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Venatrix

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Veröffentlicht am 25.07.2019

Wohin das Spiel mit Mach und Angst führen kann

Kurz & Kickl
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„Es begann mit heiligen Schwüren und endete mit düsteren Drohungen“.

Als im Dezember 2017 die türkis-blaue Regierung feststand, wurden die ersten Wetten über deren Dauer abgeschlossen. Warum? Weil in ...

„Es begann mit heiligen Schwüren und endete mit düsteren Drohungen“.

Als im Dezember 2017 die türkis-blaue Regierung feststand, wurden die ersten Wetten über deren Dauer abgeschlossen. Warum? Weil in dieser Regierung mehrere mögliche Sollbruchstellen enthalten waren. Dass diese Koalition zwei Regierungsperioden halten sollte, wie von deren Schöpfern verkündet, glaubte schon damals niemand. Ob der kühle Rechner und machthungrige Stratege Sebastian Kurz diese einkalkuliert hat? Oder ist ihm Innenminister Herbert Kickl einfach über den Kopf gewachsen?

Dieses Buch von Helmut Brandstätter zeigt in 16 Kapiteln (17 hätten mir noch besser gefallen - für jedes Regierungsmonat eines) wie subtil Kurz und Kickl auf dem Klavier von Macht und Angst spielen konnten.
Unverständlich, warum Kurz sowohl Innen- als auch Verteidigungsressort den Blauen überlassen hat. Zwei Schlüsselministerien, die in einem worst case-Szenario die Republik in einem Handstreich übernehmen hätten können. Dass es hierzu letztlich doch nicht gekommen ist, ist wohl der Angst vor der eigenen Courage zuzuschreiben und dem „Genug ist genug“. Denn es wurde recht fest in diese Richtung gearbeitet. Umfärben von Ministerien und staatsnahen Betrieben hat leider in Österreich lange Tradition. Das konnten die anderen Parteien auch sehr gut.

Warum war eigentlich von den starken ÖVP-Landeshauptleuten oder den Bünden nicht zu hören? Bislang hatten sich diese immer recht lautstark zu Wort gemeldet.

Dass Herbert Kickl seine eigene Vorstellung von einem Rechtsstaat hat, ist seit Jörg Haiders Zeiten bekannt.

Von „Message Control“ zu „Thought Control“ ist der Weg sehr nicht weit. Wenn die Medien „gleichgeschaltet“ werden soll(t)en, erinnert das vor allem die Älteren unter uns an unselige Zeiten. Wenn Journalisten beim Schreiben ihrer Artikel überlegen (müssen), ob ihnen diese oder jene Formulierung schaden könnte, oder Generalsekretäre in den Redaktionen anrufen und Einfluss auf die Berichterstattung nehmen wollen, befinden wir uns auf einem gefährlichen Terrain. Der populistische Ansage, die GIS-Gebühr des ORF abzuschaffen, wäre tosender Applaus der Leute sicher, die Übernahme des staatlichen Fernsehens zu einem „Regierungsfunk“ à la Victor Orbán, wäre der Preis dafür.

„Die Demokratie lebt von starken Medien - in Sonntagsreden hören wir das auch von Politikern, in der Praxis ist das Bekenntnis brüchig.“ (S.55)

Helmut Brandstätter listet in seiner Analyse dieser 17 Monate Regierung Kurz Mechanismen der Macht auf, die sowohl von Sebstian Kurz als auch von Herbert Kickl häufig angewendet wurden und noch werden. Das Ende der ersten türkis-blauen Koalition ist nicht nur durch die vielen „Einzelfälle“ der blauen Entgleisungen hervorgerufen worden, sondern vermutlich deswegen, weil der Bundeskanzler und sein Team vor der Umsetzung so mancher Idee des Innenministers Angst bekommen haben. Hat Kurz Kickl beim Spiel um die Macht im Land unterschätzt?

Umso erstaunlicher scheint es, dass Sebastian Kurz an eine mögliche Neuauflage dieser Koalition nach den Wahlen im Herbst denkt. Selbst wenn Herbert Kickl kein Regierungsamt erhält, wird er im Hintergrund die Fäden ziehen (wollen).

Fazit:

Ein notwendiges Buch, das aufzeigt, welcher Mechanismen sich das hemmungslose Spiel mit Macht und Angst bedient. Gerne gebe ich hier eine unbedingte Leseempfehlung und 5 Sterne.

