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Venatrix

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Veröffentlicht am 23.02.2021

Quo vadis, Ungarn?

Orbáns Ungarn
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"Am Beispiel Viktor Orbáns zeigt sich, wohin es führen kann, wenn nationalistische Rechtspopulisten einmal an der Macht sind."

Quo vadis Ungarn?

Der langjährige ORF Korrespondent, Paul Lendvai, ein angesehener ...

"Am Beispiel Viktor Orbáns zeigt sich, wohin es führen kann, wenn nationalistische Rechtspopulisten einmal an der Macht sind."

Quo vadis Ungarn?

Der langjährige ORF Korrespondent, Paul Lendvai, ein angesehener Osteuropa-Experte, hat den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seine Politik ins Visier genommen.

Mit einer Vielzahl durch Quellenangaben gestützter Fakten gelingt ihm eine kurzweilige Charakterisierung Orbáns.

Lendvai schildert den Werdegang des aus einfachsten Verhältnissen stammenden Orbán nicht ohne Respekt. Ist der junge Orbán doch gegen den Sozialismus auf die Barrikaden gestiegen. Wie kann es allerdings sein, dass eine solche Kehrtwende durchgemacht hat? Was treibt ihn an?

Mit seinem gnadenlosen Streben nach Macht und Einfluss, einer militanten Kampfbereitschaft und strategischen Wendigkeit hat Orbán sich und seine Partei in die heutige Position bringen können. Er prangert die Korruption der ehemaligen sozialistischen Regierungen an und bedient sich gleichzeitig aus den Kassen des Staates. Er lässt Freunde an die Futtertröge der Macht und lässt sie, sobald sie nicht mehr nützlich erscheinen, einfach fallen bzw. lässt sie verfolgen. Er spielt mit den nationalistischen Gefühlen der Menschen, wie es ihm gerade passt. Orbàn ist Nutznießer des Zerfalls und der Uneinigkeit der anderen Parteien, die seinem Aufstieg nur hilflos zusehen (können). Seine Hauptinteressen sind Vermehrung von Macht und Geld sowie Fußball.
Aufkeimende Opposition erstickt er im Keim. Selbst die ihm bislang nützliche rechtsradikale Partei „Jobbik“ überholt er durch seine ausländerfeindliche Politik. Und hier ist noch gar nicht seine Flüchtlingspolitik gemeint, sondern „Strafsteuern und „Strafzölle“ für ausländische Unternehmen, die in Ungarn Geschäfte machen woll(t)en. Beginnend mit den Lebensmittelkonzernen wie REWE oder Spar und diversen Banken. Auf den Millionär George Sörös, der einige Universitäten sponsert, hat er eine regelrechte Hexenjagd entfacht.

Zahlreiche Weggefährten werden, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan haben, auf ein Abstellgleis gestellt. So wird János Lázár entmachtet und erhält den Posten eines „Staatssekretärs für Nichtraucherschutz“. Echt, so etwas gibt es in Ungarn.

Was will Orbán mit seiner doppelbödigen Politik bezwecken? Die Rückkehr zu einem totalitären Staat wie einst unter den Kommunisten? Wiedererrichtung des Horthy-Regimes?

Das vorliegende Buch ist die 2020 aktualisierte Ausgabe des 2016 erschienenen Buchs und eine exzellent recherchierte Analyse der ungarischen Politik seit 1989. Einiges hat sich inzwischen weiter zugespitzt und Viktor Orbàns Populismus hat leider zahlreiche Nachahmer gefunden. Die eifrigen Kopisten von Orbáns Politik in Österreich sind inzwischen Geschichte.

„Die Seele des (ungarischen) Volkes wird mit Hass und Furcht vergiftet.“ (Agnes Heller (1929-2019)).

Fazit:

Das vorliegende Buch ist die 2020 aktualisierte Ausgabe der 2016 erschienenen Biografie Viktor Orbáns und eine exzellent recherchierte Analyse der ungarischen Politik seit 1989. Hier gebe ich eine Leseempfehlung und 5 Sterne.

