Platzhalter für Profilbild

Venatrix

Lesejury Star
offline

Venatrix ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Venatrix über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.01.2022

Kein Atlas im herkömmlichen Sinn

Atlas der Zukunft
0

Landkarten üben eine seltsame Faszination auf viele Menschen aus. Ob Anfänger oder hauptberuflicher Kartograf - man kann Landkarten stundenlang betrachten und sich nicht daran sattsehen. Karten begegnen ...

Landkarten üben eine seltsame Faszination auf viele Menschen aus. Ob Anfänger oder hauptberuflicher Kartograf - man kann Landkarten stundenlang betrachten und sich nicht daran sattsehen. Karten begegnen uns im Alltag überall, sei es als kostbares handkoloriertes Einzelstück, oder als gedrucktes Massenprodukt oder als Grafik im Navigationssystem im Auto. Doch sie können noch viel mehr als nur die Topografie von Orten darstellen.

Mit diesem Buch zeigen die Autoren Ian Goldin und Robert Muggah welche Möglichkeiten sich durch die Verschneidung von Satellitenbildern mit Daten aller Art den Lesern bieten. Sie stellen „vorher-nachher-Bilder“ gegenüber und zeigen damit die Veränderungen, die von Menschen geschaffen, unseren Planeten veränder(te)n. Nicht immer zum Besten der Erde und seiner Bewohner.

Oder wussten Sie schon, dass die USA mehr Erdgas, das sie durch das umstrittene Fracking gewinnen, ungenutzt in die Atmosphäre blasen, als für die Beheizung von 4,25 Millionen Häusern genützt werden könnten? Diese Leuchtfackeln sind auf S. 84 sichtbar.

In 100 Karten, die nach 13 Themen geordnet sind, wird für die Leser u.a. der Raubbau an der Natur, und der damit verbundene Klimawandel, die Ungleichheit, Unzufriedenheit, Bevölkerungsentwicklung und Migration, Urbanisierung, sowie die Verslumung und Kriminalität dargestellt. Dabei fällt auf, dass manches sehr subjektiv betrachtet und vielleicht (bewusst?) verfälscht wird. Denn wie kann es sein, dass ausgerechnet die USA als weiße Fläche dargestellt wird, wenn es aus den Seiten 254 ff. um das Thema „Gewalt außerhalb von Kriegshandlungen“ geht? Keine Schulmassaker, keine Polizeigewalt, keine Unfälle mit Waffen in Privathaushalten? Es scheint als hätten die Autoren dies ausgeblendet und irrational handelnde Menschen außerhalb der USA angesiedelt.

Auch so manche andere Äußerung ist mit Vorsicht zu betrachten. So soll es um 1500 im damaligen Österreich, das bekanntlich ein wenig größer war als unsere heutige Republik, den Autoren nach, nur zwei Druckerpressen gegeben haben (S.433). Dem widerspricht allerdings die Wiener Stadtgeschichte, die bereits zwischen 1482 und 1485 die Namen von zwei Druckereien mit Druckerpressen nennt.

Das Buch ist kein Kartenwerk im Sinne der Kartografie, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Menschheit. Die Texte sind interessant, die Fragestellungen oft unbequem und kontrovers. Die Abbildungen dagegen sind häufig unscharf oder durch ungeschickte Farbwahl schlecht zu entziffern.
Daneben stört auch der Falz, der so manche grafische Information bestimmter Regionen einfach schluckt.

Fazit:

Für echte Karten-Liebhaber und Kartografen ist das Buch vermutlich eine Enttäuschung. Wer gerne aufschlussreiche Analysen grafisch aufbereitet haben möchte, kann an diesem Buch seine Freude finden. 4 Sterne.

Veröffentlicht am 23.01.2022

Ärgerliche Langeweile

Fröhliches Morden überall
0

Margareta und Thomas fahren gemeinsam mit ihren Müttern in den Weihnachtsurlaub. Dazu hat man ein gemütliches Ferienhaus gemietet. Doch mit der Idylle ist es bereits bei der Ankunft vorbei, weil Thomas, ...

