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Veröffentlicht am 09.01.2018

Hamburg in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Gegenwart

Die Oleanderfrauen
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ist der Handlungsort des neuen Familienromans von Teresa Simon. In den 1930er Jahren hat Sophie, obwohl aus gutem, ja wohlhabenden Hause - nämlich einer sogenannten Kaffeehandelsdynastie - ein schweres ...

ist der Handlungsort des neuen Familienromans von Teresa Simon. In den 1930er Jahren hat Sophie, obwohl aus gutem, ja wohlhabenden Hause - nämlich einer sogenannten Kaffeehandelsdynastie - ein schweres Schicksal zu erleiden. Wobei das auch, aber nicht nur mit ihren persönlichen Erlebnissen zu tun hatte: Hamburg hatte im zweiten Weltkrieg viel, schwer und auch bereits relativ früh unter Bombardierungen zu leiden und auch in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg war das Leben für die Bürger der Stadt nicht gerade einfach.

Da hat es Jule, die es 2016 aus dem Erzgebirge in die Hansestadt verschlägt, trotz diverser Widrigkeiten doch vergleichsweise leichter. Ihre Probleme sind die steigende Miete für ihr Café "Strandperlchen" sowie Liebeskummer. Auf der anderen Seite jedoch macht sie in ebendiesem Café eine Reihe - meist angenehmer - interessanter Bekanntschaften, von denen nicht wenige ihr bei der Etablierung eines zweiten Standbeines, nämlich dem Recherchieren und Verfassen von Familienerinnerungen, behilflich sind - als Auftraggeber nämlich.

In diesem Zusammenhang stößt Jule auch auf Sophies Geschichte, diese hat nämlich Tagebuch geführt. Mit diesem entführt sie sowohl Jule als auch die Leser in eine spannende Vergangenheit.

Ein wie immer sehr anschaulich und gut recherchiertes Buch, das ich mit Begeisterung gelesen habe und über weite Strecken nicht aus der Hand legen konnte. Da hat es mich auch nur wenig gestört, dass die Zufälle streckenweise Überhand nahmen und etwas zu konstruiert daherkamen.

Aber eines hat mich wirklich gestört und da kann die Autorin, deren Werke mir allesamt ans Herz gewachsen sind, nun wirklich nichts für: Sophies Tagebuch ist in einem Schriftbild abgedruckt, das zwar keineswegs zu klein, wohl aber zu filigran ist, um es problemlos lesen zu können! Eigentlich waren mir diese Passagen oft die liebsten, aber dennoch war ich immer froh, wenn eine davon vorbei war und ich mich wieder bei der Lektüre in der normalen Schrift "erholen" konnte. Dennoch, die Mühsal lohnt sich definitiv - einmal mehr ist Teresa Simon ein warmherziges, dabei historisch fundiertes Buch mit gut angelegten Charaktern gelungen, dessen Lektüre Spaß macht und gleichzeitig - quasi nebenbei - bildet bzw. informiert.

Veröffentlicht am 08.01.2018

How does it feel to be on your own - like a rolling stone

Die Stunde des Wolfs
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Ein ungewöhnlicher Protagonist ist es, den der Autor Simo Hiltunen hier einführt - nämlich Lauri Kivi, ein Reporter für Kriminalfälle in Helsinki, der selbst so einige Päckchen zu tragen hat und das von ...

Ein ungewöhnlicher Protagonist ist es, den der Autor Simo Hiltunen hier einführt - nämlich Lauri Kivi, ein Reporter für Kriminalfälle in Helsinki, der selbst so einige Päckchen zu tragen hat und das von Kindheit an. Sie wollen mehr erfahren? Keine Sorge, der Autor Simo Hiltunen serviert Ihnen alle Informationen, die Sie haben wollen - und wahrscheinlich noch einige mehr - auf dem Silbertablett. Kein einziger Punkt wird ausgelassen, wenngleich es möglicherweise ein wenig dauert.

Lauri ist jemand, der bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen und sich mit Jedem anzulegen, wenn es sein muss. Das hat er von Kindheit an so gelernt - vielmehr erfahren - und in seinem Beruf kommt ihm das ganz gut zupaß. Auch in Bezug auf den aktuellen Fall, in dem es um Familien(selbst)mord geht - also Väter, die zuerst ihre Lieben und dann sich selbst um die Ecke bringen und dabei ein rechtes Blutbad anrichten!

