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Veröffentlicht am 08.06.2025

Feministische Meeresliteratur at it’s best! 👏🤩📚🌊🩵

In der Bucht
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In der Bucht“ von Katherine Mansfield (1888 - 1923) gehört zu der „Klassikerinnen“-Reihe des Mare Verlags, in der frühere Werke - ausschließlich von Frauen erstmals oder neu übersetzt werden. Damit ihr ...

In der Bucht“ von Katherine Mansfield (1888 - 1923) gehört zu der „Klassikerinnen“-Reihe des Mare Verlags, in der frühere Werke - ausschließlich von Frauen erstmals oder neu übersetzt werden. Damit ihr das Werk besser einordnen könnt, möchte ich Euch noch ein paar Infos zur Autorin geben: Sie wurde in Neuseeland geboren, ging dann später in England zur Schule und befreundete sich mit Virginia Woolf (in deren Schatten Mansfields Werk auch lange stand und erst in den 90ern durch feministische Literaturwissenschaftler*innen wiederentdeckt wurde) und D.H. Lawrence. Mit nur 34 Jahren starb sie an Tuberkulose und hinterließ 73 Erzählungen, sowie allerhand Briefe (Infos der Mare-Verlagsseite entnommen).

Aber nun zur Lektüre. Die 1922 erstmals veröffentlichte Geschichte umfasst genau einen Tag, spielt in der Crescent Bay Neuseelands und ist autobiografisch beeinflusst durch Katherine Mansfield, die man am ehesten mit der Figur Kezia in Verbindung bringen könnte (eine der drei kleinen Mädchen, die in der Erzählung vorkommen) - es ist das Setting von Mansfield‘ Kindheit, wo sie aufgewachsen ist.

Die Story beginnt im Morgengrauen mit einem Blick in diese Bucht im Fokus auf die Natur. Zuerst ist die Crescent Bay menschenleer - bis ein Schäfer mit seiner Herde auftaucht. Das ist die erste der 12 Szenen aus denen die Erzählung besteht. Der Tag erwacht, die ersten Schwimmer besiedeln die Bucht und dann geht es weiter mit den verschiedenen Figuren durch den Sommertag. Bis zum Abend haben wir die (doch erstaunlich vielen) verschiedenen Figuren kennengelernt, mit all ihren Ängsten und Sorgen, sprich den Umständen, die sie gerade umtreiben. Wir erleben den Alltag der Figuren und Mansfeld greift dabei Themen wie Geschlechterrollen und gesellschaftliche Zwänge auf.

Eine atemberaubend schöne Meereskulisse ist die Heimat der Familie Burnell, genauer gesagt eine Bucht. Diese dient den Kindern als Spielplatz und dem Vater Stanley als allmorgendliche Schwimmstätte, mit dem täglichen Ziel, der erste zu sein, der dort schwimmt. Sein ganzes Seelenheil ist von dieser Ambition abhängig und sollte jemand vor ihm in der Bucht schwimmen, hängt der Haussegen schief. Allgemein scheint bei den Burnells viel von der väterlichen Präsenz abzuhängen - denn verlässt Stanley das Haus, steigt die Stimmung bei den restlichen Familienmitgliedern.

„Oh, die Erleichterung, wie anders es sich anfühlt, wenn der Mann aus dem Haus war. Wie sich allein ihre Stimmen veränderten, wenn sie sich etwas zuriefen; warm und liebevoll klangen sie, als teilten sie ein Geheimnis. Beryl ging zum Tisch. „Trink doch noch eine Tasse Tee, Mutter. Er ist noch heiß.“ Sie wollte gern irgendwie zelebrieren, dass sie jetzt machen konnten, was sie wollten. Kein Mann würde sie stören; der ganze perfekte Tag gehörte ihnen.“

Auch die Ehe der Burnells würde man wohl eher nicht als harmonisch bezeichnen - schon Kleinigkeiten können zu einem Streit führen.
Wie es zur damaligen Zeit üblich ist in Mittelschicht-Familien, verbringt auch Linda Burnell gerne die Tage am Strand. Was praktisch ist, denn so können auch die Großmütter ein Auge auf die Kinder haben und den Frauen ist etwas Me-Time vergönnt. Doch sie hadert zunehmend mit ihrer psychischen Verfassung - sie fühlt sich beobachtet und gefangen in ihren Umständen.

