Platzhalter für Profilbild

Venatrix

Lesejury Star
offline

Venatrix ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Venatrix über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.07.2022

Gut, dass die Wirklichkeit anders war ...

Es geschah im November
0

In diesem dystopischen Roman beschreibt die tschechische Autorin, was geschehen hätte können, wenn das kommunistische Regime im Jahr 1989 die Herrschaft bewahrt hätte.

Maria und ihr Mann, an sich eher ...

In diesem dystopischen Roman beschreibt die tschechische Autorin, was geschehen hätte können, wenn das kommunistische Regime im Jahr 1989 die Herrschaft bewahrt hätte.

Maria und ihr Mann, an sich eher unpolitische Bewohner einer Kleinstadt in Mähren, nehmen im November 1989 an einer Demonstration gegen die Regierung teil. Sie werden wenig später wie Hunderttausende andere verhaftet. Während Marie von einem Schnellgericht zu 20 Jahren Haft verurteilt wird, fehlt von ihrem Mann seither jede Spur. Maries Kinder sind zum Zeitpunkt der Verhaftung bei den Großeltern. Der Sohn aus Maries vorehelicher Beziehung mit einem Oberarzt wird von diesem in den Westen verbracht. Lenka, das kleine Mädchen wird in einem staatlichen Kinderheim untergebracht. Die Unterbringung der Kinder von Regimegegnern in staatlichen Erziehungsanstalten ist eine übliche Vorgangsweise. So können die Kinder indoktriniert werden.

Als Marie nach 15 Jahren vorzeitig entlassen wird, steht sie vor dem Nichts und muss noch fünf Jahre Zwangsarbeit in einem kleinen Dorf ableisten. Sie kann sich ein neues Leben aufbauen.

Tochter Lenka, inzwischen selbst verheiratet und erfolgreiche, regimetreue Journalistin, erfährt sie von einer ehemaligen Schicksalsgefährtin, dass ihre Mutter noch lebt. Ein Treffen der beiden Frauen endet mit einem fatalen Missverständnis.

Meine Meinung:

Dieser Roman der tschechischen Autorin ist - vor allem im Lichte der Ereignisse in der Ukraine, wo Hunderte ukrainische Kinder zur Umerziehung nach Russland verschleppt werden - mehr als beklemmend. Die „Samtene Revolution“ 1989 ist zum Glück in Wirklichkeit gut ausgegangen. Aber, wie die Geschichte lehrt, war dies nicht immer so. Die Demonstrationen im Prager Frühling 1968 wurden vom Regime gemeinsam mit der sowjetischen Armee blutig niedergeschlagen.

Dieser dystopische Roman schildert die Zustände eines Staates, der seine Bürgerinnen und Bürger mit allen Mitteln unterdrückt. In dem es verboten ist, seine freie Meinung zu äußern und jeder/jede aufgrund einer Denunziation verhaftet und ins Gefängnis gesteckt werden kann.

Der Alltag im Gefängnis wird eindrücklich beschrieben, als wäre die Autorin selbst dort gewesen. Auch die Schilderungen des Lebens im Kinderheim lässt einem die Gänsehaut beim Lesen aufsteigen.

Maries Leben ist stellvertretend für alle jene, deren Leben eine ähnliche Wendung genommen hat. Die von einem unmenschlichen System in die Mangel genommen worden sind und es teilweise auch noch werden. Maries Geschichte ist eine erschreckende Lebensgeschichte, die aber trotzdem nicht ganz ohne Hoffnung ist.

Die Autorin ist Jahrgang 1963, d.h. sie hat als Kind die Niederschlagung des Prager Frühlings und den Einmarsch der sowjetischen Truppen erlebt. Sie ist daher in der kommunistischen Welt aufgewachsen und hat die Repressalien Regimekritikern gegenüber, wenn nicht am eigenen Leib bzw. In der eigenen Familie erlebt, dann zumindest (vermutlich hinter vorgehaltener Hand) erzählt bekommen.