Simo Hiltunen schreibt unterhaltsam, wobei ich vor allem seine Figurenbeschreibungen sowie den typisch finnischen trockenen Humor genossen habe. Auch die Spannung blieb aus meiner Sicht durchgehend erhalten, auch wenn der Leser einen wirklich sehr langen Atem haben muss, um bis zum Ende durchzuhalten.

Der Autor schreibt nicht uneloquent, aber doch sehr komplex - man könnte auch sagen, umständlich. Eher etwas für ausgewiesene Fans skandinavischer Krimiliteratur, die hart im Nehmen sind - und das meine ich jetzt nicht in Bezug auf die Vorfälle, auch wenn die nicht gerade ohne sind!

Veröffentlicht am 08.01.2018

Warte nicht bis zum Frühling mit Arturo Bandini

Der Weg nach Los Angeles
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sondern gönne ihn Dir jetzt gleich - in einem ganz jungen Format ist er hier zu "erlesen", nämlich in einem Frühwerk des großen John Fante, dessen Ruhm, den er zu einem nicht geringen Teil Charles Bukowski ...

sondern gönne ihn Dir jetzt gleich - in einem ganz jungen Format ist er hier zu "erlesen", nämlich in einem Frühwerk des großen John Fante, dessen Ruhm, den er zu einem nicht geringen Teil Charles Bukowski verdankt, leider erst nach seinem Tod erstrahlte. Gerade auch dieses Buch, das erste des Autors zu DER von ihm geschaffenen Figur, ist tatsächlich auch in den Staaten erst 1984 und somit nach Fantes Tod erschienen.

Arturo Bandini - ein Italoamerikaner der ungewöhnlichen Art, ein Alter Ego des Autors: definitiv kein Mafiosi, wenn er auch längst nicht immer brav bleibt. Er ist genial, eingebildet, größenwahnsinnig, dreist, kindisch, frühreif, verwegen, feige und noch vieles mehr und in dieser Widersprüchlichkeit sozusagen eine normaler junger Mensch und auch gerade wieder nicht. Arturo Bandini will früh Schriftsteller werden und zwar nicht gerade irgendeiner. Aus kleinen Verhältnissen kommend, von Mutter und Schwester ständig niedergemacht, ein quasi unmögliches Unterfangen.

Fantes Literatur: das ist definitiv eher Männerliteratur, ebenso wie Bukowski. Finde ich als Frau. Aus meiner Sicht ist dies ein wirklich großes Werk, wenn ich es auch wahrscheinlich in seiner Gänze nicht wertschätzen kann, dafür habe ich es nicht gern genug gelesen. Aber das liegt nicht an der Qualität der Darstellung, sondern mehr am Thema - also eher mein Problem.

Was ich durchaus zu schätzen weiß, ist die außerordentlich liebevoll und gründlich aufbereitete Neuübersetzung durch Alex Capus, der selbst einige aus meiner Sicht nicht unbedeutende Romane verfasst hat. Wieviele Gedanken er sich gemacht hat, wie intensiv er sich sowohl mit der Person Fante in ihrer Gesamtheit als auch mit diesem konkreten Text beschäftigt hat, das zeigt das ausführliche Nachwort. Ich habe selbst schon häufiger übersetzt (wenn auch keine anspruchsvolle Literatur) und ich habe gerade auch die Ausführung zu seiner Übersetzungsarbeit, zur Auseinandersetzung mit dem Text als sehr bereichernd empfunden.

Kurzum: es ist ein Geschenk, das der Blumenbar Verlag uns hier mit diesem Band macht: wer gerne ein in jeder Hinsicht gelungenes Buch genießen möchte (auch Optik und Haptik betreffend), der greife hier bei dieser kleinen Kostbarkeit zu.