„Es sagte sich leicht, dass es nun mal das Los von Frauen sei, Kinder zu bekommen. Es stimmte nicht. Schon sie allein konnte das widerlegen. Sie war ruiniert, geschwächt, hatte jeden Mut verloren durchs Kinderkriegen. Und was es noch schwerer zu ertragen machte, sie liebte ihre Kinder nicht.“

Regretting Motherhood ist eins der vielfältigen und gerade für diese Zeit pikanten Themen, die Katherine Mansfield in ihrer Erzählung verarbeitet. Smart und präzise erzählt sie auf eine zutiefst menschliche Weise von den Facetten des Lebens und übt dabei Gesellschaftskritik. Sogar die Haltung des Dienstmädchens gegenüber Männern lässt sie beispielsweise beim Abwasch klarwerden:

„„Oh diese Männer!“, sagte sie, tauchte die Teekanne in die Schüssel und hielt sie noch unter Wasser gedrückt, als es aufgehört hatte zu blubbern, als wäre auch die ein Mann und Ertrinken noch zu gut für sie.“

Katherine Mansfield gelingt die Balance zwischen locker, leichten (Natur-) Beschreibungen eines wundervollen Sommertages und der Härte des Lebens inklusive Kritik am Patriarchat, der Gesellschaft und in die Erzählung verwobenen feministischen Fragestellungen. Perfekt abgerundet wird „In der Bucht“ durch Nicole Seiferts Nachwort, das die Erzählung einordnet und hilft den Gesamtzusammenhang bezogen auf die damalige Zeit, Gesellschaft und Geschlechterrollen zu verstehen - danke, wirklich hilfreich! (An dieser Stelle ein kurzer Hinweis auf Nicole Seiferts Werke „Frauenliteratur“ und „Einige Herren sagten etwas dazu“ - zwei wirklich lesenswerte feministische Bücher, die Ihr Euch unbedingt mal anschauen solltet, sofern nicht bereits geschehen).
Fazit: „In der Bucht“ war für mich das erste Werk, der Klassikerinnen-Reihe des Mare Verlags, das ich gelesen habe, aber sicherlich nicht das Letzte, denn „Skizzen des Südens“ von Constance Fenimore Woolson liegt hier bereits in den Startlöchern.

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Veröffentlicht am 04.06.2025

Fans von melancholischer Literatur aufgepasst: Dieses Schätzchen solltet Ihr Euch unbedingt mal anschauen!

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
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„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ habe ich auf Empfehlung einer lieben Buchhändlerin hin gekauft - sie ist so ins Schwärmen über „eins ihrer absoluten Lieblingsbücher“ verfallen, dass ich nicht anders ...

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ habe ich auf Empfehlung einer lieben Buchhändlerin hin gekauft - sie ist so ins Schwärmen über „eins ihrer absoluten Lieblingsbücher“ verfallen, dass ich nicht anders konnte, als dieses Schätzchen mit nach Hause zu nehmen.

Die Story dreht sich um die 14-Jährige June, die ihren Onkel Finn als wichtigste Bezugsperson und Freund betrachtet. Als Finn an Aids stirbt, bricht für June eine Welt zusammen. Sie und ihre Familie müssen sich mit Finns Tod und seiner Homosexualität auseinandersetzen, was zu Spannungen führt. June findet sich in einer Situation wieder, in der sie sich mit ihrem eigenen Verständnis von Familie, Tod und Verlust auseinandersetzen muss.

Es ist eine dieser Geschichten, die eher ruhig daherkommen - es gibt nicht viele Plottwists und manchmal plätschert die Story auch etwas vor sich hin (was wahrscheinlich auch der Grund ist, warum in einigen Rezis von gewissen Längen die Rede ist - fair enough). Unsere Protagonistin, June Elbus, verbringt ihre Zeit lieber allein oder mit ihrem Onkel Finn, statt mit Gleichaltrigen abzuhängen. In der Schule zählt sie zum gesunden Mittelmaß und sie hat auch kein besonderes Talent wie ihre Schwester Greta. Aber sie äußert einige der scharfsinnigsten und ehrlichsten Beobachtungen, die ich je gelesen habe.

