Pia und Jakob werden von der Lehrerin ihres Sohnes Luca in die Schule gebeten, da es einen Vorfall mit einem Mädchen gegeben habe.
Diese Aussage weckt in Pia Zweifel, inwieweit sie ihrem Sohn vertrauen ...
Pia und Jakob werden von der Lehrerin ihres Sohnes Luca in die Schule gebeten, da es einen Vorfall mit einem Mädchen gegeben habe.
Diese Aussage weckt in Pia Zweifel, inwieweit sie ihrem Sohn vertrauen kann. Auf der einen Seite möchte sie Luca glauben, auf der anderen Seite weiß sie um Dinge aus ihrer Vergangenheit, auf die sie bis heute keine eindeutigen Antworten gefunden hat. Damals ist ihre jüngste Schwester Linda im See ertrunken. Nur ihre Adoptivschwester Romie war dabei. Ein Unfall oder steckte vielleicht doch noch mehr dahinter?
In Pia beginnt es zu arbeiten. Sie beobachtet ihren Sohn mit Argusaugen, kontrolliert ihn, interpretiert Dinge in sein Verhalten und setzt ihn unter Druck, damit er ihr die ganze Wahrheit erzählt. Gleichzeitig erinnert sie sich an ihre eigene Kindheit. Das verdrängte und in der Familie nie aufgearbeitete Trauma drängt mit aller Macht an die Oberfläche. Kontakt zu Romie hat sie nicht mehr, folgt dieser aber auf Instagram, sucht nach Ähnlichkeiten zwischen ihr und Luca.
Das Buch hat eine unglaubliche Sogkraft, die von der Autorin bis zum Ende aufrecht erhalten wird. Auch als Leser(in) fragt man sich ständig "Was ist passiert? Wem kann man glauben? Gibt es sowas wie Kleine Monster?"
Ich fand den Roman von Jessica Lind spannender als so manchen Krimi und hoffe, sie schreibt auch weiterhin so kluge Romane.
Lange Zeit hat der Mensch nicht glauben können, dass er dafür verantwortlich ist, dass viele Tierarten vom Erdboden verschwunden sind.
Selbst die Wandertaube, einst der häufigste Vogel Amerikas, möglicherweise ...
Lange Zeit hat der Mensch nicht glauben können, dass er dafür verantwortlich ist, dass viele Tierarten vom Erdboden verschwunden sind.
Selbst die Wandertaube, einst der häufigste Vogel Amerikas, möglicherweise der ganzen Welt, gilt seit langem als ausgestorben. 1901 wurde das letzte Exemplar vom Himmel geschossen.
Am Beispiel der Stellarschen Seekuh zeigt die finnische Autorin Iida Turpeinen auf, wie eine Art verschwindet. 1741 entdeckt der deutsche Arzt und Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Stellar auf einer Expedition unter Vitus Bering auf einer Insel die Seekühe. Nach wochenlanger Irrfahrt durch die Beringsee ist die Mannschaft ausgehungert, leidet unter Skorbut und gerät in einen regelrechten Rausch, als sie auf die sanftmütigen Riesen stößt, die keine Angst kennen und deren zartes Fleisch wie Kalbfleisch auf der Zunge zergeht. Man tötet wesentlich mehr Exemplare als man überhaupt verzehren kann und lässt den Rest im Wasser einfach verrotten. Gier und Verschwendung sind vorherrschend, das Wort "Nachhaltigkeit" existiert noch nicht. Als Gottes Schöpfung gilt die Natur als unerschöpflich. Nach den Entdeckern und Wissenschaftlern kommen die Pelztierjäger und bereits 27 Jahre nach ihrer Entdeckung ist die Stellarsche Seekuh ausgerottet.
Das Skelett, das Georg Wilhelm Stellar einst auf der Insel zurücklassen musste, wird später gefunden und von dem finnischen Gouverneur im damals russischen Alaska käuflich erworben. Auch seine Geschichte und die seiner Frau und Schwester erzählt Iida Turpeinen in dem vorliegenden Roman und folgt dem Weg des Skeletts bis ins Naturkundemuseum von Helsinki.
