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Veröffentlicht am 21.02.2018

Ein Drama reich an Emotionen

Wenn das Eis bricht
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entwickelt hier die schwedische Autorin Camilla Grebe die wir bislang als kriminalistisches Duo zusammen mit ihrer Schwester Asa Träff kannten: sie entwickelten gemeinsam die Reihe um die Pychotherapeuthin ...

entwickelt hier die schwedische Autorin Camilla Grebe die wir bislang als kriminalistisches Duo zusammen mit ihrer Schwester Asa Träff kannten: sie entwickelten gemeinsam die Reihe um die Pychotherapeuthin Siri Bergman.

Nun also im Alleingang, aber auf keinen Fall weniger packend. Aus drei Perspektiven wird die Geschichte um einen Mord erzählt: aus der eines Polizisten, der herbeigeholten Kriminalpsychologin Hanne und von Emma, die in den Fall verwickelt ist - nur wie genau?

Und auch Hanne und Peter, so der Name des Polizisten, haben bereits ihre Aktien in dem Fall, der Parallelen zu einem lange verjährten Mord aufweist. Und sie haben auch eine gemeinsame Vergangenheit, eine, die an Dramatik kaum zu überbieten ist.

Wie auch in anderen Erzählsträngen die dramatische Komponente vorherrscht - keiner der Protagonisten hat es bisher leicht gehabt, alle schleppen ein ordentliches Stück der Vergangenheit mit sich rum.

Was sich als immer dichterer, aufeinander aufbauender Fall erweist, birgt dennoch einige ganz gewaltige Überraschungen, die die Autorin geschickt in ihren Fall eingebaut hat und die den Leser quasi unerwartet erwischen. Ein wirklich spannendes Buch mit ein paar kleineren Längen in dem ein oder anderen Erzählstrang - auf einigen Punkten wird aus meiner Sicht dann doch ein bisschen zu intensiv herumgeritten.

Dennoch ein sehr lohnens- und lesenswerter Thriller, der streckenweise ganz schön an die Nieren geht und beweist, dass Camilla Grebe wirklich sehr intensiv und mitreißend zu schreiben vermag!

Veröffentlicht am 21.02.2018

Eine Leidenschaft

Marylin
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ist es, das da aus Seattle kommend in der Toskana, die ihre neue Heimat werden soll, landet: Lina hat nach kurzer und schwerer Krankheit ihre Mutter verloren und soll nun bei ihrem Vater in Italien leben, ...

ist es, das da aus Seattle kommend in der Toskana, die ihre neue Heimat werden soll, landet: Lina hat nach kurzer und schwerer Krankheit ihre Mutter verloren und soll nun bei ihrem Vater in Italien leben, von dem sie bis vor Kurzem noch überhaupt nichts wusste.

Und zunächst mag sie dort auch überhaupt nicht bleiben, ist ihr neuer Wohnort doch - gerade in ihrer aktuellen Situation - ein äußerst morbider: sie lebt auf einem amerikanischen Soldatenfriedhof, einer Gedenkstätte also. Außerdem ist ihre beste Freundin tausende von Kilometern entfernt, überhaupt alle Menschen, die sie kennt, auch ihre Großeltern.

Doch langsam freundet sie sich mit ihrer Umgebung an und lernt nicht nur ihren Vater zu schätzen, sondern auch das Umfeld - es zeigt sich, dass es sehr attraktive Jungs in der Toskana gibt, die auch gar nicht abgeneigt sind, mit Lina Zeit zu verbringen.

Wenn sie mal dazu kommt, denn sie ist an das Tagebuch ihrer Mutter aus deren Italienzeit gekommen und an deren Geschichte ist so einiges ziemlich fragwürdig. Allmählich tastet sich Lina vor, nicht ohne Hilfe der neuen Bekannten.

Ein schönes Jugendbuch, das auch sehr eindringlich die Stimmung in der Toskana spiegelt und nur gelegentlich zu sehr an der Oberfläche bleibt.

Sommerlektüre fürs Gemüt nicht nur für junge Italienurlauberinnen!

Veröffentlicht am 21.02.2018

Wer ist das schwarze Schaf?

Der Sommer der schwarzen Schafe
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England: eine Straße in einer Wohnsiedlung in einem heißen, heißen Sommer 1976. Der Asphalt kocht, der Klatsch auch. Aber letzteres ist bei jeder Witterung der Fall, wie sich im Laufe der Lektüre zeigt, ...

England: eine Straße in einer Wohnsiedlung in einem heißen, heißen Sommer 1976. Der Asphalt kocht, der Klatsch auch. Aber letzteres ist bei jeder Witterung der Fall, wie sich im Laufe der Lektüre zeigt, als es nämlich zum zweiten - um einiges knapper gehaltenen - zweiten Erzählstrang geht, der im Jahre 1967 spielt und so einiges klar rückt. Warum niemand Walter Bishop mag, beispielsweise und einige andere Punkte.

