Profilbild von chiaralara36

chiaralara36

Lesejury Star
offline

chiaralara36 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit chiaralara36 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.06.2026

Wenn Geschichte lebendig wird: faszinierende Einblicke in die Glaskunst des Barocks und die Intrigen am brandenburgischen Hofe

Träume aus Feuer
1

Johannes Kunckel ist fast auf dem Höhepunkt seines Schaffens als der Alchemist und Chemiker beim Kurfürsten von Brandenburg seine Anstellung antritt. Der Kurfürst und seine Frau sind so begeistert von ...

Johannes Kunckel ist fast auf dem Höhepunkt seines Schaffens als der Alchemist und Chemiker beim Kurfürsten von Brandenburg seine Anstellung antritt. Der Kurfürst und seine Frau sind so begeistert von den Kunstwerken aus feinem rubinroten Glas, das Kunckel herzustellen vermag, dass sie ihn mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln fördern: und zu diesen Mitteln gehört nicht zuletzt die Pfaueninsel, mitten in der Havel, nur 500 Meter breit und 1200 Meter lang. Hier entsteht mit Kunckels neuer Glashütte in den folgenden Jahren eine der zentralen Wirkungsstätten der barocken Glaskunst.

Genau diese steht im Mittelpunkt dieses historisch inspirierten Romans, der Geschichte lebendig werden lässt. Neben tiefen Einblicken in die Glaskunst zu der neben der Kunst, nicht zuletzt und ganz entscheidend, auch das harte, schweißtreibende Handwerk der Glashüttenarbeit gehört, lässt Illies außerdem den Hof des Kurfürsten mit allen innerfamiliären Streitigkeiten, Neiddebatten und der Verschwendungssucht auferstehen.

All dies liest sich unglaublich einnehmend. Illies spielt mit Worten und den Farben, kaum zufällig stellt er das Rubinrot des Glases in den Kontrast seiner Komplementärfarbe in Form der vielfältigen Grünschattierungen der Flora der Insel. So virtuos wie er Kunckel sein Glas formen lässt, so gekonnt lässt Illies mit seiner eigenen Kunst der Worte historische Figuren zum Leben erwachen. Das schmale Büchlein wird so zu einem echten Lesegenuss in Inhalt und Stil!

Für mich ein echtes Highlight in diesem Lesejahr, mit einer ganz klaren Empfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 28.05.2026

Persönlich, mitnehmend, historisch interessant und hervorragend geschrieben

Fliegt, Wilde Schwäne
0

Von 1952, dem Jahr der Geburt der Autorin über die Machtergreifung Maos, dessen Kulturrevolution und schließlich den vorsichtigen Beginn der Nach-Maoära führt Jung Chang in einem informativen ...

Von 1952, dem Jahr der Geburt der Autorin über die Machtergreifung Maos, dessen Kulturrevolution und schließlich den vorsichtigen Beginn der Nach-Maoära führt Jung Chang in einem informativen und kurzweiligen Überblick zunächst bis zu ihrer Ausreise als Austauschstudierende in Großbritannien. Der Weg dorthin ist nicht nur vom Fleiß der Autorin, sowie viel Liebe und Unterstützung ihrer Familie gesäumt, sondern nicht zuletzt sehr viel Schmerz und Verlust, für Jung Chang mit gerade einmal Mitte 20 und ihre ganze Familie.

In ihrer neuen Wahlheimat Großbritannien studiert die Autorin nicht nur, sondern schließt auch erfolgreich eine Promotion ab. Ihre tiefe Verbundenheit zu China und nicht zuletzt ihrer Familie, lässt sie in den Jahren der Öffnung des Landes zu einer eher unfreiwilligen Kultur- und Kontaktvermittlerin zwischen den Nationen werden und so auch die eigene Prägung und Geschichte besser verstehen, die später die Grundlage für ihre schriftstellerische Tätigkeit sein wird. Genau diese nimmt in den betrachteten Folgejahren großen Raum ein, sodass fast eine Art Werksgeschichte mit Hintergrundinformationen zum Entstehen und dem Kontext ihrer bisherigen Publikationen entsteht. Für mich war dies unglaublich gelungen, da ich so auch die bisherigen Bücher noch besser einordnen konnte.

Ich habe bereits Wilde Schwäne und die Mao-Biografie der Autorin gelesen oder besser verschlungen und bin in Fliegt wilde Schwäne abermals beeindruckt vom Schreibtalent der Autorin. Man fliegt nur so durch die Seiten, komplexe historische Zusammenhänge vermittelt die Autorin genauso mühelos und pointiert, wie sie persönliche Eindrücke gekonnt in gesellschaftliche Zusammenhänge einbettet. Letztlich ist es diese besondere Mischung und das Talent informierte Fakten mit persönlichen Erfahrungen und Eindrücken zu bereichern, die die Geschichte in Jung Changs Büchern lebendig werden lassen. Ganz klare Empfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.05.2026

Wir rebellieren gegen die Zustände!

