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Veröffentlicht am 25.07.2018

"Familie ist dort, wo es genug Liebe gibt" (S. 282)

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
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Bobby Nusku ist zwölf Jahre alt und befindet sich definitiv nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Er wartet auf die Rückkehr seiner plötzlich verschwundenen Mutter und ist derweil seinem lieblosen, mitunter ...

Bobby Nusku ist zwölf Jahre alt und befindet sich definitiv nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Er wartet auf die Rückkehr seiner plötzlich verschwundenen Mutter und ist derweil seinem lieblosen, mitunter auch brutalen Vater und dessen neuer Freundin ausgeliefert, die sich einen Dreck um ihn scheren. Zudem wird er in der Schule gemobbt. Er gewinnt einen treuen Freund, Sunny, der sich zum Cyborg ummodeln lassen will, um ihn zu beschützen, aber auch das klappt nicht so recht.
Durch Zufall trifft er Rosa, in seinem Alter, aber anders als alle, die er bisher kennengelernt hat - und mit ihr Val, ihre bezaubernde, liebliche und überaus freundliche Mutter, die auch noch köstlich kochen kann. Eines führt zum anderen, ihre Beziehung wird von der Außenwelt gründlich missverstanden und ehe man sich versieht, befinden sich die drei auch schon auf der Flucht - und zwar ausgerechnet in einem Bücherbus - das ist eine mobile Bücherei, die Val eigentlich nur putzen soll. Jetzt ist es ihr Zuhause und auch wenn die drei wenig haben, gibt es eines im Überfluss: und zwar Bücher.

Und diese nutzen sie auf verschiedene Art und Weise, als Lebenshilfe und Ratgeber, zum Überleben, zum Verschenken, zum Fortbilden und, und, und...
Ein ganz besonderer Roman im Stil eines Road-Movies, in dem die drei durch ganz England tingeln, dabei den zunächst ziemlich gruseligen Joe aufgabeln, der sie bis nach Schottland bringt. Ich hätte auch "Wahlverwandtschaften" als Titel nehmen können, denn nichts anderes ist, das diese - mittlerweile vier -Menschen verbindet - sie werden zur selbstgewählten Familie: ihr Schicksal und die Liebe schweißen sie zusammen: Den Jungen, die Königin, die Prinzessin und den Höhlenmenschen (S. 282)

Doch es ist keine friedvolle Reise, auf der sie sind, denn die Polizei ist ihnen auf der Spur. Werden sie aus der Nummer rauskommen? Wird Bobby -wie erhofft - seine Mutter finden? Wird er Sunny wiedersehen und ist dieser mittlerweile zum Cyborg geworden? Und vor allem - gibt es ein glückliches Ende für den Bücherbus und seine Insassen, die zu seinen Bewohnern geworden sind?
Eines ist sicher - das glückliche und runde Ende für den Leser, denn dies ist ein Gute-Laune Buch par excellence. David Whitehouse schreibt anrührend, ohne rührselig zu werden, es ist ein Buch zum Lachen, doch auch zum Weinen: es ist fröhlich, traurig, sanft und hart zugleich und bietet einen Showdown, der seinesgleichen sucht.

Ein Buch über Einsamkeit, aber mehr noch über Freundschaft - und vor allem über Liebe. Ich werde es mit Sicherheit allen mir Nahestehenden schenken, die aus meiner Sicht ein bisschen seelische Unterstützung der besonderen Art nötig haben!

Veröffentlicht am 25.07.2018

Ein Versprechen, ein Antrag, eine Warnung" (S. 38)

Die Straße der Geschichtenerzähler
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All das übermittelt der jungen Viv der wesentlich ältere Archäologe Tahsin Bey, ein "Kumpel" ihres Vaters nach gemeinsamem Aufenthalt bei Ausgrabungen in Labraunda, wo sie ihn als auch sich selbst das ...

All das übermittelt der jungen Viv der wesentlich ältere Archäologe Tahsin Bey, ein "Kumpel" ihres Vaters nach gemeinsamem Aufenthalt bei Ausgrabungen in Labraunda, wo sie ihn als auch sich selbst das erste Mal in einem anderen Licht als bisher wahrnimmt: als Mann und Frau. Seine Worte sind für sie verheißungsvolle Versprechungen auf dem Weg in eine gemeinsame Zukunft - nach dem Krieg, denn es ist der Sommer 1914 und kurzfristige Absprachen können nicht getroffen werden.