„Ich interessierte mich nicht für Biertrinken oder Wodka oder Zigarettenrauchen oder das ganze andere Zeug. Greta bildete sich ein, ich sei überhaupt nicht in der Lage, mir das überhaupt vorzustellen. Aber ich will mir das alles auch gar nicht vorstellen. Jeder kann sich diese Dinge vorstellen. Ich will mir eine Zeitfalte vorstellen und Wälder voller Wölfe und düstere mitternächtliche Moore. Ich träume von Menschen, die keinen Sex zu haben brauchen, um zu wissen, dass sie sich lieben. Ich träume von Menschen, die sich immer nur auf die Wange küssen.“

Im Zentrum der Handlung steht Junes Versuch, den Tod ihres geliebten Onkels Finn zu verarbeiten, der an AIDS gestorben ist. Nachdem sie einen Brief von einem geheimnisvollen Mann (Toby) erhält, der ebenfalls eine Verbindung zu Finn gehabt haben will, beschließt June, ihn zu treffen – und damit beginnt eine Kette von Ereignissen, die ihr vielleicht helfen können, ihren Trauerprozess voranzubringen, seinen Tod zu verarbeiten und zu heilen.

June ist eine ziemlich unperfekte Protagonistin mit Ecken und Kanten – man könnten sie sogar teilweise als unsympathisch bezeichnen. Ihre Gefühle und Emotionen, die sie im Rahmen ihres Trauerprozesses durchlebt, ließen sie teils abstruse, (wahrscheinlich) von Eifersucht getriebene Dinge tun, die ich auf ihre tiefe Einsamkeit zurückzuführen würde - so oft habe ich mir gedacht während meiner Lektüre, dass ich sie gerade gern mal zum Trost in den Arm nehmen und gern mit ihr weinen würde. Zuflucht und einen Ort für ihre Trauer findet sie im nahegelegenen Wald - wann immer sie struggelt oder überwältigt wird von ihren Emotionen, zieht es sie an den Ort, wo die Wölfe zu Hause sind. Wie ihr merkt, haben wir es hier mit einem äußerst melancholischen Roman zu tun - und ich oute mich an dieser Stelle gerne als Fan von Melancholie in der Literatur.

„Ich fragte mich wirklich, warum Leute immer das taten, worauf sie überhaupt keine Lust hatten. Das Leben schien ein immer enger werdender Tunnel zu sein. Im Augenblick der Geburt war der Tunnel riesengroß und unendlich lang. Alles stand einem noch offen. Dann, in exakt einer Sekunde nach der Geburt, verengte sich der Tunnel bereits um die Hälfte. Als Junge stand fest, dass man niemals Mutter werden würde und wahrscheinlich auch kein Nagelpfleger oder Kindergärtner. Dann wurde man älter, und alles, was man tat, verengte den Tunnel nur noch mehr. Nach einem Armbruch war eine Laufbahn als Baseball-Pitcher ausgeschlossen. Fiel man im ersten Mathe-Test seines Lebens durch, erlosch jede Hoffnung, Naturwissenschaftler zu werden. Ungefähr so ging das jahrelang weiter, bis man festsaß. Als Bäcker oder Bibliothekar oder Barkeeper. Oder Buchhalter. Dumm gelaufen. Ich stellte mir vor, dass der Tunnel an dem Tag, an dem man starb, so furchtbar eng geworden war, dass man da drinnen zerdrückt wurde.“

Was mich auch begeistert hat, war die Handlung rund um das Porträt mit dem Titel „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ (titelgebend) das Onkel Finn von June und ihrer Schwester Greta angefertigt hat. Zunächst angedacht hatte er es, um in seinem Sterbeprozess regelmäßig Zeit mit June verbringen zu können - als Vorwand quasi, aber in dem Bild steckt mehr, als man zunächst vermutet (versteckte Botschaften und Geheimnisse, die es zu lüften gilt - aber mehr erfahrt ihr nur, bei einer eigenen Lektüre.. Na, neugierig geworden??).