Margareta und Thomas fahren gemeinsam mit ihren Müttern in den Weihnachtsurlaub. Dazu hat man ein gemütliches Ferienhaus gemietet. Doch mit der Idylle ist es bereits bei der Ankunft vorbei, weil Thomas, seines Zeichens Kriminalkommissar zahlreiche Verhaltensregelen aufstellt, die an einen Aufenthalt in einer Jugendherberg erinnern. Natürlich rebellieren die Damen, allen voran seine eigene Mutter Eleonore. Als dann Eleonore am Silvesterabend ermordet wird, entwickelt sich der Urlaub in einen veritablen Albtraum.

Es scheint, als wäre die Frau mit der Altbäuerin Brigitte verwechselt worden, die ihren Sohn finanziell an der kurzen Leine hält.

Doch was führt Fritz, den ergrauten Hahn eines illustren Damenquartetts aus Leonores Heimatort an den Tatort? War da doch mehr zwischen der Toten und Fritz?

Meine Meinung:

Die Idee zu diesem Krimi hat mir gut gefallen, die Umsetzung hingegen war einfach nur schlecht.

Thomas entpuppt sich als unfähiges Muttersöhnchen, das in Selbstmitleid verfällt und als lebensunfähiger Macho. Wie macht der bitte seinen Job bei der Kripo? Dem Vernehmen nach ist das bereits der 8. Krimi rund um dieses Duo. Ich gebe zu, dies hier ist mein erstes Buch der Autorin.
Margarete ist private Ermittlerin und kommt auch nicht wirklich in Schwung. Die aus Dortmund herbeigerufene Kriminalpolizisten Rolf Grundmüller und Tanja Altmaier scheinen eher damit beschäftigt zu sein, sich gegeneinander anzufeinden und den Dorfpolizisten Ralf Gradomski zu mobben, als Eleonores Tod aufklären zu wollen.

Gemeinsam haben alle Personen, dass ihnen kalt ist (eh klar, es ist Winter) und das mehrfache Hineinstopfen von Torten im Café des Ortes. Ach ja, lautstark unterhalten sich die Polizisten im Wirtshaus bzw. Im Café über Ermittlungserbenisse, mögliche Mordmotive und Verdächtige. Blöderweise sind mindest zwei potenzielle Täter anwesend.

Die Charaktere weisen jede Menge Charakterschwächen auf. Sie sind lieb- und farblos gezeichnet, entsprechen dafür zahlreichen Klischees.
Die einzige Person, die mir gefallen hat, ist Brigitte Voss-Grobe, die der ermordeten Eleonore zum Verwechseln ähnlich sieht und die im Dorf mehr Feinde als Freunde hat.

Der Schreibstil ist einfach und zahlreiche Wiederholungen nerven ziemlich (frieren, Torten essen etc.). Wir Leser können uns merken, dass es zu Weihnachten und Silvester schneit und kalt ist. Die Dialoge lassen ebenso zu wünschen übrig, wie die Handlung an sich.
Insgesamt wirkt der Krimi ziemlich lieblos hingeschrieben. Diese Reihe werde ich nicht weiterverfolgen.

Fazit:

Die Idee hat mir gefallen, dafür lasse ich den 2. Stern blinken, sonst ist dieser Krimi weder fröhlich noch spannend, sondern einfach ärgerlich langweilig.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.01.2022

Ein anspruchsvoller Krimi

Das giftige Glück
0

Gudrun Lerchbaum ist eine Meisterin des dystopischen Krimis. Wie schon in „Lügenland“ beschwört sie auch hier in „Das giftige Glück“ eine verstörende Welt herauf. Einige Begebenheiten fühlen sich gar nicht ...

Gudrun Lerchbaum ist eine Meisterin des dystopischen Krimis. Wie schon in „Lügenland“ beschwört sie auch hier in „Das giftige Glück“ eine verstörende Welt herauf. Einige Begebenheiten fühlen sich gar nicht so fremd an.

Worum geht’s also?

