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Venatrix

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Veröffentlicht am 24.07.2025

Fesselnd bis zur letzten Seite

Rattenharpyie
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Dieser 15. Krimi aus der Reihe rund um Franz Haderlein und seinem Team hat mich bis zur letzten Seite gefesselt. Warum?

Renatus Gräber, ein ehemaliger Rechtsanwalt, der den Abschaum der Menschheit erfolgreich ...

Dieser 15. Krimi aus der Reihe rund um Franz Haderlein und seinem Team hat mich bis zur letzten Seite gefesselt. Warum?

Renatus Gräber, ein ehemaliger Rechtsanwalt, der den Abschaum der Menschheit erfolgreich verteidigt hat, wird am Abend seines 100. Geburtstag ermordet. Nein, nicht nur ermordet, sondern regelrecht hingerichtet, denn in seinem Appartement in der Seniorenresidenz findet man nur mehr seinen Kopf auf dessen Stirn ein kryptisches Zeichen eingeschnitten worden ist. Der Rest liegt einige Kilometer weiter auf einem Acker, in dessen Boden Dutzende Fragmente aus Aluminium zu finden sind.

Keine leichte Aufgabe für Franz Haderlein, César Huppendorfer, Bernd „Lagerfeld“ Schmitt und Neo-Kommissarin Kira Sünkel. Warum tötet jemand einen Hundertjährigen und warum auf diese Weise? Ja, die Liste der Feinde ist lang, aber .....

Fast gleichzeitig wird der geschiedene Wolfgang Zurbriggen in seinem Haus in Meggen am Vierwaldstättersee erschossen. Als die Schweizer herausfinden, dass der Tote eigentlich Deutscher mit dem Nachnamen Gräbner ist, weil er den Namen seiner Frau angenommen hat, greift Ermittler Roland Büchel zum Telefon und Lagerfelds Telefon läutet.

Großvater und Enkel erschossen, auf beider Stirn ein Zeichen, das entfernt an die Freimaurer erinnert- an Zufall glaubt hier keiner. Doch was steckt hier dahinter? Noch ahnt keiner, was das mysteriöse Zeichen darstellen soll.

Meine Meinung:

Dieser Krimi ist ganz nach meinem Geschmack!

Zum einem, weil er auf zwei Zeitebenen, nämlich Anfang April 1945, als der Zweite Weltkrieg in den letzten Zügen liegt, aber von NS-Deutschland umso erbitterter geführt wird und in die Gegenwart, in der in Franken und in der Schweiz jeweils ein Mann getötet werden, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, werden, spielt. Und zum anderen, weil das Team um Franz Haderlein wieder zu besonderer Hochform aufläuft. Das liegt nicht nur am altbewährten fränkischen Humor, wenn Oberchef Robert „Fidibus“ Suckfüll seinen Mitarbeitern erklärt, sie müssen aus Umweltschutzgründen auf Elektro-Autos umsteigen.

„Entschuldigung, VW? Warum kriegen wir kein richtiges Auto?“ (Bernd „Lagerfeld“ Schmitt)

Auch der Neuzugang von Kira Sünkel trägt auf Grund ihrer Herkunft von der Bundeswehr bzw. Flugunfalluntersuchungskommission das Ihre dazu bei. Nicht nur, dass sie zu Bernd und Ermittlerferkel Presssack bei deren Erscheinen das eintrainierte „Rühren“ entgegenschleudert, gibt sie Nachhilfeunterricht in Sachen Elektroauto an der Tankstelle. Tja, die militärischen Umgangformen lassen sich nicht leicht ablegen, sind aber eloquent,

Natürlich dürfen auch die üblichen Charaktere wie Marina „Honeypenny“ Hoffmann, der verhasste Rechtsmediziner Siebenstädter oder Heribert Ruckdeschl von der Spusi nicht fehlen.

