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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.10.2018

Spricht mir aus der Seele

Betrachtungen eines Unkorrekten
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Journalist und Moderator Heinz Sichrovky bezeichnet sich selbst als „Unkorrekten“, weil er sich gegen den derzeit herrschenden Zeitgeist, Literatur auf „politische Unkorrektheit“ zu prüfen und umzuschreiben, ...

Journalist und Moderator Heinz Sichrovky bezeichnet sich selbst als „Unkorrekten“, weil er sich gegen den derzeit herrschenden Zeitgeist, Literatur auf „politische Unkorrektheit“ zu prüfen und umzuschreiben, ausspricht.
Der Genderwahn ist ihm ebenso ein Dorn im Auge wie die das krampfhafte Vermeiden des Wortes „Mohr“. Shakespeare oder die Pippi Langstrumpf neu schreiben? Nein, das geht für Sichrovsky (und für mich) gar nicht.
In gewohnt satirischer Weise präsentiert er seine bissigen Gedanken zum unkorrekt Sein. In vielen Dingen kann ich ihm leichten Herzens zustimmen. Das für mich zu lange Verweilen bei Elfriede Jelinek, der unangepassten Literaturnobelpreisträgerin, kostet einen Stern.

Veröffentlicht am 20.10.2018

Einblick in eine Gemeinde vor 1938

Wo Dollfuß baden ging
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Antisemitismus ist keine Erfindung der Nazis. Diese Geisteshaltung zieht sich seit Jahrhunderten durch die Geschichte.

Am Bespiel der Fremdenverkehrsgemeinde Mattsee wird gezeigt, wie handfeste wirtschaftliche ...

Antisemitismus ist keine Erfindung der Nazis. Diese Geisteshaltung zieht sich seit Jahrhunderten durch die Geschichte.

Am Bespiel der Fremdenverkehrsgemeinde Mattsee wird gezeigt, wie handfeste wirtschaftliche Interessen und politische Ausgrenzung ineinanderfließen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen, wie jene des Salzkammergutes, brüstet sich Mattsee bereits 1921 „judenfrei“ zu sein. Das kurbelt den Fremdenverkehr an, weil viele Deutschnationale lieber „unter sich“ sein wollen.

Der letzte jüdische Sommergast in Mattsee ist der Komponist Arnold Schönberg, der samt Familie und Entourage, der auch einige seiner Schüler angehören, im Juli 1921 hier auf Sommerfrische weilt. Er wird während seines Aufenthaltes bedroht und mehr oder weniger des Ortes verwiesen. Vermietern, die an Juden vermieten wird unverhohlen mit nachhaltigen Konsequenzen gedroht, sodass sich niemand mehr traut, jüdische Gäste aufzunehmen.

Ab 1927 nimmt das Ehepaar Seyß-Inquart in Mattsee Quartier, ein paar Jahre später, auch Bundeskanzler Engelbert Dollfuß. Er will in der beschaulichen Atmosphäre schwimmen lernen, weil in Benito Mussolini zu einem Adria-Aufenthalt eingeladen hat.

Meine Meinung:

Das Buch besteht aus mehreren Teilen und ist das Ergebnis der „Bildungswoche Mattsee 2016“, das unter dem Motto „Erinnern“ stand.

Zu Beginn liest es sich ein wenig trocken. Wie eine Dorfchronik enthält es eine Fülle von Zahlen, Daten und Fakten. Doch dann werden Augenzeugenberichte, Dokumente und die eine oder andere Anekdote eingeflochten. Eine Vielzahl von Bildern ergänzt diese Dokumentation.

Interessant ist die starke familiäre Verflechtung einiger Einwohner mit der Familie Göring. Gleich zwei Dorfgrößen sind jeweils mit einer Schwester Görings verheiratet.

Doch nicht nur die Darstellung des inneren Mattsees, hat mir sehr gut gefallen. Der Herausgeber eröffnet dem Leser auch den Blick für die österreichische Innenpolitik. Die Klimm- und Winkelzüge des Ständestaates sind gut herausgearbeitet.

