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Veröffentlicht am 17.06.2025

Jahrelang daran vorbeigegangen

Einfach Literatur
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Das Buch "Einfach Literatur" von Klaus Willbrand und Daria Razumovich handelt im Wesentlichen von (oft alten oder zumindest älteren) Büchern, wobei das eine sehr vereinfachte Beschreibung des Inhalts ist. ...

Das Buch "Einfach Literatur" von Klaus Willbrand und Daria Razumovich handelt im Wesentlichen von (oft alten oder zumindest älteren) Büchern, wobei das eine sehr vereinfachte Beschreibung des Inhalts ist. Wesentlich zutreffender ist, dass es sich hier um die Darstellung eines Lebens mit und für Bücher handelt. Denn Klaus Willbrand, den ich jahrelang jede Woche hinter Glas sah, konnte nicht ohne sie leben und so wählte er in unterschiedlichen Lebensphasen verschiedene Arten des Zusammenseins mit Büchern.

Vertraut war er mir durch den allwöchentlichen Blick in sein Antiquariat - Woche für Woche eilte ich daran vorbei auf meinem Weg ins Qi Gong-Studio, das sich wenige Häuser weiter befindet. Dabei sah ich stets einen Menschen in einer anderen Welt - eigentlich blickte er immer in ein Buch.

Anfang dieses Jahres war es dann ein trauriger Anblick ohne den Chef, ein Blick in ein mit Kerzen, Blumen und Beileidsbekundungen geschmücktes Fenster. Ein Leben mit Büchern hatte ein Ende gefunden und es gab viele Menschen, die hier, am letzten Lebensmittelpunkt von Klaus Willbrand, Abschied nehmen wollten.

Im vorliegenden Buch wird die Geschichte seines Lebens mit Büchern und seine Sicht auf selbige beschrieben und das ist aus meiner Sicht spannender als jeder Roman. Das Buch enthält auch manche Liste mit Büchern aus verschiedenen Kulturkreisen oder auch Listen mit Büchern bestimmter Autoren. Dass diese dort ganz kommentarlos in den Text eingebaut sind, finde ich schade. Ein ganz kleiner Makel an einem größtenteils bezaubernden Buch, das Daria Razumovich, im letzten Lebensjahr Willbrands seine Partnerin in seinem Buchblog - mehr dazu im Buch - mit ihm gemeinsam verfasste und nach seinem Tod fertig stellte.

Veröffentlicht am 17.06.2025

Von der Insel Föhr nach New York

Das Licht in den Wellen
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In die (ganz) große weite Welt zieht es die junge Inge, die bisher noch nichts außer ihrer Heimatinsel Föhr kennt, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir Leser begegnen ihr erstmals (fast) in der Gegenwart, ...

In die (ganz) große weite Welt zieht es die junge Inge, die bisher noch nichts außer ihrer Heimatinsel Föhr kennt, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir Leser begegnen ihr erstmals (fast) in der Gegenwart, nämlich 2022, als sie sich kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag mit ihrer Urenkelin auf eine große Schiffsreise begibt. Doch der Roman besteht hauptsächlich aus Rückblenden in den Alltag von Inge und ihrer Familie zu verschiedenen Zeiten.

Für mich war es besonders interessant zu erfahren, dass es eine recht große Community von asgewanderten Föhrern und deren Nachkommen in "the City that never sleeps" gibt, die sich untereinander in der inseleigenen Sprache Fering unterhalten.

Ein warmherziger und unterhaltsamer Roman, in dem der historische Aspekt etwas vereinfacht und deutlich zu positiv dargestellt wird. Es hat mich jedoch überraschenderweise nicht gestört, dass sich diese in teilweise sehr schwierigen Zeiten und Situationen angesiedelte Handlung zu einem ausgesprochenen Wohlfühlroman entwickelt. Warum sollten es die Held*innen solcher Werke eigentlich immer nur schwer haben? Inge fällt jedenfalls immer auf die Füße und wenn man genau liest und auf Zwischentöne achtet, leidet sie nicht gerade wenig im Laufe ihres langen Lebens.

Ich habe durch diesen Roman jedenfalls Blut geleckt und hoffe, bald auf Reisen zu gehen. Doch nicht nach New York zieht es mich - nein, dort war ich schon: es ist die kleine Insel Föhr die mich nach dieser Lektüre lockt!


Veröffentlicht am 17.06.2025

Alt und krank

Strandgut
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So fühlt sich der 70jährige Bucky aus Chicago schon länger und insbesondere, seit seine Frau vor einem Jahr für immer verschwand. Nein, durchgebrannt ist sie nicht, sondern gestorben und seitdem mag Bucky ...

So fühlt sich der 70jährige Bucky aus Chicago schon länger und insbesondere, seit seine Frau vor einem Jahr für immer verschwand. Nein, durchgebrannt ist sie nicht, sondern gestorben und seitdem mag Bucky auch nicht mehr dem Leben trotzen, zumal er nur noch durch Tabletten überlebt. Wenn er sich selbst mal so richtig fest in die Augen schaut, muss er gestehen, dass er gar nicht sooo krank ist. Nein, er ist süchtig und das wird immer schlimmer.