Doch bei allem Humor wird auch nicht auf die ernste Seite in diesem Krimi vergessen: Dass Piloten der Royal Airforce und der US Airforce nach einem Absturz über deutschem Gebiet von aufgebrachtem Mob gelyncht bzw. nicht als Kriegsgefangene gemäß der Genfer Konvention behandelt worden sind, sondern von der SS brutal ermordet worden sind, obwohl den meisten Deutschen schon längst klar gewesen sein muss, dass der Krieg verloren ist. Zum Kriegsgeschehen hat Autor Helmut Vorndran penibel recherchiert. So gibt es neben Fotos, unter anderem von den B-17 Flying Fortresses, Karten von deren Heimatflughafen in Sudbury/UK und den anderen Schauplätzen, die uns neben Oberfranken, der Schweiz und UK auch nach Illinois/USA führt.

Besonders berührt hat mich, dass der Autor dieses Buch der Besatzung der „Lonesome Polecat“ gewidmet hat, die am 8. April 1945 über Herreth abgestürzt und Vorbild für diesen Krimi ist.

Fazit:

Mir hat dieses Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart, das mich bis zur letzten Seite gefesselt hat, sehr gut gefallen, weshalb ich hier eine klare Leseempfehlung und 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 22.07.2025

Zusammenfassung eines langen Lebens

Wer bin ich?
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Paul Lendvai, gebürtiger Ungar, verfolgter Jude, Flüchtling, Journalist, Osteuropa-Experte und glühender Europäer, fasst in diesem kleinen Buch sein nunmehr 96 Jahre langes Leben und seine Gedanken zur ...

Paul Lendvai, gebürtiger Ungar, verfolgter Jude, Flüchtling, Journalist, Osteuropa-Experte und glühender Europäer, fasst in diesem kleinen Buch sein nunmehr 96 Jahre langes Leben und seine Gedanken zur aktuellen Politik zusammen.

Paul Lendvai begleitet mich, seit ich denken kann. Gemeinsam mit Hugo Portisch (1927-2021) hat er mir und vielen anderen die Geschichte Europas erklärt. Ich kenne einige seiner Bücher wie „Die Ungarn“ oder „Orbáns Ungarn“. Als gebürtiger Ungar, der wie viel andere auch nach dem Ungarn-Aufstand von 1956 das Land verlassen hat, beobachtet er Ungarn mit großem Interesse.

Das Buch enthält für mich nichts wirklich essentiell Neues, ist aber eine gelungene Zusammenfassung, weshalb ich ihm 4 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 22.07.2025

Hat mich nicht ganz überzeugt

Onigiri
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„Onigiri“ ist der Debütroman der studierten Kulturwissenschaftlerin Yuko Kuhn. Zuletzt war sie an der Hochschule für Film und Fernsehen München tätig und arbeitet seit diesem Jahr als freiberufliche Autorin. ...

„Onigiri“ ist der Debütroman der studierten Kulturwissenschaftlerin Yuko Kuhn. Zuletzt war sie an der Hochschule für Film und Fernsehen München tätig und arbeitet seit diesem Jahr als freiberufliche Autorin.

Die Idee, das Leben einer dementen Mutter, die in einem, auch nach Jahrzehnten ihr fremdem Kulturkreis lebt, darzustellen habe ich sehr interessant gefunden. Doch irgendwie hat mich das Buch nicht wirklich berührt. Obwohl es die Zerrissenheit von Keiko, der Japanerin, die ihren Mann Ernst auf einer Europareise kennengelernt hat und von seiner Familie nie wirklich als Schwiegertochter angenommen worden ist, ziemlich glaubhaft darstellt, ist dies Spannung für mich nicht erlebbar.

Keikos Tochter Aki, aus deren Sicht der Roman geschrieben ist, steht der Krankheit ihrer Mutter hilflos gegenüber und wirkt streckenweise ziemlich ungeduldig, ja geradezu unwirsch im Umgang mit ihr. Umso erstaunter ist Aki, als Keiko, in ihrer alten japanischen Welt, in die Aki sie nach dem Tod ihrer Großmutter mitgenommen hat, geradezu aufblüht. Keiko, die seit Jahren nahezu verstummt ist, wird wieder gesprächig.