Veröffentlicht am 25.07.2019

Messerscharfe Analysen und ein zeitgeschichtliches Dokument

Die verspielte Welt
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Paul Lendvai ist neben Hugo Portisch der Doyen des österreichischen politischen Journalismus.

In diesem, seinem aktuellsten Buch, schreibt er über seine Begegnungen mit Machthabern und Politikern. Er ...

Paul Lendvai ist neben Hugo Portisch der Doyen des österreichischen politischen Journalismus.

In diesem, seinem aktuellsten Buch, schreibt er über seine Begegnungen mit Machthabern und Politikern. Er spannt den Bogen weit. Er hat sich mit angenehmen und unangenehmen, mit altruistischen und egozentrischen Politikern getroffen.

In 13 Kapiteln erfahren wir einiges, zum Teil Unbekanntes wie die „Albanisches Abenteuer“ betitelte Episode.

Er beschreibt die Verwandlung von manchem Machthaber vom Liberalen zum Autokraten, der seinen früheren Förderer nun verunglimpft.

Paul Lendvai wirft auch einen kritischen Blick auf das Versagen der Europäischen Politik im Balkankrieg.

Im letzten Kapitel warnt der Journalist vor der gefährlichen Sehnsucht nach dem „starken Mann“, die in vielen Staaten weltweit spürbar ist.

Der 1929 geborene Paul Lendvai weiß wovon er spricht. Er ist dem Nazi-Terror 1944 nur knapp, mittels eines Schweizer Schutzpasses nach Budapest entkommen. Nach dem Krieg wird er im kommunistischen Ungarn verhaftet und mit Berufsverbot belegt. Während des Ungarnaufstandes 1956 gelingt ihm die Flucht und seit 1957 lebt er in Wien. Er ist der profundeste Kenner Osteuropas.

Paul Lendvais Schreibstil ist präzise, manchmal pointiert und seine Analysen immer messerscharf.

Fazit:

Mit diesem Buch schenkt uns Paul Lendvai einen wahren Schatz an Erinnerungen an bedeutende und weniger bedeutende, dennoch interessante Persönlichkeiten, das gleichzeitig ein hervorragendes zeitgeschichtliches Dokument darstellt. Gerne gebe ich hier eine unbedingte Leseempfehlung und 5 Sterne.

Veröffentlicht am 25.07.2019

Auftakt einer fesselnden Reihe

Lava und Wellen: Tod auf dem Vulkan
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Nach dem Unfalltod seines Sohnes, an dem er sich eine Mitschuld gibt, quittiert der erfolgreiche Pariser Polizeibeamte Lucien Mahé seinen Dienst und kehrt in seine Heimat, auf die Insel La Réunion, zurück. ...

Nach dem Unfalltod seines Sohnes, an dem er sich eine Mitschuld gibt, quittiert der erfolgreiche Pariser Polizeibeamte Lucien Mahé seinen Dienst und kehrt in seine Heimat, auf die Insel La Réunion, zurück. Doch mit dem ersehnten Abstand von der Ermittlungsarbeit wird es nichts, denn der bekannte Vulkanologe Xavier Lèfevre wird am Rand, des kurz vor dem Ausbruch stehenden, Piton de la Forunaise tot aufgefunden. Schnell ist klar, dass es hier ein Mord vorliegt.

Obwohl Mahé weder sein übliches Team, noch über irgendwelche Befugnisse verfügt, übernimmt er auf Melissas Bitten hin, die Recherchen, denn Melissa ist eine alte Schulkollegin.

Die Witwe und Yannick, der Sohn des Ermordeten geraten ins Visier des ermittelnden Beamten Pascal Talon. Andere mögliche Spuren negiert Talon hartnäckig, denn mit Melissa und ihrer Familie ist Talon seit längerem verfeindet. Zum einen hat er von Melissa einst eine massive Abfuhr erhalten und zweitens ist ihr Bruder Denis der Liebhaber seiner Frau. Liebend gerne würde er den beiden den Mord in die Schuhe schieben.
Doch da hat er die Rechnung ohne den Wirt, in Form von Lucien, gemacht.

Meine Meinung:

Dieser erste Krimi aus einer Reihe, die auf der exotischen Insel spielt, ist ein klassisch angelegter Kriminalfall. Das gefällt mir recht gut. Die Beschreibung der Personen, ihre möglichen Motive und der wunderschönen Insel lesen sich ausgezeichnet. Man erfährt so nebenbei einiges über Land und Leute. Außerdem dürfen die Leser den Protagonisten beim Kochen kreolischer Gerichte in den Topf schauen. Der Duft von Vanille zieht sich durch das ganze Buch.
Der Krimi besticht durch die beiden gegensätzlichen Polizisten. Da der unbestechliche Lucien, dort der rachsüchtige Pascal, der vor lauter Wut auf Melissa und ihre Familie das Wesentliche übersieht. Auch die anderen Mitwirkenden sind gut gezeichnete Charaktere, die ihre Ecken und Kanten haben.

Der Spannungsbogen ist durchgehend hoch und hat noch einen extra Peak, als Luciens Tochter Alizée überraschend auf der Insel auftaucht.

Der Schreibstil ist flüssig und das Buch hat erfreulich wenig Tippfehler. Das gut durchdachte Ende lässt auf einen Verbleib Lucien Mahés auf der schönen Insel hoffen.

Fazit:

Dieser Auftakt einer neuen Krimi-Reihe ist sehr gut gelungen. Fans von klassischen Krimis kommen hier voll auf ihre Rechnung. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 25.07.2019

Hat mich leider nicht überzeugt

Wolgakinder
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Auf dieses Buch war ich sehr neugierig. Ich habe gehofft, eine romanhafte Dokumentation über jene Familien zu erhalten, die im 18. Jahrhundert unter Zarin Katharina II. (der Großen) in das Zarenreich eingewandert ...

Auf dieses Buch war ich sehr neugierig. Ich habe gehofft, eine romanhafte Dokumentation über jene Familien zu erhalten, die im 18. Jahrhundert unter Zarin Katharina II. (der Großen) in das Zarenreich eingewandert sind. Bekommen habe ich eine Geschichte, die stellenweise schwer zu durchschauen ist.

Gusel Jachina hat es uns Lesern mit ihrem opulenten, märchenhaft anmutenden Schreibstil nicht leicht gemacht. Nur hin und wieder tauchen historische Ereignisse in der, von der lauten Welt abgeschotteten Gemeinde Gnadental, auf. So erscheint Stalin zweimal, allerdings nicht leibhaftig, sondern eher allegorisch.

Trotz der schönen Sprache kann ich leider nicht mehr als 3 Sterne vergeben. Die Geschichte ist doch sehr speziell.

Veröffentlicht am 24.07.2019

EIn Sommerkrimi mit ernsten Themen

Tod am Aphroditefelsen
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Dies ist der erste Krimi von Yanis Kostas, des unter diesem Pseudonym schreibenden deutschen Autors, der bereits mehrere Frankreich-Krimis geschrieben hat.

Sofia Perikles, Tochter des zypriotischen Botschafters ...

Dies ist der erste Krimi von Yanis Kostas, des unter diesem Pseudonym schreibenden deutschen Autors, der bereits mehrere Frankreich-Krimis geschrieben hat.

Sofia Perikles, Tochter des zypriotischen Botschafters in Paris, kehrt nach mehreren Auslandsaufenthalten in Berlin und London in ihre Heimat Zypern zurück. In der Tasche eine Zusage für einen Job im Innenministerium in Nikosia. Doch anders als erwartet, wird es nichts mit einem schicken Büro. Sofia wird, weil die Kommunisten die Wahl gewonnen haben und alle bisherigen Politgünstlinge aus ihren Ämtern geworfen werden, um Platz für das eigene, kommunistische Klientel zu schaffen, in ein 14-Seelen-Dorf unmittelbar an der türkis-zypriotischen Grenze geschickt. Dort soll sie als Juniorpartner dem Dorfpolizisten zur Hand gehen. Auch für ihren Vater gibt es ein böses Erwachen. Statt in Washington findet er sich in Jerewan wieder.

Sofia will nur eines – weg aus diesem trostlosen Dorf, weg vom ewig betrunkenen, Frauen verachtenden Polizeikollegen, der ein alkohol- und nikotingeschwängertes Leben in einem ausrangierten Container fristet. Anders als in ihrem bisherigen Leben, kann der Herr Papa jetzt nicht weiterhelfen, da er selbst kalt gestellt ist.

Doch dann stirbt ein junges Paar, sie Zypriotin, er Türke, bei einem Autounfall.

Die kommunistische Vorgesetzte will den Tod des Paares, das es eigentlich nicht geben dürfte, so schnell wie möglich zu den Akten legen. In Sofia regt sich Widerspruch und so beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln. Unterstützt wird sie dabei nur von der ebenfalls auf der Abschussliste stehenden Polizistin Chief Inspectorin Charalambous.

Je tiefer sie in die Geschichte des toten Paares eindringt, desto verworrener wird die Geschichte. Warum musste Elena sterben? Und was hat es mit den vier betagten reichen Damen auf sich, in deren wunderhübschen Villen Elena geputzt hat?

Meine Meinung:

Tja, was soll ich hier sagen? Auf der einen Seite gefällt mir gut, dass es zu Beginn jedes Kapitels Informationen zu jenen Orten des Landes, in denen Sofia gerade zu tun hat, gibt. Andererseits enthält der Krimi an vielen Stellen sexistische Aussagen. So wird die 27-jährige Sofia ständig „Fräulein“ oder „Tausendschön“ genannt und Chief Inspectorin Charalambous als „Kampflesbe" bezeichnet. OK, der Kosename für Toby ist „Arschgeige“ – das passt immerhin, weil er sich, um auf der Karriereleiter schnell hoch zu klettern, auch wie der letzte Arsch benimmt. Leider wiederholen sich diese Wörter, was sie nicht attraktiver sondern eher nervend machen.

Gut gefällt mir, wie das Leben an der Grenze dargestellt ist. Als die Türken 1974 in Zypern einmarschiert sind und sich die Insel unter den Nagel reißen wollten, haben die Weltmächte dezent zur Seite gesehen und eigene Interessen vor das Wohl der Zyprioten gestellt. Das hat zur Folge, dass die Insel bis heute geteilt ist und als Pufferzone UN-Soldaten stationiert sind. Verbindungen zwischen Türken und Zyprioten gibt es, sind aber nicht gerne gesehen. Die Insel der Aphrodite, wie Zypern gerne genannt wird, hat außer ein wenig Tourismus wenig zu bieten und gilt als Steuerparadies, was auch windige bzw. skrupellose Geschäftsleute anlockt. Immobilienspekulationen sind das aktuell einträglichste Geschäftsmodell.

All dies verpackt der Autor recht gut in die Handlung. Dass bei einem Machtwechsel in der Regierung die meisten Satrapen und Günstlinge ausgetauscht (=“umgefärbt“) werden, ist jetzt nicht unbedingt ein zypriotisches Merkmal. Das wird anderswo ebenfalls so gemacht.

Mit dem Charakter der Sofia Perikles bin ich nicht so ganz warm geworden. Sie wirkt auf mich wie ein verzogenes Gör, das sich immer auf den Daddy verlässt, wenn es brenzlig wird. Nun kann er ihr nicht mehr wirklich helfen und sie muss selbst für ihr Fortkommen sorgen. An manchen Stellen hat sie recht gute Ansätze, um dann wenig später wieder nur an schöne Männer und Partys zu denken.
Einige der Nebenfiguren sind recht skurril und doch liebenswert, wie z.B. die alte Lady Georgia Gladstone oder die schon erwähnte Chief Inspectorin Charalambous. Die Teilung der Insel lässt die Bewohner nach wie vor nicht kalt und so gibt es immer auch persönliche Differenzen, die manchmal auch in handfeste Auseinandersetzungen ausarten. Also, langweilig wird Sofia Perikles nicht, wenn sie sich nur auf ihre Aufgaben einlässt.

Überraschend taucht dann noch Sofias englischer Boyfriend Carl auf, den wir bislang nur als Stimme am Mobiltelefon kennen. Wird sich Sofia für Carl oder vielleicht doch für Christos, den glutäugigen Sohn ihrer Vermieter entscheiden? Der Cliffhanger am Ende dieses Krimis lässt alle möglichen Spekulationen zu.

Fazit:

Ein leichter Sommerkrimi, der mehrere Ansätze mit ernsten Themen verknüpft, aber aufgrund sprachlicher Unebenheiten von mir nur 3 Sterne bekommt