Wie bei allen Romanen der Autorin muss auch die Übersetzerin, Raija Hauk, genannt werden, die die Bücher sehr einfühlsam ins Deutsche übersetzt.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem dystopischen Roman 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 17.07.2022

Ein wichtiges BUch

Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau
0

Phenix Kühnert ist Model, Bloggerin und lautstarke Aktivistin der LGBTQIA-Szene. Sie erzählt in ihrem Buch, wie es ist in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die Menschen ausschließt, die nicht der (vermeintlichen) ...

Phenix Kühnert ist Model, Bloggerin und lautstarke Aktivistin der LGBTQIA-Szene. Sie erzählt in ihrem Buch, wie es ist in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die Menschen ausschließt, die nicht der (vermeintlichen) Norm entsprechen.

Phenix Kühnert ist - wie sie berichtet - von Geburt an das männliche Geschlecht mit allen seinen Merkmalen zugewiesen. Sie selbst fühlt sich, wie sie beschreibt, von je her anders. Die Erkenntnis, eine Frau zu sein, kommt im Vergleich zu manchen anderen Transgender früh.

„Jeder Lebensweg ist ein eigenständiger, der sich von jedem anderen unterscheidet. Konkrete Antworten, die für die gesamte Community gelten, kann ich nicht liefern, aber ich hoffe, ich kann zum Denken anregen.“

Meine Meinung:

Dieses Buch ist das zweite, das ich in kurzem Abstand gelesen habe und das das Thema Transgender aus Sicht einer Betroffenen schildert.

Interessant finde ich die Querverbindungen zum Leistungssport, in dem man jahrelang, um Medaillen und Prestige willen, transPersonen, quasi missbraucht hat. Dieser Teil des Buches hat mir sehr gut gefallen.

Im Gegensatz zu „Endlich Nora!“ (Nora Dahmen) fühlt sich dieses Buch hier laut an und an manchen Stellen anklagend. Die Offenheit mit der Phenix die Situation der Transgender schildert, mag manche Leser verschrecken. Sie ist aber notwendig, um veraltete Denkmuster aufzubrechen. Manchmal, wenn ich Zeitung lese, habe ich den (sehr subjektiven) Eindruck, dass es zur Zeit „chic“ ist, sich als queer zu outen. Das hat Phenix ebenfalls festgestellt, wie aus diesem Zitat ersichtlich ist.

„Natürlich stelle ich selbst auch fest, dass meine Geschlechtsidentität in der Medienwelt als Trendthema eingestuft wird. Queer zu sein ist jedoch kein Trend, es geht um Existenzen“.

Sehr gut sind die zahlreichen Begriffe erklärt. Entweder im Text direkt oder als Glossar am Ende des Buches.

Fazit:

Ein sehr guter, wenn auch ein wenig lauter, Einstieg in ein Thema, das für viele Menschen ein wenig befremdlich wirkt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 17.07.2022

Berlin im August 1936

Drei Tage im August
0

Autorin Anne Stern, bekannt durch ihre Reihe rund um die Hebamme Hulda Gold, entführt uns abermals nach Berlin. Es ist August 1936 und der Blick der ganzen Welt ist wegen der Olympischen Spiele auf Deutschlands ...

Autorin Anne Stern, bekannt durch ihre Reihe rund um die Hebamme Hulda Gold, entführt uns abermals nach Berlin. Es ist August 1936 und der Blick der ganzen Welt ist wegen der Olympischen Spiele auf Deutschlands Hauptstadt gerichtet. Für wenige Wochen wird ein weltoffenes und lebendiges Berlin präsentiert. Kaum jemand erkennt, dass dies alles nur Fassade ist und die NS-Diktatur längst mit ihren Repressalien gegen Juden und Andersdenkende begonnen hat.

Das bemerkt auch Elfie, die Verkäuferin in der Chocolaterie Sawade, die seit Jahren auf der prominenten Adresse Unter den Linden angesiedelt ist. Neben Elfie, die zur Schwermut neigt, leben in näherer Umgebung des Geschäftes zahlreiche Personen, die von den Machthabern nicht gerne gesehen werden. Das sind neben Elfie der jüdische Buchhändler Franz Marcus, das Blumenmädchen Rosa, der Barbesitzer El-Hamady, der Leierkastenmann Willi und die hochbetagte Madame Conte mit ihrem Dienstmädchen.

