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Veröffentlicht am 14.09.2021

Vietnamesische Tragödie

Der Gesang der Berge
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Man könnte ihn auch als "Eine vietnamesische Tragödie" bezeichnen: den Vietnamkrieg, in dem Brüder gegeneinander antraten in einem Krieg, der (fast) niemandem Gutes brachte. Denn das vietnamesische ...

Man könnte ihn auch als "Eine vietnamesische Tragödie" bezeichnen: den Vietnamkrieg, in dem Brüder gegeneinander antraten in einem Krieg, der (fast) niemandem Gutes brachte. Denn das vietnamesische Volk hat auch andere Tragödien wie die Herrschaft der Franzosen über sich ergehen lassen müssen. In diesem Buch jedoch beschreibt die Autorin Nguyễn Phan Quế Mai konkret den Krieg zwischen Nord und Süd - in Romanform, doch steckt so einiges von Erlebnissen der eigenen Familie darin.

Erzählt wird zunächst aus der Sicht der jungen Thong, die während des Krieges und auch danach bei ihrer Großmutter Dieu Lan lebt, der eigentlichen Heldin, denn diese erzählt der Enkelin ihre Geschichte bzw. die der ganzen Familie - eine Welt, in der die tragischen Ereignisse quasi einander jagen.

Es ist eine Familie, die zunächst im Wohlstand lebt in einem kleinen Ort in der Mitte des langgestreckten Staates Vietnam - in oder nahe dem Bereich, der heute als "entmilitarisierte Zone" bezeichnet wird, also den Kriegsschauplätzen. Der Krieg erreicht Thongs Großmutter jedoch in Hanoi, wohin sie geflohen ist, als sie von ihrem eigenen Land vertrieben wurde. Von den ehemaligen Nachbarn und Arbeitern, mit denen sie jahrzehntelang einträchtig nebeneinander gelebt hatten - bis die Enteignungen durch das neue Regime stattfanden.

Es folgt eine Ära der Verlorenheit, der Verlust, der Verstreuung der Familie über ganz Vietnam. Es ist eine Darstellung des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht.

Noch mehr jedoch ist dieser Roman ein Sinnbild der Kraft, vor allem der Kraft der Frauen, die selbst in der größten Verzweiflung ihre Zuversicht zu erhalten und vor allem weiterzugeben versuchen und dadurch Unglaubliches bewirken: Nämlich das Schaffen eines neuen Heimes für die Familie und eines Zusammenhalts derer, die übrig geblieben sind.

Ein Roman, an dessen Stil ich mich erst gewöhnen musste, der mich jedoch bis tief ins Innerste traf - vor allem, da mir die Schauplätze und in Teilen auch deren Geschichte bekannt ist und so während der Lektüre ständig ein innerer Film ablief.

Ein ergreifendes Buch über das Unfaßbare, es wird hier nicht fassbar gemacht, das ist auch meiner Sicht nicht möglich, aber der Leser erhält die Gelegenheit, der Geschichte zu folgen. Einer sehr persönlichen Geschichte, die sich so, ähnlich, oder auch ganz anders, aber mit Sicherheit nicht minder tragisch in unzähligen Familien ereignet hat!

Veröffentlicht am 12.09.2021

Ziemlich träge - und sehr griechisch!

Zikadensommer
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Mira, eigentlich in den USA aufgewachsen und sozialisiert, kehrt nach dem Tod ihrer Eltern zurück in deren Heimat, wo sie während ihrer Kindheit viel Zeit verbracht hat und wo ihr Liebster und einige enge ...

Mira, eigentlich in den USA aufgewachsen und sozialisiert, kehrt nach dem Tod ihrer Eltern zurück in deren Heimat, wo sie während ihrer Kindheit viel Zeit verbracht hat und wo ihr Liebster und einige enge Freunde auf sie warten. Wirklich? Mira muss erleben, dass vieles anders ist als erwartet, anderens sich jedoch offenbar nie ändern wird.

Und wenn Sie sich wundern, wie das zusammenpasst, lassen Sie sich versichern, dass das in Griechenland kein Problem ist.

Dies ist ein wirklich träger Roman, man könnte ihn auch als statisch oder bequem bezeichnen: die Figuren, obwohl meist in der Megacity Athen, wenn nicht gleich weltweit unterwegs, kennen sich alle untereinander und treffen sich ständig durch Zufall. Die Protagonistin kommt ja eigentlich aus den USA, aber auch sie hat ständig irgendwelche zufälligen Treffen bzw. Beobachtungen von Freunden und Bekannten.

