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Veröffentlicht am 24.09.2019

Intensiv und eindrücklich

Der Geschmack unseres Lebens
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Was für eine eindrückliche Geschichte! Man spürt schon auf den ersten Seiten, dass dieser neue Roman von Julia Fischer ihr bisher persönlichstes und bestes Buch ist.

"In Geschmack unseres Lebens" nimmt ...

Was für eine eindrückliche Geschichte! Man spürt schon auf den ersten Seiten, dass dieser neue Roman von Julia Fischer ihr bisher persönlichstes und bestes Buch ist.

"In Geschmack unseres Lebens" nimmt Julia Fischer die Leser mit ins Piemont, nach Alba. Am 32. Geburtstag und gleichzeitigem Todestag von ihrer Mutter, beginnt die Geschichte um Ella. Sie lebt mit ihren zwei kleinen Kindern in einer Wohnung in der Stadt, seit ihr Vater vor einem Jahr gestorben ist und Ella das Elternhaus samt Haselnussplantage verkaufen musste. Im September wird sie ihre Chocolaterie "La Cuccagna" eröffnen.

Ihr Laden steht neben dem indischen Restaurant Samsara, das von Mahesh Bai geführt wird, aber "dank" der bösen Zunge von der Bäckerin Matilda Barbieri vis-à-vis schlecht läuft. Dass ihr Neffe Andrea, der nach einer Slow-Food-Ausbildung bei ihr arbeitet, Mahesh's Essen lobt und auch Ellas Pralinen und Torten ihren Kunden empfiehlt, passt der Bäckerin noch weniger.

Ella hat aber andere Probleme: sie hat immer noch Mühe mit dem Verlust ihrer Plantage und ist wütend auf den neuen Besitzer - Michele Mariani, der bei ihrer ersten Begegnung keine Ahnung hat, wer Ella ist. Ausserdem kehrt ihr Bruder Danilo endlich nach Hause zurück. Ella weiss noch immer nicht, weshalb Danilo jahrelang weg blieb. Der hatte seine Gründe, gewichtige.

Danilo lebt nun bei Trüffelsucher Salvatore, der früher auf ihrer Plantage gearbeitet hat. Salvatore trauert noch immer seiner grossen Liebe nach, die er im Krieg verloren hat, sein Hund und sein Esel sind seine treuen Begleiter.

Es ist so viel drin in diesem Roman: es geht um gutes, von Hand zubereitetes Essen (Bäckerei, Chocolaterie, indisches Restaurant), um Familiengeschichten mit psychischen Krankheiten und Generationenkonflikten, das Sich-Erinnern an die persönlichen Verluste zu Kriegszeiten (italienischer Widerstand von 1943-45), um Liebe und ganz vieles mehr. Der Roman bietet mehr als jede Wundertüte.

Licht und Dunkel liegen nahe nebeneinander in "Der Geschmack unseres Lebens". Bei fast jeder Person schaut man in Rückblenden zurück auf Szenen ihres Lebens. Die Leser lernen dabei die Geschichte und Sehnsüchte der jeweiligen Personen kennen. Diese vielen Rückblenden verwirren nicht, sie erklären und passen sich wunderbar in den Lesefluss ein. Die Charaktere spüren früher oder später, dass sich ihre alten und neuen Lebens-Scherben zusammenfügen und etwas Neues, etwas Gutes - trotz allen zerbrochenen Scherben - daraus entstehen kann.

Unsympathisch war mir keiner, selbst Pippa, Micheles Frau, nicht. Im Gegenteil, sie sieht ihr Eheproblem besser als er und löst dieses auf eine gute Art und Weise. Jeder darf in dieser Geschichte seinen Lebensansichten frönen und keine davon ist schlecht, alles darf sein.

Meine Lieblingsfigur war Salvatore. Er hat soviel erlebt und ist dennoch ein herzensguter alter Mann. Er gehört zu den Neun vom Stadtplatz und sorgt mit diesen Senioren für viele lustige Szenen. Aber auch Sophia, Michele Marianis Mutter ist eine tolle Frau, die es nicht nur mit den Neun aufnehmen kann.