Als das kleine Blumenmädchen am helllichten Tag von der Polizei abgeführt wird, traut sich niemand einzuschreiten und der Buchhändler trägt sich notgedrungen mit Auswanderungsgedanken. Ein Lichtblick für Elfie sind die Gespräche, die sie mit Madame Conte führt. Dabei erfährt sie so manch lange gehütetes Geheimnis.

Meine Meinung:

Anne Stern gelingt wieder sehr gut, die Stimmung dieser Zeit einzufangen. Nachdem alle Welt über die Erfolge der Olympischen Spiele spricht, sieht keiner so genau hin, wie das Leben abseits dieses Spektakels wirklich verläuft. Während andernorts Politik gemacht wird, spielt sich das Leben der kleinen Leute eben in der ehemaligen Prachtstraße ab.

Unter den Linden war in der Kaiserzeit eine mondäne Anschrift. Eine breite Allee mit exklusiven Geschäften und von mächtigen Linden gesäumt. Zahlreiche dieser Bäume, die in diesem Roman auch zu Wort kommen, mussten den aufmarschierenden Soldaten weichen, was von einigen Bewohnern bedauernd besprochen wird.

Die Charaktere sind liebevoll bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Sie alle stellen eine kleine Welt dar, die sich in diesen wenigen Tagen in der der Roman spielt, dramatisch verändern wird. Man kann sich den Mikrokosmos rund um den Pralinenladen sehr gut vorstellen.

Fazit:

Dieser tiefgründigen und eher ruhigen Geschichte, die mir aber gut gefallen hat, gebe ich gerne 5 Sterne.

Veröffentlicht am 17.07.2022

Leider der schwächste Band der Reihe

Bretonische Nächte
0

Autor Jean-Luc Bannalec kennt die Bretagne wie seine Westentasche. Das ermöglicht ihm, seinen Lesern die Schönheiten und Eigenarten von Land und Leuten näherzubringen. So erfahren wir diesmal etwas über ...

Autor Jean-Luc Bannalec kennt die Bretagne wie seine Westentasche. Das ermöglicht ihm, seinen Lesern die Schönheiten und Eigenarten von Land und Leuten näherzubringen. So erfahren wir diesmal etwas über die liebevoll restaurierte Abbye des Anges aus dem 16. Jahrhundert, nahe der Bucht von Aber Wrac’h im Finistère, deren Umgebung er auch in „Bretonische Nächte“ stimmungsvoll und kenntnisreich in Szene setzt. Zum wiederholten Mal wird der Aberglaube der Bretonen strapaziert:

Kadegs Tante, reich, unabhängig und knapp neunzig stirbt, nachdem sich allerlei Vorboten eines nahen Todes gezeigt haben sollen. Üblicherweise ist der Tod einer alten Dame keine Ermittlung wert, doch dann wird Kadeg auf ihrem Anwesen niedergeschlagen und schwer verletzt. Ein Angriff auf einen Polizisten? Das nehmen sowohl Kommissar Dupin als auch Kadegs Kollegen höchst persönlich. Unermüdlich wird ermittelt, um den oder die Täter zu überführen.

Als dann wenig später noch der Gärtner getötet wird, erscheint der Tod von Kadegs Tante in einem anderen Licht ...

Das Motiv bleibt lange im Unklaren. Die Wiederentdeckung einer als ausgestorben geltenden Vogel oder doch das beträchtliche Vermögen der alten Dame? Wird Kadeg jetzt, als reicher Mann, den Dienst quittieren?


Meine Meinung:

In diesem nunmehr 11. Band der Reihe machen sich leider Abnützungserscheinungen bemerkbar. Der Krimi ist nach dem bewährten Rezept geschrieben: Der vernunftbegabte Dupin bekommt es mit starrsinnigen Bretoninnen und Bretonen zu tun, die heimatverbunden sind und ihre eigene Sprache sprechen. Hier kommt regelmäßig Nolwenn ins Spiel, die durch Scharfsinn und Beziehungen immer wieder wertvolle Hinweise geben kann. Ein wenig nervig, weil ja hinreichend bekannt, ist Dupins fast schon trotzige Abneigung mit dem Präfekten zu sprechen. Dupin trinkt mehr Kaffee, als ihm guttut und erfreut sich an den örtlichen Delikatessen - alles schon da gewesen.

