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Veröffentlicht am 17.09.2021

"Auch die Guten werden ermordet"

Gotteszahl
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Das sagt Kriminalkommissar Yngvar Stubo zu seiner Frau Inger Johanne, als beide spät am Heiligabend von dem Mord an der sympathischen Bischöfin Eva Karin Lysgaard erfahren. Doch was verbindet die gütige ...

Das sagt Kriminalkommissar Yngvar Stubo zu seiner Frau Inger Johanne, als beide spät am Heiligabend von dem Mord an der sympathischen Bischöfin Eva Karin Lysgaard erfahren. Doch was verbindet die gütige Bischöfin, die sich sowohl für Homosexuelle als auch gegen den Schwangerschaftsabbruch einsetzt, den Strichjungen und den drogensüchtigen "Penner, beide am unteren Ende der sozialen Hierarchie stehend, den egozentrischen Künstler und die gutaussehende Australienreisende? Sie alle werden ermordet, möglicherweise von ein und demselben Täter. Wer sind hier die "Guten", wer hat hier Deck am Stecken und wie, um Himmels willen, fügen sich all die Lebensläufe, die uns von der Autorin vorgesetzt werden, zusammen?

Anne Holt legt mit "Gotteszahl" den vierten Krimi mit Ermittler Yngvar Stubo vor. Er ist nicht nur im Hinblick auf die Spannung, sondern auch auf die sprachliche und stilistische Gestaltung ein wahrer Lesegenuss. Die Autorin ist eine Meisterin der Übergänge: Humorvoll die Überleitung von der schaurigen Beschreibung der Bergung einer aufgedunsenen Wasserleiche zum Weihnachtsessen bei Kommissar Stubo und seiner Familie: vom Gruselfisch, der aus dem Auge der Leiche in den Mund des schockierten Augenzeugen fällt, leitet die Autorin nahtlos über zum Kabeljau-Augen essenden Kommissar und dem familiären Geplänkel am festlich gedeckten Tisch. An anderer Stelle werden Gedanken über das Nicht-Wissen, die ein Kapitel abschliessen, zu Beginn des nachfolgenden wieder aufgenommen. Die doch sehr vielschichtigen und weitläufigen Handlungsstränge werden so ineinander übergeleitet und der Leser hat angesichts der spannenden Handlung kaum eine Chance, den Faden zu verlieren.

Yngvar Stubo und seine Frau Inger Johanne, von Yngvars Kollegen als "the reluctant detective", die widerwillige, zögernde Ermittlerin bezeichnet, sind eine originelle und warmherzige Bereicherung der ermittelnden Teams der Krimi-Szene. Ihr Leben als Patchwork-Familie mit den beiden Töchtern Kristiane und Ragnhild, Kristianes Vater Isak, den Eltern/Schwiegereltern und Yngvars Enkel, wird immer wieder aufgegriffen und in die Handlung eingefügt und hat sich so als fester Bestandteil dieser Krimireihe etabliert. Diesmal spielt Kristiane im aktuellen Kriminalfall sogar eine entscheidende Rolle.

Anne Holt schreibt für ihre Fangemeinde - als langjähriger Leserin und Kennerin ihres Gesamtwerks fällt es mir schwer zu sagen, ob es ebenso leicht fällt, der Handlung zu folgen, wenn man vorher keines ihrer Werke gelesen hat, doch die vielen Bezüge auf frühere Werke legen die Empfehlung nahe, sich zunächst einmal mit den vorhergehenden Bänden der Stubo-Reihe auseinanderzusetzen.

Keine Sorge, es lohnt sich auf jeden Fall! Wen die teilweise doch etwas düstere, eben nordische Atmospäre bei Anne Holt, die doch immer wieder von humorvollen Elementen - sei es in Form von skurrilen Figuren, sei es durch das Einfügen einer heiteren Episode - durchsetzt wird, nicht schreckt, der könnte rasch zum Anne-Holt-Fan werden und in Zukunft wie ich jedem neuen Krimi dieser Autorin entgegenfiebern!

Veröffentlicht am 17.09.2021

Ein gestörtes Hinn... oder vielmehr eine gestörte Nation...

Das Einstein-Mädchen
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Von tochteralice
Einsteins Mädchen wird in Caputh in der Nähe der Einsteinschen Sommerresidenz aufgefunden - im Herbst 1932, also quasi am Vorabend der Machtergreifung Hitlers. Sie ist bewusstlos und ...

Von tochteralice
Einsteins Mädchen wird in Caputh in der Nähe der Einsteinschen Sommerresidenz aufgefunden - im Herbst 1932, also quasi am Vorabend der Machtergreifung Hitlers. Sie ist bewusstlos und bleibt nach dem Erwachen ohne Erinnerung - alles, was sie bei sich hat, ist ein Faltblatt mit der Ankündigung einer Vorlesung von Einstein - so hat sie ihren Spitznamen weg. Der zuständige Arzt an der Charité, wohin die Patientin eingewiesen wird, Dr. Martin Kirsch, ist fasziniert von der Schönheit der Patientin und von ihrem geheimnisvollen Fall und verstrickt sich immer tiefer hinein. Kirsch trägt selbst an schweren Lasten: am Verlust seines Bruders im 1. Weltkrieg sowie an einer kaum heilbaren Krankheit, an der er sich in ebendiesem Krieg angesteckt hat. Zudem hadert er mit seiner Zukunft: sowohl der privaten als auch der beruflichen.