Brunt schreibt sehr präzise und zugänglich, daher würde ich den Roman durchaus auch als für Jugendliche geeignet halten. Meine Leseempfehlung geht an alle, die sich mit den Themen Verlust, Trauer, Erwachsenwerden, Familienkonflikte und der damaligen Aids-Epidemie im New York der 1980er literarisch auseinandersetzen möchten. Die Autorin Carol Rifka Brunt verbindet ein autobiografischer Bezug zu dieser Thematik, da sie während der Aids-Epidemie in New York gelebt hat, was dem Roman eine besondere Authentizität verleiht.
Mich persönlich hat „Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ emotional sehr berührt und ich zähle es zu den schönsten und ergreifendsten Bücher zum Thema Trauer, die ich bisher gelesen habe. Fazit: Ich bin der lieben Buchhändlerin mehr als dankbar für diesen wundervollen Lesetipp - Melancholie vom feinsten, unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 17.05.2025

Nicht umsonst ist Kristine Bilkau mit diesem Werk Preisträgerin des Leipziger Buchpreises! 👏🤩

Halbinsel
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Heute möchte ich Euch ein Buch vorstellen, das mich zunächst etwas irritiert hat, denn ich dachte mir: Was will mir die Autorin eigentlich sagen? Worum geht’s in „Halbinsel“? Denn ich empfand es mehr oder ...

Heute möchte ich Euch ein Buch vorstellen, das mich zunächst etwas irritiert hat, denn ich dachte mir: Was will mir die Autorin eigentlich sagen? Worum geht’s in „Halbinsel“? Denn ich empfand es mehr oder weniger als so „dahinplätschernd“ - aber genau für diese Erzählweise habe ich Kristine Bilkau am Ende ins Herz geschlossen.

Im Zentrum des Romans, der sogar den Leipziger Buchpreis verliehen bekam, steht ein Mutter-Tochter-Duo: Annett mit ihrer bereits erwachsenen Tochter Linn. Ein Zusammenbruch während eines Vortrags bringt Umweltvolontärin Linn wieder zurück zu ihrer Mutter - was zunächst nur zur Erholung für eine Woche gedacht war, wird zu Monaten. Die beiden verbringen den Sommer zusammen auf einer Halbinsel im nordfriesischen Wattenmeer. Eigentlich waren sie mal ein eingeschworenes Team, denn das Leben hat ihnen einiges abverlangt durch den plötzlichen Tod des Vaters von Linn und Annett wurde zur Alleinerziehenden vor zwanzig Jahren.

„Wir parkten in der Nähe des Kiosks am Deich und gingen los. Der feste, leicht gewellte Wattboden fühlte sich warm an unter meinen Füßen. Der Backstein lag schwer in meinem Rucksack, ich hatte ihn mitgenommen, um ihn an einer Stelle, die sich passend anfühlen würde, zurück ins Watt zu legen. In der Ferne bewegten sich wieder zwei Kutschen Richtung Hallig. Die Sonne glitzerte in den Wasser-lachen. Einige Male blieben wir stehen, um uns herum war es so still, dass wir ein leises Knistern aus dem Boden hören konnten, Organismen, Sedimente.
»Erzähl uns noch mehr von der versunkenen Stadt«, sagte Linn zu Agnes. »Ich bin hier aufgewachsen - und weiß so gut wie nichts darüber.«“

In ihren Vierzigern fängt Annett an, sich immer intensiver mit den großen Fragen des Lebens, aber auch mit den Herausforderungen der Gesellschaft unserer Gegenwart auseinanderzusetzen wie dem Klimawandel, transgenerationaler Verantwortung, der Habgier von Unternehmen, aber auch persönliche Überlegungen wie ihre eigenen Erwartungen an die Zukunft, aber auch die ihrer Tochter Linn, treiben sie um.

