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Veröffentlicht am 20.12.2017

Die Ungnade der frühen Geburt

Marlenes Geheimnis
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ist es, die Marlene - damals noch ein kleines Kind - und ihre Mutter Eva, die eigentliche Heldin des Romans, an den Bodensee verschlägt, wo sie sich als Schnapsbrennerin einen Namen macht und außerdem ...

ist es, die Marlene - damals noch ein kleines Kind - und ihre Mutter Eva, die eigentliche Heldin des Romans, an den Bodensee verschlägt, wo sie sich als Schnapsbrennerin einen Namen macht und außerdem eine neue Familie gründet.

Dass wir aber überhaupt von Evas Schicksal erfahren, das verdanken wir ihrer Enkelin Nane, die nach jahrelanger Abwesenheit gemeinsam mit ihrer Mutter Vicky zu Evas Beerdigung auftaucht. Die Oma hat ihr ein Tagebuch vermacht, in dem sie ihr Schicksal schildert und das so einige Familiengeheimnisse birgt.

Ich habe gleich aufgehorcht, denn auch in meiner Familie gibt es zahllose unaufgedeckte Geheimnisse, hinter die ich wohl leider nie kommen werde, denn fast alle Träger leben schon längst nicht mehr. So war ich umso begieriger darauf, die von Nane zu erfahren und habe die Lektüre sehr genossen, denn sie wird mit Herz und Verstand von Brigitte Riebe erzählt, die genau dieses exzellent beherrscht - das Schreiben kluger, fesselnder und unterhaltender historischer Romane, von denen man sich wünscht, dass sie nie zu Ende gehen! Ein solches Buch liegt nun vor Ihnen: genau das Richtige für freie Ferientage, an denen man unbegrenzt Zeit zum Schmökern hat.

Eine tolle Geschichte, bei der aber einige Erzählstränge ein wenig unvollendet blieben. Da ich das Buch und die wunderbar gezeichneten Figuren so liebte, dass ich alles über sie erfahren wollte, hat mich das ein bisschen geärgert. Auf der anderen Seite jedoch empfinde ich es als authentisch - genauso ist es im wahren Leben. Auch wenn ich mir eigentlich in einem Buch, das so mitreißend ist wie dieses, wünsche, alles genau zu erfahren, bis aufs letzte Fitzelchen. Weil ich von der Geschichte einfach nicht genug bekommen kann. Aber damit muss ich dann leben.

Trotzdem ein absolut rundes Ende, vor allem für Marlene, Nane und die weiteren Figuren der Gegenwart, denn für sie schließt sich ein Kreis nicht nur im eigenen Leben, sondern auch in Bezug auf die Familiengeschichte. Dies ist der Autorin - wie auch alles andere - absolut großartig gelungen.

Brigitte Riebe ist promovierte Historikerin, und zwar eine, der mit Verstand die Herausforderung, einen historischen Roman zu schreiben, annimmt. Dass sie es auch mit Herz tut, das ist ein weiteres Merkmal dieser ganz wunderbaren Autorin, die es immer wieder vermag, Romane hervorzubringen, in denen man schwelgen kann und dennoch auch eine Menge lernt. Diesmal über das Sudetenland und sein trauriges Schicksal im 2. Weltkrieg, sowie den damit verbundenen Flüchtlingsstrom, der seinen Weg in den Westen Deutschlands hat. Viele von uns Lesern teilen mit der Autorin den Umstand, Nachfahren von solchen Flüchtlingen (wenn auch nicht unbedingt von Sudetendeutschen) zu sein, von Menschen, die - teilweise schon im hohen Alter - ganz neu anfangen mussten in einem Umfeld, dass ihnen oft genug nicht gerade wohl gesonnen war. Da genießt man es als Leser umso mehr, dass die Autorin all dies auf den Punkt bringt. Und zwar - ich werde nicht müde, es zu betonen: mit Herz und mit Verstand, diesmal sicher nicht zuletzt deswegen, weil dies auch ein Teil ihrer eigenen Familienvergangenheit ist!

Ein wunderbares Buch, zu dem mir - man liest es in meinen Elogen - nur Superlative einfallen und das in mir ein warmes, wohliges Gefühl interlässt, weil es so viele meiner (Lese-)Bedürfnisse befriedigt hat: eindringliche Charaktere, literarischer und historischer Anspruch, gute Unterhaltung, ein angenehmer, aber nicht zu glatter Stil - ein Meisterwerk, das mir den Einstieg in den Herbst versüßt hat.

Veröffentlicht am 20.12.2017

Das alles und noch viel mehr

Halt dich an deiner Liebe fest. Rio Reiser
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hätte R.R. gemacht, wenn er König von Deutschland wär...

Nicht nötig, denn auch so war Rio Reiser einer der ganz Großen in Deutschland, auch wenn er trotz Ton-Steine-Scherben, trotz des Agit-Pop der 1970er ...

hätte R.R. gemacht, wenn er König von Deutschland wär...