Natürlich kommt alles ganz anders, Viv verschlägt es nach Kriegseinsätzen - ja, auch Frauen hatten welche - 1915 nach Peshawar, wohin sie Jahre später als gestandene Hochschuldozentin der ersten Generation zurückkehrt.

Wieder auf der Suche nach einem Mann: die Motivation scheint eine ganz andere zu sein, ist es aber nur in Teilen. Auch wenn Viv sich selbst durchaus Schuld am größten Verlust ihres Lebens gibt, ist sie immer noch auf der Suche nach sich selbst - und nach der Wahrheit. Die jugendliche Unüberlegtheit der Protagonistin Viv weicht einer gewissen Gelassenheit, die ihr - und der damit der dem Buch zugrundewohnenden Stimmung des Buches eine ganz andere Wendung verleiht. Auch wenn es kleine Längen gibt, auch wenn es manchmal eigene Recherchen erfordert, um die klugen Gedanken der Autorin nachvollziehen zu können - es ist atemberaubend, wie Shamsie den Leser in ihre Welt zieht.

Ja, Kamila Shamsie schreibt historische Romane, aber auf eine ganz besondere Art, auf einem ganz besonderen Niveau - einem sehr, sehr hohen - und mit ganz besonderen Botschaften. Sie taucht ein in die Welt, über die sie schreibt, in ihre Charaktere und bringt uns so - was kaum ein Autor vermag - Nachrichten aus verlorenen, vergangenen Zeiten, über ebensolche Werte. Der Leser ist stets gefordert, denn sie schlägt ihren Bogen um weite Teile der Weltgeschichte, die - wie hier - nicht immer die bekanntesten sind.

Kamila Shamsie, eine Kosmopolitin? Unbedingt, auch wenn ihr Herz immer wieder für Asien schlägt, den Kontinent ihrer Herkunft, dessen Geschichte sie mit Ländern der westlichen Zivilisation, in diesem Falle England und ebenfalls eine Heimat für sie, verwebt. Doch sie tut weit mehr, als Geschichte aufzuarbeiten: sie gibt literarischem Anspruch und Poesie eine ganz neue Wendung, eine andere Bedeutung.

Kamila Shamsies Charaktere sind Suchende, denen diese Suche eine Art Lebenselixir ist, das sie vorantreibt. Die Erfüllung ist nicht das Ziel bzw. das Ende ihrer Geschichten: nein, bei Shamsie gilt wieder und wieder, wenn auch auf ganz besondere Art: der Weg ist das Ziel. Und darin kann sich - wenn er es denn zulässt - ein jeder Leser auf eine gewisse Art und Weise wiedererkennen.

Eine Autorin, die ihre Leser immer wieder fordert, ihnen nur wenig erspart, dabei aber viel schenkt: neues Wissen und neue Erfahrungen. Die muss man sich einiges an Zeit und Kraft kosten lassen, denn in Shamsies Büchern kann man nicht nur schwelgen, man muss sich auf das Geschehen einlassen und sich ihm mit allen Fasern des Geistes und des Körpers widmen. Wenn man dazu bereit ist, ein lohnendes Unterfangen, bei dem man viel mitnimmt.

Veröffentlicht am 25.07.2018

Halali

Waidmannstod
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bläst man zu Ehren verdienter Waidmänner und es wird auch hier zu Ehren des Toten, des 64jährigen Harro Probst von seinen Jagdgefährten geblasen.

Köstlich, abstrus, witzig und spritzig, dann wieder zutiefst ...

bläst man zu Ehren verdienter Waidmänner und es wird auch hier zu Ehren des Toten, des 64jährigen Harro Probst von seinen Jagdgefährten geblasen.

Köstlich, abstrus, witzig und spritzig, dann wieder zutiefst philosophisch - dieser Krimi trifft mich bis ins Mark, berührt jede Pore in mir. Schon lange habe ich mir einen Kommissar bzw. einen Krimi-Protagonisten gewünscht, der so tickt wie ich - und voilà - hier ist er nun: Daniel Voss, Einzelgänger und Rückkehrer in die alte Heimat.. Und ganz unverhofft ist er aufgetaucht!