Man kann erahnen, aus wievielen Einzelinformationen und Fußnoten die Autorin die Geschichte entwickelt hat. Das ist einerseits eine großartige Rechercheleistung und macht das Buch zu einem authentischen naturkundlichen Werk, andererseits erlahmte mein Interesse zum Ende hin, weil man es immer wieder mit neuen Personen zu tun bekommt. Dadurch wirkte der literarische Part irgendwie zerstückelt, auch wenn man viel Interessantes zur Seekuh und den damaligen Menschen erfährt. Wenn man etwa liest, dass die Damen der feinen Gesellschaft ihre getragenen Kleider einfach über Bord warfen, weil dies einfacher und kostengünstiger war, so muss man resigniert feststellen, dass sich in dieser Beziehung bis heute wenig geändert hat.
Ich mochte die gemächliche Erzählweise Iida Turpeinens, auch wenn das Buch dadurch nicht gerade ein "Pageturner" ist. Es ist ein interessantes Experiment, Naturwissenschaft und Literatur miteinander zu vereinen.
Das habe ich mich nach 339 Seiten gefragt und nach Antworten gesucht. Gefunden habe ich sie in dem Kommentar einer Leserin auf goodreads, die sich ebenfalls gefragt hat, ob es nur ihr so ginge, dass sie ...
Das habe ich mich nach 339 Seiten gefragt und nach Antworten gesucht. Gefunden habe ich sie in dem Kommentar einer Leserin auf goodreads, die sich ebenfalls gefragt hat, ob es nur ihr so ginge, dass sie verblüfft über den Hype um dieses Buch sei.
Nein, es geht nicht allein ihr so. Auch ich kann mich den Lobeshymnen nicht anschließen, habe ich mich bei der Lektüre doch ohne Ende gelangweilt und von der Autorin manipuliert gefühlt. Es war, als wäre ich zurück in der Schule, wo man mir lehrbuchhaft erklärt, warum etwas so ist wie es ist.
Die Geschichte beginnt wie folgt: "Die ersten sechs Tage seines Lebens war William Waters kein Einzelkind. Er hatte eine drei Jahre alte Schwester, einen Rotschopf namens Caroline."
Nach Carolines Tod verlieren die Eltern komplett das Interesse an William und scheinen auch nur das Nötigste (wenn überhaupt) mit ihm zu reden. Mit 5 Jahren entdeckt William schließlich den Basketball und bekommt zum ersten Mal das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Dank seines Potetials als Basketballspieler und dank seiner guten Noten erhält er schließlich ein Stipendium fürs College, doch der Bruch seiner Kniescheibe setzt einer Sportlerkarriere ein frühzeitiges Ende. Dafür lernt William Julia, die älteste Tochter der Familie Padavano, kennen, die ihn prompt als ihren zukünftigen Ehemann erwählt und ihn ihren 3 Schwestern vorstellt. Als vermeintliches Einzelkind wird William von der gesamten Familie adoptiert. Julia hat ehrgeizige Pläne für ihren Mann, doch der rutscht in eine tiefe Depression ab und begeht einen Suizid-Versuch.
Jedes Kapitel wird abwechselnd aus der Perspektive Williams, Julias oder deren Schwester Sylvie erzählt, wobei es bei den Zeiträumen Überschneidungen gibt, was nicht gerade zu mehr Spannung führt. Zudem ist die Erzählstimme durchgehend dieselbe, wodurch sich beim Lesen eine starke Monotonie einstellt.
Aber die überzeugendsten Argumente, warum ich das Buch einfach nicht mochte, habe ich tatsächlich bei der Rezensentin auf goodreads gefunden.
1. Man kann die Zwillinge, aber auch Sylvie und Julia kaum von einander unterscheiden. Vielleicht ist das ja so gewollt, weil in einem fort wiederholt wird, wie verbunden sich die vier Schwestern mit einander fühlen. Es ist auf alle Fälle todlangweilig!