In einem Wien der nicht allzu fernen Zukunft sorgt ein Pilz dafür, dass der echte Bärlauch (botanischer Name Allium Ursinum), wenn er gegessen wird, ebenso zum Tode führt wie seine tödlichen Zwillinge Maiglöckchen und Herbstzeitlose. Die preisgünstige Art, seinem Leben ein Ende zu bereiten, lässt Menschen, die des Lebens überdrüssig sind, in Wiens Wälder ausschwärmen und die giftige Pflanze pflücken. Allerdings ruft der vergiftete Bärlauch auch potenzielle Mörder auf den Plan ...

Mitten in diesem Hype befinden sich die 13-jährige Jasse, die allein und orientierungslos bei ihrem Vater lebt und ihrer verschwundenen Mutter nachtrauert, Olga, die an MS leidet und Kiki, einer verurteilten Straftäterin, die Olga pflegt. Olga, des Leidens überdrüssig, bekniet Kiki, ihr das Kraut zu besorgen. Kiki hingegen sträubt sich, denn wenn Olga nicht mehr ist, hat sie weder Wohnung noch Einkommen. Was wird Kiki also tun? Noch bevor sie eine Entscheidung treffen kann, werden sie und Jasse in einen Mord verwickelt.

Meine Meinung:

Wie eben auch in „Lügenland“ sprengt die Autorin die strengen Genregrenzen und beschert ihren Lesern einen Krimi, der gleichzeitig ein Gesellschaftsroman ist. Er hält uns einen Spiegel vor Augen, wie wir mit dem Tod umgehen, vor. Vor allem im Lichte der aktuellen Diskussion um die „assistierte Sterbehilfe“ (Sterbeverfügungsgesetz) in Österreich ist dieser Roman lesenswert.

Die Figuren haben alle ihre Ecken und Kanten, manche sind stark, andere sind schwach wie Jasses Vater.

Aus der Hoffnungslosigkeit der drei Frauen entwickelt sich eine Freundschaft und eine Geschichte über den Sinn des Lebens, den die drei, jeweils auf unterschiedliche Weise für sich selbst wiederfinden.


Fazit:

Die Lektüre ist gleichzeitig anspruchsvoll wie unterhaltsam. Das liegt zum einem an den philosophischen Fragen und zum anderen an den Figuren, die durchaus mit Humor präsentiert werden. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 22.01.2022

Vom ungezügelten Umgang mit dem Smartphone

Likest du noch oder lebst du schon?
0

Mit diesem ein wenig provokanten Titel führt und Autorin und Detox-Coach Christina Feirer vor Augen, dass wir durchschnittlich zweieinhalb Stunden täglich unser Smartphone nutzen. Klingt im ersten Augenblick ...

Mit diesem ein wenig provokanten Titel führt und Autorin und Detox-Coach Christina Feirer vor Augen, dass wir durchschnittlich zweieinhalb Stunden täglich unser Smartphone nutzen. Klingt im ersten Augenblick nicht viel, oder?

In fünf Kapitel zeigt die Autorin, welche Mechanismen hinter dem Verlangen, am Smartphone zu wischen stecken bzw. welche Ängste oft damit verbunden sind, wenn wir es nicht tun, weil wir das gute Stück daheim vergessen haben. Im letzten Kapitel erfahren wir, wie wir ein wenig achtsamer mit uns umgehen können. Damit gewinnen wir Lebenszeit.

Schöne neue Oberfläche
Was lässt uns klicken und liken?
Wie viel Menschlichkeit steckt in unserer digitalen Zukunft?
Der Weg in eine selbstbestimmte digitale Zukunft
Deine Zeit ist wertvoll

Mit Augenzwinkern beschreibt die Autorin, wie wir uns selbst von diesem lieb gewonnenen Helferlein abhängig machen. Doch sie zeigt auch Möglichkeiten auf, wie wir dem Smartphone jene Rolle zuweisen, die ihm gebührt: als technische Unterstützung im Alltag.

„Ein bewusster und selbstbestimmter Smartphone-Konsum soll sich nicht darin ausdrücken, dass du ab sofort dein Smartphone verteufelst oder gar aus deinem Leben verbannst. Nein, Nutze das Smartphone für all das, wo es dich unterstützt oder inspiriert.“

Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

Fazit:

Diesem gut strukturierten und humorvoll geschriebenen Ratgeber, der den Menschen und nicht das Smartphone in den Mittelpunkt stellt, gebe ich gerne 5 Sterne.

