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Veröffentlicht am 17.06.2022

Es ist einfach nicht zu fassen

Wir sind nicht zu fassen
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was so an der Ashville High passiert. Gut, an jeder Highschool in den Staaten wird mal ein bisschen Unfug verzapft, aber das, was der Chaos Club hier bereits seit Jahrzehnten veranstaltet, das geht auf ...

was so an der Ashville High passiert. Gut, an jeder Highschool in den Staaten wird mal ein bisschen Unfug verzapft, aber das, was der Chaos Club hier bereits seit Jahrzehnten veranstaltet, das geht auf keine Kuhhaut - nein, die Kühe befinden sich vielmehr eines Tages auf dem Dach der Schule: es ist eine ganze Herde, die da aufgeboten wird. Wie ist sie dadrauf gekommen?

Nun, bevor man sich darüber Gedanken macht, sollte man zunächst überlegen, wer denn eigentlich hinter dem Chaos Club steht. Zumindest für Max und seine vier Leidensgenossen ist dies eine ausgesprochen brennende Frage, finden sie sich doch eines Nachts auf dem Wasserturm wieder - eine Einladung des Chaos Clubs, die auf mehr - vielleicht sogar auf eine Aufnahme in diese illustre Vereinigung - hoffen ließ, stellte sich als Falle heraus.

Aber es hat auch sein Gutes: die Fünf - bislang eher Einzelgänger - bilden bald eine schlagkräftige Truppe, die dem Chaos Club entgegenhält. Natürlich im Geheimen wie auch der Chaos Club selbst in den 40 Jahren seines Wirkens noch nie entlarvt wurde. Und sind sie erfolgreich? Nun, man wird sehen - wer neugierig geworden ist, sollte unbedingt zu diesem Buch greifen.

Denn hinter diesem Buch steckt viel mehr als seichte amerikanische Jugendunterhaltung, nein, hier geht es um Selbstvertrauen, Vertrauen in andere, um Leistungen - gemeinsame als auch diejenigen, die man als Individuum bringt und vor allem - und dies sollte in viel mehr Jugendbüchern eine Rolle spielen - darum, einen, nämlich seinen Platz in der Welt zu finden.

Der Autor schreibt eindringlich und oft auch entlarvend, die Gestaltung der Charaktere entpuppt sich als seine ganz starke Seite. Nicht nur die Jugendlichen, auch die Lehrer sind wirklich sehr anschaulich gezeichnet, man hat einen jeden direkt vor Augen.

Teilweise erschienen mir die Handlungen und Gedanken nicht so ganz nachvollziehbar, ja, ich empfand sie gar als verwirrend und brauchte eine Weile, um wieder in die Geschichte hineinzufinden. Dennoch ist das Buch lesenswert, zumal sicher nicht jeder sich von den Ausführungen Kurt Dinans irritieren lässt. Eine ungewöhnliche und unterhaltsame Lektüre nicht nur für Jugendliche!

Veröffentlicht am 17.06.2022

Lebenswege mit Kollisionen

Kollisionen
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sind es, die Florian Scheibe in diesem Roman beschreibt, die Lebenswege von Carina und Mona vor allem, aber auch von Tom, Carinas Lebensgefährten. Es sind keine geraden Straßen, sondern eher verwinkelte ...

sind es, die Florian Scheibe in diesem Roman beschreibt, die Lebenswege von Carina und Mona vor allem, aber auch von Tom, Carinas Lebensgefährten. Es sind keine geraden Straßen, sondern eher verwinkelte Pfade - solche, die sich gegenseitig überkreuzen, aber auch sonst mit der ein oder anderen Gestalt, mit verschiedenen Ereignissen und erlebnissen kollidieren.

Dabei sind Carina und Tom zunächst sehr geradlinig unterwegs: es sind Karrieretypen, denen eigentlich nur eines im Weg steht, um uneingeschränkt glücklich zu sein: der unerfüllte Kinderwunsch. Und da soll kein Weg, keine Methode außer Acht gelassen werden, um diesen zu erfüllen, koste es, was es wolle!