Wobei dieser Mensch gar nicht die Hauptrolle spielt: nein, die nehmen zwei kleine Mädchen ein (zumindest 1976), nämlich Tilly und Grace, die sich langweilen und stets dankbar jede Anregung zur Unterhaltung annehmen - so aktuell die Suche nach der plötzlich verschwundenen Mrs. Creasy. Die Mädels ermitteln auf eigene Art und Weise - doch immer wieder führt die Geschichte weitab vom roten Faden, wodurch es mir oftmals schwerfiel, am Ball zu bleiben.

Faszinierend ist die Demaskierung gewisser gesellschaftlicher Gruppen und die damit verbundene Aufdeckung verschiedener Eigenschaften, die vielen von uns schlummern - fiesen, kleinen Eigenschaften wie bspw. Missgunst, Neid und Geltungssucht, die am Beispiel der Anwohner dieser so friedlichen kleinen englischen Vorstadtstraße dargestellt werden. Auch Vorurteile spielen eine große Rolle.

Doch findet sich wirklich das schwarze Schafe oder gleich mehrere davon. Dadurch, dass die Autorin Joanna Cannon irgendwie ständig vom Thema abkommt - ein bisschen kam ich mir während der Lektüre vor wie beim Kaffeeklatsch im Seniorenheim - bleibt ein wirkliches Aha-Erlebnis aus, jedenfalls bei mir.

Ja, tolle Ideen, vielversprechende Ansätze, aber die Zusammensetzung passt nicht so richtig. Ein Buch, das ich leider nicht so richtig empfehlen kann - vielleicht für England-Liebhaber, die schon (fast) alles andere gelesen haben!

Veröffentlicht am 20.02.2018

Der alte Mann und das Gebirge

Wiesenstein
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Das Riesengebirge in Niederschlesien, genauer gesagt. Dort haust der alte Mann, nämlich der berühmte Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, zum Ende des zweiten Weltkriegs und will auch nicht fort ...

Das Riesengebirge in Niederschlesien, genauer gesagt. Dort haust der alte Mann, nämlich der berühmte Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, zum Ende des zweiten Weltkriegs und will auch nicht fort aus seiner schlesischen Heimat, obwohl er nicht nur dort bekannt ist wie ein bunter Hund. Auch, wenn dem nationalsozialistischen Deutschland schon das Feuer unter dem Allerwertesten brennt - Hauptmann gilt als eine der Ikonen Deutschlands und wird auch jetzt noch hofiert und gut versorgt - wie es übrigens unter allen Regierungen der Fall war.


Hauptmann ist kein Nazi, aber er hat es sich bequem gemacht im Regime, kann er doch in seinem geliebten Haus Wiesenstein wohnen bleiben und wird mit allem Komfort versorgt, den man sich nur denken kann. Dafür erwartet das Regime das ein oder andere flammende Statement zur rechten Zeit - nun ja, aus Hauptmanns Sicht kein allzu großes Opfer.


"Wiesenstein", der Roman, der nach Hauptmanns Haus, nach seiner Trutzburg sozusagen - denn genau als solche sieht er sein in jüngeren Jahren erworbenes und selbst geschaffenes bzw. zumindest erweitertes Heim - gibt die aller- aber wirklich allerletzten Zuckungen des Nationalsozialistischen Deutschland wider und beginnt unmittelbar nach der Bombardierung Dresdens, die Hauptmann ausgerechnet in der Stadt bzw. in deren unmittelbaren Umgebung erleben musste.


Jetzt soll es heimgehen und so zieht der bereits bettlägerige Hauptmann gemeinsam mit seiner Frau Margarete in Begleitung der Sekretärin Annie Pollak und des sich gerade erst angedienten Masseurs Paul Metzkow entgegen allen Flüchtlingsströmen alle düsteren Vorhersagen ignorierend gen Osten: Nur nach Hause, lautet die Devise! Und zum ersten Mal kommt ein Bedürfnis zum Vorschein, das sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman zieht: die Menschen in seiner Umgebung, hier also Annie und Paul, erhoffen sich Schutz durch die Nähe zu Gerhart Hauptmann, Sicherheit vor feindlichen Truppen, ebenso aber eine gewisse Gewährleistung von Komfort - was 1945 vor allem bedeutet, satt zu werden und etwas zum Anziehen zu haben, vielleicht sogar zum Wechseln. Und daheim auf Wiesenstein wartet noch ein ganzes (naja, kleines, aber immerhin) Bataillon von Bediensteten mit denselben Erwartungen.