Veröffentlicht am 23.02.2021

MAcht korrumpiert

Verletzte Gefühle
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Dieses Buch wurde mir von Dr. Barbara Brunner, jener Agentur für Öffentlichkeitsarbeit, die mich mit seit einigen Jahren mit Lesestoff versorgt, empfohlen. Obwohl ich üblicherweise so meine liebe Not mit ...

Dieses Buch wurde mir von Dr. Barbara Brunner, jener Agentur für Öffentlichkeitsarbeit, die mich mit seit einigen Jahren mit Lesestoff versorgt, empfohlen. Obwohl ich üblicherweise so meine liebe Not mit russischen Autorinnen und
Autoren habe, habe ich mich auf dieses Buch von Alissa Ganijewa eingelassen. Die Autorin gilt als neuer Stern des russischen Literaturhimmels und lebt in Moskau.

Worum geht’s?

In einer nicht näher bezeichneten russischen Provinzstadt setzt sich ein unbekannter Mann zu Nikolaj ins Auto und stirbt wenig später. Der Zufall (?) will es, dass Nikolaj bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt.

Als man entdeckt, dass der unbekannte Tote Andrej Ljamzin, der total korrupte Regionalminister für wirtschaftliche Entwicklung, ist, setzt sich eine Spirale der Vertuschung in Bewegung, deren Geschwindigkeit rasend zunimmt.
Ein Seitenblick auf Ljamzins Ehefrau, eine Schuldirektorin, und seine Geliebte offenbaren ein Art Selbstbedienungsladen der Politiker. Die beiden Frauen bedienen sich ungeniert an unterschiedlichen staatlichen Töpfen. Speisen in den teuersten Lokalen, kleiden sich (geschmacklos) in teure Designerfetzen und hängen sich funkelnde Juwelen um den Hals, während auf der anderen Seite die defekte Kanalisation nicht repariert werden kann.

Ein weiterer Blick zeigt, wie die Andersdenkende mundtot gemacht werden. So wird ein Geschichtelehrer, der allzu objektiv unterrichtet aus dem Schuldienst entlassen und ein Journalist, der Vorwürfe gegen einen Oberstaatsanwalt recherchiert, brutal verprügelt wird.

Meine Meinung:

Die Autorin beschreibt eine postkommunistische Welt, in der sich wie ehedem viele der Korruption bedienen, um sich zu bereichern. Es scheint, als hätte sich wenig geändert. Da kommen die Gerüchte um ein Luxusdomizil rund um Wladimir Putin gerade recht (oder zur Unzeit). Hat er oder hat er nicht?

Die Autorin, deren Familie aus der russischen Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus stammt, hat eine bitterböse Satire verfasst, die zwei interessante Details aufweist: Zum einen wird das Buch vom kleinen, aber feinen Klagenfurter Wieser-Verlag herausgegeben, obwohl Ganijewas Bücher bislang im Suhrkamp-Verlag auf deutsch erschienen sind und zum anderen, ist just der österreichische Botschafter in Moskau der Übersetzer dieses Werkes. Man kann nur hoffen, dass das nicht zu politischen Verstimmungen führen wird. Es ist ja bekannt, dass Moskau hier sehr empfindlich reagiert.

Mir ist der österreichische Sprachduktus, der sich wohltuend von der bundesdeutschen Sprachmelodie abhebt, gleich aufgefallen.

Fazit:

Eine bitterböse Satire auf korrupte Politiker, die sich so oder so ähnlich grundsätzlich einmal überall auf der Welt stattfinden kann. Die Autorin hat eben eine nicht näher bezeichnete russische Provinzstadt als Schauplatz gewählt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 23.02.2021

Ein gelungenes Experiment

Reigen Reloaded
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Barbara Rieger hat für die Neuauflage von Arthur Schnitzlers „Reigen“ neun Schriftstellerkolleginnen und Kollegen eingeladen, eine Episode in die Gegenwart zu verlagern. Dabei kommen bekannten Namen wie ...