Nicht, dass ich den Autor Maxim Leo bislang nicht kannte, nein, "Haltet Euer Herz bereit", seine Familiebiographie habe ich bereits mit großem Respekt und sehr gerne vor einigen Jahren gelesen, aber es hat mit nicht derartig vom Hocker gerissen, mir neue Lesefreuden offenbart.

Das ist dafür aber jetzt geschehen. "Wow"! Bin ich gelegentlich durchaus als humorlose Schachtel verschrien, fühle ich hier mein Humorverständis genau erkannt und getroffen.Und auch all meine anderen Ansprüche, die ich an Krimis stelle, werden befriedigt. Wenn es Daniel Voss "in echt" gäbe, würde ich versuchen, ihn kennenzulernen. Voss' Team ist originell und mit Wiedererkennungswert ebenso wie sein restliches Umfeld, das vor allem aus seiner pflegebedürftigen Mutter und deren polnischer Pflegerin Maja, die nur so vor Ideen sprüht, besteht. Dieser Krimi hat sooo viel - auch ein überraschendes, unverhofftes Ende..Und neben Humor jede Menge Tiefgang und Esprit.

Ich bin wunschlos glücklich - nein, nicht ganz: ich wünsche mir, dass aus diesem Band um den brandenburgischen Kommissar Daniel Voss eine Serie wird und zwar eine möglichst lange!

Veröffentlicht am 25.07.2018

Ein Buch über Verlassene, die zu Verlassenden werden

Länger als sonst ist nicht für immer
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Wenn auch nicht alle - die Bäckersfrau Evi und auch Ira sind immer da, wo man sie braucht bzw. erwartet: im kleinen schwäbischen Dorf, bereit die anderen zu empfangen und aufzunehmen. Drei Protagonisten ...

Wenn auch nicht alle - die Bäckersfrau Evi und auch Ira sind immer da, wo man sie braucht bzw. erwartet: im kleinen schwäbischen Dorf, bereit die anderen zu empfangen und aufzunehmen. Drei Protagonisten sind es - Ira, Lew und Fido, die alle von ihren Müttern verlassen wurden, wenn auch jeder auf unterschiedliche Art und Weise und aus vollkommen unterschiedlichen Gründen. Geliebt wurden sie alle, wenn auch nicht unbedingt von ihren Müttern, doch es gab für jeden von ihnen jemanden, der für ihn da war.

Die Fäden laufen zusammen in Evis Bäckerei - Evi, die sich in den 1970ern Fidos und seines Großvaters angenommen hat, die voller Hoffnung aus dem fernen Serbien kamen und die später auch Ira, als diese es nötig hatte, unter ihre Fittiche nahm.

Auf Lew treffen wir zunächst in einem indischen Dorf, in einer merkwürdigen, geheimnisvollen Umgebung, auf der Suche nach dem Vater, der ihn zusammen mit der mittlerweise verstorbenen Mutter verlassen hat und weggemacht hat aus der DDR damals. Doch hier ist nichts so, wie es scheint. Aber auch findet Zuflucht in der Bäckerei, als die Zeit gekommen ist.

Ira, die schon einen Sohn hat, John, hilft in Evis Bäckerei und begleitet ihren Vater Cornelius auf dessen letztem Weg - Cornelius, der ihr Familie war, als auch sie von ihrer Mutter verlassen wurde.

Ira, Fido und Lew - sie alle sind Verlassene, die auf merkwürdige Weise zusammenhängen. Fido und Lew werden aber auch zu Verlassenden, sie bringen Ira in die Situation einer Wartenden, die ihr schon von Kindesbeinen an vertraut ist. Es ist nichts Grausames dran, nein, Pia Ziefle stellt es in ihrer schönen Sprache eher fatalistisch dar, so als könnte keiner seinem Schicksal entrinnen - der Verlassene ebensowenig wie der Verlassende. Doch ab und an werden die Schilderungen für mich - und ich bin sicher, dass es auch anderen Lesern so geht - schwer greifbar, die Autorin driftet ab in ihr tiefstes Inneres, das so manchen Leser nicht mehr erreicht. Wunderschöne Sätze wie "...als sie älter wurde und zu ahnen begann, dass Tadijas Sätze manchmal an Orten geboren wurden, die aus Wünschen gebaut waren und Sehnsucht." (S .16) tragen immer wieder zum Lesegenuss bei.