Natürlich gibt es kleinere Unwägsamkeiten, die sich aber bislang immer gut ausräumen ließen - eine davon ereignet sich gleich zu Beginn der Geschichte: da nämlich kollidiert Carina mit Mona, einem 16 Junkie, die auch noch schwanger ist...

Und irgendwie ist dies der Beginn dafür, dass bei Tom und Carina so einiges aus den Fugen gerät, bei Mona ist dies ja sowieso schon der Fall.

Ja, es wäre eine gute Möglichkeit, eindringlich aufzuzeigen, wie die Welt eines Einzelnen durch die Verkettung unterschiedlicher - und beileibe nicht nur unglücklicher - Ereignisse mir nichts dir nichts aus den Fugen gehoben wird. Zwar nicht von Jetzt auf Gleich, aber doch in relativ kurzer Zeit.

Irgendwie passiert das aber nicht: die Verwinkelungen passen irgendwie nicht, sie sind so absurd un unlogisch, dass sie für mich nicht mehr passen, sie lassen die Figuren unglaubwürdig erscheinen.

Und das ist für mich in einem Roman, in dem exemplarisch Brüche aufgezeigt werden sollen (und das - so scheint es mir zumindest - war eines der Ziele) ein No-Go. Diese Verwicklungen, die zu einem zugegebenermaßen relativ runden Ende führen, sind nicht authentisch, sie sind extremst konstruiert und sehr weit hergeholt. Zudem jagt - gerade im Hinblick auf die Figuren Mona, Carina und Tom und deren Umfeld - ein Klischee das andere, was ich als ziemlich nervig empfand.

Vielleicht empfindet es nicht jeder so, denn der Roman ist durchaus angenehm geschrieben, Stil und Form passen, aber irgendwie wird aus meiner Sicht aus den vielversprechenden Ansätzen leider kein stimmiges Gesamtformat. Aber wie gesagt, das wird nicht jeder so sehen und ich möchte niemanden davon abbringen, sich selbst einen Einblick in dieses Berliner Stimmungsbild mit Veränderungen zu verschaffen!

Veröffentlicht am 17.06.2022

Einzelgängerinnen in einem sehr abgelegenen Land

Das ganze Leben da draußen
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Einzelgängerinnen in einem sehr abgelegenen Land, nämlich in Island, das sind Elín und ihre junge Lehrerin Alfa, deren Wege sich nicht nur in der Schule kreuzen. Aber ihre Leben sind nicht nur über Kreuz, ...

Einzelgängerinnen in einem sehr abgelegenen Land, nämlich in Island, das sind Elín und ihre junge Lehrerin Alfa, deren Wege sich nicht nur in der Schule kreuzen. Aber ihre Leben sind nicht nur über Kreuz, sondern auch jedes für sich von Belang, es sind Oasen, in denen Vergänglichkeit wie auch Beständigkeit wichtige Themen sind, ebenso wie Verlust und Ersatz. Und immer wieder Einsamkeit, Gemeinsamkeit und der eigene Weg.

Die junge Lehrerin Alfa hat gerade ihren Großvater Magnús, zu dem sie ein sehr enges Verhältnis hatte, verloren, genauer gesagt, hatte er sich selbst, nämlich durch Demenz verloren, bevor er ihr und dem Rest der Welt verloren ging.

Und Elín? Hat sie sich selbst überhaupt schon gefunden? Die Frage bei ihr und für sie ist, ob man tatsächlich dieselben Werte wie die anderen, die Altersgenossen, haben muss - Gleichaltrige sind doch nicht unbedingt Gleichgesinnte? Andererseits - wenn es ihnen zu unheimlich wird, dann stellen sie sich dagegen, machen Witze und verhöhnen den anderen.

Gibt es andere Wege, andere Lösungen, andere Menschen, die verständnisvoller sind? Diese Frage stellt sich sowohl Elín als auch Alfa, jeder auf die ihr eigene Art.