Barbara Rieger hat für die Neuauflage von Arthur Schnitzlers „Reigen“ neun Schriftstellerkolleginnen und Kollegen eingeladen, eine Episode in die Gegenwart zu verlagern. Dabei kommen bekannten Namen wie Gertraud Klemm, Daniel Wisser, Petra Ganglbauer und nicht zuletzt Barbara Rieger selbst zu Wort.

Das Experiment, Schnitzlers skandalumwitterten Theaterstück in einen Prosa Text zu verwandeln, darf man als gelungen ansehen. Zum direkten Vergleich ist im Anschluss der Originaltext zu lesen.

Die Aufmachung des Buches aus dem Verlag Kremayr & Scheriau ist gediegen: Hardcover mit Lesebändchen. Schrift und das Design des Covers erinnern an die Wiener Werkstätte von Joseph Hoffmann.

Fazit:

Ein gelungenes Experiment, das auch Literaturfans gefallen wird. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 23.02.2021

Nazis auf der Flucht

Rattenlinien
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Autor Martin von Arndt entführt uns in das Jahr 1946. Deutschland liegt in Trümmern, der grausame Hungerwinter steht bevor und die Siegermächte, allen voran die USA sind dabei, die NS-Verbrecher aufzuspüren ...

Autor Martin von Arndt entführt uns in das Jahr 1946. Deutschland liegt in Trümmern, der grausame Hungerwinter steht bevor und die Siegermächte, allen voran die USA sind dabei, die NS-Verbrecher aufzuspüren und vor Gericht zu stellen. Das führt dazu, dass zahlreiche Nazis die selben Fluchtrouten, die zuvor Juden, Kommunisten oder andere Verfolgte benützen, um aus Deutschland zu flüchten und der Gerichtsbarkeit zu entkommen.

Einer dieser Männer ist Gerhard Wagner, der als „Schlächter von Baranawitschy“, bekannt ist. Sein ehemaliger Vorgesetzter aus den 1920er Jahren, Andreas Eckart, der auf Grund seiner Gesinnung rechtzeitig vor den Nazis in die USA emmigriert ist, wird von der US-Army angeworben, um Wagner dingfest zu machen. Eckart hat noch eine persönliche Rechnung mit Wagner offen. Gemeinsam mit dem etwas undurchsichtigen Special Agent Dan Vanuzzi jagt Eckart dem SS-Mann hinterher.

Meine Meinung:

Das Thema ist spannend, vor allem in Hinblick auf die unterschiedlichen Beweggründe der einzelnen Protagonisten. Wir verfolgen Wagner von München aus über Innsbruck, folgen seinen Spuren über die verschneiten Berge nach Südtirol und nach Rom, um den Kriegsverbrecher an seiner Abreise nach Argentinien zu hindern. Dabei treffen wir auf zahlreiche Menschen, denen nicht zu trauen ist, weil sie selbst Dreck am Stecken haben, oder wie die Würdenträger im Vatikan, nach wie vor ihren Judenhass pflegen. Lieber einem (ehemaligen) Nazi helfen als einem Juden oder Kommunisten.

Die paranoide Angst vor den Kommunisten nützen die NS-Schergen weidlich aus und so kommt es, dass auch der US-Army nicht wirklich zu trauen ist.

Die Geschichte ist spannend erzählt. Manchmal bedient sich der Autor ein wenig krauser Wortschöpfungen. So verwendet er mehrmals das Verb „ermuntern“ in völlig sinnentleerter Art und Weise. Statt „Eckart wachte auf“ schreibt er „Eckart ermunterte“. Dass so etwas im Korrektorat oder Lektorat nicht auffällt?

Fazit:

Eine aufregende Jagd quer durch Mitteleuropa, um diversen NS-Verbrechern habhaft zu werden. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 20.02.2021

Familiengeheimnisse

Die Pilotin
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Dieser Roman spielt auf zwei Zeitebenen, die einander bedingen. Zum einem führt uns die Autorin zurück in die 1940er Jahre und zum anderen in das Jahr 2006.