Die Suche nach dem Glück verbindet die beiden Figuren Annett und Linn - sie finden es, indem sie eher zurückgezogen, ruhig und bescheiden durchs Leben schreiten. Der frühe Tod des Vaters Johan bleibt für eine Fehlstelle, eine Lücke im Leben, für die es kein Füllmaterial gibt, was sie auch tun.
Ich habe „Halbinsel“ vor allem wegen seines Vibes gerne gelesen - denn auf eine ebenso süffige wie sentimentale Weise erzählt Kristine Bilkau diese melancholische Mutter-Tochter-Story. Es war mein erstes Werk, das ich von der Autorin gelesen habe, aber da es mir so gut gefallen hat, habe ich bereits recherchiert, was bisher schon von ihr erschienen ist und habe mir „Nebenan“ auf meine Wunschliste gesetzt. Lasst mich gerne mal in den Kommentaren wissen, ob Ihr schon andere Bücher von Kristine Bilkau gelesen habt und Eure Leseerfahrungen damit.
Für „Halbinsel“ spreche ich jedenfalls eine große Leseempfehlung aus - was für ein besonderes Buch!

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Veröffentlicht am 16.05.2025

Ein turbulentes Leben - reflektierend erzählt an Mascha Kaléko! 👏🤩

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Vielleicht kennt Ihrs ja auch - ein Familienmitglied hat was sehr verletzendes gesagt und man möchte sich einfach nur in ein gutes Buch flüchten. Daher war ich mehr als froh Sarah Lorenz‘ Buch noch nicht ...

Vielleicht kennt Ihrs ja auch - ein Familienmitglied hat was sehr verletzendes gesagt und man möchte sich einfach nur in ein gutes Buch flüchten. Daher war ich mehr als froh Sarah Lorenz‘ Buch noch nicht gelesen zu haben (ich hatte es mir extra aufgespart für die Zeit nach meinem Examen - quasi als Belohnung) - denn es war wie man so schön sagt das richtige Buch zur richtigen Zeit für mich.

„Mit dir da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“ erzählt die Geschichte von Elisa, die während sie sich durchs Leben kämpft, immer wieder mit ihren Gedanken an Mascha Kaléko wendet. Zudem wird jedes Kapitel eingeleitet mit wundervollen Zeilen der Dichterin.

„Nirgends finde ich mich so wieder wie in ihren Gedichten. Wäre ich Ärztin, so würde ich bei leichter Schwermut ein Rezept für Maschas Gedichte ausstellen.“

Ich selbst habe Mascha Kaléko mehr oder minder durch einen Zufall für mich entdeckt - es war nämlich das Büchlein „Wir haben keine andre Zeit als diese“ in der Weihnachts-Überraschungskiste meines Lieblingsantiquariats und ich hab’s so geliebt, dass ich so auch auf Sarah Lorenz mit ihrem Debüt aufmerksam geworden bin und ihr auch fortan gefolgt bin (sie heißt dort Buchischnubbel und macht die süßesten Storys - sucht uns z.B. jeden Abend die cutesten Orte zum Schlafen aus).

Als junges Mädchen zieht es Elisa von ihrer nicht mehr so wohl behüteten Heimat zur Kölner Domplatte. Zwanzig Jahre später reflektiert sie in ihrem Werk diese Zeit nicht unkritisch - das nötige Feingefühl spürt man immer wieder, wenn sie sich an Mascha wendet. Das Leben hat sie nicht verschont - und obwohl sie frohen Mutes loszog, um Punk zu werden und Heroin zu testen, sieht sie sich recht schnell konfrontiert mit der Härte solch eines Lebens. Obdachlosigkeit und die Übergriffigkeit von Männern sind nur Beispiele von den vielfältigen Grausamkeiten, die ihr auf ihrer Suche nach Geborgenheit begegnen. In Rückblicken erzählt sie uns von ihrer Zeit im Heim, dem Verhältnis zu ihren Eltern oder wie weh es tut Freundschaften zu verlieren.