Spannend? Könnte es sein, doch der gewisse "Klick" fehlt. Mir als Leserin erscheinen die Figuren seltsam konturlos, der Geschichte fehlt aus meiner Sicht der rote Faden. Ich habe mich zwar nicht gerade durch das Buch gequält, doch von einem Lesegenuss war es ebenso weit entfernt. Für Thrillerfreunde ist es schon gar nicht geeignet: ausser der Spannung fehlen auch die entsprechenden Effekte. Wissenschafts-Fans und Leser, die Romane über die Nazi-Zeit mögen, sind eher der Zielgruppe zuzuordnen, zumal der Wahnsinn in den Anfängen des Dritten Reiches, der Weg zur gestörten Nation, durchaus herausgearbeitet ist: Für mich eine der wenigen Stärken des Buches!

Veröffentlicht am 17.09.2021

Emotionen und Mord in der lichten Leichtigkeit des Mittsommers

Tödlicher Mittsommer
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Die Jugendfreunde Thomas, der ermittelnde Stockholmer Kommissar und Nora, Bankerin, Familienmutter und auf der Schäreninsel, die zur Kulisse des mörderischen Plots wird, bilden den personellen Rahmen ...


Die Jugendfreunde Thomas, der ermittelnde Stockholmer Kommissar und Nora, Bankerin, Familienmutter und auf der Schäreninsel, die zur Kulisse des mörderischen Plots wird, bilden den personellen Rahmen in diesem Krimi . Beide haben ihr Päckchen zu tragen: Thomas die durch den Tod seiner kleinen Tochter bedingte Auflösung seiner Familie, Nora den Alltag als Karrierefrau und Mutter, wobei ihr nicht selten ihr Gatte, der fesche Diplomatensohn Henrik, im Weg steht. Der lässt sie gern allein: um mit seinen Kumpels zu segeln und das Glas zu heben - doch auch ihre beruflichen Träume soll Nora sich aus seiner Sicht zugunsten der Familie komplett abschminken. Beide Protagonisten sind auf den Schäreninseln vor Stockholm aufgewachsen und stehen somit am oberen Ende der sozialen Hackordnung.

Ganz anders die Opfer: Kicki, eine frustrierte Fünfzigerin, die eher dem unteren sozialen Spektrum zuzuordnen ist, ist offen frustriert. Sie ist alleinstehend, lässt sich seit Jahren in ihrem Job als Croupiere ausbeuten und hat wenig Bezugspersonen: eine der ihr nahestehendsten war bisher ihr Cousin Krister, eine ebenso gestrandete, vom Leben vernachlässigte Persönlichkeit wie sie selbst. Während Kickis dreimonatigem Arbeitsaufenthalt in Griechenland wurde seine Leiche aufgefunden: er liegt im Wasser am Ufer der Schäreninsel. Nun versucht Kicki, eine Geldquelle, die ihnen beiden offenstand, alleine anzuzapfen - ein gefährliches Unterfangen, das auch ihr den Tod bringt. Die Stockholmer Polizei deckt diverse Verbindungen zu Inselbewohnern auf: hier gibt es einen weiteren Todesfall sowie eine Verletzung. Der Leser tappt lange im Dunkel, die Auflösung trifft ihn durchaus überraschend.

Der Krimi spielt zwar in der lichten Leichtigkeit schwedischer Mittsommernächte und lässt so Ferienstimmung aufkommen. Allerdings schimmert auch die Düsternis durch - so stehen Thomas und Nora keineswegs nur auf der Sonnenseite des Lebens, sondern haben durchaus Grund, mit ihrem Schicksal zu hadern. Dies ist auch bei anderen Romanfiguren der Fall, auch geht die Autorin ausführlich auf die Vertreter sozial schwacher Schichten ein, hier sind es vor allem Opfer. Ein wenig zu klischeehaft sind die Schilderungen der Autorin, ein bisschen noch fehlt der eigene Stempel, doch ist der Krimi trotzdem ein Lesegenuss, der Fans von Leena Lehtolainen und Helene Tursten begeistern wird. Die Charaktere sind einfühlsam, doch nicht zu detailliert geschildert und auch an Spannung mangelt es nicht. Ich verspreche mir auch von möglichen Folgebänden ausführlichen schwedischen Krimigenuss, langfristig möglicherweise sogar eine neue Lieblingsautorin.

Veröffentlicht am 17.09.2021

Anfang und Ende in Hongkong

Leopard
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Doch was liegt dazwischen? Eine spannungsreiche, mit vielen Nuancen durchsetzte Jagd nach einem Serienkiller, die keinen Freund härterer skandinavischer Kriminalliteratur kalt lässt.

Harry Hole, der sich ...