Sehr interessant, weil fast schon komisch, ist die Geschichte rund um die ungarische Stephanskrone, die der geflüchtete ungarische Faschistenführer Ferenc Szálasi heimlich an den Mattsee bringt. Die Stephanskrone ist (gemeinsam mit den anderen Reichsinsignien) quasi die Legitimation der Herrschaft von Ungarn. Wer sie in Händen hält, ist „König von Ungarn“.

Fazit:

Das Buch bietet einen guten Einblick in die Zeit vor 1938. Dieses Ergebnis der „Bildungswoche Mattsee 2016“ kann ich nur empfehlen. Gerne gebe ich 5 Sterne.

Veröffentlicht am 20.10.2018

Ein netter historischer Roman

Land im Nebel
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Land im Nebel/Nicole Peters/3 Sterne

Nicole Peters nimmt ihre Leser mit in das Jahr 1796. Die Truppen der französischen Revolutionsarmee stehen am Rhein.

Wir begleiten Henri Benoit de Montfort, einen ...

Land im Nebel/Nicole Peters/3 Sterne

Nicole Peters nimmt ihre Leser mit in das Jahr 1796. Die Truppen der französischen Revolutionsarmee stehen am Rhein.

Wir begleiten Henri Benoit de Montfort, einen als Franziskaner verkleideten Deserteur und Überlebenden des Massakers in der Vendée auf seiner Flucht durch das Herzogtum Berg. Unterwegs macht er die unliebsame Bekanntschaft des Herrmann von Hatzfeld. Ausgerechnet in jenem Kloster, in dem Herrmanns Bruder Markus als Mönch lebt, findet Henri Aufnahme.

Wir lernen Johanna, die Tochter des Freiherrn von Hallberg-Broich und Attenbach kennen, die ihren Vater darum bittet, den Pächtern Pauls die Abgaben zu erlassen, weil ein Feuer deren Scheune vernichtet hat. Bei einem ihrer Besuche im Kloster begegnet sie Henri und beide erleiden den „Coup de foudre“.

Meine Meinung:

Diese Liebesgeschichte ist im Umfeld der politischen Wirren der Revolutionskriege angesiedelt. Der Stern Napoleons geht langsam auf. Er schwebt wie ein ferner Nebel über dem Rheinland. Handfester sind da schon die französischen und österreichischen Truppen, die über das Land fegen und abwechselnd Zerstörung hinterlassen. Interessant ist die Unschlüssigkeit des Landadels dargestellt. Soll man sich den revolutionären Franzosen anschließen oder nicht?
Johannas Vater ist gegen die Invasionstruppen und hat so manches blutiges Geheimnis. Die Herren von Hatzfeld stehen vor allem auf ihrer eigenen Seite und versuchen aus dem Chaos Nutzen zu ziehen.

Die Personen sind gut charakterisiert, wenn auch einen Tick zu modern. Vor allem Johanna ist sehr unkonventionell dargestellt. In Ermangelung eines Sohnes erhält sie eine gute Schulbildung und am Ende die Leitung des Gutes.
Eine gute Figur macht auch Pater Ignatius, der christliche Nächstenliebe ohne viel zu fragen einfach lebt. So sagt er einfach zu Henri „...ich hätte dir auch geholfen, wenn du keine Kutte getragen hättest. So steht es in unseren Büchern geschrieben...“

Der Schreibstil ist locker und flüssig. Für meinen Geschmack drückt sich die einfache Landbevölkerung in den Dialogen ein bisschen zu gewählt aus. Die von Henri eingestreuten Zitate Voltaires finde ich dagegen sehr passend.
Aufgefallen ist mir, dass Henri an seinen Reitkünsten zweifelt. Also, wenn man einmal reiten kann, verlernt man das nicht so schnell. Als Adeliger aus der Vendée konnte er wahrscheinlich reiten, bevor er laufen konnte.

Das Personenregister und die Anmerkungen sind eine gute Ergänzung.

