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Veröffentlicht am 09.06.2019

Ein bisschen zu viel des Guten

Schatten der Toten
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Ich bin wirklich ein Riesenfan der vom Leben so gebeutelten Tatortreinigerin Judith Kepler: mit ihrer Historie als Tochter eines Ostspions und ihrer Kindheit in einem kargen, lieblosen DDR-Heim ...

Ich bin wirklich ein Riesenfan der vom Leben so gebeutelten Tatortreinigerin Judith Kepler: mit ihrer Historie als Tochter eines Ostspions und ihrer Kindheit in einem kargen, lieblosen DDR-Heim wird die jüngste Vergangenheit Gesamtdeutschlands sowohl eindringlich als auch spannend aufgearbeitet.

So habe ich die beiden Vorgängerbände, die sich mit dem vorliegenden Fall als Trilogie abschließen, mit Begeisterung gelesen. Hier wurde es mir schnell ein wenig zu viel, denn es geht nicht nur um Judith, bzw. nicht nur um ihre Belange und ihr Bedürfnis, den Vater Richard Lindner, der mittlerweile unter dem Namen Bastide Larcan sein Unwesen treibt, aufzuspüren, sondern es treten weitere Biographien wie die der ehemaligen Stasi-Spionin Eva Kellermann in den Vordergrund. Sie verstirbt und hat ihrerseits mit Lindner noch eine Rechnung offen, die sie ihrer Tochter "vererbt".

Dann gibt es noch das Mädchen Tabea, eine Halbwaise, für die sich Judith verantwortlich fühlt, und deren Vater Frederik, für den sie Gefühle entwickelt hat - insgesamt alles ein bisschen zuviel des Guten. Diese verschiedenen Erzählstränge sorgen aus meiner Sicht für Längen.

Dennoch bringt Elisabeth Hermann die Geschichte der Tatortreinigerin zu einem absolut runden Schluss, der die Lektüre für mich lohnenswert machte. Wenn man die ersten beiden Bände bereits kennt, sollte man diesen also auf jeden Fall ebenfalls lesen, aber vielleicht nicht zu viele Erwartungen hegen.

Veröffentlicht am 08.06.2019

Fabio und seine Welt

Wo man im Meer nicht mehr stehen kann
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Bei Fabio Mancini läuft es ganz anders als bei den anderen Kindern: er lebt mit seiner Familie im Dorf Mancini, in dem es viele Häuser gibt: in einem lebt seine Familie, in einem die Oma und in den anderen ...

Bei Fabio Mancini läuft es ganz anders als bei den anderen Kindern: er lebt mit seiner Familie im Dorf Mancini, in dem es viele Häuser gibt: in einem lebt seine Familie, in einem die Oma und in den anderen die Opas - zehn an der Zahl. Es sind nicht seine richtigen Opas, sondern dessen Brüder - sie haben dieses Amt von ihrem früh verstorbenen Bruder sozusagen übernommen und fühlen sich verantwortlich.

Es gibt kaum Geld, aber man hat einander. Was für Fabio manchmal schwierig ist, denn in der Schule gilt er nicht gerade als cool. Er leidet schon darunter, dass er - und einige andere, mit denen er fest zusammenhält - nicht zu den Geburtstagen eingeladen werden, aber dennoch ist ihm seine eigene Welt wichtiger.

Die besteht alsbald zu einem großen Teil aus Büchern - jede Woche kann er sich auf dem Markt für 100 Lire eines dazu kaufen und lernt so Dinge, die ihm in der Schule nicht mitgegeben werden. Bald liest Fabio die Bücher nicht nur selbst, sondern er nimmt sie mit ins Krankenhaus, um sie seinem Vater vorzulesen, der nach einem Unfall im Koma liegt. Ohne große Chancen darauf, jemals wieder ein normales Leben zu führen - daraus machen die Ärzte keinen Hehl.

Doch Fabio bekommt nicht zuletzt durch seine Mutter eine eigene Wahrnehmung der Dinge vermittelt und gibt die Hoffnung nicht auf. Zur Belohnung gibt es nicht nur einen Marienkäfer, der im wahren Leben Martina heißt!