2. Das komplette Buch ist "tell" und nicht "show". Die Eltern Williams werden nur kurz erwähnt, man erfährt aber so gut wie nichts über sie. Reden sie auch nicht mit einander? Ich habe mir dann auch noch überlegt, ob so etwas nicht im Kindergarten oder in der Schule auffallen müsste. Das Kind lebt laut der Autorin praktisch ohne elterliche Beachtung, zeigt aber äußerlich keinerlei Anzeichen von Vernachlässigung und hat so gute Noten, dass es sogar für ein Stipendium reicht.
3. Auch über die Padanovas ist nicht viel bekannt, außer der Attribute, mit denen die Autorin ihre Figuren versehen hat. Alle leben in einer Art Blase, die ohne andere Personen auszukommen scheint. Der einzige Freund außerhalb der 4 Hauptpersonen ist Kent, der laut Rezensentin auf goodreads " appears to have no life aside from supporting William". Ja, genauso empfinde ich das auch und eigentlich wirkt das Buch wie ein Theaterstück, bei dem man insgesamt nur 1-3 Akte zu sehen bekommt, während der Rest des Lebens sich außerhalb der Bühne abspielt und von den auftretenden Personen lediglich erzählt wird. Das hier ist aber ein Roman, der eigentlich viel mehr Möglichkeiten hätte, diese allerdings nicht nutzt.
Und dann habe ich noch gerätselt, warum jemand wie Barack Obama diesen Roman ausdrücklich empfiehlt? Vielleicht, weil die Amerikaner eine Orientierung brauchen? Eine Art Lehrbuch, wie man etwa mit Depressionen umgeht, woran man wahre Liebe erkennt, was Familie ausmacht? Einem Volk, das sich momentan anschickt, Donald Trump wieder stark zu machen, ist schließlich alles zuzutrauen. Mein Ding ist das allerdings nicht. Ich denke immer noch gerne selber und würde Dinge lieber im Kontext verstehen als mir eine schnulzige Geschichte aufs Butterbrot schmieren zu lassen. Von mir leider nur 2 Sterne.
Nach 5 Jahren Abwesenheit kehrt der 19jährige Jirka zu Besuch auf den Hof seiner Eltern zurück. Leander, der Sohn des letzten Verwalters, hat ihn unterwegs auf der Straße aufgelesen. Während der Wagen ...
Nach 5 Jahren Abwesenheit kehrt der 19jährige Jirka zu Besuch auf den Hof seiner Eltern zurück. Leander, der Sohn des letzten Verwalters, hat ihn unterwegs auf der Straße aufgelesen. Während der Wagen in Richtung Hof ruckelt, erhält man durch die Gedanken Jirkas erste Eindrücke zu seinem Vater Georg, seiner Schwester Malene und der Großmutter Agnes. Jirka hat offensichtlich Angst vor dem Wiedersehen. Seine Hände zittern und er fühlt sich wieder als das Kind, das er war, bevor man ihn aufs Internat geschickt hat.
Sein Vater und seine Schwester sind nicht zu Hause. Die erste Familienangehörige, auf die er trifft, ist die inzwischen stark demente Großmutter, die in Hausschuhen durch das Haus geistert. Von seiner Schwester schlägt ihm Ablehnung entgegen, der Vater bleibt verschwunden. Leander und Malene scheinen sich gut zu verstehen, Jirka fühlt sich ausgeschlossen. Beide geben ihm deutlich zu verstehen, dass sie nicht vorhaben, ihn durchzufüttern und so macht sich Jirka nützlich, indem er im Garten Unkraut jätet.
Als Leser(in) begleiten wir ihn durch das Haus und seine damit verbundenen Erinnerungen, erfahren, dass der Vater brutal zu seinen Kindern war, die Mutter schon früh in die Heilanstalt eingeliefert wurde und inzwischen verstorben ist. Zwischen Leander und Jirka besteht eine eigentümliche Spannung. Viel geredet wird in dem Roman nicht. Man muss sich die Zusammenhänge mühsam aus dem Kontext erarbeiten.