Nancy Kelly, Pilotin aus Florida, wird 1942 ...

Dieser Roman spielt auf zwei Zeitebenen, die einander bedingen. Zum einem führt uns die Autorin zurück in die 1940er Jahre und zum anderen in das Jahr 2006.

Nancy Kelly, Pilotin aus Florida, wird 1942 von der US-Airforce angeworben, die britische Luftwaffe als Transportfliegerin zu unterstützen. Die kostbaren männlichen Piloten fliegen Einsätze gegen Nazi-Deutschland und für Überstellungsflüge setzt man Frauen ein. Es kommt, wie es kommen muss: Nancy verliebt sich in Mac, Ausbilder und langgedienter Kampfpilot. Es folgt ein heimliches, kurzes Glück, weil Nancy verlobt und Mac verheiratet ist.

Im Sommer 2006 ist Nancy eine alte Frau, die vor ihrem Tod noch reinen Tisch machen will. Aufgrund zahlreicher Geheimnisse ist die Familie zerrüttet. Ihre Enkelin Sarah, begeisterte Fliegerin wie sie selbst, soll nach Europa reisen und Mac bzw. seine Familie suchen.
Bei dieser Suche werden alte Wunden aufgerissen, kommen nie aufgeklärter Missverständnisse und Heimlichkeiten ans Tageslicht.

Meine Meinung:

Die Ereignisse in der Vergangenheit habe ich mit großem Interesse und Spannung gelesen. Dass amerikanische und englische Pilotinnen die Royal Airforce unterstützt haben, ist wohl nicht so bekannt.

Gut gelungen ist meiner Ansicht nach die Gier nach Leben und Liebe in Zeiten des Krieges. Wenn man weiß, dass die meisten britischen Piloten nur wenige Wochen im Luftkampf überlebten, ist dies gut verständlich. Die Angehörigen mussten jederzeit darauf gefasst sein, dass die Piloten vermisst gemeldet würde. So ergeht es auch Nancy. Mac kommt von einem Einsatz nicht mehr zurück.
Als sie dann noch entdeckt, schwanger zu sein, ist ihr Entschluss, ihren Verlobten Joe Costello zu heiraten, möglicherweise moralisch nicht einwandfrei, aber aus ihrer Sicht verständlich. Ob dieses Kind, John, von Mac oder doch von Joe ist, bleibt lange Zeit auch für die Leser unklar. Seine Geschwister Ellen und Ritchie fühlen sich John gegenüber immer zurückgesetzt, denn der ältere Bruder ist ein verwegener Flieger und der Liebling der Mutter. Erst nach und nach enthüllt Nancy Sarah Johns Geheimnis rund um seinen Tod.

Die raschen und häufigen Perspektivenwechsel sind für manche Leser bestimmt gewöhnungsbedürftig. Mir haben sie nichts ausgemacht. Allerdings hat die Autorin versucht, viele Haupt- und Nebensachen in diesen Roman zu packen. Hier wäre ein bisschen weniger, mehr gewesen. Am meisten hat mich genervt, dass Sarah unbedingt Mann und Kind haben will. Sie taxiert alle Männer auf „Ehemanntauglichkeit“. Das finde ich übertrieben und stellenweise unstimmig, denn sie wird eigentlich als toughe Frau präsentiert.

Auch die Episoden rund um Ritchie, der das kleine Bedarfsflugunternehmen seiner Mutter um jeden Preis retten will, um endlich ihre Anerkennung zu erhalten, ist grundsätzlich eine interessante Idee. Leider gerät auch dieser Handlungsstrang ein wenig übertrieben, als er sich breitschlagen lässt, für einen windigen Geschäftsmann Drogen zu schmuggeln.

Fazit:

Der historische Teil hätte 4 Sterne verdient, doch durch die Verwässerung des Gegenwartsstranges kann ich nur 3 Sterne vergeben.