Eine Hymne auf den Individualismus und auf die Hoffnung! Auf den Zusammenhalt und auf die Verschrobenheit. Eine Hymne - so scheint es stellenweise - die der Autor Fabio Genovesi auf sich und die Seinigen singt. Damit sind in diesem Falle die gemeint, die den Mut haben, anders zu sein, unangepasst. Ein Roman, der sich unbedingt lohnt, auch wenn ich ihn mir zunächst erobern musste, mich hineinfinden, an die besondere Sprache, ja, und auch an einige Längen gewöhnen musste. Doch dann hatte Fabio mich als treue Gefährtin an seiner Seite!

Veröffentlicht am 07.06.2019

Kommissar Lagarde auf Abwegen

Der Kommissar und die Toten von der Loire
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Zumindest in geographischer Hinsicht: Er wird nämlich ins Loiretal beordert, wo es einen geheimnisvollen Mord mit Pfeil und Bogen gab und soll die dortige Kommissarin Yvonne Martel unterstützen, die dies ...

Zumindest in geographischer Hinsicht: Er wird nämlich ins Loiretal beordert, wo es einen geheimnisvollen Mord mit Pfeil und Bogen gab und soll die dortige Kommissarin Yvonne Martel unterstützen, die dies als Untergrabung ihrer Kompetenz sieht und alles andere als begeistert ist!

Doch Lagarde wäre nicht Lagarde, würde er sich nicht auch mit den schwierigsten Typen zusammenraufen und so entsteht allmählich ein ganz gut funktionierendes Gespann. Zudem ist Lagardes Lebensgefährtin Odette mit dabei, die ihm durch ihre Anwesenheit und ihre kulinarischen Fähigkeiten den Aufenthalt versüßt.

Auch diesen Krimi aus der Lagarde-Reihe würde ich als typisches Serienwerk bezeichnen und das meine ich keinesfalls abfällig! Denn hier kommen die großen Zusammenhänge, die Rahmengeschichte vor der Spannung. Wobei allerdings diesmal die Lösung des Falles, der zu einem Serienmord ausartet, allerdings im Gegensatz zu einigen der vorherigen Fälle alles andere als absehbar ist.

Dafür hat Lagarde seinen großen Auftritt - wie es bereits in den vorherigen Bänden der Fall war. Wenn auch diesmal nicht in der Normandie, sondern als Gastspiel im landschaftlich nicht minder beeindruckenden Loiretal. Wie immer bei den Lagarde-Fällen spielt die Landschaft eine zentrale Rolle; sie ist nämlich ein ebenso wichtiger Akteur wie die Figuren. Diesmal wird durch die Schlösser am Flussufer ein ganz besonderer Akzent gesetzt.

Wieder einmal hat der Lagarde-Krimi mich gepackt und so gefesselt, dass ich mich bereits auf den Folgeband freue und große Lust auf einen Urlaub, diesmal nicht in der Normandie, sondern im Loiretal habe. Aber bitte ohne Mord!

Veröffentlicht am 07.06.2019

Großmutter und Enkelin auf Kuba

Nächstes Jahr in Havanna
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Nicht gleichzeitig, wohlgemerkt, denn diese Geschichte spielt auf zwei Ebenen, nämlich ab 1958 mit Elisa und dann wieder 2017 mit Marisol im Mittelpunkt.

Dazwischen liegen mehrere Generationen und dramatische ...

Nicht gleichzeitig, wohlgemerkt, denn diese Geschichte spielt auf zwei Ebenen, nämlich ab 1958 mit Elisa und dann wieder 2017 mit Marisol im Mittelpunkt.

Dazwischen liegen mehrere Generationen und dramatische historische Entwicklungen: Denn Elisa musste mit ihrer Familie aus Kuba fliehen, anlässlich des dortigen Umsturzes und sie hat ihre Heimat nie mehr wiedergesehen. Nun soll ihre Enkelin Marisol sie zurückbringen auf die Insel, der ihr Herz zeitlebens gehörte - vielmehr die Urne mit ihrer Asche, denn Elisa ist vor kurzem verstorben und hat dies als letzten Wunsch testamentarisch verfügt.