Doch was liegt dazwischen? Eine spannungsreiche, mit vielen Nuancen durchsetzte Jagd nach einem Serienkiller, die keinen Freund härterer skandinavischer Kriminalliteratur kalt lässt.

Harry Hole, der sich nach dem aufwühlenden Schneemann-Fall aus dem Ermittler-Geschäft zurückgezogen hat und in Hongkong mehr oder weniger dahinvegetiert und von den dortigen Triaden gejagt wird, wird zurück nach Norwegen katapultiert, um einen brutalen Serienmörder zu fassen, der scheinbar sinnlos und ohne Zusammenhang Menschen umbringt.

Daheim erwartet ihn auch nichts Angenehmes: sein sterbender Vater, Kollegen, die überhaupt nicht auf ihn gewartet haben und die Lösung des Falls für sich verbuchen wollen, vielfältige emotionale Verwicklungen und Verwirrungen der komplizierten Art und natürlich die Erinnerungen, vor denen er fliehen wollte.

Nesbo kredenzt uns reihenweise verkrachte Existenzen, die - jeder auf seine Art - in die brutalen Serienmorde verwickelt sind. Diese werden meist mit Hilfe eines Leopoldsapfels, der das Opfer an seinem eigenen Blut ersticken lässt, durchgeführt und sind nichts für zartbesaitete Leser. Die Spur führt zu einer Skihütte in einsamer Landschaft, doch wie sind die Zusammenhänge?

Die unerwarteten Wendungen und (Ver)Wirrungen erinnern gelegentlich an die Lincoln-Rhyme-Serie von Jeffery Deaver, doch ein maßgeblicher Unterschied liegt in der tiefen inneren Zerissenheit der Hauptperson, des Ermittlers Harry Hole. Man könnte es fast als das Skandinavische an diesem Thriller bezeichnen - Hole wird immer wieder als Loser präsentiert: So zu Beginn des Romans in Hongkong, wo er finanziell und seelisch am Ende ist, doch auch im Rahmen der Mörderjagd: bei Fehlverhaftungen, falschen Verdächtigungen etc. und nicht zuletzt in der emotionalen Auseinandersetzung mit seinen Nächsten: als Partner und Sohn. Doch er verliert nie die Sympathie des Lesers.

"Leopard" ist ein packender, spannend und anspruchsvoll geschriebener Thriller auf höchstem Niveau, der sehr zu empfehlen ist. Ein wenig gestört hat mich der machohafte Ansatz: stets sind es Frauen, die Männern hörig sind, immer sind es Männer, die mit Liebe und Zuneigung spielen. Doch das ist eine Kleinigkeit, die das Lesevergnügen, wenn überhaupt, dann nur kurzfristig schmälert.

Veröffentlicht am 17.09.2021

Ein Mann gibt sich preis

Wo fahren wir hin, Papa?
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Jean-Louis Fournier legt in seinem Buch "Wo fahren wir hin, Papa" mit schonungsloser Offenheit sich selbst und anderen gegenüber seine Gefühle und Empfindungen seinen beiden körperlich und geistig schwerstbehinderten ...

Jean-Louis Fournier legt in seinem Buch "Wo fahren wir hin, Papa" mit schonungsloser Offenheit sich selbst und anderen gegenüber seine Gefühle und Empfindungen seinen beiden körperlich und geistig schwerstbehinderten Söhnen gegenüber dar. Dies ist ein freudloses Buch: der Autor hadert mit dem Schicksal seiner Söhne und auch mit seinem eigenen. Fournier schildert auch heitere Szenen, in denen er über und – aus seiner Sicht zu selten – mit seinen Söhnen lachen kann: bspw. als einer der Jungen einen Pullover anziehen möchte und versucht, den Kopf durch ein Loch zu stecken: nicht jedoch das dafür vorgesehene, sondern eine kaputte Stelle. Trotzdem ist es eine traurige Geschichte: auch wenn der Vater die Heiterkeit nicht aus seinem Leben verdrängen will, wirkt diese auf andere oft zynisch und macht ihn einsam. In Gedanken und Träumen konstruiert sich Fournier gelegentlich ein anderes Leben mit gesunden Söhnen – das machen sicher viele, die in einer ähnlichen Situation sind, doch die wenigsten sprechen es offen aus.

Dies ist ein sehr individuelles, subjektives und mutiges Buch, das aufgrund seiner Ungeschminktheit sicher nicht unumstritten sein wird. Der Autor achtet nicht auf politische bzw. soziale Korrektheit, sondern schreibt frei von der Leber weg - der Leser sollte dies als Geschenk betrachten - egal, ob als willkommenes oder unwillkommenes! So klar und offen äußert sich zu diesem Thema kaum jemand.

Mich hat dieses Werk sehr beeindruckt: der Autor findet ehrliche und knappe Worte, um sein Anliegen auszudrücken und schont damit niemanden: weder seine Kinder, noch die Umwelt und am wenigsten sich selbst. Das Buch wird verletzen, es wird anrühren, es wird abstoßen und auch betroffen machen: nur eines wird es nicht: den Leser gleichgültig und unbeteiligt lassen.