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Veröffentlicht am 27.07.2018

Alles andere als glatt

Das Apfelblütenfest
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verläuft die Liebesgeschichte von Jules und Lilou, die beide - was ihre Biografie angeht - einen steinigen Weg hinter sich haben. Doch Jules ist durch Erbschaft Besitzer einer Cidrerie und eines wunderschönen ...

verläuft die Liebesgeschichte von Jules und Lilou, die beide - was ihre Biografie angeht - einen steinigen Weg hinter sich haben. Doch Jules ist durch Erbschaft Besitzer einer Cidrerie und eines wunderschönen Hauses - und wunderbarer, alteingesessener Mitarbeiter, Nachbarn und Freunde. Er ist zwar nicht auf Rosen, aber doch auf Apfelblüten gebettet. Doch es gibt einen düsteren Punkt in seiner Biografie und um diesen zu überwinden, hat er vor mehr als 20 Jahren eine ungewöhnliche Stellenanzeige geschaltet. Er hat nämlich seine Suche nach einer Haushälterin für seinen Vater in die Rinde eines Apfelbaumes geritzt, was nicht sehr effizient war, da sich nie jemand darauf gemeldet hat. Doch nun, ausgerechnet am Abend des jährlichen Apfelblütenfestes, ändert sich das.

Denn nun meldet sich Lilou und wird - nach sanfter Nachhilfe seitens einer von Jules' Mitarbeiterinnen - tatsächlich eingestellt, nun für Jules selbst. Und man muss sagen, sie hat nicht gerade den Dienstleistungsgedanken in sich verinnerlicht - nein, sie will Jules stets sagen, wo es langgeht und so eine Stellung in seinem Leben - und bald auch in seinem Herzen erobern. Ein wenig hoppladihopp und unglaubwürdig, gleichwohl überaus charmant beschreibt der Autor Carsten Sebastian Henn die Geschichte von Jules und Lilou, die eine Menge von Hindernissen in sich birgt und zuletzt noch mit einer richtig tragischen Wendung aufwartet, die der Autor jedoch nicht kitschig, sondern genau im richtigen Tonfall und durchaus mit ein wenig Humor versetzt beschreibt.

Auch die Figuren sind eindringlich - wenn auch für meinen Geschmack teilweise etwas zu sperrig und widersprüchlich - gezeichnet, so dass man nicht nur Jules und Lilou, sondern auch sämtliche Nebenfiguren direkt von Augen hat. Warmherzig, wenn auch gelegentlich etwas zu duldsam gegenüber einigen Charakteren - allen voran Lilou - zeichnet Henn eine stimmungsvolle Geschichte, die im wahrsten Sinne des Wortes Appetit auf einen Urlaub in der Normandie - natürlich mit Cidre und den Speisen der Region - macht, wenn auch mit kleinen Abstrichen.

Ich kannte den Autor bisher vor allem als Gastrokritiker des "Kölner StadtAnzeigers" und muss sagen, dass er seinem Faible, über leckeres Essen und gute Getränke zu schreiben, in diesem Buch treu bleibt - hier lief mir sogar noch mehr das Wasser im Munde zusammen als bei der Lektüre seiner samstäglichen Kolumne!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Blitzlichter

Großer Bruder Zorn
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nämlich solche aus dem Leben diverser Bewohner des Wedding, hat Johannes Ehrmann wie kleine Perlen zu eine Roman, einer übergreifenden Geschichte zusammengefügt. Einer Geschichte, die eine Woche und eine ...

nämlich solche aus dem Leben diverser Bewohner des Wedding, hat Johannes Ehrmann wie kleine Perlen zu eine Roman, einer übergreifenden Geschichte zusammengefügt. Einer Geschichte, die eine Woche und eine Reihe von Protagonisten umfasst: den Boxer Aris, die Verkäufer Serdar und Jessie, die Großes bzw. ihre kleine Tochter im Sinn haben. Und den Juwelier Heinz Hönow und der Flaschenfascho.

Merkwürdige Typen? Naja, alltägliche eben, sie markieren aber einen Ausschnitt aus einem bestimmten Milieu. Ein Leben im Weddinger Kiez, in dem die Menschen eigentlich nichts mehr erreichen werden, aber (noch) ihre Träume haben und teilweise auch zu leben versuchen. Wobei, Wedding - das könnte auch Köln-Kalk oder Bonn-Tannenbusch sein, zumindest von der Ansammlung der Protagonisten her - es sind eher die im unteren Spektrum des allgemein gültigen sozialen Rankings angesiedelten Mitbürger, um die es hier geht.