Der Romanhandlung ist ein Reiser-Songtext vorangestellt und Start mit Rio Reiser ist immer ein guter Start, auch wenn es sich wie hier um einen seiner Songtexte handelt. Wobei ich der Ansicht bin, dass auch Hannes Wader mit seinem bekanntesten Lied gut, ja besser gepasst hätte. Seine Worte
"Heute hier, morgen dort,
bin kaum da, muss ich fort,
hab' mich niemals deswegen beklagt.
Hab es selbst so gewählt,
nie die Jahre gezählt,
nie nach gestern und morgen gefragt."
treffen auf so manch einen Protagonisten des Buches zu.

Ein ungewöhnliches, ein wenig sperriges Buch über Liebe, Freundschaft, aber auch Einsamkeit - vor allem aber über Hoffnung, dessen Lektüre sich aber unbedingt lohnt.

Veröffentlicht am 25.07.2018

In the clearing stands a boxer

Deutscher Meister
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singen Simon & Garfunkel in ihrem bekannten Song: auch in Berlin steht einer im Ring - ein Boxer, meine ich. Und was für einer: Trollmann, der Zigeuner, der auch 1933 noch kein Auge trocken lässt. Ein ...

singen Simon & Garfunkel in ihrem bekannten Song: auch in Berlin steht einer im Ring - ein Boxer, meine ich. Und was für einer: Trollmann, der Zigeuner, der auch 1933 noch kein Auge trocken lässt. Ein Auszug aus seinem (Boxer)Leben in einer sehr schweren Zeit, unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung wird hier geschildert, die Vorbereitung auf den Kampf seines Lebens - gegen den Konkurrenten Witt - und der Kampf selbst. Ein halbes Jahr als Auszug aus Trollmanns Leben, aus Nazideutschland, denn auch das ist es und Autorin Stephanie Bart schildert dies ausgesprochen gekonnt und so atmosphärisch, dass es mir nicht schwerfiel, in diese ganz spezielle Umgebung einzutauchen.
Trollmann ist - noch - magisch: "SA-Mann Willi Radzuweit rempelte zurück: "Mach du mir erst mal so ne Flanke vor, dann kannste mir in Zukunft auch sagen, bei wem ich klatschen soll und bei wem nich!""(S.8) Auch die falsche Seite, die neue Führungsriege kann sich - noch - nicht entziehen.
Doch geht es mir zu sehr ins Boxen - ich habe wirklich große Achtung vor der Autorin, dass sie so tief in die Materie eingetaucht ist, die Zusammenhänge so detailliert und gleichzeitig stimmungsvoll beschreiben kann, auch wenn ihr Versuch, die Sprache, den Stil der damaligen Zeit aufzugreifen, mitunter mühselig zu rezipieren ist.
Keine leichte Kost: Stephanie Barth hat es sich und ihrer Leserschaft nicht leicht gemacht: ihr Einblick in das Sportler-, das Boxermilieu der Nachkriegszeit beruht auf mehr als auf guter Recherche - es ist das absolute Eintauchen in das Thema, eine Verschmelzung auf Zeit. Ich lese viel und empfinde dies in der Regel auch bei durchaus anspruchsvollen als Entspannung, als kleinen Ausbruch aus dem Alltag. Hier war es anders: dieses Buch hat mich gefordert, über Gebühr, wie ich finde. Im Klartext: Das Thema Boxen nahm überhand, wurde mir einfach zu viel. Trotz meiner Bereitschaft, in diesem Milieu zu versinken, war ich froh, mich daraus wieder befreien zu dürfen.

Eine Leseempfehlung mit Einschränkungen ist es also, die ich ausspreche, für einen sehr, sehr kleinen Personenkreis, der gewillt ist, sich dem Thema Boxen in der frühen Nazizeit für einen begrenzten Zeitraum komplett auszuliefern!