Nun also die Rebellion! Was wäre auch sonst eine angemessene Reaktion auf die Zustände in der Welt und in Deutschland! Und dass es dafür mehr als genug Gründe gibt, wird bereits nach wenigen Seiten der ...
Nun also die Rebellion! Was wäre auch sonst eine angemessene Reaktion auf die Zustände in der Welt und in Deutschland! Und dass es dafür mehr als genug Gründe gibt, wird bereits nach wenigen Seiten der Känguru Rebellion klar. Mit gewohnt viel Scharfsinn und Humor nehmen Marc-Uwe und das Känguru pointiert die Gegenwartsgesellschaft auseinander und lassen dabei kaum ein Stein auf dem anderen. Stets kapitalismuskritisch werden führende Politiker, Parteien und die AfD analysiert und ihre Widersprüche und destruktiven Tendenzen schonungslos aufgedeckt. Das Ganze passiert dabei mit so viel Charme, Berliner Lokalkolorit und der liebenswerten Verpeiltheit der Protagonisten, dass es einfach nur ein intellektueller wie humoristischer Genuss ist! Besonders hervorheben möchte ich, dass die Kritik dabei nie destruktiv wird oder zum Selbstzweck verkommt, sondern stets mit konstruktiven Lösungsansätzen verbunden ist. Ganz großes Kino!
Daneben gibt es die gewohnten unterhaltsamen Kabbeleien im Alltag zwischen den ungleichen Mitbewohnern, die einfach köstlich zu lesen und hören sind, wie etwa wenn das Känguru Marc-Uwe Schubladendreck als Crunch für sein Frühstück unterjubeln will.
Ich habe den Roman als Hörbuch gehört und kann dies unbedingt empfehlen, denn es handelt sich dabei um eine Live Lesung des Autors, die einfach nur genial ist!
Die Känguru Rebellion ist für mich eine mehr als würdige Fortsetzung der Reihe und unbedingt lesenswert!
Zugwind erzählt die Geschichte der ukrainisch stämmigen Ärztin Mira, die sich lange vor dem russischen Angriffskrieg mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter ein Leben und eine berufliche Karriere in Deutschland ...
Zugwind erzählt die Geschichte der ukrainisch stämmigen Ärztin Mira, die sich lange vor dem russischen Angriffskrieg mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter ein Leben und eine berufliche Karriere in Deutschland aufgebaut hat. Mira stammt aus einer jüdischen Familie in Odessa und ist von dort einst selbst mit ihrem Mann nach Deutschland aufgebrochen. Mit dem Krieg in ihrem Heimatland gerät auch das hart erarbeitete, mittlerweile jedoch recht eingespielte und glückliche Leben in Deutschland zunehmend aus den Fugen. Wieviel Glück ist im Alltag erlaubt, während Familie und Freunde um ihr Land und Leben kämpfen?
Man erlebt die Protagonistin zerrissen zwischen scheinbarer Normalität in ihrem Leben und Alltag in Deutschland als Ärztin und der Sorge um Familie und Freunde in der Ukraine. Verstärkt wird diese Zerrissenheit von der täglichen Arbeit in ihrer Hausarztpraxis, die sich schnell als Anlaufstelle für geflüchtete Ukrainerinnen herumspricht. Und so erlebt Mira auch hautnah die Nachrichten aus der Ukraine, die Sorgen ihrer Landsleute und auch deren Schwierigkeiten im gewählten Exil anzukommen, während ein Teil der Familie noch im Krieg lebt und um ihre Heimat kämpft. Mira wird hier oft von der Ärztin zur Sozialpädagogin und Therapeutin angesichts der Komplexität der Ansprüche. Dies alles erzählt Iryna Fingerova lebensnah und einfühlsam. Besonders berührt hat mich, wie die Protagonistin in ihrem Alltag als Ärztin ihren (ukrainischen) Patientinnen begegnet, mit so viel Verständnis und Empathie für deren Lebenswelt, weit über die medizinische Rollenbeschreibung hinaus.