Die Sprache? Eine ganz eigene ist es, die Johannes Ehrmann hier gewählt hat, bzw. die ihn gewählt hat. Er berichtet ja schon länger aus dem Wedding (und würde meine obige Bemerkung zu KölnBonn möglicherweise nicht goutieren) und zwar in Form von Miniaturen, Spotlights, Blitzlichtern eben. Ein wenig ähnelt sein Schreibstil dem Vorgehen im Robert Altman-Film "Shortcuts" aus den 1980ern, in dem auch immer wieder abwechselnd kurze Sequenzen aus dem Leben bestimmter Figuren vorgeführt werden, die alle mehr oder weniger miteinander zu tun haben. Im vorliegenden Falle eher mehr: zumindest für die Dauer dieser hier thematisierten Woche - stehen sie in einem unmittelbaren Zusammenhang zueinander. Und das wird alles in einer Sprache, in einem Stil vorgetragen, der ganz eigen und für mich ein wenig schwierig ist. Diese hat mit Altman nichts zu tun, sondern mit den Bewohnern des Wedding. Ich muss gestehen, ich hatte Probleme, dem Buch zu folgen, es war für mich ein wenig sperrig. Ja, nicht meine Welt, aber sicher eine bemerkenswerte, die sich zu erlesen lohnt und die viele ansprechen wird. Ich empfand diese Kiez-Sprache, diese Umgangssprache bestimmter Zielgruppen als sehr anstrengend zu lesen.

Der Autor hat eine sehr eigene Art und vor allem eine Botschaft. Bei mir landet sie nur bedingt, was aber nicht bedeutet, dass ich das Buch nicht weiterempfehle. Allen, die sich ein Stück Leben aus dem Wedding sichern wollen, einen Einblick gewinnen - vor allem jedoch denjenigen, die Ehrmann bereits kennen, seine Miniaturen aus dem Leben zu schätzen wissen. Sie werden den Einblick in das Leben in Wedding in weitläufigerem, umfassenden Format sicher sehr genießen. Innovativ, anders, ganz eigenwillig - damit ist eigentlich klar, dass es nicht für jeden was ist. Für mich nicht unbedingt, aber vielleicht ja für Sie?

Veröffentlicht am 27.07.2018

Bayerisches Original ermittelt in fremden Landen

Tante Poldi und die Früchte des Herrn
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Um genauer zu sein, auf Sizilien. Tante Poldi - ein strammes bayerisches Urgestein - hat es nämlich dorthin verschlagen, was nicht zuletzt mit Männern zu tun hat, nämlich mit ihrem zunächst geschiedenen, ...

Um genauer zu sein, auf Sizilien. Tante Poldi - ein strammes bayerisches Urgestein - hat es nämlich dorthin verschlagen, was nicht zuletzt mit Männern zu tun hat, nämlich mit ihrem zunächst geschiedenen, dann verstorbenen Ehemann, der von dieser Insel stammte, sich jedoch längst in München niedergelassen hatte.

Hier lebt die betagte, doch ausgesprochen lebensfrohe Dame nun und widmet sich ihren Leidenschaften, zu denen außer Männern und alkoholischen Getränken auch kriminalistische Ermittlungen zählen. Sie ist bereits in ihrem 2. literarisch verewigten Fall gelandet, in dem es zunächst "nur" um einen toten Hund, bald jedoch auch um eine ermordete Dame mit einem delikaten Beruf geht. Nein, nicht das, was sie meinen! Etwas ganz, ganz anderes, das jedoch auch zur Diffizilität eines Falles beitragen kann (und auch tut).

Dennoch, Tante Poldi reisst mich nicht vom Hocker und ihren ersten Fall - dessen Lektüre im Übrigen nicht unerlässlich ist, um den 2. Band zu verstehen - werde ich mir sicher nicht antun. Ich bin nämlich verwöhnt durch den niederbayerischen Eberhofer Franz, dessen Tante Poldi auch durchaus sein könnte, wenngleich sie für mich im Vergleich zu den Charakteren von Rita Falk ein wenig fad wirkt. Wobei, das ist sicher das Letzte, was der Autor mit der Schaffung dieser in jeder Hinsicht prallen und lebensfreudigen Figur beabsichtigt hat, doch bei mir ist es nicht so angekommen. Ich konnte mich nicht fasziniert auf diesen originellen und witzigen Fall einlassen, denn irgendetwas fehlte mir.