Dieser neue Roman von Julia Fischer ist so vielschichtig und berührend wie selten ein Roman. Alles passt zusammen und fliest an den richtigen Ort. Das fand ich total faszinierend, denn der Roman kommt ohne die weit verbreiteten Dramen, wie sie in vielen Liebesgeschichten gang und gäbe sind, aus. Alles passiert einfach, egal ob tolle oder traurige Szenen, ohne Vorwarnung oder seitenlanges darauf zusteuern. Das macht den Roman gleich nochmals interessanter als er schon ist.

Fazit: Ein extrem intensiver und eindrücklicher Roman, von dem man in keiner Weise enttäuscht wird, der einen ins Piemont mitnimmt und die Leser allerhand erleben und fühlen lässt.
5 Punkte.

Veröffentlicht am 19.09.2019

Wahnsinnig gut!

Die Tote mit dem Diamantcollier - Ein Fall für Jackie Dupont
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Ihr seid Krimiliebhaber und auf der Suche nach einer neuen, mal etwas anderen und ungewöhnlicher Ermittlerin?

Dann ist sie, Jackie Dupont, mit Sicherheit etwas für euch. Die blonde Lady, die den Bob erfunden ...

Ihr seid Krimiliebhaber und auf der Suche nach einer neuen, mal etwas anderen und ungewöhnlicher Ermittlerin?

Dann ist sie, Jackie Dupont, mit Sicherheit etwas für euch. Die blonde Lady, die den Bob erfunden hat und selbigen trägt, fährt in einem nigelnagelneuen offenen Bugatti im Jahre 1920 zigarettenrauchend mit einem grössenwahnsinnigen Hund und einem wertvollen Bild von Gainsborough auf den Ersatzreifen gebunden, auf den Spuren eines Mörders durch Monaco und die französische Riviera.

Dies im Auftrag des Fürsten von Monaco, denn Jackie Dupont, die berühmte Privatdetektivin in Sachen Schmuck, ist gerade beim Fürst zu Besuch, als der über einen Mord verständigt wird. Er schickt Jackie zur Unterstützung der monegassischen Polizei auf die Yacht, auf der während einem Dinner die Gastgeberin tot aufgefunden wurde.

Da die Yacht nicht im Hafen liegt und nur mit dem Boot erreichbar ist, wird schnell klar, dass der Mörder in den Reihen der Crew oder der Gäste zu suchen ist. Ausserdem wird ein Diamantcollier vermisst - welches Jackie Dupont erst vor kurzem aufgespürt hat, nachdem es der Reederfamilie vor Jahren gestohlen wurde. Ein Raubmord?

Die Gästeschar ist nobel - Aristokraten, Geldadel und Künstler - und schon die ersten Seiten machen klar, dass viele der Gäste einen Grund hatten, Carla aus dem Weg zu räumen. Für Jackie mit ihren - für die damalige Zeit - ungewöhnlichen Methoden, ist es ein Leichtes den Fall aufzuklären.

Für Kit, Christopher St. Yves, Duke of Surrey, hingegen ist das Erscheinen der Detektivin ein grosser Schock. Dieser zweite Handlungsstrang ist perfekt in die Haupterzählung eingegliedert, und macht den Krimi unglaublich spannend und deshalb verrate ich euch nicht, um was es hierbei geht. Selbst herausfinden ist die Devise!

Am Anfang hatte ich zwar ein wenig Mühe in den Krimi reinzukommen, da die ganze Gästeschar auf einmal vorgestellt wurde. Doch sobald man die Personen auseinander halten kann, macht das Lesen dieses wunderbaren Krimis extrem viel Spass.

Für Autoren wird es ja immer schwieriger, gute Geschichten zu schreiben. Es gibt unendliche viele und gefühlt las man schon alles. Aber nein, eine Detektivin wie Jackie ist unvergleichlich, so eine gab es noch nie. Es war mir deshalb ein grosses Vergnügen mit Madame Jackie Dupont Bekanntschaft zu schliessen.

Und es ist nicht einmal die Alleinstellung von Jackie, die den Krimi so fesselnd macht. Es ist auch die Geschichte hinter der Geschichte, da will man als Leser sofort die Hintergründe kennen, wird dabei nervös und ist enorm gespannt auf das Ende. Vom Mörder war ich total überrascht (was mir sehr selten passiert - aber wenn ich zurückblicke, macht es total Sinn und ich finde dann auch die versteckten Hinweise), der Fall wird bravourös aufgelöst.