Veröffentlicht am 22.01.2022

Fesselnder Auftakt einer Familiengeschichte

Blutgold
0

Dieser Reihenauftakt beruht auf der wahren Geschichte der Brüder Sass, die im Berlin der 1920er nach einem holprigen Beginn zu einem Verbrechersyndikat aufsteigen.

Berlin, kurz nach dem Ende des Ersten ...

Dieser Reihenauftakt beruht auf der wahren Geschichte der Brüder Sass, die im Berlin der 1920er nach einem holprigen Beginn zu einem Verbrechersyndikat aufsteigen.

Berlin, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges: Die Menschen sind desillusioniert, hungern und frieren, das Geld verliert rapid an Wert und viele haben sich noch nicht damit abgefunden, den Krieg verloren zu haben. Zu denen zählen zahlreiche Offiziere verschiedenster politischer Gesinnung. Die einen verachten den Kaiser, der es sich in Holland bequem macht, und die anderen wollen die Monarchie wiederherstellen. Allen ist gemeinsam, dass sie sowohl Sozialisten als auch Bolschewiki hassen. Eine Regierungsbeteiligung dieser Gruppierungen soll um jeden Preis verhindert werden. Dazu ist ihnen jedes Mittel, auch die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. So weit der historische Hintergrund.

Die Brüder Sass, derer gibt es viele, sichern das Überleben der Familie anfangs durch Einbrüche, kleinere Diebstähle und illegale Glückspiele. Jeder der Brüder hat ein anderes kriminelles Talent. Doch als zwei während eines Einbruchs möglicherweise den Mord an Luxemburg und Liebknecht beobachtet haben, gerät die Familie nicht nur in den Fokus der Polizei. Mit der Obrigkeit kann es die lange verschollene und wieder aufgetauchte Tante Antonia aufnehmen.

Unter Antonias Führung floriert das Familienbusiness und wird zum Syndikat Berlin. Man mischt in vielen Bereichen mit, ob im Glücksspiel, bei Wetten, bei den Nachtklubs oder beim Verschieben von gestohlenen Armeebeständen. Dass die Konkurrenz hierüber nicht sonderlich erfreut ist, versteht sich von selbst.

Meine Meinung:

Michael Jensen, dessen „Jens-Druwe-Reihe“ ich schon gerne gelesen habe, hat hier einen politischen Krimi geschrieben, der aufzeigt, wie die Bühne für Adolf Hitler aufbereitet wurde. Wir haben teil an historischen Ereignissen wie den Straßenschlachten zwischen der Arbeiterbewegung und den Konservativen sowie Umsturzversuchen wie dem Kapp-Putsch. Wir begegnen verschiedenen historischen Persönlichkeiten wie Paul Hindenburg oder Ernst Gennat und nehmen Anteil an dem Leben der Berliner.

Obwohl die Familie Sass natürlich auch vom Chaos der Nachkriegszeit profitieren, wirken sie sympathischer als die Verschwörerclique der Offiziere.

Die Charaktere sind liebevoll gestaltet, haben so ihre Ecken und Kanten. Meine Lieblingsgestalt ist Tante Antonia, die mit Herz und Hirn, den Sass-Brüdern erklärt, wie so ein Familienbusiness zu führen ist.

Interessant ist auch der Einblick in die Polizeiarbeit ohne DNA-Abgleich und Ähnlichem. Man ist nicht einmal davon überzeugt, dass eine Verbrecherkartei nützlich wäre. Ernst Gennat ist gerade dabei, seine Mordinspektion einzurichten.

Fazit:

Dieser Krimi ist ein historischer Kriminalroman. Wer einen „Whodunit“-Krimi lesen möchte, ist hier nicht richtig. Wer sich aber mit der (Verbrecher)Geschichte von Berlin beschäftigen will, findet hier eine interessante Lektüre. Gerne gebe ich 4 Sterne.