusstsein der verscharrten, namenlosen Toten, die Schatten der Vergangenheit, die nicht verschwinden wollen.

Dieses Debüt ist nicht laut, nicht reißerisch, sondern stark in seiner Stille. Es erzählt von der Suche nach Worten, die das Unsagbare fassen können. Von der Kraft, trotz Sprachverlust eine eigene Stimme zu entwickeln. Ein Buch, das nicht nur gelesen, sondern gefühlt werden muss. Vollkommen zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Wichtig!

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„Ich habe mir gewünscht, mein Schweigen könnte mich unsichtbar machen“. (S.15)

Ë
Jehona Kicaj
ET: 23.7.25

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem ...

„Ich habe mir gewünscht, mein Schweigen könnte mich unsichtbar machen“. (S.15)

Ë
Jehona Kicaj
ET: 23.7.25

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“ (S.11/12)
Jehona Kicaj ist die Tochter albanisch-kosovarischer Einwanderer, die in den 1990er Jahren nach Deutschland kamen.
Ein Besuch bei einem Zahnarzt, der ihren völlig verspannten Kiefer untersuchen soll, weckt Erinnerungen an ihre Vergangenheit – an Szenen aus der frühen Kindheit in der Schule, aber auch an Besuche in der alten Heimat, dort, wo die Serben ihr Volk vertrieben und ihre Sprache verboten.

Jehona möchte keine Fehler machen, sie will perfekt sein – vor allem in der deutschen Sprache. Nur so, glaubt sie, kann man unauffällig und angepasst leben. Deshalb überdenkt sie jeden Satz, der ihr eigentlich schon auf der Zunge liegt, immer wieder – bis sie merkt, dass sie ihn gar nicht mehr aussprechen muss, weil das Thema längst ein anderes ist oder es ihr schlicht nicht mehr wichtig ist, etwas zu sagen.
Doch ihre Angepasstheit in Deutschland führt zu einer Entwurzelung in ihrer Heimat. Sie lernt die albanische Sprache nicht richtig und gewöhnt sich ab, das „R“ zu rollen – ein Laut, der in ihrer Muttersprache so bedeutsam ist.

Ë ist ein Buch, bei dem ich mich als Deutsche fremdgeschämt habe – für die mangelnde Einfühlsamkeit der Kindergärtnerin, für die Unsensibilität der Kommilitonen und an vielen anderen Stellen.
Wir können nur aus diesem Buch lernen.

Heute gibt es keine „Lesemäuse“ von mir, aber ich möchte euch verraten, dass ich das Buch an einem Tag gelesen habe und dass ich Jehona Kicaj für den kommenden Montag, den Tag, an dem der Deutsche Buchpreis 2025 vergeben wird, ganz fest die Daumen drücke. Ich wünsche mir, dass sie weder schweigen noch sich unsichtbar machen wird.
Toi, toi, toi!

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Von dem Gefühl, dass etwas da ist, obwohl es nicht ausgesprochen wird

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Der Buchstabe ë ist im Albanischen ein „Schwa“-Laut, also ein schwach betonter oder gar nicht ausgesprochener Vokal, ähnlich wie das letzte „e“ bei „Gedanke“. In verschiedenen, memoir-artigen Abschnitten, ...

Der Buchstabe ë ist im Albanischen ein „Schwa“-Laut, also ein schwach betonter oder gar nicht ausgesprochener Vokal, ähnlich wie das letzte „e“ bei „Gedanke“. In verschiedenen, memoir-artigen Abschnitten, erzählt Jehona Kicaj in ihrem Debüt „ë“ von diesem Gefühl des Latenten, also etwas, das ähnlich wie dieser Buchstabe, zwar da ist, aber nicht ausgesprochen wird, nicht expliziert wird.

„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“

Die Erzählerin, die als Kind aus dem Kosovo geflohen ist, die ihre Zähne im Schlaf so fest aufeinanderpresst, dass sie kaputt gehen, die etwas, was überhaupt nicht da ist, mit ihren Knochen quasi zermalmt, erzählt uns davon, wie sie diesem Leiden auf den Grund zu gehen versucht. Sie erzählt uns von ihrer Kindheit und Familie, besucht die Vorlesung einer Forensikerin, die menschliche Knochen „zum Sprechen“ bringt und so Opfer des Kosovokrieges identifiziert, besucht Orte, die so verwundet sind, dass man sie mit Erinnerungen zum Sprechen bringen muss, um sie nicht zu vergessen. Erzählt von der Notwendigkeit und Anstrengung, die eigene Stimme nutzen zu müssen, um nicht von Zuschreibungen von außen verschluckt zu werden.

„Im Grunde bedeutet Sprechen für mich noch heute Nachahmung; es ist bloß eine neu angeordnete Klangabfolge von dem, was ich vorher gehört oder gelesen habe. Und manchmal frage ich mich, wie viel von mir selbst in meinen Worten liegt, wenn ich sie ursprünglich von gezeichneten Bildern auf dem Bildschirm erlernt habe.“

Der Kosovokrieg und die vorherigen Angriffe, die Unterdrückung und Segregation, serbischer Nationalismus, die orthodoxe Kirche und die Bestrebungen auf ein Großserbien - Kosovar*innen und ihren Lebensrealitäten wird in Deutschland nicht viel Raum geboten.
Umso schöner und beeinddruckender fand ich, dass der Sprachlosigkeit selbst etwas entgegengesetzt wird: In zahlreichen Dialogen sprechen Menschen, erzählen von ihren Erinnerungen an den Krieg und von ihren Gedanken und Meinungen zu verschiedenen Themen.

„M’doket e ke harru rrugën qysh me ardhë te na – ›Mir scheint, du hast vergessen, wie man zu uns kommt‹“

Auch der Sprache an sich gibt sie Raum. Sie denkt über das Verhältnis zu verschiedenen Sprachen nach, jenachdem, auf welche Weise man sie gelernt hat und welche Zuschreibungen sie von außen haben. Albanische Sätze werden oft ausgeschrieben (und anschließend übersetzt); man merkt, wie liebevoll Kincaj über das Albanische nachdenkt und wie sie versucht, diese Liebe an uns zu vermitteln, was mich als Leserin, obwohl ich diese Sätze nicht verstehe, emotional tief berührt hat.

„Manchmal frage ich mich, ob die Verspannungen in meinem Kiefer nicht auch auf die deutsche Sprache zurückzuführen sind. Ich bilde mir ein, dass meine Kiefergelenke an Tagen, an denen ich nur Albanisch gesprochen habe, weniger laut einrasten. Als hätte ich an diesen Tagen weniger Schmerzen. Wenn ich Deutsch spreche, habe ich das Gefühl, mein Kiefer müsste sich verrenken, um die Wörter auszusprechen, sie richtig zu betonen.“

Bei solchen Büchern fällt es mir schwer, Sterne-Bewertungen abzugeben, weil sie mir eben sehr memoir-haft und persönlich erscheinen. Was ich mir gewünscht hätte wäre, dass sich einige sprachliche Stilmittel, die am Anfang genutzt wurden, noch mehr durch das Buch gezogen hätten bzw. das Buch noch mehr angereichert hätten. Aber das ist nur eine kleine Anmerkung.

Ich empfehle ë für alle, die gerne etwas ruhigere, nachdenkliche und biografische Erzählungen lesen möchten.

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