„Nach der ganzen Zeit noch, Liebeskummer in Freundschaften wird unterschätzt. Der romantische vergeht eines Tages. Immer. Die Wunde über die fehlende Mutter, den fehlenden Vater, die Freundin, die keine mehr ist, diese Wunde bleibt.“

Würde ich so unterschreiben, das sind Erfahrungswerte, die das Leben schreibt und davon hat Elisa reichlich. Aber ebenso wie ihr Herz von Verlust geprägt ist, ist sie offen für die Liebe und sehnt sich schon nach einer Wiedevereinigung im Himmel, mit ihren Liebsten, die dort schon auf sie warten, und natürlich mit Mascha:

„Wenn ich dann dort eintreffe, hoffentlich erst so in ca. 50 Jahren, wird mich ein Wimmelbuch voller Menschen, die mich wirklich geliebt haben, erwarten. Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken, Mascha. Zück den Kalender!“

Mir ist dieses Buch genau im richtigen Moment in die Hände gefallen - denn es war tröstend und lebensbejahend, zudem auch eine Ode ans Lesen, denn Bücher nehmen für Elisa einen ebenso großen Stellenwert in ihrem Leben ein, wie sie es für mich tun.
Ich finde Sarah Lorenz‘ Buchidee - ihr Leben reflektierend Mascha Kaléko zu erzählen - gelinde gesagt genial, brillant, grandios!!
Wenn ich Euch nur eins der wundervollen Bücher empfehlen dürfte, die ich in letzter gelesen habe, dann dieses hier! Lest es - es ist in seinem Ton und Erzählweise einzigartig und hat es sowas von verdient gelesen und geliebt zu werden!

Abschließen möchte ich mit einem Mascha Kaléko Zitat (Elisas und vielleicht auch Buchischnubbels Lieblingssatz):

„Die Nacht, in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.“

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Wow - grandioses Buch der Prix Goncourt Preisträgerin von 2017!

Eine feine Linie
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„Die Eintönigkeit der Schule. Die Langeweile zu Hause. Die Ödnis in der Stadt. Überall umgab mich dieses vage, unausgesprochene Gefühl, das mir die Luft abschnürte. Eine Möglichkeit, der Ödnis zu entgehen, ...

„Die Eintönigkeit der Schule. Die Langeweile zu Hause. Die Ödnis in der Stadt. Überall umgab mich dieses vage, unausgesprochene Gefühl, das mir die Luft abschnürte. Eine Möglichkeit, der Ödnis zu entgehen, war das Dazwischensein. Das Versteckspiel mit Etiketten, Identitäten, Rollen.
Eine gute Schülerin, aber befreundet mit den Versagern.
Ein Banlieue Mädchen, aber ständig in Paris unterwegs.
Eine sich entwickelnde Frau, aber in Jungsklamotten. […]
Dort sein, wo man mich nicht erwartet. Nicht dort sein, wo ich erwartet werde. Nie festgelegt , immer knapp daneben, ein treibendes Boot, das nicht weiß, wo es anlegen soll, das vergeblich dem Gesang der Sirenen folgt, den ich irgendwo in meinem Kopf selbst komponiert habe. […]
Odysseus ist wieder da. Zwischen Abreise und Anreise bin ich im Glauben, der Ödnis zu entfliehen, lediglich mir selbst entflohen.“

Einen autofiktionalen Roman hat Maryam Madjidi mit „Eine feine Linie“ verfasst, der von dem Aufwachsen einer Figur namens Maryam (wie der Name der Autorin) und des Tücken des elitären Bildungssystems erzählt, durch das sie sich als Migrantin mehr schlecht als recht kämpfen muss, denn bereits ihr Wohnort Drancy in Frankreich ist mit Vorurteilen behaftet, da er sich inmitten der Banlieue befindet. Geboren wurde die Autorin im Iran, in Teheran, und als Sechsjährige flüchtete sie gemeinsam mit ihrer Familie zunächst nach Paris.

Unsere Ich-Erzählerin Maryam hadert nicht nur mit ihrer Identität und ihrer gesellschaftlichen Rolle als Ausländerin, sondern auch mit ihrem Aussehen. Vor allem ihre Haare bereiten ihr Kopfzerbrechen und sie kämpft mit deren Struktur.

