Ein stilles und zugleich sprachmächtiges Buch, das vom Verlust der Heimat durch Krieg, von Schmerz und Sprachverlust erzählt. In diesem ergreifenden Debüt findet die Autorin eine großartige eigene Sprache.
Der ungewöhnliche Titel »ë« steht für einen Buchstaben, der in der albanischen Sprache eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist gar nicht ausgesprochen wird. Als Kind von Geflüchteten aus dem Kosovo ist die Erzählerin auf der Suche nach Sprache und Stimme. Sie wächst in Deutschland auf, geht in den Kindergarten, zur Schule und auf die Universität, sucht nach Verständnis, aber stößt immer wieder auf Zuschreibungen, Ahnungslosigkeit und Ignoranz.
Als der Kosovokrieg Ende der 90er-Jahre wütet, erlebt sie ihn aus sicherer Entfernung. Doch auch in der Diaspora sind Krieg und Tod präsent – sie werden nur anders erlebt als vor Ort.
Der Roman »ë« erzählt von dem in Deutschland kaum bekannten Kosovokrieg und erinnert an das Leid von Familien, die ihre Heimat verloren haben, deren ermordete Angehörige anonym verscharrt wurden und bis heute verschollen oder nicht identifiziert sind. Eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann, weil sie buchstäblich in jeder Faser des Körpers steckt, wird von Jehona Kicaj im wahrsten Wortsinn zur Sprache gebracht.
Dieses Werk wird durch eine namenlose Ich-Erzählerin getragen, die durch Rückblicke ihres eigenen Lebens und die ihrer Vorfahren dem Leser die politischen Konflikte und Kriegsschilderungen des Kosovos ...
Dieses Werk wird durch eine namenlose Ich-Erzählerin getragen, die durch Rückblicke ihres eigenen Lebens und die ihrer Vorfahren dem Leser die politischen Konflikte und Kriegsschilderungen des Kosovos nahebringt.
Die Erzählerin selbst hat den Kosovokrrieg Ende der 90er nicht unmittelbar selbst erlebt. Dennoch zeigt der Roman auf, wie auch die folgenden Generationen unter den Folgen leiden. Eindrücklich ist hier, dass es auch sehr unterbewusste oder tief verankerte Folgen sein können, wie bei der Ich-Erzählerin das starke Zähneknirschen, was der Zahnarzt unwissend auf erhöhten Stress zurückführt.
Einzigartig an dem Werk ist, wie die Autorin Sprache und Krieg zusammenführt. Die Einschübe der Zahnarztbesuche, bei denen das Zähneknirschen im Zentrum steht, drücken die sprachlichen Schwierigkeiten sowie die Sprachlosigkeit der Ich-Erzählerin aus. Dies zeigt, wie stark nachhallend Kriegserlebnisse von Familienmitgliedern sein können.
Das Werk leistet einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit vergessener Kriege und vergessener Opfer.
Ein aussergewöhnlicher Roman, der für den Leser lehrreich und bewegend ist.
Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. ...
Der Zahnarztbesuch beleuchtet, was sie geahnt hat. Sie leidet unter nächtlichem Zähneknirschen. Der Abrieb ist so stark, dass ihre Gelenkkapsel in der Grube reibt. Ob sie Stress habe, will der Arzt wissen. Sie weiß, dass es so nicht ist und selbst wenn. Vielleicht hat sie die Wörter zu lange gefangen gehalten, grübelt sie.
Elias sagt, dass ihr sprachlicher Ausdruck so präzise ist wie der einer Synchronsprecherin. Vielleicht liegt es daran, dass sie die Deutsche Sprache als Kind vor dem Fernseher gelernt hat, überlegt sie. Monate später im Kindergarten, hörte sie die vage vertrauten Worte auch aus Kindermündern. Ihre Muttersprache ist Albanisch. Als jedoch Ende der 90er der Kosovokrieg begann, war Schluss mit dem heimatlichen Wortschatz. Sie mussten weg. Sobald sie die serbische Grenze erreichten, mussten sie schweigen. Nur ihr Vater konnte fließend Serbisch, hatte es in der Schule und beim Militär gelernt. Der Grenzbeamte forderte ihre Pässe, aber Mamas Hände zitterten so sehr, dass sie den Reißverschluss des roten Lederbeutels nicht öffnen konnte. Sie gab ihn dem Vater mit gesenktem Blick. Der Grenzbeamte sah auf sie herab, ließ sie aussteigen und das Auto ausräumen. Die Pässe gab er ihnen nicht zurück, er schob sie von sich, als wären sie Unrat. Da hatte sie zum ersten Mal gesehen, wie ihre Eltern gedemütigt wurden.