Aber leider nur unvollständig das Geheimnis um Kit und Co. Deshalb sitze ich hier gespannt und zähle die Tage, bis Band zwei erscheint und es ein Wiedersehen mit der extravaganten Jackie und ihrem Schmuckaufspürhund sowie weiteren Beteiligten gibt.

Fazit: Solch ein Lesevergnügen bekommt man nicht jeden Tag, deshalb: unbedingt lesen!
5 Punkte.

Veröffentlicht am 18.09.2019

Einäugig und einbeinig

Tödliches Elsass
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Einäugig und einbeinig - die Polizei in Eguisheim war auch schon fiter. Doch anstatt sich von ihren bei einer Verfolgung im Weinberg zugezogenen Verletzungen zu erholen, werden Kreydenweiss und Bato durch ...

Einäugig und einbeinig - die Polizei in Eguisheim war auch schon fiter. Doch anstatt sich von ihren bei einer Verfolgung im Weinberg zugezogenen Verletzungen zu erholen, werden Kreydenweiss und Bato durch die Gegend gescheucht.

Mitten in der Nacht wird Céleste aus dem Schlaf geläutet. Ein Gespenst gehe um, auf dem Anwesen von Hugo Filipier. Nur ist Hugo nicht zuhause, aber seine Geliebte Segolène wurde von dem besagten Gespenst erschreckt. Als einige Tage später die Polizei wieder zu Filipier gerufen werden, ist Segolène tot. Herzstillstand durch einen wiederholten Schreck durch La Dame Blanche, wie das Gespenst in Eguisheim genannt wird? Spätestens als kurz darauf ganz in der Nähe eine Leiche gefunden wird, die garantiert nicht durch einen Schreck gestorben ist, suchen Kreydenweiss & Bato nach einem Zusammenhang.

Den will die Brigade aus Colmar nicht sehen, sie haben einen Verdächtigen. Da Wolfsberger, der bis dahin zum Glück krank war, genau jetzt wieder zur Arbeit erscheint, ist klar, dass für ihn der Fall abgeschlossen ist. Die Eguisheimer jedoch ermitteln weiter und stossen auf Ungeheuerliches.

In diesem dritten Fall bekommt die Gerichtsmedizin und die Brigade neue sympathische Zugänge. Zum einen Praktikant Joël Blumtritt, der Sandrine, die in den Ferien weilt, vertritt. Er erinnerte mich an Abby aus Navy CIS, ein spezieller, lieber Typ, der in seinem Beruf voll aufgeht. Der kranke Wolfsberger wird von der neuen Kommissarin Lola Berchy vertreten. Mit ihr können Kreydenweiss und Bato gut arbeiten. Ich hoffe, sie tritt bald an die Stelle von Wolfsberger, auf so einen Menschen wie ihn kann man gut verzichten.

Besonders Bato mag Lola gut, sie lenkt ihn ein wenig über seinen Liebeskummer mit Hortense hinweg. Die trifft sich nämlich mit einem anderen Mann. Aber auch Céleste hat Liebeskummer. Auch wenn sie ihre Arrangements mit Marco und Yves langsam selbst nicht mehr verstehen kann, merkt sie, dass ein Abschied naht. Das nagt mehr an der mutigen Polizistin, als sie zugeben mag.

Liebeskummer und Geister - diese Themen ziehen durch "Tödliches Elsass", für einmal mehr eine mega interessante Geschichte.

Vitracs Fälle bleiben jeweils bis zum Ende hin spannend, denn erst müssen Kreydenweiss & Bato das Offensichtliche zur Seite schieben und hinter die Fassade schauen und graben wo sie können. Erfolgsgekrönt ist das Auflösen ihrer Fälle, wenn sie in der Vergangenheit der Beteiligten herum stochern, anstatt es sich wie Wolfsberger einfach zu machen.

Nicht nur die Fälle sind packend, auch die zwischenmenschlichen Geschichten, die Beschreibungen der Tatorte und Gegenden gefallen mir sehr gut. Hier merkt man einfach die Autorin durch - Jules Vitrac ist Fiona Blum - Stimmungen beschreiben kann sie auch in Krimis, und das nicht zu knapp.