„Es war eine Qual, der ich mich freiwillig unterzog. Warum? Weil ich 13 war und aussehen wollte wie Brenda in Beverly Hills. Weil ich diese Kanakenwolle verabscheute, die meine ferne Herkunft verriet. Alle Rauheiten, Unebenheiten, jede Art von Rumpeligkeit der Ausländerin, für die dieses Haar der Inbegriff war, wollte ich abschleifen, glätten, polieren.“

Aber nicht nur das, auch der vermehrte Haarwuchs an Stellen, die sie sich als Frau lieber unbehaart wünscht tritt nun in der Pubertät vermehrt zu Tage.

„Auf einen Mund wie meinen Lippenstift aufzutragen war völlig undenkbar. Wie würde das aussehen? Wie ein Mann, der sich als Frau ausgibt? Beides zugleich? Wie eine missratene orientalische Androgyne? Dieser Damenbart konterkarierte meine entstehende, noch scheue Weiblichkeit, war ein Hemmschuh für meine sexuelle Entfaltung. Er musste weg. Ich war inzwischen fast 14 und wollte eine Frau sein.“

Mit der folgenden Rasur entdeckt sie sich selbst ganz neu, erlebt sie als Erweckungserlebnis und sieht sie als eine Art Neugeburt an, die ihre Libido wachsen lässt.

Nun kommen wir zu der Passage bzw. dem Umstand, auf den der Romantitel „Eine feine Linie“ zurückzuführen ist.

„So, wie ich gleichzeitig Französin und Iranerin war, und im Grunde keines von beiden. Dieses Dazwischen, dieser changierende, wabernde, unentschiedene Zustand machte mich verrückt. Ich war 16 und brauchte eine klare Trennlinie.“

Maryam struggelt mit ihrer eigenen Identität und Kultur, fühlt sich nirgendwo richtig zugehörig und ersehnt sich eine klarere Abgrenzung - aber eine feine Linie ist das, was sie abgrenzt von einer Französin zur Iranerin, denn sie vereint beide Kulturen in sich.

Auch gesellschaftlich fällt es ihr schwer sich zu positionieren, bzw. sich mit ihrer sozialen Rolle zu identifizieren und so macht sie ihren Vater in Gesprächen gerne vom Bauarbeiter, der er ist, gerne mal zum prestigeträchtigeren Innenarchitekten und ihre Mutter, eine Pflegehelferin, zur studierten Krankenschwester.

Maryam ist besonders intelligent und so darf sie auf eine Schule für speziell Begabte wechseln, allerdings auch nur aufgrund einer Quote, für die sie die Kriterien als Migrantin erfüllt, eigentlich ist diese Art Bildung den finanziell besser gestellten vorbehalten. Dort fühlt sie sich zum ersten Mal angekommen, denn hier verspürt sie Dank feinfühliger Lehrer, die sich ihr annehmen, Lust aufs Lernen und Weiterkommen, trotz ihrer sozialen Herkunft. Noten sieht sie lediglich als Mittel zum Zweck um irgendwann auf die andere Seite der Pariser Ringautobahn zu gelangen und teilt somit freigiebig ihre Lösungen und Hausaufgaben mit anderen Schülern.

„Ich war eine Robin Hood des Schulwesens. Eine Kommunistin des Wissens. Ich gab großzügig ab, verteilte es an jene, die es nötig hatten.“

Sie flüchtet sich gerne in Literatur, lebt in ihren Büchern und überträgt die Geschichten in Situationen ihres Lebens.

„Es war, als wäre ich in Zolas Totschläger oder in Hugos Elenden gelandet. Damals verschlang ich gerade die realistischen und naturalistischen Romane des 19. Jahrhunderts, und dies hier vor mir war die lebendig gewordene Lektüre.“

Ich könnte noch lange so weiterschreiben, noch viel mehr Zitate in meine Rezension einfügen, denn es gibt in diesem Buch unglaublich viele zitierungswürdige Stellen. Aber nun mache ich Schluss und kann Euch nur raten: Lest es, denn sowohl das Werk, als auch die Autorin haben viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Für ihr Debüt „Du springst, ich falle“ bekam Maryam Madjidi 2017 den Prix Goncourt für den besten französischen Debütroman - ist klar, dass ich das Buch nun unbedingt lesen muss, oder?! Die Prix Goncourt Gewinner-Bücher haben mich bisher noch nie enttäuscht, ich freue mich drauf

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