Nicht nötig, denn auch so war Rio Reiser einer der ganz Großen in Deutschland, auch wenn er trotz Ton-Steine-Scherben, trotz des Agit-Pop der 1970er und 1980er ein eher leiser Poet war, einer dessen wahre Größe man erst erkennt (manchmal zumindest), wenn man seine wunderbaren Texte in eher leise Töne kleidet.

Ja, hier erzählt Gert Möbius von Rio Reiser, Rios großer Bruder. Aber er erzählt auch viel von sich, finde ich. Ein bisschen zu viel. Denn ehrlich gesagt, auch wenn das jetzt ein bisschen fies klingt: ich bin hier wegen Rio, ich möchte ihn im Mittelpunkt des Buches haben und zwar durchgehend. Auch wenn die Kindheits- und Jugendschilderungen aus der Berliner Familie interessant sind, danach interessiert mich wirklich Rio, sein Werdegang, sein Denken und tun. Und da hatte ich ein bisschen mehr auf seinen Bruder gebaut, wobei ich natürlich nicht richtig enttäuscht bin, denn interessant ist es auf jeden Fall, Rio (also Ralf, wie er wirklich hieß) aus der Perspektive von jemandem zu sehen, der immer in seinem Leben zugegen war. Toll sind natürlich die Fotos, die nicht in jeder Zeitung waren, ich hätte mir aber ein Glossar und auch eine Zeittafel gewünscht. Irgendwie hilft mir das bei Sachbüchern immer, wenn ich mal nachschlagen kann und nicht gleich googeln muss.

Etwas für wahre Rio-Verehrer, für Fans von Ton-Steine-Scherben und für die, die immer noch überlegen, was sie machen würden, wenn sie König(in) von Deutschland wären!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Belleville - ein fremdenfeindliches Dorf

In tiefen Schluchten
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Auch wenn es auf den ersten Blick alles andere zu sein scheint, denn Touristen sind gerne gesehen. Auch Tori Godon, die zusammen mit ihrem leider inzwischen verstorbenen Mann Carl, einem Nachfahren von ...

Auch wenn es auf den ersten Blick alles andere zu sein scheint, denn Touristen sind gerne gesehen. Auch Tori Godon, die zusammen mit ihrem leider inzwischen verstorbenen Mann Carl, einem Nachfahren von Hugenotten, die auch gerade dort in der Umgebung, in der Ardeche, ansässig waren, bevor sie vertrieben wurden, hatte bislang nur Gastfreundlichkeit erfahren.

Bis sie Näheres erfahren möchte, um einige Dinge zu klären. Adriaan, ein holländischer Höhlenforscher, ist nämlich einfach verschwunden, ganz sang- und klanglos. Und dann stirbt auch noch Didier, ein recht gesprächiger, ja schwatzhafter alter Mann.

Dann nämlich werden die Leute auf einmal schweigsam und wenden sich ab - warum wohl? Gut, dass es ein paar andere Deutsche im Dorf gibt, die Tori bei ihren Nachforschungen zur Seite stehen!

Anne Chaplet schreibt fesselnd, literarisch anspruchsvoll und mit großer Kenntnis der internationalen Zeitgeschichte, daher ist auch ihr neues Werk auf sprachlicher Ebene ein Genuss und setzt sich wohltuend von der Masse deutscher Krimis ab. Der Plot dieses Krimis, durch den eine neue Reihe eingeleitet werden soll, vermag durchaus Schritt zu halten mit den schriftstellerischen Fähigkeiten der Autorin. Allerdings bleiben gerade zum Ende hin, wo doch eigentlich aufgelöst werden sollte, im letzten Drittel ziemlich viele Dinge offen. Stört mich nicht, wenn die Reihe, die hier angefangen wird, im Laufe der Zeit das ein oder andere auflöst, auch wenn ich es insgesamt dann doch ein wenig ergebnisorientierter bevorzuge.

Wunderbar hingegen die herrlichen Schilderungen der Landschaft, der Atmosphäre und insgesamt des südlichen Frankreich, nicht der Küste, sondern der Berglandschaft, der Cevennen. Fernab von touristischen Prospekten tut sich hier eine Welt auf, die vom Leser verlangt, sie in Gänze zu erfassen - Anne Chaplet bietet dafür die besten Voraussetzungen. Ich habe schon einige der Krimis der Autorin gelesen, die teilweise in Lateinamerika spielen - ich finde, dort wurde die Stimmung nicht ganz so einfühlsam eingefangen, wie es hier in Frankreich der Fall ist. Ich empfehle das Buch für Frankreichfans, für Leser, die nicht auf actionreiche, sondern eher auf stimmungsvolle Spannung stehen und für diejenigen, die das Genre "Krimi" nicht zu eng fassen.