Fazit: Unheimlich spannend!
5 Punkte.

Veröffentlicht am 14.09.2019

Lese-Highlight

Love to share – Liebe ist die halbe Miete
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Fast wollte ich diese Geschichte über diese Post-it-Wohngemeinschaft nicht lesen, sie wurde zu oft beworben, fast schon gehypt. Aber dann wurde ich doch neugierig, vor allem weil die Autorin im November ...

Fast wollte ich diese Geschichte über diese Post-it-Wohngemeinschaft nicht lesen, sie wurde zu oft beworben, fast schon gehypt. Aber dann wurde ich doch neugierig, vor allem weil die Autorin im November Gast an der lit.Love ist. So habe ich die Geschichte doch noch gelesen - zum Glück, sonst hätte ich eine tolle Story verpasst.

Tiffy braucht nach der Trennung von Ex-Freund Justin eine neue Wohnung. Sie quasselt viel und ist total liebenswürdig. Die Wohnung mit Leon zu teilen, ist besser als nichts. Für beide ist es total ungewohnt, mit jemandem die Wohnung zu teilen und diese Person nicht zu kennen. Sie kommunizieren miteinander durch Post-it's oder Zettel, die überall in der Wohnung liegen.

Irgendwann sind beide neugierig aufeinander, doch sie gehen sich aus dem Weg. Das geht gut, denn Leon arbeitet in einem Hospiz, immer nur nachts. Er ist der ruhige Typ, der kaum redet. Für einen Patienten sucht er dessen grosse Liebe. Für seinen Bruder Ritchie, der womöglich unschuldig im Knast sitzt, hofft er auf eine weitere Anhörung. Leon hat Verständnis für alle, er ist zu gut für diese Welt. Und passt dabei wunderbar zu Tiffy.

Tiffy, die als Lektorin bei einem DIY-Verlag arbeitet, merkt langsam, wie sie von ihrem Ex-Freund Justin manipuliert und emotional missbraucht wurde - und immer noch wird. Ihre Freunde Gerty und Mo unterstützen sie, aber Tiffy muss den Absprung von Justin selbst schaffen. Daneben bekommt Tiffy Ritchies Geschichte mit und sorgt sich um ihn. Dies beeindruckt Leon, denn seine Freundin Kay interessiert sich für nichts, Ritchies Schicksal ist ihr egal und sie will auch nicht, dass Leon Tiffy kennenlernt.

Beth O'Leary lässt Tiffy und Leon abwechselnd über ihr Leben und wie es ihnen in der neuen und speziellen WG-Situation geht, erzählen. So bekommt der Leser beide Ansichten und die ganze Bandbreite von allen möglichen Emotionen mit. Beides sind tolle Charaktere, die man von Anfang an mag. Aber auch ihre Freunde, die Arbeitskollegen und die Nebenfiguren sind alle treffend gezeichnet.

Ich liebe Geschichten, die mit einer ungewöhnlichen Idee aufwarten. Sie sind viel zu selten, aber "Love to Share" ist eine dieser Raritäten. Wenn so eine Story zudem noch so gut umgesetzt wird wie hier, bekommt man wunderbar vergnügliche Lesestunden, die man nicht so schnell vergisst.

Gehypt wird der Roman zurecht, wie ich während dem Lesen feststellte. "Love to Share" ist eine total schöne und originelle Liebesgeschichte mit viel Tiefgang, leisem Humor und wunderbaren Charakteren.

Fazit: "Love to Share" ist ein grossartiger Liebesroman und schafft es auf meine Liste der Lese-Jahreshighlights!
5 Punkte.

Veröffentlicht am 13.09.2019

Sei du selbst - alle anderen gibt es schon

Schmidt malt
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Die Geschichte von "Schmidt malt" läuft nicht ganz so ab, wie im Klappentext beschrieben. Alfredo, ein junger Arbeitsloser, wohnt in einem Vorort von Paris. Er übernimmt Schmidt, das Kappuzineräffchen ...