Ein bisschen dreht sich hier alles im Kreis, man könnte auch sagen, es liegt dort. Denn die Griechen erwischt man oft in der Horizontale. Und das beileibe nicht deswegen, weil sie dem so bezeichneten Gewerbe nachgehen. Nein, irgendwie erfordert das Griechischsein eine Menge Abschalten und das tut nicht nur der klassische Grieche am liebsten längs ausgestreckt. Allen voran in den überlangen Mittagspausen, aber auch am Strand und in den eigenen Gärten. Auch im übertragenen Sinne liegt Griechenland oft still, ich habe noch nie einen Staat erlebt, in dem so viele Pausen gemacht werden.

Und das wird in diesem Roman sehr deutlich, wenn das wohl auch nicht in der Absicht der Autorin lag. Aber sie trifft den Zeitgeist - wobei auch die Zeit in Griechenland scheinbar oft stillsteht. Für Leser, die die griechische Mentalität nicht so verinnerlicht haben, ist das verständlicherweise schwer nachzuvollziehen. Aber wenn man erfahren will, wie die Griechen so ticken und ein bisschen Geduld hat, dann ist dieser Roman genau das Richtige!

Veröffentlicht am 09.09.2021

Afrikanisches Familienepos

Der Ort, an dem die Reise endet
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Ein afrikanisches Buddenbrooks? Oder gemahnt es doch eher an "Korrekturen", den (fast) zeitgenössischen großen Roman von Jonathan Franzen? Nichts von beidem, finde ich: es ist eine weitere eindringliche ...

Ein afrikanisches Buddenbrooks? Oder gemahnt es doch eher an "Korrekturen", den (fast) zeitgenössischen großen Roman von Jonathan Franzen? Nichts von beidem, finde ich: es ist eine weitere eindringliche Familiengeschichte, eine sehr spezielle. Eine aus einer absolut fremden, fernen Welt, eine, die mich zunächst neugierig werden ließ. Doch aufgrund des fahrigen, nicht stringenten Erzählstils war für mich der Zauber rasch verflogen, als mühselig empfand ich es, mir diese Geschichte von einem fernen Kontinent, einem mir gänzlich unbekannten Land, zu erarbeiten, mich auf die Charaktere und ihre Schicksale einzulassen.

Die Geschichte, in deren Mittelpunkt zwei Generationen und zwei Familien, nein: eigentlich eine Familie in der Hauptrolle, eine in der Nebenrolle und eine Freundschaft, die aber auch beide Familien über beide Generationen berührt, stehen, ist sehr fahrig und - man möge es mir verzeihen - aus meiner Sicht wirr erzählt, immer wieder wird die Zeit und das Setting gewechselt. Und es kommen - eigentlich überaus interessant und spannend - eine Menge kenianische Persönlichkeiten (und auch solche aus den Nachbarstaaten) vor. Eigentlich mag ich so etwas, im vorliegenden Kontext empfand ich es einfach nur als verwirrend. Es ist eine tragische Geschichte, in die ich mich aber nicht so einfinden konnte, dass sie mich tiefer berührt, in mir das Interesse an weiteren Nachforschungen zu Kenia geweckt hat.

Der Stil ist anspruchsvoll, eindringlich, dabei nicht unanstrengend, nicht zuletzt aufgrund der vielen fremdartigen Namen von Personen und Ortschaften, die eine Rolle spielen oder auch nur erwähnt werden, denn auch das passiert ständig. Wobei diejenigen, die sich darauf einlassen, durchaus Unterstützung erfahren, nämlich in Form eines ausführlichen Glossars am Ende des Buches.

Die Autorin Yvonne Adhiambo Owuor ist sicher eine gewaltige Stimme ihres Landes, aber leider eine, die mich nicht so ganz erreichen konnte!

Veröffentlicht am 09.09.2021

Martha und ihre eigenwillige Familie

Die Hafenschwester (3)
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Martha arbeitet nicht mehr am Hafen, sondern schon lange in der Klinik und hat dort ihren Weg gemacht - nach dem Ersten Weltkrieg, in dem nicht nur ihr Mann schwerste Verletzungen erlitt, muss sich die ...