Ein Buch, das so ganz anders ist als der Erstling der Autorin Nina Sahm, nämlich "Das letzte Polaroid", ein Buch über Ungarn im politischen Aufruhr parallel zur Protagonistin im inneren Umbruch - ein Buch, das aufgrund seines Themas viel mehr im Fokus steht. Und nicht so abseits wie dieser Island-Roman. Dennoch gibt es Ähnlichkeiten und Parallelen: auch dies ein Buch, das Widersprüche weckt, überlegen lässt, wie man selbst in der ein oder anderen Situation handeln würde. Ein Buch über Freundschaft, Neid und Verrat, falsch verstandener Treue - das war es für mich. Und auf jeden Fall ein Roman mit interessanten und ungewöhnlichen Figuren, einer, der vielleicht nicht im Einzelnen im Gedächtnis bleibt, aber doch das ein oder andere zurücklässt. Mich hat er nicht so abtauchen lassen wie der erste Roman der Autorin, er erschien mir als Leserin um einiges sperriger und auch schwerer zu erschließen.

Dennoch ein ungewöhnliches Buch, das sich lohnen mag. Ich selbst habe aufgrund meiner Erfahrungen mit der Autorin zugegebenermaßen eine Steigerung erwartet und aus meiner Sicht eine Senkung meiner Erwartungen hinnehmen müssen, doch es muss nicht jedem so gehen. Es wird sicher Leser geben, die sich auf Alfa und Elín einlassen und mehr von der Lektüre haben werden als ich, wenn ich mich auch recht gut unterhalten fühlte.

Veröffentlicht am 17.06.2022

Gegen das Vergessen ankämpfen

Tage zwischen Ebbe und Flut
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Das tun in vielen Fällen nicht nur Alzheimerpatienten selbst, sondern fast noch häufiger ihr Umfeld. Die Familie, die Kinder, Enkel, vor allem jedoch der Ehepartner leidet am meisten - und oft ist es für ...

Das tun in vielen Fällen nicht nur Alzheimerpatienten selbst, sondern fast noch häufiger ihr Umfeld. Die Familie, die Kinder, Enkel, vor allem jedoch der Ehepartner leidet am meisten - und oft ist es für ihn am einfachsten, so zu tun, als wäre alles "so wie immer".

So auch Ellen, die Ehefrau von Felix und alles andere als eine Sympathieträgerin, die ihren Mann zu einem, ja zu seinem Traumurlaub, nämlich einer Kreuzfahrt, begleitet.

Tochter Judith, alleinstehend und um die 40, findet das gar nicht so klasse, ist sie doch schon immer ein Papakind gewesen. Außerdem will Ellen immer nur Golfen - auch diesmal fiel es schwer, etwas anderes durchzusetzen - und so findet sich bald die Familie - durch einen Zufall ist auch die 17jährige Nichte bzw. Enkelin Fabienne mit dabei - auf dem Schiff, wobei die drei Frauen vor allem schauen, dass ihnen jeweils die Felle nicht davonschwimmen.

Und Felix? Er ist ganz begeistert von seiner lang ersehnten Schiffsreise, immer öfter jedoch scheint es dem Leser, als würden seine Belange eigentlich gar keine Rolle spielen.

Die Damen haben vergessen, dass sie gegen das Vergessen angehen wollen/müssen - und haben doch auch selber so viele Bedürfnisse.

Autorin Carin Müller versteht es, ihre Geschichte mit Humor und einer gewissen Warmherzigkeit, die jedoch nicht jeden trifft, rüberzubringen, reiht auf der anderen Seite aber auch Klischee an Klischee: Judith, die alleinstehende Tochter, muss ein Geheimnis haben, ebenso wie die humorlose Mutter. Und der sympathische Kapitän Henri weckt definitiv Assoziationen zu den "Traumschiff"-Sendungen.