Jetzt fliegt er aber erstmal nach Yorkshire, England und zwar auf Kosten eines Veranstalters. Irgendwann, in grauer Vorzeit, hat Bucky nämlich ein paar - mehr sind es tatsächlich nicht, sie sind an einer Hand abzählbar - geschrieben und auch performed, es gibt auch Aufnahmen. In den Vereinigten Staaten kräht kein Hahn danach - aber in England gibt es ein paar Leute, die Fans von ihm sind und ihn extra für einen Auftritt rüberfliegen lassen.

Bucky war noch nie außerhalb der USA, hat noch nie das Meer gesehen und sonst auch nicht sonderlich viel - wir Leser;innen begleiten ihn auf seiner ersten Tour - wird es auch die letzte sein? Vergnüglich zu lesen ist der Roman, wenn auch ein wenig flach - keineswegs kann er mithalten mit den Vorgängern des Autors Benjamin Myers "Offene See" und "Der perfekte Kreis", die für mich wahrhaftige Offenbarungen waren. Da Myers meiner Meinung nach schreiben kann und niemals richtig schlecht ist, hat sich aber auch diese Lektüre gelohnt!

Veröffentlicht am 12.06.2025

(K)eine Modenschau in der Provence?

Provenzalisches Licht
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Cyril Fontanel ist ein bekannter Modeschöpfer, aber das reicht ihm nicht: er möchte unvergesslich werden! Nicht allein deswegen plant er eine Modenschau der ganz besonderen Art und will auch nicht davon ...

Cyril Fontanel ist ein bekannter Modeschöpfer, aber das reicht ihm nicht: er möchte unvergesslich werden! Nicht allein deswegen plant er eine Modenschau der ganz besonderen Art und will auch nicht davon lassen, als Morddrohungen gegen ihn laut werden - sehr zum Mißfallen von Ermittler Pierre Durant und einiger seiner Kollegen. Leider nicht seiner Vorgesetzten, die auf die Durchführung mit besonderer Sicherung besteht.

Ein warmherziger, wenn auch ziemlich umständlicher Krimi, den man nur lesen sollte, wenn man nicht gerade auf Diät ist. Darin werden nämlich die köstlichsten Speisen nicht nur erwähnt, sondern auch im Detail beschrieben und beanspruchen mindestens so viel Platz wie der eigentliche Kriminalfall, in dem auch in der Vergangenheit "gestochert" werden muss. Gerade dieser kulinarische Aspekt sagt mir so zu, dass ich am liebsten meinen Arbeitsplatz selbst dorthin verlegen würde, um opulente Mittagspausen zu genießen - am liebsten natürlich in Gesellschaft von Pierre Durant!

Auch wenn er für meinen Geschmack gern um ein Drittel kürzer sein dürfte, lohnt sich die Lektüre dieses Krimis unbedingt und insbesondere bei düsterem Regenwetter, denn wenn man sich dort hinein vertieft, bekommt man davon gar nichts mehr mit!

Veröffentlicht am 11.06.2025

Was zählt, ist die Vergangenheit

Mittsommer
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Ein neues Ressort im Süden von England: insbesondere wegen seiner direkten Lage am Meer und der sensationellen Aussicht ist es besonders faszinierend. Und besonders elitär: das bekommen vor allem die Dorfbewohner ...

Ein neues Ressort im Süden von England: insbesondere wegen seiner direkten Lage am Meer und der sensationellen Aussicht ist es besonders faszinierend. Und besonders elitär: das bekommen vor allem die Dorfbewohner zu spüren, die bisher selbst einen direkten Zugang zum Meer hatten. Der ihnen jetzt verwehrt bleibt, außer, sie sind als Angestellte im Ressort beschäftigt und das trifft auf die meisten zu. Wobei sie behandelt werden wie der letzte Dreck und höchstens gelegentlich einen kurzen Blick auf die Aussicht, die eigentlich die ihre sein solte, werfen können. Vom Schwimmen und Sonnen, wie sie es früher getan haben, können sie nur träumen. Und wie es aussieht, wird es für immer dabei bleiben.

Die Handlung wird aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt und enthält sowohl Darstellungen aus der Gegenwart als auch Rückblicke. Was zunächst sehr unübersichtlich zu sein scheint, erweist sich nach und nach als ausgesprochen strukturiert - mit fortschreitender Entwicklung der Handlung blickt der/die Lesende immer weiter hinter die Fassade, wobei bis zum Schluss immer wieder Überraschendes geschieht.

Ein Thriller, bei dessen Lektüre man sich ordentlich konzentrieren muss, sonst gerät man aus dem Flow und einige wichtige Zusammenhänge gehen flöten. Wenn man jedoch den Überblick durchgehend behält, wird man belohnt mit intelligenten und psychologisch dicht konstruierten Handlung ausgesprochen reich belohnt!