Nun, wenn sich Aki ein wenig mit Demenz beschäftigt hätte, wäre ihr das vielleicht nicht gar so erstaunlich vorgekommen. Es ja bekannt, dass das Langzeitgedächtnis von Demenzkranken besser funktioniert, als das Kurzzeitgedächtnis. Gleichwohl ist es natürlich sehr belastend, wenn ein Familienmitglied von Woche zu Woche mehr verlöscht.

Zunächst hat es mich ein wenig überrascht, dass Aki ihre Mutter aus dem gewohnten deutschen Umfeld herausgerissen hat, um nach Japan zu ihrer mütterlichen Familie zu fliegen. Doch dann ist mir aufgegangen, dass Keiko gar nicht richtig in Deutschland verwurzelt ist.

Zum Thema an Demenz habe ich schon einige andere Bücher gelesen bzw. Vorträge gehört, da mein Schwiegervater an Demenz erkrankt ist und wir sein Verlöschen hautnah miterlebt haben.

Fazit:

Leider hat mich dieses Buch nicht wirklich gepackt, weshalb es nur 3 Sterne erhält.

Veröffentlicht am 21.07.2025

Sommerlicher Krimi

Eine Olive zu viel
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Anna Apostolakis hat sich von der Abteilung Wirtschaftskriminalität aus privaten Gründen zur Kripo Kalamata versetzen lassen. Dort wird sie eher mit Skepsis aufgenommen und, als man den einflussreichen ...

Anna Apostolakis hat sich von der Abteilung Wirtschaftskriminalität aus privaten Gründen zur Kripo Kalamata versetzen lassen. Dort wird sie eher mit Skepsis aufgenommen und, als man den einflussreichen Olivenbauern Batsilakis
tot auf seiner imposanten Yacht findet, mit dem wortkargen Kollegen Loukas Petritsis zusammengespannt. Die beiden Außenseiter ermitteln. Kann das gut gehen?

Recht bald ist klar, dass hinter dem Tod des erfolgreichen Olivenbauern mehr steckt.

Und welches Spiel treibt der ständig aufbrausende Kripochef Roussos?

Meine Meinung:

Dieser Griechenland-Krimi verfügt über alles, was eine sommerliche Lektüre braucht: Sommer, Hitze, einen unmöglichen Chef, eine neu Ermittlerin, ein feschen, aber wortkargen Kollegen, ein ziemlich wirres Firmengeflecht, zwei Leichen sowie wenige Spuren, die noch dazu in der Sackgasse enden. Leseherz was willst du mehr?

Der Krimi lässt sich leicht lesen und passt gut zu den aktuell hohen Temperaturen.

Die Charaktere Anna und Loukas muss man gleich mögen, denn ihre Außenseiterrolle schweißt sie irgendwie zusammen. Sowohl Anna als auch Loukas bieten dem jeweils anderen mit kleinen Überraschungen. Eigentlich ist Anna überqualifiziert für den Job in Kalamata, hat sie doch einen Abschluss in forensischer Psychologie und Loukas spricht mehrere Sprachen, darunter auch deutsch, was er zunächst auch vor Anna verheimlicht.

Ob es eine Fortsetzung geben wird?

Fazit:

Gerne gebe ich dieser Sommerlektüre 4 Sterne.

Veröffentlicht am 21.07.2025

Der Schattenmann

Goebbels' Schatten
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Hans-Peter de Lorent befasst sich in seinem, wie er ihn nennt, Tatsachenroman mit einer Person, die stets im Schatten einer anderen steht, Dr. Werner Naumann. Er steht stets im Schatten von Propagandaminister ...