Es ist Marisols erster Besuch auf Kuba, doch kommt sie nicht als Fremde - zeitlebens war Kuba ein Teil von ihr, hat sie und ihre Familie begleitet. Auch wenn sie in Miami lebten, waren sie doch Kubaner - alles dort ist Marisol vertraut, als sie den Boden der Heimat ihrer Ahnen betritt. Ihre Wurzeln sind hier, das spürt sie auf Schritt und Tritt, zumal sie direkt neben dem ehemaligen Familienbesitz unterkommt, bei der Familie von Ana, der besten Freundin ihrer Großmutter. Diese ist im Gegensatz zu ihren eigenen Verwandten in Kuba geblieben. Marisol erhofft sich von ihnen mehr Informationen über ihre Großmutter - diese war bis zu ihrem Tode recht verschwiegen, was ihre Jugend in Kuba anging.

Noch weiß sie nicht, welche Geheimnisse es zu lüften und was es für sie alles zu entdecken gibt! Und sie erlebt nicht nur eine vollkommen unerwartet Begegnung. Nein, für Marisol ändern diese paar Tage in der Heimat ihrer Ahnen so einiges in ihrem Leben - und zwar nachhaltig!

Eine Ode auf Kuba ist dieses Buch, warmherzig und atmosphärisch verfasst. Wer dort einen Urlaub plant, sollte dieses Buch unbedingt als Lektüre mit nehmen - am besten schon auf den Flug ins Handgepäck. Ich jedenfalls habe während und nach dieser emotionalen Lektüre unbändige Lust bekommen, diese Insel zu besuchen, am liebsten sofort. Und wie reich beschenkt muss man sich fühlen, wenn man bereits im Flieger dorthin sitzt!

Ein wirklich eindringliches Werk - ich habe jede Seite genossen. Neben der aufwühlenden Familiengeschichte enthält der Roman zahlreiche gut recherchierte Fakten, die den Leser auf Schritt und Tritt bereichern. Ein wahres Lesevergnügen!

Veröffentlicht am 06.06.2019

Anders - und mehr als in Ordnung!

Mein Leben als Sonntagskind
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Jasmijn ist schon von Kind an klar, dass sie anders ist als die anderen - sie liebt es nicht laut, kommt nicht gut zurecht, wenn viele Leute zusammen sind ... und ist von klein an gewöhnt daran, dass die ...

Jasmijn ist schon von Kind an klar, dass sie anders ist als die anderen - sie liebt es nicht laut, kommt nicht gut zurecht, wenn viele Leute zusammen sind ... und ist von klein an gewöhnt daran, dass die Menschen ihr mit Verwunderung, ja Befremdung begegnen. Außer ihren Eltern und ihrem Bruder - die stehen hinter, wenn es sein muss, auch vor ihr und machen ihr das Leben erträglich. Zumindest meistens

Wobei Jasmijn eigentlich nur mit einem Wesen zusammen normal sein kann - und das ist ihre Hündin Senta. Sonst zieht sie sich sehr in sich zurück, isst sogar meist allein auf ihrem Zimmer - und zwar ständig. Denn, obwohl spindeldürr, hat sie ständig Hunger.

Es ist ein Leben, in dem sie sich selbst ständig im Weg steht, da sie genau weiß, wie sie eigentlich sein will. Aber das klappt nur in ihren Gedanken und manchmal in ihrem Tagebuch. Umso überraschter ist sie, als sie im Laufe ihres Lebens den ein oder anderen Menschen trifft, der sie verstehen, ja, sogar lieben kann.

Und trotz diverser Unwegsamkeit so langsam lernt, sich inmitten anderer zu respektieren und wertzuschätzen.

Die Autorin Judith Visser hat selbst erst als Erwachsene erfahren, dass sie das Asperger Syndrom hat und führt uns in diesem Roman einfühlsam und warmherzig in die Welt ihres Alter Ego ein. Ein wundervoller Roman, der Brücken baut, zum Lachen und zum Weinen mit Jasmijn, aber auch mit den Menschen um sie herum einlädt!