Das Buch ist sehr atmosphärisch geschrieben, allerdings passiert zunächst nicht viel und die Gespräche sind anfangs auch eher ausweichend als klärend. Allmählich kann man sich zusammenreimen, dass Jirko wohl schon immer auf Leander stand, am meisten unter seinem Vater gelitten hat und zusätzlich von seiner älteren Schwester drangsaliert wurde. Auch die Mutter war keine Hilfe. Jeder musste irgendwie alleine klar kommen.
Wirklich spannend ist das auf Dauer nicht und den ewigen Eiertanz zwischen Jirko und Leander, aber auch den zwischen Jirko und Malene fand ich nach einer Weile ziemlich ermüdend. Das Ende ist einigermaßen spektakulär, aber leider komplett unrealistisch, es sei denn man lebt in einer Blase und ist sich nicht bewusst, welche Konsequenzen das eigene Handeln hat. Ich fand das doch ein bisschen enttäuschend. Man hätte den Schluss konsequenter zu Ende denken können, finde ich.
Eigentlich war es ja längst überfällig, dass sich die Literatur auch einmal mit dem Menschentyp auseinandersetzt, der nach Afrika reist, um dort für eine teuer erworbene Lizenz zu jagen und sich seine ...
Eigentlich war es ja längst überfällig, dass sich die Literatur auch einmal mit dem Menschentyp auseinandersetzt, der nach Afrika reist, um dort für eine teuer erworbene Lizenz zu jagen und sich seine Trophäe anschließend nach Hause schicken zu lassen, wo sie dann Wände, Wohnzimmerboden oder andere Räumlichkeiten ziert.
Was sind das für Menschen? Was treibt sie an und worin liegt der ultimative Kick?
Die flämische Autorin Gaea Schoeters geht dieser Frage in ihrem Roman "Trophäe" nach und versetzt ihre Leser(innen) ins tiefste Afrika, wo ihr Protagonist, der den bezeichnenden Namen Hunter White trägt, auf Nashornjagd ist. Dieses fehlt ihm nämlich noch, um die so genannten "Big Five" voll zu machen. Er hat für den Abschuss eine Lizenz erworben und rechtfertigt die Jagd moralisch vor sich mit der Begründung, dass er mit dem Abschuss eines alten Nashorns, nicht nur zur Auffrischung des Genpools beiträgt, sondern mit seinem Geld auch noch verhindert, dass die Tiere illegal gejagt werden. Denn Politiker und Ranger haben ein Interesse daran , die Tiere für die westlichen Besucher zu schützen.
Doch ein paar Wilderer machen Hunter einen Strich durch die Rechnung. Während er mit seiner Enttäuschung und seinem Frust kämpft, fragt ihn der Organisator der Jagd, ob er schon einmal von den "Big Six" gehört habe ...
Ab hier möchte ich eigentlich nichts weiter zum Inhalt verraten, denn ab hier spitzt sich die Geschichte immer weiter zu, um schließlich in einem überzeugenden Finale zu enden.
Was mir an dem Buch besonders gut gefallen hat, sind Sprache, Erzählton und Schilderungen - sei es die Beschreibung der Natur, oder seien es die Gedanken und Empfindungen Hunters. Hier ist kein Wort und kein Satz zuviel. Man pirscht sich mit Jäger und Fährtenleser durch die Savanne, spürt jeden einzelnen Schmerz und die allgegenwärtige Angst, hört die beunruhigenden Laute von hungrigen Löwen und Hyänen, ist einfach mitten drin im Geschehen. Das war wirklich ganz großes Kino!
Nicht weniger fesselnd ist der moralische Konflikt, in dem man sich mit einem Male wiederfindet. Hier geht es nicht nur um ein totes Nashorn, hier geht es um die Überschreitung von Grenzen, um Jäger und Beute, um afrikanischen Götterglauben und Gefahren, die an ganz anderer Stelle lauern als vermutet... Auch die Motivation Hunters, der schon als Kind mit seinem Großvater jagen war, wird beleuchtet, der Kick, den er aus der Jagd zieht ...
Für mich war das Buch ein unglaubliches Leseerlebnis und ich werde die Gespräche und Besprechnungen verfolgen, die es anlässlich der diesjährigen Leipziger Buchmesse mit dem Länderschwerpunkt 'Niederlande und Flandern' sicherlich geben wird.