Die Geschichte von "Schmidt malt" läuft nicht ganz so ab, wie im Klappentext beschrieben. Alfredo, ein junger Arbeitsloser, wohnt in einem Vorort von Paris. Er übernimmt Schmidt, das Kappuzineräffchen seiner an Alzheimer erkrankten Grossmutter Daisy. Von Daniel Dossier, Alfredos Betreuer vom Arbeitsvermittlungszentrum, bekommt er immer wieder neue Hilfsjobangebote. Die Jobs passen Alfredo nicht, denn er ist schliesslich weder Möbelpacker noch sonst etwas, sondern Kunstmaler, was er immer wieder betont. Nur hat er keine Kunstschule besucht und keinen Abschluss.

Bis zur Mitte des Buches malt er nur einmal. Von daher konnte ich bis hierhin auch kein wirkliches Herzensanliegen feststellen, das Malen kommt eher als spärlich betriebenes Hobby rüber. Doch dann verliebt er sich in Celestine, und Schmidt beginnt zu malen. Aber nur unter bestimmten Umständen, die ich hier nicht verrate. Dummerweise sind es genau Schmidts Bilder, die Alfredo verkaufen kann. Nun ist Alfredo im Clinch mit sich selbst: endlich hat er Erfolg, aber es ist nicht sein Verdienst.

"Schmidt malt" wird erst ab diesem Zeitpunkt interessant, vorher ist es einfach eine Story über einen arbeitslosen jungen Mann, der nicht wirklich etwas dagegen unternimmt. Bis dahin hatte ich Mühe mit der Geschichte, ich fand sie uninteressant, denn ich habe eine Abneigungen gegen inaktive Protagonisten. Deswegen lese ich Romane über junge Männer, die einfach so in den Tag hineinleben, rum maulen und nicht aktiv sind, nicht gerne.

Doch genau dies beschreibt David Zaoui im ersten Teil. Den Alltag von Alfredo, was er so macht oder was nicht, meist alles erfolglos. Der Protagonist zeigt kein Interesse, etwas zu lernen oder sich den Lebensunterhalt irgendwie zu verdienen.

Alfredos Eltern sind sehr nett, insbesondere Alfredos Vater, ein Tierpfleger, fand ich toll. Die Lebensweisheit, die er seinem Sohn mitgibt, ist: sei du selbst. Damit kann Alfredo aber gar nichts anfangen, denn für ihn ist klar, was er ist. Kunstmaler. So wie er es immer an Daniel Dossier schreibt. Bis das "sich selbst sein" in sein Inneres dringt, braucht es einiges - fast die ganze Länge des Romans. Und so sind die Figuren in zwei Gruppen aufgeteilt: die einen, die sich noch suchen und die anderen, sie sich erst noch finden müssen. Originale sind sie jedenfalls fast alle.

Erst im zweiten Teil, als Schmidt endlich malt, kommt Leben in die Geschichte. Das war dringend nötig, sonst hätte ich sie vielleicht nicht zu Ende gelesen - es ist einfach nicht die Art Geschichte, die ich mag, obwohl sie gut geschrieben ist. Zum Schluss hin macht aber alles Sinn, die Botschaft "Sei du selbst. Alle anderen gibt es schon" (so sinngemäss auch der französische Originaltitel) erreicht den Leser auf jeden Fall.

Die Szenen mit dem cleveren Affen sind manchmal schon etwas an den Haaren herbeigezogen, aber sie sind sehr witzig und sorgen für den nötigen Humor im eher tristen Umfeld. Die Kommunikation zwischen Alfredo und Herrn Dossier lockern den eintönigen ersten Teil des Buches auf. Man wartet förmlich drauf, dass Dossier seine Post endlich mal richtig liest und hat gleichzeitig Angst vor dessen Reaktion.

"Schmidt malt" ist kein Roman über Kunst und Malerei, sondern ein Roman über Selbstfindung, anfangs mit Mitleid suchenden Figuren, das Ende immerhin versöhnend. Der Held darin und ruhende Pol ist Alfredos Vater, der mit seiner Freundlichkeit, seinem tiefen jüdischen Glauben, seiner Lebenseinstellung und immer mit Keksen in der Tasche, nicht nur seinem Sohn ein Vorbild ist.

Fazit: Die Quintessenz des Romans: sei du selbst und wasche deine Hände!
3.5 Punkte.