Ganz sicher bin ich mir nicht, ob dieser Roman eine Liebesgeschichte oder eine Story über die geschichtlichen Ereignisse sein soll. Für die Romanze treffen sich Johanna und Henri zu selten. Das politische Geschehen ist nicht eindeutig genug. Aus dem Motiv, die Franzosen vertreiben zu wollen, hätte schon einiges mehr werden können. Zum Bespiel Verbündete suchen, konspirative Treffen etc.. Das eine Gespräch auf diesem Ball ist mir da zu wenig.

Fazit:

Ein netter historischer Roman, der einige interessante Ideen aufweist, aber noch einige Luft nach oben hat. Gerne gebe ich gute 3 Sterne.



Veröffentlicht am 18.10.2018

UNblutig und dennoch spannend

Jenseits auf Rezept
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Jenseits auf Rezept-2/Lisa Lercher/5 Sterne

Major Paul Eigner bekommt es in seinem zweiten Fall in seiner neuen Dienststelle in der Wachau gleich mit drei Toten zu tun.

Zuerst wird die pingelige Ninführ-Rosl ...

Jenseits auf Rezept-2/Lisa Lercher/5 Sterne

Major Paul Eigner bekommt es in seinem zweiten Fall in seiner neuen Dienststelle in der Wachau gleich mit drei Toten zu tun.

Zuerst wird die pingelige Ninführ-Rosl am Ende der Kellertreppe tot aufgefunden. Ein typischer Unfall einer alten, alleinstehenden Frau, sagen Polizei und der Hausarzt. Nur die Tochter glaubt nicht so recht daran.
Wenig später, entdeckt der Postbote die verweste Leiche eines betagten Mannes. Zwei tote Senioren in kurzer Zeit?

Erst die dritte Leiche, die attraktive Sonja König, wird eindeutig als „Tod durch Fremdverschulden“ eingeordnet, finden sich doch Spuren eines Elektroschockers.

Eigner geht von einem Eifersuchtsdrama aus, denn die Tote hat mehreren Männern ordentlich den Kopf verdreht, darunter ihrem Chef, dem Arzt Dr. Peter Donnerbaumer und dem Andorfer, Sohn des größten Winzers vor Ort.

Meine Meinung:

Das Wiedersehen mit dem sympathischen Ermittler Major Paul Eigner, der nach aufregenden Jahren beim LKA Wien wieder in seine Heimat in die Wachau zurückgekehrt ist, hat mir gut gefallen. Eigner und seine Familie sind so herrlich normal geschildert. Wir erfahren einiges über seine Schwester Hanni, die den im gemeinsamen Haushalt lebenden alten Vater betreut und gleichzeitig die Landwirtschaft schupft. Wir gehen mit Simon, Pauls Enkel wandern und auf den Fußballplatz.
Langsam öffnet sich der Witwer Paul auch wieder für das weibliche Geschlecht. So knüpft er ganz leise, zarte Bande mit Kollegin Beate, die von ihrem Chef Stierschneider respektlos behandelt wird.

Eine kleine Marotte Eigners ist, dass er überall helfend eingreifen will. Doch das macht ihn liebenswert. Er ist, obwohl Leiter der Ermittlung, kollegial und lässt auch die Meinung anderer gelten. Der Leser kann an den Überlegungen um die Lösung des Mordes an Sonja König teilhaben. Ich hatte recht bald die richtige Spur und war gespannt, wie Eigner und sein Team den Täter überführen wollten. Dies ist nachvollziehbar geschehen und trägt meiner Meinung nach zu diesem abgerundeten Krimi bei.

Der Schreibstil von Lisa Lercher ist wunderbar leicht und flüssig. Ihre authentischen Dialoge lassen das Lokalkolorit der Wachau vor den Augen der Leser auferstehen. Man hört förmlich den Donaustrom vorbeiplätschern, das Summen der Bienen, die die Marillenblüten bestäuben, und das Schnattern der Touristen. Dennoch verliert die Autorin kein überflüssiges Wort. Sie beherrscht die große Kunst des Weglassens.

Die Charaktere sind sehr anschaulich und detailreich beschrieben.