Wenn man mich fragt, woher ich „ursprünglich“ komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit. S. 11
Fazit: Jehona Kicaj hat sich in ihrem Romadebüt ihrer Heimat, dem Kosovo genähert. Ihre Protagonistin war ein stilles Kind, weil sie zur Sprachlosigkeit erzogen wurde. Ihre Eltern haben frühzeitig die Flucht nach Deutschland ergriffen und sind von der ethnischen Säuberung, des Völkermordes, den die serbischen Soldaten an den Kosovaren (ebenso an Kroaten und Bosniern) verübt haben, verschont geblieben. Doch offensichtlich erlebt man einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung, die zurückgebliebenen Angehörigen, im Asyl ebenfalls, nur anders. Das stille Kind wächst zu einer stillen Frau heran, die die traumatischen Erfahrungen nicht verarbeiten kann. Und so zerbeißt sie in den Nachtstunden die Worte, die herauszufallen drohen. Mir gefällt gut, wie die Autorin die Protagonistin geschaffen hat. Eine unauffällige, introvertierte Frau, die unterm Radar fliegt. Ihr einziger näherer Bekannter hilft ihr, ihre Geschichte sichtbar zu machen und zu begreifen, indem er ihr zuhört und Interesse zeigt. Ein ruhiger Roman, der die Mechanismen dieses Unrechts sichtbar macht, die Feindseligkeit und den Hass der serbischen Bevölkerung, die sich völlig im Recht gefühlt hat und das Versagen der europäischen Staaten, die bei der Entwicklung der humanitären Katastrophe tatenlos zugeschaut haben. Ein wichtiges Buch über transgenerative Traumata.
„Ich lernte früh, das ich schweigen musste, sobald wir die serbische Grenze erreichten. Deine Muttersprache konnte dich in Gefahr bringen, wenn du sie am falschen Ort sprachst.“ (S. 10)
Die Erzählerin ...
„Ich lernte früh, das ich schweigen musste, sobald wir die serbische Grenze erreichten. Deine Muttersprache konnte dich in Gefahr bringen, wenn du sie am falschen Ort sprachst.“ (S. 10)
Die Erzählerin lernt als Kind von Kosovo Geflüchteten recht früh, Ihre Sprache und damit auch ihre Identität zu verstecken. Sinnbildlich dafür steht der Buchstabe „ë“, ein Buchstabe der in der albanischen Sprache eine wichtige Rolle spielt, obwohl er meistens gar nicht ausgesprochen wird.
Die Erzählerin wächst in Deutschland auf und versucht, von Kindergarten über Schule bis zur Universität, verstanden zu werden. Dabei wird sie immer wieder konfrontiert mit Vorurteilen, Unwissen und Gleichgültigkeit.
Den Kosovokrieg, der Ende der 1990er Jahre ausbricht, erlebt sie zwar nur aus der Ferne mit, jedoch sind Krieg und Tod fortwährend präsent in ihrer Umgebung. Ihr Großvater ist im Kosovokrieg gestorben, man hat ihn jedoch nie gefunden. Nur die Umstände, unter denen er gestorben ist, sind bekannt.
„Aber wie soll ein Grab aussehen, das kein Grab ist? Ein Grab als ein Symbol. Es soll die Leerstelle verdecken und hebt sie noch stärker hervor.“ (S. 43)
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Der Roman widmet sich einem Kapitel europäischer Geschichte, das in Deutschland kaum Beachtung fand. Er erinnert an das Leid unzähliger Familien, die ihre Heimat verloren haben und die noch immer auf der Suche nach verschwundenen Angehörigen sind.