Neben dem Leben in Deutschland und dem inneren und äußeren Ringen um einen Umgang mit dem Krieg in der Ukraine stehen Passagen in denen die Protagonistin selbst zurück in ihr Heimatland reist und so einerseits ein authentisches Bild einer Gesellschaft im Krieg vermittelt. Über Erinnerungen an die Vergangenheit und ihr Leben und Aufwachsen in Odessa strahlt jedoch gleichzeitig eine Leichtigkeit und Schönheit in die Erzählung, die vermittelt, was der Krieg alles zerstört hat.
Ich bin mittlerweile sehr vorsichtig mit autofiktionalen Romanen, die mich zuletzt oft enttäuscht haben. Zugwind war daher eine sehr positive Überraschung für mich, denn die Autorin hat ohne Zweifel schriftstellerisches Talent und nutzt dieses mit Zugwind gekonnt, um ein authentisches Bild der Lebenswelt ukrainischer Menschen in Deutschland zu vermitteln!
Und schon schwankte die Welt: es ist die Erinnerung, Prägung und Erfahrung unserer Kindheit und Jugend, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen, die bis ins Erwachsenenleben die Macht haben unser Denken, ...
Und schon schwankte die Welt: es ist die Erinnerung, Prägung und Erfahrung unserer Kindheit und Jugend, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen, die bis ins Erwachsenenleben die Macht haben unser Denken, Fühlen und Handeln, unsere Gegenwart zu beeinflussen - wenn wir sie lassen. Diese schmerzhafte Erkenntnis entwickelt Felicitas Prokopetz im Verlauf ihres neuen Romans und der Dynamik der zentralen Protagonistinnen darin.
Im Mittelpunkt Viktoria und Helene, beide Mitte 40 und beste Freundinnen seit früher Kindheit. Helene aus bürgerlichem Elternhaus und mittlerweile Professorin, Viktoria aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter mit Suchtproblematik, früh selbst Mutter geworden und nun im Begriff ihren Traum von einer Promotion verspätet zu erfüllen. Tochter Lara sollte es stets besser als Viktoria selbst haben und ist in liebevoller Fürsorge zwischen Viktoria und Helene aufgewachsen, und studiert mittlerweile im fernen Leipzig. In diese eingespielte Frauenwirtschaft platzt Viktorias Begegnung mit Polly, einem jungen Studenten, der sich für seine Masterarbeit für die Raben in Viktorias Forschungsstation interessiert. Und nicht nur Polly bringt die Dynamik der Beziehungen ins Wanken, auch Toni, der erste Rabe, den Viktoria per Hand aufgezogen hat, taucht völlig unvermittelt wieder in ihrem Leben auf, scheinbar nicht ohne Grund. Vor diesem Hintergrund entwickelt Felicitas Prokopetz eine feinfühlige, kluge Erzählung über die Komplexität sozialer Beziehungen in unserer Gesellschaft. Zentrales Thema sind im Roman dabei immer wieder patriarchal kapitalistische Strukturen und wie sie unsere Vergangenheit, Gegenwart und leider wohl auch noch Zukunft prägen werden.
Einen Gegenentwurf dazu stellt Viktorias Forschungsgegenstand, die Raben im Allgemeinen und Rabe Toni im Speziellen dar, stellen diese doch mit der Natur einen Bereich dar, der sich zumindest teilweise dem Menschen und seiner kulturellen Praktiken, die durch kapitalvermittelte, patriarchale Machtlogiken gekennzeichnet sind, entzieht. Und so verwundert es auch kaum, dass die Autorin Freundschaft und Solidarität unter Frauen als Überlebensstrategie in patriarchalen Strukturen behutsam in ihrer Erzählung herausarbeitet.