Der Hauptteil des Romans, auf Wiesenstein, hat etwas Unwirkliches, ja Groteskes. Autor Hans Pleschinski vermag diese Endzeitstimmung, die auch in Haus Wiesenstein herrschte, trotz einiger Längen und Umständlichkeiten, die ich empfunden habe, unglaublich kraftvoll und dicht, mit einer starken Präsenz wiederzugeben. Fast empfand ich mich als Teil der Hauptmann'schen Entourage. Das "normale" Leben, auch wenn es das eines alten, ja sterbenden Mannes und seines Umfelds ist, in harten Zeiten und in einer Gegend, die quasi schutzlos ist, zumindest im Verlauf des Romans dazu wird - das hat etwas sehr, sehr Frappierendes, betroffen machendes.


Ein kluger, unglaublich umfassend recherchierter Roman, der dem Thema dank eindringlicher Schilderung eine kraftvolle Präsenz einzuhauchen vermag! Ja, es gibt Passagen, in denen Hauptmanns Werke seitenweise zitiert werden. Ja, es gibt Passagen, in denen der Meister parodiert, oder vielmehr: bloßgestellt wird. Ja, diese Teile fügen sich nahtlos in den Roman. Nein, ich habe sie nicht gerne gelesen, überhaupt nicht gerne.


Aber ich muss auch nicht jede Kleinigkeit dieses absolut opulenten Werkes, nein: Meisterwerkes schätzen, um es in seiner Gesamtheit würdigen zu können. Und das tue ich hiermit und empfehle es jedem weiter, der Romane über signifikante historische Personen und Entwicklungen so liebt wie ich. Die Lektüre ist eine wahre Herausforderung, aber was für eine! Ich jedenfalls knie nieder vor einem Meilenstein der deutschen Literatur!

Veröffentlicht am 19.02.2018

Ein lyrischer Roman

Wie hoch die Wasser steigen
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Und zwar einer zu einem ausgesprochen bodenständigen Thema - auf den ersten Blick zumindest. Es geht nämlich um polnischen Facharbeiter Waclaw, der einen großen Verlust erleidet, sein Kollege und Kumpel, ...

Und zwar einer zu einem ausgesprochen bodenständigen Thema - auf den ersten Blick zumindest. Es geht nämlich um polnischen Facharbeiter Waclaw, der einen großen Verlust erleidet, sein Kollege und Kumpel, der Ungar Matyas, mit dem er seit Jahren gemeinsam arbeitet und auch das Leben - in diesem Falle das Zimmer bzw. die Kajüte teilt, ist nämlich abhanden gekommen. Eines Nachts ist er einfach so von der Ölplattform an der Küste Marokkos, auf der die beiden angestellt sind, gerutscht, hinunter ins Meer, unwiederbringlich und unauffindbar. Bevor er sich an den Gedanken gewöhnen kann, ohne ihn zu sein, begibt er sich auf eine Reise quer nach und durch Europa.

Für ihn geht es darum, Matyas Leuten dessen Sachen zu übergeben, aber auch, einige Orte und Stellen die für ihn von Bedeutung sind - egal, ob er dort tatsächlich war oder nicht, aufzusuchen. Eigentlich sind es zwei Reisen, eine physische und die zweite, parallel stattfindende auf der Suche nach sich selbst. Gibt es dort überhaupt etwas zu finden und wenn ja, ist es das wert - für ihn selber als Menschen.

Der globale Mensch der Gegenwart beim Versuch, sich selbst zu definieren - auch so könnte man Waclaws vorhaben bezeichnen. Autorin Anja Kampmann hat bereits als Dichterin einen Namen und so hat sie mit "Wie hoch die Wasser steigen" einen sehr lyrischen Roman zu einem - zumindest in Teilen - sehr bodenständigen Thema geschaffen. Ich erkenne diese sowohl sprachlich als auch inhaltlich außerordentliche und sehr individuelle Leistung aus ganzem Herzen an, ohne sie jedoch für mich selbst als bereichernd und erfüllend zu empfinden. Zu vage die Darstellung, zu wenig Greifbares, Vorstellung und Wirklichkeit des Protagonisten Waclaw verlieren sich ineinander, ohne mich zu bewegen oder gar mitzunehmen.

Der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse im März 2018 nominiert mit folgendem Kommentar der Jury: "Eindringlich und in konzentrierter poetischer Verdichtung erzählt Anja Kampmann von der Verlorenheit des Menschen in Zeiten der Globalisierung und von dem Versuch, die eigene Identität wiederzufinden. Ein gegenwärtiger Roman, dessen Sprache überzeitlich Existentielles aufreißt."

Ich habe diese Regungen, die Botschaft der Autorin, wahrgenommen, doch traf sie bei mir leider nicht auf fruchtbaren Boden - der Roman hat mich verwirrt, wodurch sich bereits jetzt, kurz nach der Lektüre, die Eindrücke verwischen, die bleibende hätten sein können.