„Das Wort „verschwunden“ umschreibt nur, das die Leiche bisher noch nicht gefunden wurde. Erst später lernte ich: Die Hoffnung besteht nicht darin, dass sie wiederkehren, sondern darin, eine Nachricht über ihr Schicksal zu bekommen.“ (S. 44)
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Auf gerade einmal 176 Seiten trifft Jehona Kicaj immer den richtigen Ton und hat eine Erzählung geschaffen, die mir im Gedächtnis bleiben wird. Am meisten beeindruckt hat mich dabei ihre Wortwahl. Dieses Buch ist alles andere als sprachlos, dafür hat es mich ein Stück weit sprachlos gemacht. Als der Kosovokrieg anfing, war ich selbst erst zehn Jahre alt und ich wusste bisher absolut nichts darüber. Daher danke ich Jehona Kicaj dafür, das sie ihre Geschichte mit mir geteilt hat.
Ein Buch, das meiner Meinung nach zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025 stand und eine Empfehlung für alle, die gern mal über den Tellerrand hinausschauen!
Ein Buch, das leise beginnt und dennoch tief im Innersten widerhallt. Jehona Kicaj hat eine Sprache gefunden, die Wunden sichtbar macht, die sich nicht schließen lassen. In jedem Satz schwingt die Erfahrung ...
Ein Buch, das leise beginnt und dennoch tief im Innersten widerhallt. Jehona Kicaj hat eine Sprache gefunden, die Wunden sichtbar macht, die sich nicht schließen lassen. In jedem Satz schwingt die Erfahrung von Entwurzelung, Verlust und dem ständigen Ringen um Zugehörigkeit mit. Die Erzählerin steht zwischen zwei Welten, und doch fühlt sie sich in keiner wirklich zu Hause. Dieses Dazwischen, dieses nie ganz Ankommen, beschreibt die Autorin mit einer Zartheit, die unter die Haut geht, und mit einer Klarheit, die gleichzeitig verstört und tröstet.
Besonders eindringlich ist, wie hier Geschichte in Körper eingeschrieben wird. Krieg, Tod, Sprachlosigkeit – nichts davon bleibt fern, selbst wenn das Geschehen geographisch weit weg ist. In den Augen anderer nur ein Kind, das in Deutschland aufwächst, doch im Innern immer das Bewusstsein der verscharrten, namenlosen Toten, die Schatten der Vergangenheit, die nicht verschwinden wollen.
Dieses Debüt ist nicht laut, nicht reißerisch, sondern stark in seiner Stille. Es erzählt von der Suche nach Worten, die das Unsagbare fassen können. Von der Kraft, trotz Sprachverlust eine eigene Stimme zu entwickeln. Ein Buch, das nicht nur gelesen, sondern gefühlt werden muss. Vollkommen zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
„Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.“ (S.11/12)
Jehona Kicaj ist die Tochter albanisch-kosovarischer Einwanderer, die in den 1990er Jahren nach Deutschland kamen.
Ein Besuch bei einem Zahnarzt, der ihren völlig verspannten Kiefer untersuchen soll, weckt Erinnerungen an ihre Vergangenheit – an Szenen aus der frühen Kindheit in der Schule, aber auch an Besuche in der alten Heimat, dort, wo die Serben ihr Volk vertrieben und ihre Sprache verboten.
Jehona möchte keine Fehler machen, sie will perfekt sein – vor allem in der deutschen Sprache. Nur so, glaubt sie, kann man unauffällig und angepasst leben. Deshalb überdenkt sie jeden Satz, der ihr eigentlich schon auf der Zunge liegt, immer wieder – bis sie merkt, dass sie ihn gar nicht mehr aussprechen muss, weil das Thema längst ein anderes ist oder es ihr schlicht nicht mehr wichtig ist, etwas zu sagen.
Doch ihre Angepasstheit in Deutschland führt zu einer Entwurzelung in ihrer Heimat. Sie lernt die albanische Sprache nicht richtig und gewöhnt sich ab, das „R“ zu rollen – ein Laut, der in ihrer Muttersprache so bedeutsam ist.
Ë ist ein Buch, bei dem ich mich als Deutsche fremdgeschämt habe – für die mangelnde Einfühlsamkeit der Kindergärtnerin, für die Unsensibilität der Kommilitonen und an vielen anderen Stellen.
Wir können nur aus diesem Buch lernen.
Heute gibt es keine „Lesemäuse“ von mir, aber ich möchte euch verraten, dass ich das Buch an einem Tag gelesen habe und dass ich Jehona Kicaj für den kommenden Montag, den Tag, an dem der Deutsche Buchpreis 2025 vergeben wird, ganz fest die Daumen drücke. Ich wünsche mir, dass sie weder schweigen noch sich unsichtbar machen wird.
Toi, toi, toi!