Fazit:

Gerne empfehle ich diesen gelungenen Krimi und vergebe 5 Sterne.

Veröffentlicht am 18.10.2018

Authentisch und beklemmend - Wien nach 1945

Wiener Auferstehung
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Wiener Auferstehung-2/Andreas Pittler/5 Sterne

Im zweiten Teil des „Wiener Triptychons“ mit dem vielsagenden Titel „Wiener Auferstehung“ führt uns Andreas Pittler in die Zeit nach 1945.
Wir befinden ...

Wiener Auferstehung-2/Andreas Pittler/5 Sterne

Im zweiten Teil des „Wiener Triptychons“ mit dem vielsagenden Titel „Wiener Auferstehung“ führt uns Andreas Pittler in die Zeit nach 1945.
Wir befinden uns wieder inmitten der drei Familien Glickstein, Strecha und Bielohlawek. Allerdings richtet der Autor seinen Fokus verstärkt auf die Ereignisse in Wien. Von der Familie Glickstein, den ehemaligen Eigentümern des Hernalser Bräu, hat nur Caroline überlebt, weil sie rechtzeitig fliehen konnte. Sie kämpft, nunmehr Mutter einer Tochter, von Amerika aus, um die Restitution der Brauerei.

Wickerl hat die Nazizeit im KZ gerade noch überlebt und Turl ist in den letzten Kriegstagen desertiert. Beim ersten Treffen der ehemaligen Freunde steht fest, dass sie nie mehr an die Zeit vor dem Krieg anknüpfen können.

Es hat sich wenig verändert, wenn man von den Zerstörungen der Stadt und der schlechten Versorgungslage in Wien absieht. Die Gräben zwischen Sozialisten und Nazis sind nach wie vor vorhanden, obwohl nach 1945 keiner bei den braunen Horden gewesen sein will.

Die Männer der Familien Strecha und Bielohlawek sind nach wie vor verfeindet. Der alte Strecha fühlt sich wieder einmal benachteiligt und neidet dem alten Bielohlawek seinen Posten in der Brauerei. Dass der nur als Strohmann für die Nazis herhalten muss, sieht Strecha nicht. Ihre Frauen, Fanny und Fini, gehen die Sache pragmatischer an und versuchen, das Beste aus der Misere zu machen.

Meine Meinung:

Wie schon im ersten Band „Wiener Kreuzweg“ sind die drei Familien eng mit der Geschichte der (fiktiven) Brauerei in Hernals verwoben. Es scheint als spiegelte sich die große Welt im Mikrokosmos des Hernalser Bräu.

Gut herausgearbeitet sind die Winkelzüge der Nazis, die die den Juden geraubten Besitztümer unter allen Umständen behalten wollen und vor einem weiteren Betrug und Erpressung nicht Halt machen. Sehr gut ist die beschämende Haltung der österreichischen Behörden beschrieben, die sich mit Restitutionsansuchen möglichst lange Zeit lassen und den Erben der ermordeten Juden alle nur erdenklichen Steine in den Weg legen.

Andreas Pittler zeigt uns die Erstarkung der Gewerkschaften, vor allem unter der Führung von Franz Olah, der später einmal Innenminister sein wird und wegen Veruntreuung ins Gefängnis muss. Sehr spannend ist die Geschichte erzählt, wie Franz Olah, selbst Gewerkschaftsboss, die Oktoberstreiks beenden konnte und einen Bürgerkrieg wie anno 1934 vermieden hat.
Dieser Teil liest sich wie das „who is who“ der österreichischen Nachkriegspolitik – sehr aufschlussreich für historisch Interessierte.

Bin schon sehr gespannt, wie es mit den drei Familien weitergeht. Von Caroline Glicksteins Tochter Mary, werden wir vermutlich noch einiges zu lesen bekommen. Ich freu mich auf den dritten Teil.

Fazit:

Ein authentischer Roman aus dem Wien der Nachkriegszeit. Gerne gebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung. Unbedingt „Wiener Kreuzweg“ zuvor lesen!