Hans-Peter de Lorent befasst sich in seinem, wie er ihn nennt, Tatsachenroman mit einer Person, die stets im Schatten einer anderen steht, Dr. Werner Naumann. Er steht stets im Schatten von Propagandaminister Joseph Goebbels. Allerdings lässt der Titel, wenn man das Buch gelesen hat, auch die Interpretation zu, Naumann wäre so etwas wie die graue Eminenz, eine Art Schattenminister, hinter Goebbels gewesen. Immerhin ist er von Adolf Hitler, wenige Stunden vor dessen Selbstmord, mit der Aufgabe betraut worden, das NS-Gedankengut zu bewahren und auch in der Zukunft hochzuhalten.

Das Buch lässt uns in die letzten Tage von Hitler, Goebbels & Co eintauchen, die sich im Führerbunker, in dem von der sowjetischen Armee bereits eingekesselten Berlin, der Realität eines verlorenen Krieges verschließen und letztlcih Selbstmord begehen. Nach Hitlers Tod gelingt es Naumann auf abenteuerlichen Wegen aus Berlin zu entkommen. Dabei hilft ihm das Netzwerk, das er vorsorgliche (?) gesponnen hat. Er lebt zunächst unerkannt und unter falschem Namen, hält sich von seiner Familie fern, legt die Gesellenprüfung zum Maurer ab und gibt die Tarnung erst 1949 auf. Gemeinsam mit anderen Gesinnungsgenossen, die in diversen Nachfolgeparteien der NSADP versammelt sind, versucht man die aktuelle Regierung unter Konrad Adenauer zu unterwandern.

„Ich bekenne mich zu einer Idee, nicht weil sie erfolgreich ist, sondern weil sie richtig ist! Wichtig ist, dass sie wahr ist, die ganze Weite unserer Seele erfasst hat! (S. 440)

1953 fliegt die Verschwörung auf. Naumann wird verhaftet, im abschließenden Entnazifizierungsprozess als Täter eingestuft, verliert deswegen das aktive und passive Wahlrecht, seinen Job und ist für die Ewiggestrigen wertlos. Man lässt ihn fallen und muss Harald Quandt, den Sohn von Magda Goebbels aus der Ehe mit Günther Quandt um einen Job anbetteln.

Seinen letzten Auftrag, den er im Führerbunker erhalten hat, kann er nicht ausführen.

Meine Meinung:

Hans-Peter de Lorent gelingt es sehr gut Fakten mit Fiktion zu verknüpfen. Grundsätzlich habe ich nicht allzu viel Neues erfahren. Vor allem über die Person Werner Naumann nicht. Möglicherweise sind Dokumente und Akten mit einem Sperrvermerk versehen und daher öffentlich noch nicht zugänglich.

Zu Beginn erhalten wir Einblick in den Führerbunker und parallel dazu durch Rückblicke, Einblick in die Biografie von Werner Naumann.

Interessant ist, dass er sich, obwohl er quasi ein Überlebender des (sogenannten) Röhm-Putsches von 1934 ist, sich wieder auf eine Verschwörung eingelassen hat. Entkommen ist er der Säuberungsaktion in der SA nur deshalb, weil Heinrich Himmler ihn geschützt hat. Dass Naumann dann in das Propagandaministerium zu Joseph Goebbels, Himmlers Intimfeind wechselt, ist ebenso ein Anachronismus, dass er, groß gewachsen und blond, nun einem Mann unterstellt ist, der dem nordischen Typ so überhaupt nicht entspricht.

Der ehemalige britische Diplomat und Hohe Kommissar Sir Ivone Kirkpatrick hat 1953 den richtigen Riecher bewiesen, als er Werner Naumann & Co verhaften hat lassen, um eine Kandidatur Naumanns bei den Allgemeinen Wahlen im Herbst 1953 zu verhindern.

Kirkpatricks hellsichtige Mahnung von 1953:

„Es wäre töricht anzunehmen, dass der Nazismus unter keinen Umständen, und auch nicht in anderer Form, im modernen Deutschland wieder erstehen könnte.“

Fazit:

Das Buch ist penibel recherchiert geschrieben und gekonnt erzählt - eine gelungene Mischung aus Sachlichkeit und Belletristik. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.