Erzählt wird alternierend aus den Perspektiven Viktorias, Helenes und Pollys. Eine weitere Ebene erhält die Geschichte durch die Perspektive Laras, deren Kindheit und Gegenwart maßgeblich von Helene und ihrer Mutter Viktoria geprägt wurden und werden, während diese gleichzeitig ihre jeweilig eigene familiale Sozialisation reflektieren. So ist Laras Gegenwart und Alter im Lebensverlauf, für Helene und Viktoria in ihrem eigenen Leben eine Vergangenheit, deren Einfluss und Sinn sie versuchen im Heute zu verstehen. Es wird deutlich, wie sehr beide sich dessen bewusst sind, versuchen ihren Einfluss auf Lara bestmöglich zu gestalten, und machen doch ganz natürlicherweise andere Fehler.
Was ich besonders gelungen finde ist die Intelligenz und Feinfühligkeit mit der die Autorin die Komplexität sozialer Beziehungen ausleuchtet. Und das stets ohne Anzuklagen, sondern in nachvollziehbarer Erläuterung darstellt, was die Lebenswelt ihrer Protagonistinnen ausmacht und wie sie zu ihren Entscheidungen kommen, ob man diese nun gut findet oder nicht. Das ist für mich ganz großes Kino!
Und schon schwankte die Welt ist ein zeitgenössischer Roman im besten Sinne, der in einer feinfühligen Erzählung soziale Beziehungen analysiert, das Handeln seiner Protagonistinnen nachvollziehbar macht und dabei gesellschaftskritisch patriarchal kapitalistische Machtlogiken und deren Wirkung auf jeden Menschen aufzeigt.
Wer den Debütroman der Autorin schon mochte, wird diese Erzählung lieben, ich finde sie noch zugänglicher und reifer im aller besten Sinne! Damit ist er auch ein toller Einstieg für Leserinnen, um die Autorin und ihr Werk neu zu entdecken! Unbedingt lesen!
Herlinde ist noch jugendlich als sie dank einer engagierten Lehrerin, die ihr Talent erkannte, aus einem Südtiroler Dorf nach Mailand zieht, um das Kunstgymnasium zu besuchen, das sie auf ein späteres ...
Herlinde ist noch jugendlich als sie dank einer engagierten Lehrerin, die ihr Talent erkannte, aus einem Südtiroler Dorf nach Mailand zieht, um das Kunstgymnasium zu besuchen, das sie auf ein späteres Kunststudium vorbereiten soll. In Mailand lebt sie bei Signorina Dina, einer guten Freundin ihrer Lehrerin, die ihr für Unterstützung im Haushalt Kost und Logis gewährt und bald selbst zu einer ihrer wichtigsten Förderinnen wird. Der Kontrast zwischen dem einfach dörflichen Leben mit ihrem geliebten Vater, aber auch der Enge der Dorfgemeinschaft und den Möglichkeiten in Mailand und Herlindes Eintauchen in die Welt aus Kunst und Intellektuellen könnte kaum größer sein und verunsichert die ohnehin immer zweifelnde Herlinde anfangs sehr. Doch trotz aller Selbstzweifel und Hindernisse, die für Aufsteigerinnenbiografien so typisch sind, erkämpft sich Herlinde in den nächsten Jahren Stück für Stück ihren Traum, ein Leben so aufzubauen, wie sie es möchte und es ihren Talenten entspricht. Dabei verhandelt die Autorin in Herlinde zentrale Konflikte und Widersprüche, die diese in sich trägt und immer wieder und in jeder Lebensphase ausbalanciert, zwischen Bauerntochter und freiheitsliebender Künstlerin, zwischen traditionellen Geschlechterrollen und Selbstständigkeit, zwischen Verantwortung/Schuld und Unabhängigkeit.
Der Roman ist in drei Teile gegliedert, die jeweils unterschiedliche Zeitebenen abbilden. Teil eins stellt Herlindes Ankommen in Mailand und die Jahre auf dem Kunstgymnasium in den Mittelpunkt. Fremdheit und Scham angesichts der bürgerlichen, künstlerisch geprägten Kreise in denen sich die Bauerntochter nun bewegt, werden von der Autorin zurückhaltend jedoch nicht weniger pointiert herausgearbeitet. Wundervoll dargestellt ist in diesem Teil auch die beginnende und sich vertiefende Freundschaft zwischen Herlinde und ihren Klassenkameraden, eine Freundschaft auf Augenhöhe in der Herlinde auch zunehmend Selbstvertrauen mit Blick auf ihre Kunst entwickelt und die Leichtigkeit, wie Abwechslung in ihren fordernden strukturierten Alltag bei ihrer Hausmutter in Mailand bringt.