Darüber muss geschaut werden, dass das so wichtige Thema Demenz nicht ins Hintertreffen kommt! Ich halte es ingesamt für eine gute Idee, in dieses dunkle, so viele Menschen betreffende Thema ein wenig Leichtigkeit hineinzubringen, auch Späße: hat nicht zuletzt die mit Abstand witzigste und gelungenste Szene im ganzen Buch definitiv Felix' Erkrankung zum Grund und auch zum Thema.

Ein netter Roman, von dem man jedoch nicht zuviel erwarten sollte. Er beschönigt zwar nichts, stellt aber auch keinen Aspekt sonderlich heraus. Man sollte es bspw. als Urlaubslektüre zum Nachdenken oder als etwas Unterhaltsames für Zwischendurch nicht ganz ohne Anspruch lesen - dann kommt man sicher auf seine Kosten!

Veröffentlicht am 17.06.2022

Halbgott und Verhängnis gleichermaßen

Vater des Regens
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Das ist ihr Vater für Daley Armory, sie kann nicht mit ihm und nicht ohne ihn. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter - die beschließt nämlich, als Daley elf Jahre alt ist, ihren egozentrischen und selbstherrlichen ...

Das ist ihr Vater für Daley Armory, sie kann nicht mit ihm und nicht ohne ihn. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter - die beschließt nämlich, als Daley elf Jahre alt ist, ihren egozentrischen und selbstherrlichen Mann Gardiner zu verlassen - Gardiner, der auch lustig sein kann und aufmerksam, charmant und einschmeichelnd - solange alles nach seiner Facon geht. Bald schon werden die Wochenenden mit seiner neuen Familie - denn keine Minute hat er es allein ausgehalten - für Daley zur Qual, zumal er das für alle offensichtliche leugnet: er ist Alkoholiker.

Das Buch teilt sich auf in drei Teile, die drei verschiedene Phasen, unterschiedliche Altersstufen in Daleys Leben wiederspiegeln. Daley hat ihren Vater stets geliebt, aber hat er es zurückgegeben? Oder hat er am Ende nur sich selbst geliebt? Ein sehr komplexes Buch ist dies, in dem mit Sicherheit nicht nur gelegentlich Autorin Lily King aus ihrem eigenen Leben, ihren Erfahrungen spricht.

Dass sie schreiben kann, weiß der deutsche Literaturfreund seit "Euphoria", dem grandiosen Roman über eine ménage à trois unter Ethnologen, die sich grob an der Biographie Margaret Meads orientiert und mich begeistert hat - aber nicht so sehr wie dieses davor geschriebene, doch erst jetzt ins Deutsche übertragene, sehr persönliche Buch.

Es erzählt von Bindungen und von Druck, von eigenem wie auch fremd verursachten, von zuviel und von zuwenig Liebe - und es hinterlässt den Leser nicht selten verwirrt und irritiert. Wie kann Daley sich selbst so wenig lieben, dass sie den einen oder anderen Weg geht? Es wurde ihr doch ganz anders vorgemacht vom Vater, der sich selbst stets der Nächste war. Ein Mann, der Daley und ihrem älteren Bruder viel mitgegeben und noch mehr genommen hat.

Ein Mann, über den Daley - denn aus ihrer Perspektive ist der Roman geschrieben - nie anders als mit Liebe spricht, auch in den Momenten, in denen es ihr unendlich schwer fällt. Nein, dies ist keine Rechtfertigung, auch keine Begründung, am ehesten ist es eine Widmung. So war es und Daley ist - fast - durchs Fegefeuer gegangen. Ich persönlich kann sie verstehen und erkenne viele Parallelen in der eigenen Biographie, in der seitens des Vaters lange nicht so viel Schmerz, so viel Druck, so viel Selbstgerechtigkeit aufgebaut wurde. Aber dennoch - dieses Bedingungslose, das manchmal bei der Tochter durchblitzt, das kenne ich auch und es ist auch mir kostbar.

Lily King hat ein kluges und ehrliches Buch geschrieben, in dem sie vieles offenbart und preisgibt - in Familien ticken die Uhren eben anders, man kann nicht alles logisch begründen. Einfach großartig, wie ich finde. Ich wünsche diesem Buch viele Leser!