Die Känguru-Rebellion (Die Känguru-Werke 5)
0

Nun also die Rebellion! Was wäre auch sonst eine angemessene Reaktion auf die Zustände in der Welt und in Deutschland! Und dass es dafür mehr als genug Gründe gibt, wird bereits nach wenigen Seiten der ...

Nun also die Rebellion! Was wäre auch sonst eine angemessene Reaktion auf die Zustände in der Welt und in Deutschland! Und dass es dafür mehr als genug Gründe gibt, wird bereits nach wenigen Seiten der Känguru Rebellion klar. Mit gewohnt viel Scharfsinn und Humor nehmen Marc-Uwe und das Känguru pointiert die Gegenwartsgesellschaft auseinander und lassen dabei kaum ein Stein auf dem anderen. Stets kapitalismuskritisch werden führende Politiker, Parteien und die AfD analysiert und ihre Widersprüche und destruktiven Tendenzen schonungslos aufgedeckt. Das Ganze passiert dabei mit so viel Charme, Berliner Lokalkolorit und der liebenswerten Verpeiltheit der Protagonisten, dass es einfach nur ein intellektueller wie humoristischer Genuss ist! Besonders hervorheben möchte ich, dass die Kritik dabei nie destruktiv wird oder zum Selbstzweck verkommt, sondern stets mit konstruktiven Lösungsansätzen verbunden ist. Ganz großes Kino!

Daneben gibt es die gewohnten unterhaltsamen Kabbeleien im Alltag zwischen den ungleichen Mitbewohnern, die einfach köstlich zu lesen und hören sind, wie etwa wenn das Känguru Marc-Uwe Schubladendreck als Crunch für sein Frühstück unterjubeln will.

Ich habe den Roman als Hörbuch gehört und kann dies unbedingt empfehlen, denn es handelt sich dabei um eine Live Lesung des Autors, die einfach nur genial ist!
Die Känguru Rebellion ist für mich eine mehr als würdige Fortsetzung der Reihe und unbedingt lesenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.05.2026

Ein authentischer Blick in die Lebenswelt ukrainischer Menschen in Deutschland

Zugwind
0

Zugwind erzählt die Geschichte der ukrainisch stämmigen Ärztin Mira, die sich lange vor dem russischen Angriffskrieg mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter ein Leben und eine berufliche Karriere in Deutschland ...

Zugwind erzählt die Geschichte der ukrainisch stämmigen Ärztin Mira, die sich lange vor dem russischen Angriffskrieg mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter ein Leben und eine berufliche Karriere in Deutschland aufgebaut hat. Mira stammt aus einer jüdischen Familie in Odessa und ist von dort einst selbst mit ihrem Mann nach Deutschland aufgebrochen. Mit dem Krieg in ihrem Heimatland gerät auch das hart erarbeitete, mittlerweile jedoch recht eingespielte und glückliche Leben in Deutschland zunehmend aus den Fugen. Wieviel Glück ist im Alltag erlaubt, während Familie und Freunde um ihr Land und Leben kämpfen?

Man erlebt die Protagonistin zerrissen zwischen scheinbarer Normalität in ihrem Leben und Alltag in Deutschland als Ärztin und der Sorge um Familie und Freunde in der Ukraine. Verstärkt wird diese Zerrissenheit von der täglichen Arbeit in ihrer Hausarztpraxis, die sich schnell als Anlaufstelle für geflüchtete Ukrainerinnen herumspricht. Und so erlebt Mira auch hautnah die Nachrichten aus der Ukraine, die Sorgen ihrer Landsleute und auch deren Schwierigkeiten im gewählten Exil anzukommen, während ein Teil der Familie noch im Krieg lebt und um ihre Heimat kämpft. Mira wird hier oft von der Ärztin zur Sozialpädagogin und Therapeutin angesichts der Komplexität der Ansprüche. Dies alles erzählt Iryna Fingerova lebensnah und einfühlsam. Besonders berührt hat mich, wie die Protagonistin in ihrem Alltag als Ärztin ihren (ukrainischen) Patientinnen begegnet, mit so viel Verständnis und Empathie für deren Lebenswelt, weit über die medizinische Rollenbeschreibung hinaus.

Neben dem Leben in Deutschland und dem inneren und äußeren Ringen um einen Umgang mit dem Krieg in der Ukraine stehen Passagen in denen die Protagonistin selbst zurück in ihr Heimatland reist und so einerseits ein authentisches Bild einer Gesellschaft im Krieg vermittelt. Über Erinnerungen an die Vergangenheit und ihr Leben und Aufwachsen in Odessa strahlt jedoch gleichzeitig eine Leichtigkeit und Schönheit in die Erzählung, die vermittelt, was der Krieg alles zerstört hat.