Martha arbeitet nicht mehr am Hafen, sondern schon lange in der Klinik und hat dort ihren Weg gemacht - nach dem Ersten Weltkrieg, in dem nicht nur ihr Mann schwerste Verletzungen erlitt, muss sich die Familie neu orientierten. Die Söhne Rudi und Fredi und Nesthäkchen Ella haben schon früh genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft. Doch nicht immer läuft alles wie am Schnürchen, vor allem Rudi, der schon früh zum Charmeur und Lebemann wird, bringt seine Familie desöfteren in Schwierigkeiten.

Doch im Kreise der Lieben, zu denen immer noch Bruder Heinrich und nun auch schon lange Ehemann Paul, der als Ingenieur immer noch am Hafen tätig ist, gehören, lässt sich alles ertragen.

Zumindest bis - was keiner der strammen Sozis gedacht hätte - Hitler und sein liederliches Pack an die Macht kommt und gleich damit beginnt, den Menschen das Leben schwer zu machen - und zwar nicht nur in Deutschland.

Ich liebe Romane, in denen die Sozialgeschichte eine wichtige Rolle spielt, vor allem solche, in denen das Schicksal der Frauen einen großen Anteil an der Handlung hat, wie es hier der Fall ist.

Autorin Melanie Mezenthin schaffte es einmal mehr mit ihrem spannenden Stil und ihren klugen Recherchen mühelos, mich bis zum Ende am Ball zu halten! Und das, obwohl der dritte - und leider letzte - Band der Reihe über siebenhundert Seiten aufweist.

Mezenthin kennt sich aus - sowohl in ihrer Heimatstadt Hamburg als auch in der Sozialgeschichte Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und sie versteht es, diese unglaublich fesselnd zu verpacken - mir hat die Lektüre sehr viel Freude bereitet und zudem erlebte ich sie als ausgesprochen bereichernd. Nur an einigen Stellen wurden aus meiner Sicht relevante Handlungsstränge leider nicht weiterverfolgt, aber das hätte den Rahmen sicher gesprengt.

Ein ausgesprochen fesselnder und dabei ungewöhnlicher historischer Roman, der etwas für anspruchsvolle Histo-Fans mit ein bisschen Zeit ist. Von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 06.09.2021

Ein Ort ohne Seele

Der Sucher
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Oder mit einer sehr kleingehaltenen Seele, einer in dem die Menschen - auch wenn sie einander lange kennen - mit Mißtrauen begegnen. Wärme ist Mangelware, danach muss man lange suchen in diesem ...

Oder mit einer sehr kleingehaltenen Seele, einer in dem die Menschen - auch wenn sie einander lange kennen - mit Mißtrauen begegnen. Wärme ist Mangelware, danach muss man lange suchen in diesem kleinen irischen Dorf irgendwo zwischen Dublin und Sligo, in das sich der Amerikaner Cal, ehemals Ermittler in Chicago, seit einigen Monaten zurückgezogen hat.

So richtig warmherzig begegnet ihm hier eigentlich niemand. Wer öfter kommt, der will etwas von ihm - und nicht gerade wenig. Er wird immer wieder von einem Kind namens Trey besucht - oder auch heimgesucht, beides könnte passen. Als sie einander näher kommen, macht Trey ihm sein Anliegen klar: Cal soll herausfinden, was mit seinem großen Bruder passiert ist, der seit einigen Monaten abgängig ist.

Es ist nicht unbedingt so, dass Cal diesbezüglich mit dem Entgegenkommen seiner Mitmenschen rechnen kann, im Gegenteil: eigentlich interessiert Brendan alle außer Trey einen feuchten Dreck - sogar seine eigene Mutter. Scheinbar jedenfalls.

Und es scheint, als hätte jeder im Dorf etwas zu verbergen...

Langsam entwickelt sich die Handlung voran, quasi in Minischritten - und genauso ist es auch mit der Spannung. Tana French beweist einmal mehr, dass sie eine Meisterin des Atmosphärischen ist, das hier jedoch auf Kosten von Spannung eingesetzt wird.

Ich lese die irische Autorin ausgesprochen gern und hatte mich sehr auf das neueste Werk gefreut. Aber es hat mich doch ziemlich enttäuscht, muss ich sagen, ich empfand den hauptsächlichen Handlungsstrang als ziemlich dünn.

Schade drum, aber so richtig aus vollem Herzen kann ich diesen Roman nicht empfehlen. Fans von Tana French werden enttäuscht sein und neue wird sie damit eher weniger gewinnen - so zumindest meine Meinung.