Das muss aber bei ihnen nicht sein, nicht jeder hält die Flagge der Rita Falk so hoch, dass er keine Götter neben ihr duldet und das sizilianische Setting hat durchaus was für sich. Probieren Sie es einfach mal, vielleicht finden Sie ja - im Gegensatz zu mir - uneingeschränkt Freude daran!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Eine Rückkehr zu ihren Wurzeln

Hell-go-Land
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bedeutet für Polizistin Anna Krüger der Arbeitsantritt in der Dienststelle auf Helgoland - dort, auf dem kleinen, sturmumtosten Eiland mitten im Meer ist sie aufgewachsen und es gibt irgendetwas in ihrer ...

bedeutet für Polizistin Anna Krüger der Arbeitsantritt in der Dienststelle auf Helgoland - dort, auf dem kleinen, sturmumtosten Eiland mitten im Meer ist sie aufgewachsen und es gibt irgendetwas in ihrer Vergangenheit, das sich auf der Insel ereignet hat und an das sie nicht gern zurückdenkt.

Tim Erzberg beschreibt die kleine Insel eindrucksvoll als isolierte, abgeschlossene Enklave - unheimlich und atmosphärisch kommt es rüber, auch als Anna und ihre Kollegen in einem Vermisstenfall ermitteln, der möglicherweise keiner ist. Das Setting, das Umfeld, alles sehr eindringlich und geheimnisvoll, doch leider habe ich keinen Zugang zu den Figuren gefunden.

So eindringlich die Schilderung der Insel, so wenig Leben haucht der Autor den Figuren ein. Für mich zumindest nahmen sie kaum Gestalt an, was es mir zunehmend erschwerte, der Handlung zu folgen. Doch das war nicht das Einzige: nein, es gab etwas, was mich noch viel mehr gestört hat und zwar der mehr als umständliche, ausgesprochen langatmige Schreibstil. Der Autor braucht schon eine Weile, bis er sich einer Beschreibung, einem Sachverhalt annähert - dies geschieht stets langsam und auf Umwegen. Mehrmals war ich drauf und dran, ihn anzutreiben, ihm zuzurufen "Komm endlich zur Sache! Spuck's aus!" Doch es hätte eh nichts geholfen, denn das Papier ist ja bereits beschrieben. Massen von Papier, gut die Hälfte davon hätte es auch getan und in Verbindung mit knackigerem Personal einen echt zündenen Regionalkrimi geboten. So ist es aus meiner Sicht nur was Halbherziges: Gute Ideen, die sich in Umständlichkeit verlieren. Nicht schlecht, aber eben auch nicht richtig gut, finde ich. Schade!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Rückkehr des Condor - ein bisschen träge, aber sehr gut übersetzt

Die letzten Tage des Condor
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"Die drei Tage des Condor" ist ein durchaus vielbeachteter Film aus den 1970ern, der reich an Komplexität, Ideen und neuen Blickrichtungen ist: Robert Redford als Condor war ein Held, bei dem die Grenze ...

"Die drei Tage des Condor" ist ein durchaus vielbeachteter Film aus den 1970ern, der reich an Komplexität, Ideen und neuen Blickrichtungen ist: Robert Redford als Condor war ein Held, bei dem die Grenze zwischen gut und böse keine Rolle mehr spielte und andere Gesetzmäßigkeiten im Vordergrund standen. Dieser Film basierte auf der nicht minder vielschichtigen Romanvorlage von James Grady, die damals ungeheuer innovativ war.

Jetzt, mehr als 40 Jahre später, hat der Autor die Sache rund gemacht und einen hinterhergeschoben. Einen weiteren Fall aus dem Leben des Condor, eines Literaturagenten, der ins Kreuzfeuer der Geheimdienste geraten war. Naja, einer reicht, muss man fast sagen. Oder auch nicht, denn es ist immer wieder ein Genuss, die wunderbare Übersetzung von Zoe Beck, selbst auch als Autorin herrlich spannender Thriller bekannt, zu lesen. Ich habe fast den Eindruck, als müsste ich froh sein, die deutsche Übersetzung, die ja quasi das Sahnetüpfelchen ist, lesen zu dürfen.

Also - der Condor ist ein wenig träge geworden: Besonders viel Innovatives bzw. Spannendes bringt er uns nicht gerade, doch ein sprachlicher Genuss ist er allemal!