Ich bin mittlerweile sehr vorsichtig mit autofiktionalen Romanen, die mich zuletzt oft enttäuscht haben. Zugwind war daher eine sehr positive Überraschung für mich, denn die Autorin hat ohne Zweifel schriftstellerisches Talent und nutzt dieses mit Zugwind gekonnt, um ein authentisches Bild der Lebenswelt ukrainischer Menschen in Deutschland zu vermitteln!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.04.2026

Feinfühlig, klug, gesellschaftskritisch und authentisch: unbedingt lesenswert

Schon schwankte die Welt
3

Und schon schwankte die Welt: es ist die Erinnerung, Prägung und Erfahrung unserer Kindheit und Jugend, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen, die bis ins Erwachsenenleben die Macht haben unser Denken, ...

Und schon schwankte die Welt: es ist die Erinnerung, Prägung und Erfahrung unserer Kindheit und Jugend, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen, die bis ins Erwachsenenleben die Macht haben unser Denken, Fühlen und Handeln, unsere Gegenwart zu beeinflussen - wenn wir sie lassen. Diese schmerzhafte Erkenntnis entwickelt Felicitas Prokopetz im Verlauf ihres neuen Romans und der Dynamik der zentralen Protagonistinnen darin.

Im Mittelpunkt Viktoria und Helene, beide Mitte 40 und beste Freundinnen seit früher Kindheit. Helene aus bürgerlichem Elternhaus und mittlerweile Professorin, Viktoria aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter mit Suchtproblematik, früh selbst Mutter geworden und nun im Begriff ihren Traum von einer Promotion verspätet zu erfüllen. Tochter Lara sollte es stets besser als Viktoria selbst haben und ist in liebevoller Fürsorge zwischen Viktoria und Helene aufgewachsen, und studiert mittlerweile im fernen Leipzig. In diese eingespielte Frauenwirtschaft platzt Viktorias Begegnung mit Polly, einem jungen Studenten, der sich für seine Masterarbeit für die Raben in Viktorias Forschungsstation interessiert. Und nicht nur Polly bringt die Dynamik der Beziehungen ins Wanken, auch Toni, der erste Rabe, den Viktoria per Hand aufgezogen hat, taucht völlig unvermittelt wieder in ihrem Leben auf, scheinbar nicht ohne Grund. Vor diesem Hintergrund entwickelt Felicitas Prokopetz eine feinfühlige, kluge Erzählung über die Komplexität sozialer Beziehungen in unserer Gesellschaft. Zentrales Thema sind im Roman dabei immer wieder patriarchal kapitalistische Strukturen und wie sie unsere Vergangenheit, Gegenwart und leider wohl auch noch Zukunft prägen werden.

Einen Gegenentwurf dazu stellt Viktorias Forschungsgegenstand, die Raben im Allgemeinen und Rabe Toni im Speziellen dar, stellen diese doch mit der Natur einen Bereich dar, der sich zumindest teilweise dem Menschen und seiner kulturellen Praktiken, die durch kapitalvermittelte, patriarchale Machtlogiken gekennzeichnet sind, entzieht. Und so verwundert es auch kaum, dass die Autorin Freundschaft und Solidarität unter Frauen als Überlebensstrategie in patriarchalen Strukturen behutsam in ihrer Erzählung herausarbeitet.

Erzählt wird alternierend aus den Perspektiven Viktorias, Helenes und Pollys. Eine weitere Ebene erhält die Geschichte durch die Perspektive Laras, deren Kindheit und Gegenwart maßgeblich von Helene und ihrer Mutter Viktoria geprägt wurden und werden, während diese gleichzeitig ihre jeweilig eigene familiale Sozialisation reflektieren. So ist Laras Gegenwart und Alter im Lebensverlauf, für Helene und Viktoria in ihrem eigenen Leben eine Vergangenheit, deren Einfluss und Sinn sie versuchen im Heute zu verstehen. Es wird deutlich, wie sehr beide sich dessen bewusst sind, versuchen ihren Einfluss auf Lara bestmöglich zu gestalten, und machen doch ganz natürlicherweise andere Fehler.

Was ich besonders gelungen finde ist die Intelligenz und Feinfühligkeit mit der die Autorin die Komplexität sozialer Beziehungen ausleuchtet. Und das stets ohne Anzuklagen, sondern in nachvollziehbarer Erläuterung darstellt, was die Lebenswelt ihrer Protagonistinnen ausmacht und wie sie zu ihren Entscheidungen kommen, ob man diese nun gut findet oder nicht. Das ist für mich ganz großes Kino!

Und schon schwankte die Welt ist ein zeitgenössischer Roman im besten Sinne, der in einer feinfühligen Erzählung soziale Beziehungen analysiert, das Handeln seiner Protagonistinnen nachvollziehbar macht und dabei gesellschaftskritisch patriarchal kapitalistische Machtlogiken und deren Wirkung auf jeden Menschen aufzeigt.

Wer den Debütroman der Autorin schon mochte, wird diese Erzählung lieben, ich finde sie noch zugänglicher und reifer im aller besten Sinne! Damit ist er auch ein toller Einstieg für Leserinnen, um die Autorin und ihr Werk neu zu entdecken! Unbedingt lesen!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema