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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.02.2019

SChatten der Vergangenheit

Der Hunger der Lebenden (Friederike Matthée ermittelt 2)
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Köln, Sommer 1947: Friederike Matthée wird mit dem Mord an der ehemaligen Polizeimitarbeiterin Ilse Röder konfrontiert. Man hat ihr mehrmals ins Gesicht geschossen - ein Akt voll Hass und Wut. Der Fall ...

Köln, Sommer 1947: Friederike Matthée wird mit dem Mord an der ehemaligen Polizeimitarbeiterin Ilse Röder konfrontiert. Man hat ihr mehrmals ins Gesicht geschossen - ein Akt voll Hass und Wut. Der Fall scheint eigentlich klar, denn man hat Franziska Wagner mit der Tatwaffe in der Hand neben der Leiche vorgefunden. Außerdem hat Franziska jeden Grund Ilse Röder zu hassen, denn sie hat das Mädchen in das Frauenkonzentrationslager Uckermarck einweisen lassen, wo sie und die anderen Insassinnen erniedrigt und gequält wurden. Doch Friederike glaubt, mit der ihr eigenen Intuition, nicht an Franziskas Schuld. Allerdings will man bei Polizei nichts davon wissen. Friederike bleibt nichts anderes übrig, als heimlich zu ermitteln.

Beinahe gleichzeitig werden unweit vom Anwesen der Röders ein Grab mit den Überresten von 1944 abgeschossenen britischen Kampffliegern gefunden. Sie haben den Absturz überlebt, um dann ermordet zu werden. Mit der Aufklärung dieses Verbrechens wird Richard Davies beauftragt. Es scheint, dass die beiden Verbrechen in einem Zusammenhang stehen, doch in welchem?

Friederike und Richard arbeiten wieder gemeinsam an der Aufklärung.

Meine Meinung:

Autorin Beate Sauer ist wieder ein beeindruckendes Zeitdokument der Nachkriegsjahre gelungen. Köln liegt noch immer in Trümmern, die Lebensmittel sind nach wie vor knapp und tausende entwurzelte Menschen versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen. Wie immer sind es die Frauen, die die Hauptlast tragen. Doch viele elternlose Kinder sind sich selbst überlassen, da es wenig Pflegeeltern gibt und in den Kinderheimen nach wie vor der Geist der Nazis herrscht, auch wenn sie von Klosterfrauen betrieben werden. Sowohl das Schicksal von Franziska als auch der kleinen Elli geht den Lesern unter die Haut.
Wir erfahren einiges aus Friederikes früherem Leben und welche Abgründe sich in den Seelen so mancher Kriegsheimkehrer verbergen. Auch die ermordete Ilse Röder hat mehr als ein Gesicht. Und, dass sich hinter so mancher soignierte Fassade ein eiskalter Verbrecher verbirgt, sollte gerade zu dieser Zeit niemand verwundern.

Gut beschrieben ist die emotionale Hochschaubahnfahrt von Richard Davies, der ja der Sohn einer jüdischer Familie Deutschlands entstammt. Solle er, um der Liebe zu Friederike willen, wieder ganz nach Köln zurückkehren? In das Land, das seine Familie ermordet hat und dessen Bewohner nach wie vor judenfeindlich eingestellt sind?

Für einige Leser wird die zarte Liebesgeschichte für einen Krimi unpassend erscheinen, doch vermittelt sie den Hoffnungsschimmer, der langsam aufkeimt.

Beate Sauer hat sich gegenüber dem ersten Fall („Echo der Toten“) noch ein wenig gesteigert. Die verquickt Dichtung und (schonungslose) Wahrheit recht gut. Besonders die Anmerkungen am Ende des Buches helfen Lesern, die sich in dieser Nachkriegszeit nicht so gut auskennen, diese Zeit besser zu verstehen.

Auch der Titel ist gut gewählt. Er spiegelt nicht nur den echten Hunger nach Nahrung, sondern auch den Hunger nach Normalität wider, nach dem sich die Menschen sehnen.


Fazit:

Mir hat dieser Krimi wieder sehr gut gefallen. Daher gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 01.02.2019

Begeisterung wirkt ...

Begeisterung
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Micky Kaltenstein, Autorin und Journalistin, schreibt fasziniert von der Begeisterung, die viele Menschen antreibt, etwas Ungewöhnliches zu tun.

Aus der Vielzahl der Menschen hat die Autorin 9 Personen ...

Micky Kaltenstein, Autorin und Journalistin, schreibt fasziniert von der Begeisterung, die viele Menschen antreibt, etwas Ungewöhnliches zu tun.

Aus der Vielzahl der Menschen hat die Autorin 9 Personen herausgepickt, die sie befragt und porträtiert hat. Der Bogen ist dabei weit gespannt.

Georg Clementi (Schauspieler, Chansonnier)
Laura Dekker (Seglerin)
Gerold Tusch (Keramiker)
Elisabeth Fuchs (Dirigentin)
Gabriele Gmeiner (Maßschuhmacherin)
Ralph Caspers (TV-Moderator, Schauspieler)
Barbara Bonney (ehemalige Opernsängerin, Boutique-Besitzerin)
Hildegard Neumann (ehemalige Gewandmeisterin, aktive Musikliebhaberin)
Gerald Hüther (Neurobiologe, Hirnforscher

Diese neun höchst unterschiedlichen Menschen erzählen davon, was sie antreibt und inspiriert. Sie berichten, dass manchmal die Herkunft oder Leben an sich ihnen einige Stolpersteine in den Weg gelegt hat, die sie auf Grund ihres Enthusiasums überwinden konnten.
Meine Meinung:
In der Einleitung beklagt die Autorin, dass kleinen Kindern die Begeisterungsfähigkeit „aberzogen“ wird. Vielfach wird auch in den Schulen der Fokus auf andere Fähigkeiten gelegt. Doch, wenn man wirklich für eine Sache brennt, ist alles andere nebensächlich. Laura Dekker , die als Halbwüchsige allein rund um die Welt segelte, ist hierfür das beste Beispiel.
Der Schreibstil ist ansprechend, locker und flüssig.
Hirnforscher Gerald Hüther traut der Begeisterung allerdings nicht über den Weg. Für ihn ist sie doch ein wenig ein „Strohfeuer“ und „Freude“ das nachhaltigere Gefühl. Er vergleicht „Begeisterung/Freude“ mit Verliebtheit“ und „Liebe“.
Dem möchte ich nichts mehr hinzufügen.

Fazit:

Ein nettes Mitbringsel aus dem Salzburger Pustet-Verlag, dem ich mit Begeisterung 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 30.01.2019

Eine ungewöhnliche Darstellung

Schwanzer – Architekt aus Leidenschaft
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Dieser Comic ist die ungewöhnliche Biografie eines ungewöhnlichen Menschen, des Wiener Architekten Karl Schwanzer. (1918 - 1975)

Schwanzer hat wie kaum ein anderer seiner Leidenschaft gefrönt, doch anders ...

Dieser Comic ist die ungewöhnliche Biografie eines ungewöhnlichen Menschen, des Wiener Architekten Karl Schwanzer. (1918 - 1975)

Schwanzer hat wie kaum ein anderer seiner Leidenschaft gefrönt, doch anders als viele andere österreichischen Architekten ist er nicht (mehr) so präsent. Kaum jemand weiß, dass er den Pavillon für die Weltausstellung 1958 in Brüssel konzipiert hat. Nach dem Ende der Weltausstellung ist das Gebäude abgebaut und nach Wien gebracht worden, wo es als Museum des 20. Jahrhunderts vulgo „Das Zwanzger-Haus“ bekannt ist. Da ihm schon damals Nachhaltigkeit (auch wenn man das damals nicht so nannte) wichtig war, hat Schwanzer darauf geachtet, dass Bauteile wiederverwendet werden konnten.

Karl Schwanzer hat an sehr vielen Architekurwettbewerben teilgenommen und einige auch gewonnen. So z.B. konnte er in Brasilia, der neuen Hauptstadt Brasiliens, einige Gebäude errichten. Oder den Firmensitz von BMW in München (1972) oder das sogenannte „Philips-Haus“ in Wien, das nun zu einem Wohngebäude umgebaut wird.

Selbst wenn er bei den Wettbewerben nicht reussiert oder umplanen muss, läßt er sich nicht unterkriegen. Sein Credo lautete: „Das Projekt ist tot - es lebe das nächste Projekt“.
Häufig verwirft er seine Planungen und es gibt das geflügelte Wort vom „goldenen Papierkorb“, in den er seine verworfenen Entwürfe versenkt hat.

Ganz leicht ist ihm der Erfolg nicht gemacht worden, denn „Als Architekt, der keiner Clique angehört, steht man abseits. Auch mit seiner Meinung.“

Meine Meinung:

Eine sehr interessante Lebensgeschichte, die auch recht ungewöhnlich präsentiert wird. Die Idee dazu hatte Karl Schwanzer 1973 selbst, der dafür auch noch einen eigenen Verlag gegründet hat.

Fazit:

Eine Hommage an einen großen Architekten, der heute zu Unrecht fast vergessen ist. Gerne gebe ich 5 Sterne.

Veröffentlicht am 30.01.2019

Ein Krimi, der unter die Haut geht

Die Akte Kalkutta
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Es ist Ende Oktober als Chefinspektor Leo Lang zu einem Einsatz in die Lobau gerufen wird, der ihm so ziemlich alles abverlangen wird. Ein Kind wird erschossen und mit zerstörtem Gesicht aufgefunden. Will ...

Es ist Ende Oktober als Chefinspektor Leo Lang zu einem Einsatz in die Lobau gerufen wird, der ihm so ziemlich alles abverlangen wird. Ein Kind wird erschossen und mit zerstörtem Gesicht aufgefunden. Will sein Mörder die Identifizierung unmöglich machen? Doch mit Hilfe des Gerichtsmediziners gelingt es, dem Kind ein Antlitz zu geben, das engelhaft ist. Aufgrund der blauen Augen und der hellen Haare, wird „Silvio“ – so der Fallname – als mitteleuropäisches Kind geführt. Doch warum gibt es keine Vermisstenmeldung? Warum geht dieses Kind niemand ab?

Als wenig später wird die Leiche eines Vertreters für Gastronomiebedarf erschossen aufgefunden. Die Tatwaffe ist dieselbe wie bei Silvio. Was hat der biedere Familienvater, dessen Lebensstil ein wenig zu üppig ist, mit dem kleinen Jungen, dem noch dazu eine Niere entfernt wurde, zu tun?

Mit akribischer Recherche gehen Leo Lang und sein Team jedem noch so kleinen Hinweis nach und entdecken einerseits eine Spur zu einem Waisenhaus in Kalkutta, einer Privatklinik in Wien und andererseits einen Anhaltspunkt, der Silvios wahre Identität lüften könnte.

Meine Meinung:

Dieser Krimi, den ich an einem Tag ausgelesen habe, weil er mich so in den Bann gezogen hat, ist das Debüt der oberösterreichischen Autorin Heidi Emfried. Das Szenario, das sich die Autorin ausgedacht hat, wird in ähnlicher Weise bereits praktiziert und liegt dennoch über unserem Vorstellungsvermögen.

Die Charaktere sind zutiefst menschlich. Da ist zum einen Leo Lang, der vor einigen Jahren seine kleine Tochter durch eine Krankheit verloren hat und zum anderen Marlene, die Besitzerin eines kleinen Maßsalons, die vorab als Expertin für Näharbeiten in Leos Leben hereinschneit und durch ihr vielfältiges Wissen über Stoffe, einen wichtigen Hinweis zu Silvio geben kann. Auch Leos Team besteht aus verschiedenen spannenden Charakteren. Hier ist der, fast ausschließlich im breiten Wiener Dialekt sprechende Nowotny als besonders herausstechend zu nennen.

Anders als in vielen Krimis arbeiten Staatsanwaltschaft oder Vorgesetzte nicht gegen die Ermittler. Allerdings haben alle so ihre politischen Zwänge, die hier nicht verschwiegen werden. Knapp Ressourcen an Mensch und Mittel erzeugen Druck auf die Ermittler. Das lässt Leo Lang manchmal auch zu ungewöhnlichen Alleingängen greifen. Der Erfolg gibt ihm Recht, gewagt ist es trotzdem.

Sprachlich bewegt sich der Krimi auf hohem Niveau. Ein kleiner Lapsus ist mir dennoch aufgefallen: es muss Rom (die weibliche Form ist Romni) statt Roma, wenn man einen Angehörigen der Volksgruppe der Roma meint.
Die Autorin beobachtet und schreibt punktgenau und messerscharf.
Sehr gut gefällt mir die Schilderung des Ermittlungsalltags, der abseits von jeglicher „Action“ häufig der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleichen. Heide Emfried beschreibt diese Recherchen strukturiert, beinahe schon technisch nüchtern. Hier kommen ihre Kenntnisse aus der Informatik durch – man kann beinahe ein Ablaufdiagramm im Hintergrund sehen. Polizeiarbeit hat eben viel mit dem Abhaken von Listen, langweiligen Befragungen, „if, then“ sowie Abarbeiten von vorgegebenem Procedere zu tun. Die Lösung dieses komplexen Falles fällt nicht vom Himmel, sondern ist das Ergebnis von akribischer Arbeit und einem gut durchdachtem Plot.