Im zweiten Teil dominiert der Ausbruch und Verlauf des zweiten Weltkriegs in Verbindung mit Herlindes Studienjahren an der Akademie. Liebe, Verlust, Trauer und Angst, aber auch (weibliche) Solidarität und tiefe Verbundenheit und Freundschaft werden hier thematisiert.
Eine Synthese aus Erinnerungen an die Nachkriegszeit, ihren Lebensweg und Herlindes Alltag in der Gegenwart nach einem ganzen Berufsleben als Lehrerin und Künstlerin in Bozen stellt der dritte Teil schließlich in den Vordergrund. Gerade in den Ruhestand eingetreten blickt Herlinde auf ihr Leben zurück.
Besonders macht den Roman der ruhige Erzählstil, der viel Wert auf das innere Erleben der Protagonistinnen legt. Sensibel werden Herlindes Scham, Ängste, Trauer und Konflikte ausgeleuchtet, aber auch ebenso die Herausforderungen und Gefühlswelten ihrer Freunde und Familie.
Neben den historischen Aspekten überzeugt mich der Roman außerdem mit den Einblicken in die Kunstwelt in den jeweiligen Dekaden, sowie der authentisch dargestellten Lebenswelt der Protagonistinnen darin.
Das Blau ferner Räume ist ein unaufgeregter, sensibler Roman. Eine Geschichte einer Emanzipation mit Hindernissen und Zweifeln, von einem Bauernmädchen, das Künstlerin wurde und doch nie ganz in der neuen Welt, in die sie sich hochgearbeitet hat, um ihre Träume zu erfüllen und Talente auszuleben, angekommen ist und doch oder gerade deswegen eine beeindruckende Frau ist, die versucht Prägung und Zukunft in ein erfülltes Bild zu zeichnen.
Endlich Vorständin werden. Marlenes Traum ist zum Greifen nah, wenn, ja, wenn da nicht die Beschwerden über ihre soziale Kompetenz wären. Ihre Chance auf den langersehnten Posten ist daher an eine Bedingung ...
Endlich Vorständin werden. Marlenes Traum ist zum Greifen nah, wenn, ja, wenn da nicht die Beschwerden über ihre soziale Kompetenz wären. Ihre Chance auf den langersehnten Posten ist daher an eine Bedingung geknüpft: ein Coaching-Seminar im ländlichen Brandenburg.
Coach Alex Grow, der die Akademie leitet verfolgt dabei ganz eigene Interessen und ist nicht weniger mit eigenen Sorgen und Problemen konfrontiert. Seine Akademie läuft schlecht und steht kurz vor dem Aus. Ein erfolgreiches Coaching Marlenes könnte ihm daher nicht nur Folgeaufträge in ihrer Firma sichern, sondern ist buchstäblich seine letzte Rettung.
Man merkt wie in jedem Maxim Leo Roman, dass der Autor seine Figuren wirklich mag und versteht. Aus den Zeilen spricht selbst in den Passagen größter Ironie, und von denen gibt es glücklicherweise so einige, immer eine gewisse Zugewandtheit den Figuren, ihren Problemen, aber auch viel allgemeiner, unserem Menschsein gegenüber. Dabei kommt eine klug formulierte Gesellschaftskritik gleichzeitig nicht zu kurz. Es liest sich köstlich, wie Leo die florierende Coachingbranche aufs Korn nimmt und deren Widersprüche und Charakteristika gekonnt offenlegt und ad absurdum führt.
Einatmen, Ausatmen ist ein klug komponierter, sprachlich überzeugender und humorvoller Gegenwartsroman, den ich unbedingt empfehle!