Veröffentlicht am 08.01.2018

Weit hinaus über das Meer

Das Erbe der Rosenthals
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und die Ozeane geht es im Jahr 1939 für die elfjährige Hannah Rosenthal. Man kann es sich schon denken: dies ist mitnichten eine Vergnügungsreise, nein, ganz im Gegenteil: sie und ihre Eltern sind Juden, ...

und die Ozeane geht es im Jahr 1939 für die elfjährige Hannah Rosenthal. Man kann es sich schon denken: dies ist mitnichten eine Vergnügungsreise, nein, ganz im Gegenteil: sie und ihre Eltern sind Juden, die vor dem nationalsozialistischen Regime in Deutschland fliehen. Doch Ende der Dreißiger Jahre ist die Welle der fliehenden Juden so riesig, dass viele Staaten keine Flüchtlinge mehr aufnehmen, egal, wie verzweifelt deren Situation ist.

Kuba ist das Land, auf das die Familie Rosenthal ihre Hoffnungen setzt und ihre Reise mit dem Schiff St. Louis basiert auf realen Begebenheiten: dieses Schiff, das mit Hunderten von Flüchtenden Kuba ansteuerte, gab es wirklich.

Um die Ahnungen der Interessierten nicht über Gebühr zu strapazieren: das Schicksal der St. Louis und auch der Familie Rosenthal ist ein tragisches. Familien werden getrennt, Freunde sowieso und auch der Staat Kuba kommt in diesem Buch nicht gut weg - unter den unterschiedlichen Regierungen, kann man erlesen, war das Leben dort für viele - gerade auch für Fremde - kein Leichtes.

Im Roman werden verschiedene Stationen im Leben von Hannah beschrieben: das Leben in Berlin und dessen abruptes Ende, die Fahrt mit der St. Louis und verschiedene Passagen ihres Lebens auf Kuba. Und es gibt eine Parallelgeschichte - die des Mädchens Anna in New York. Wie sich das wohl zusammenfügt?

Ein bemerkenswertes Buch, das gleichwohl seine Schwächen hatte, fand ich jedenfalls. Für mich stellten die frühen Jahre - die Flucht aus Berlin, die Reise der Familie Rosenthal auf der St. Louis eindeutig den stärkeren Part dar - die Zeit in Kuba wirkte dann zerfasert und teilweise nicht ausreichend erläutert. Ganz so, als konnte oder durfte der Autor nicht zu viel schreiben. Dennoch habe ich den Roman sehr gerne gelesen, wobei mich vor allem die angehängten Erläuterungen über das wahre Schicksal des Schiffes St. Louis und seines Kapitäns sehr faszinierten.

Ein Roman, den ich jedem ans Herz lege, der das tragische Schicksal der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus in all seinen Facetten erfassen will. Hier wird ein weiterer Baustein dazu geliefert!

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Veröffentlicht am 06.01.2018

Eine Weihnachtsgeschichte der mörderischen Art

Geheimnis in Rot
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hat die britische Autorin Mavis Doriel Hay mit "Geheimnis in Rot" bereits in den 1930er Jahren verfasst - erst 2017 erfolgte die erstmalige Übersetzung ins Deutsche - eine sehr lohnenswerte, ...

hat die britische Autorin Mavis Doriel Hay mit "Geheimnis in Rot" bereits in den 1930er Jahren verfasst - erst 2017 erfolgte die erstmalige Übersetzung ins Deutsche - eine sehr lohnenswerte, wie ich finde!

Herrlich! Und very british! Jedenfalls meistens - an einigen wenigen Stellen wirkte die Geschichte für mich als Leserin des 21. Jahrhunderts dann doch ein wenig kleinteilig und auch behäbig. Und es war extrem früh zu erahnen, wer der Täter ist.

Dennoch: "Geheimis in Rot" ist ein überaus stilvoller Weihnachtskrimi mit allem Zipp und Zapp, der auch über die Feiertage hinaus noch lesenswert ist. Die Autorin Mavis Driel Hay schreibt atmosphärisch und mit ausgesprochen sarkastischem Anklang, wenn auch einem milden. Very british indeed. Es handelt sich hier um einen klassischen Whodunnit um die Familie Melbury und ihr Umfeld, eine personelle Konstellation, die einige Ecken und Kanten aufweist. Ein Mord findet statt, ausgerechnet zu Weihnachten und (fast) jeder könnte es gewesen sein.

Wie gesagt, das mit dem "fast jeden" erledigt sich sehr schnell, aber wer der klassischen britischen Krimiliteratur zugetan ist, wird dennoch seine Freude mit dem Buch haben!