Schmunzeln musste ich über die Beschreibung der Uniformen der Stewardessen der Austrian Airlines, deren blickdichten roten Strumpfhosen wirklich hässlich sind.
"Da sie außer Dienst war, trug sie saloppe Alltagskleidung, was ihr wahrscheinlich ohnehin viel besser passte als die AUA-Uniform, die Lang überhaupt nicht gefiel. Das viele Rot, besonders bei den Strümpfen, stand den wenigsten, fand er."
Auch die Szene in Langs Küche als er mit Marlene über Koriander philosophiert hat mir gut gefallen.

Fazit:

Diesem fesselnden Krimi, der unter die Haut geht, gebe ich gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 30.01.2019

Gasperlmaiers 7. Fall

Letzter Stollen
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Ausgerechnet während der Feier zu seinen 50. Geburtstag muss Gasperlmaier dem seltsamen Anruf der Betreiberin des Salzbergwerks nachgehen: Es scheint, als fehlte ein Besucher des Schaubergwerks – und soviel ...

Ausgerechnet während der Feier zu seinen 50. Geburtstag muss Gasperlmaier dem seltsamen Anruf der Betreiberin des Salzbergwerks nachgehen: Es scheint, als fehlte ein Besucher des Schaubergwerks – und soviel sei verraten, er wird nicht der einzige Abgängige bleiben.
Wenig später wird die erste Leiche gefunden. Es ist ein Kunsthändler, der wenig verwunderlich, nach einem Bild aus der Raubkunstsammlung der Nazis sucht.

Wird Gasperlmaier an der Seite von Frau Doktor Kohlross diesen kniffligen Fall lösen können, bei dem nichts so ist, wie es scheint?

Meine Meinung:

Herbert Dutzler zeichnet wie immer einen Gasperlmaier, der es lieber gemütlich hat, der sowohl Höhenangst als auch Spundus vor der Tiefe der Bergwerksstollen hat, aber dennoch in den Stollen hineingeht.
Ein bisschen hat er sich weiter entwickeln dürfen, der Gasperlmaier. Immerhin ist er inzwischen im Besitz eines Smartphones. Der Konsum von Leberkäsesemmeln und Alkohol im Dienst ist nach wie vor hoch. Da sollte vielleicht einmal eingeschritten werden, denn eigentlich herrscht in Bundesdienststellen Alkoholverbot. Vielleicht könnte die Arbeitsmedizin eine Begehung machen und dies anmerken? Immerhin hat es ja auch der pensionierte Postenkommandant Friedrich Kahlß geschafft, seine Ernährungsgewohnheiten umzustellen.

Endlich erfährt der neugierige Leser wie es mit dem Privatleben der Frau Doktor bestellt ist. Hier erweist sich Gasperlmaier als aufmerksamer Zuhörer.

Gut hat mir gefallen, dass aktuelle Themen wie Ausländerfeindlichkeit, Unterbringung von Asylwerber und die Sensationsgier der Medien (in Form der unvermeidlichen Maggie Schablinger) angesprochen werden. Der Krimi spielt nicht umsonst in Altaussee, dessen Bergwerke als Versteck der, von den Nazis in ganz Europa zusammengeraubten Kunstwerken, dienten. Das sorgt nach wie vor für Interesse, zumal so manch Einheimischer damals plötzlich zu viel Geld gekommen sein soll.

Auch die Verschwörungstheorie passt gut zu Altaussee, auch wenn man darüber ein wenig den Kopf schütteln kann.

Der Schreibstil ist wie immer flott und leicht zu lesen. Das Lokalkolorit kommt auch nicht zu kurz.

Wie alle Taschenbücher aus dem Haymon-Verlag hat auch dieses hier abgerundete Ecken, was ein schönes Alleinstellungsmerkmal ist. Die Farbe des Covers ist mit pink für einen Krimi ein wenig gewagt, doch passt es gut zum Stil der sechs farbenprächtigen Vorgängern.

Fazit:

Dieser Krimi hat mir, bis auf Gasperlmaiers Hang zu Schnaps und Bier, bis jetzt am besten gefallen. Gerne gebe ich hier 4 gute Sterne.