Veröffentlicht am 20.12.2017

Nicht ohne den ein oder anderen Einschlag

Zartbitter ist das Glück
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haben die fünf Freundinnen aus Schultagen Kat, Ingrid, Maya, Lisbeth und Sina ihr Leben verbracht, als sie sich im Alter - naja, mit Ü60 hat man die Lebensmitte zumindest schon überschritten - auf Fidschi ...

haben die fünf Freundinnen aus Schultagen Kat, Ingrid, Maya, Lisbeth und Sina ihr Leben verbracht, als sie sich im Alter - naja, mit Ü60 hat man die Lebensmitte zumindest schon überschritten - auf Fidschi wiedersehen und zwar nicht nur für wenige Tage. Auf Initiative von Kat, die mit ihrem kürzlich verstorbenen Mann Niklas ein Leben als Globetrotterin verbrachte und zuletzt mit ihm auf Fidschi mehr oder weniger sesshaft wurde, wollen sie ausprobieren, ob ein gemeinsames Leben im Alter unter tropischer Sonne für sie in Frage kommt.

Es muss gesagt werden, dass nicht alle Frauen untereinander so freundschaftlich verbunden sind wie Kat es gerne sehen würde - es gibt Animositäten, von denen einige nichts ahnen, aber auch unterschwellige Vorbehalte und Missstimmungen.

Dennoch - es zeigt sich, dass die Frauen in wichtigen Situationen gut zusammenhalten können.

Dem Leser wird auch ein Einblick in die Mentalität der Ureinwohner Fidschis gewährt - nicht zuletzt durch die immer wieder eingestreuten Einwürfe der Haushälterin Ateca, die das Zusammenleben der fünf Damen aus einem ganz eigenen Blickwinkel betrachtet.

Ein seichter Unterhaltungsroman ist es also sicher nicht, den wir mit "Zartbitter ist das Glück" in den Händen halten. Wobei die Unterhaltung ganz sicher nicht zu kurz kommt, es aber aus meiner Sicht ziemlich tiefgründig zugeht. Stimmungen auffangen, Charaktere zeichnen, aber auch verschiedene Mentalitäten darstellen: das alles sind Stärken der norwegischen Autorin Anne Østby, die zu einem besonderen Lesegenuss führen - wenn man sich nur darauf einlässt. Und das fällt dem Leser aus meiner Sicht leicht, da der neu gegründete Wunderraum Verlag mit seinem ersten Buch ein ganz besonderes Kleinod geschaffen hat, dass nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich - also in Bezug auf die Gestaltung - eine absolute Besonderheit darstellt.

Von mir gibt es hier eine Empfehlung auf der ganzen Linie!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Nur das Überleben zählt

Die Verschwörung von Shanghai
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und manchmal nicht einmal das im Shanghai der 1930er Jahre.

Zunächst treffen wir auf den Fotografen Hsueh, die quasi Hauptperson des Romans. Er hat nicht nur diesen einen Beruf, sondern verdient sein ...

und manchmal nicht einmal das im Shanghai der 1930er Jahre.

Zunächst treffen wir auf den Fotografen Hsueh, die quasi Hauptperson des Romans. Er hat nicht nur diesen einen Beruf, sondern verdient sein hauptsächliches Auskommen als Begleiter der Österreicherin Therese, die inzwischen verwitwet, in Shanghai gestrandet ist und die Geschäfte ihres Mannes übernimmt.

Dass dies ein Hauen und Stechen sondergleichen wird, schreckt die Geschäftsfrau, die sich schon bald als eiskalte Verhandlungspartnerin herausstellt, nicht. Nahtlos fügt sie sich in das in Shanghai vorherrschende "jeder gegen jeden und jeder für sich selbst" ein, das umso erschreckender erscheint, als dass der Autor Xiao Bai hier hauptsächlich wahre Ereignisse "verbraten" hat.

Spannend ist der Roman durch den unterkühlten Stil nur am Rande, doch gibt er einen treffenden Einblick in die Atmosphäre des Shanghai der frühen 1930er Jahre, man hat es bildlich vor sich und kann sich das Geschilderte auch gut als Film vorstellen.

Hsueh gerät ein bisschen aus dem Gleichgewicht, da er eine Frau auf einem Schiff entdeckt hat, die ihn verzaubert. Sie spielt in einer anderen Liga, nämlich der der Politik und ihr bedeuten Emotionen durchaus etwas. Werden sie ihr bzw. beiden möglicherweise zum Verhängnis?

Wer gerne in fremde Welten und Zeiten eintaucht sowie einen extrovertierten, dabei eloquenten Schreibstil zu schätzen weiß, wird sich möglicherweise von dem Buch einfangen lassen. Ein wenig Exotik im Alltag und eine fremde, ein wenig unheimliche Welt! Etwas für Liebhaber ungewöhnlicher Literatur und historischer Themen!