Auch der Cliffhanger wirkt müde und ein wenig „ausgelutscht“. Schauen wir einmal, ob mit dem 12. Krimi das Dutzend voll und die Reihe zu Ende sein wird.

Fazit:

Viel Spannung enthält dieser Krimi nicht. Wer allerdings ein treuer Fan von Georges Dupin und dem Autor ist, wird darüber hinwegsehen. Für mich leider ein wenig enttäuschend, daher nur 3 Sterne.

Veröffentlicht am 17.07.2022

EIne gelungene Romanbiografie

Im Dienst der Hoffnung
0

Friederike Fliedner, geborene Münster, lebte von 1800 - 1842. Sie ist mir durch einige historische Romane bekannt.

Nun hat Brigitte Liebelt sich dieser bemerkenswerten Frau angenommen und eine Romanbiografie ...

Friederike Fliedner, geborene Münster, lebte von 1800 - 1842. Sie ist mir durch einige historische Romane bekannt.

Nun hat Brigitte Liebelt sich dieser bemerkenswerten Frau angenommen und eine Romanbiografie verfasst, in der Fliedners Verdienste gewürdigt werden.

Als Friederike Münster den Pastor Theodor Fliedner heiratet ist sie bereits 28 Jahre alt und hat eine Menge Berufserfahrung als Krankenschwester, Lehrerin und Erzieherin.

Sie wird elf Kinder zur Welt bringen, von denen nur drei das Erwachsenenalter erreichen werden. Bei der Geburt ihres letzten Kindes stirbt sie mit 42 Jahren.

Obwohl sie gemeinsam mit ihrem Mann das Diakonissen-Mutterhaus gründen, sind sie nicht immer einer Meinung. Während Friederike, trotz ihres tiefen Glaubens und Gottvertrauens, die Trennung zwischen Krankenpflege und seelsorgerischem Dienst befürwortete, muss sie sich hier ihrem Mann beugen.

Dieses Buch gibt einen genauen Einblick in das 19. Jahrhundert. Die Napoleonischen Kriege sind noch nicht allzu lange vorbei. Das Elend, das sie verursacht haben, deutlich spürbar. Vor allem auf das Leid der unverheiratet gebliebenen Frauen wird hier hingewiesen. In der Krankenpflegeschule von Kaiserswerth erhalten die Frauen eine fundierte Ausbildung, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Diakonissinnen werden in wenigen Jahren wieder Verwundete von Kriegen pflegen. Ihr Ruf als hervorragende Krankenschwestern wird auf der ganzen Welt bekannt sein.

Meine Meinung:

Brigitte Liebelt erzählt die Lebensgeschichte von Friederike chronologisch geordnet. Der Roman ist penibel recherchiert und, dort wo historische Fakten fehlen, werden die sorgfältig und einfühlsam durch schriftstellerische Ergänzungen gefüllt.

Wohltuend finde ich, dass Friederike Fliedner nicht mit Lobhudelei überschüttet wird. Brigitte Liebelt kann ihrer Leserschaft den Spagat zwischen Mutterschaft und Arbeit in einer Pfarrgemeinde gut vermitteln, ist sie doch selbst sechsfache Mutter, ausgebildete Krankenschwester, Bibliothekarin und Frau eines Pastors.

Eine kleine Kritik muss ich dennoch anbringen: Dass nach einer Einführung noch ein Vorwort gibt sowie ein Nachwort, in dem einiges nochmals zusammengefasst wird, halte ich ein wenig für überflüssig. Das wirkt auf mich, als ob die Autorin (oder der Verlag?) den Lesern nicht viel zutraut. Durch den gelungenen Schreibstil ist alles, was hier mehrfach zusammengefasst wird, ohnehin sehr gut dargestellt. Diese „Bevormundung“ der Leser kostet den 5. Stern.

Fazit:

Eine gelungene Romanbiografie, die geschickt Fakten und Fiktion verbindet. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.