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Veröffentlicht am 26.03.2024

Homosexualität im Männerfußball - ein letztes Tabu?

Mutproben
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„Mutproben“ von Thomas Hitzlsperger ist nicht nur die Geschichte (s)eines Coming-outs, sondern auch die beachtenswerte Entwicklung eines jungen Mannes vom elterlichen Bauernhof in die Welt des Profifußballs. ...

„Mutproben“ von Thomas Hitzlsperger ist nicht nur die Geschichte (s)eines Coming-outs, sondern auch die beachtenswerte Entwicklung eines jungen Mannes vom elterlichen Bauernhof in die Welt des Profifußballs. Das Buch liest sich sehr spannend und gibt Einblick in die Welt des Profifußballs in der der schnöde Mammon mehr zählt, als der einzelne Spieler.

Wie könnte es sonst sein, dass die Fußball-WM an Länder wie Quatar und Saudi-Arabien vergeben wird, in denen Menschen- und Frauenrechte aufs Gröbste vernachlässigt sowie Homosexualität bestraft werden?

Warum wird männliche Homosexualität gerade im Fußball so vehement negiert und abgestritten? Weil im Fußball eine ureigene männliche Identifikation innewohnt?

Hitzlsberger geht, wie die ehemalige Bundesliga-Spielerin Tanja Walther-Ahrens in ihrem 2011 erschienen Buch „Seitenwechel“ der Frage nach, wieso es im männlichen Fußball nahezu unmöglich ist, seine Homosexualität als aktiver offen zu leben. Es scheint, dass hier ein archaisches Männlichkeitsideal in den Köpfen von Trainern, Spielern, Funktionären und Fans tief verwurzelt zu sein, das voller Widersprüche steckt.

Dazu passen auch die überschwänglichen, oftmals peinlichen Umarmungen oder Gesten nach einem Tor oder gar einem Sieg. Hier scheint wenig Männliches vorhanden zu sein. Auch der auffallend zur Schau gestellte Körperkult zahlreicher Spieler trägt zur Doppelmoral bei. Da wird tätowiert, die Haare gestylt, Zopferl geflochten und die Sixpacks zur Schau gestellt und gleichzeitig die Homosexualität geleugnet.

Die Antworten auf die Frage, warum es für aktive Profifußballer so schwer ist, sich als homosexuell zu outen, sind nicht leicht zu finden. Hitzlsperger beschreibt die inneren Kämpfe, das Für und Wider eines Outing sehr anschaulich. Er erzählt aus eigener Erfahrung vom Klima in der Kabine, der Reaktion von Öffentlichkeit und Medien sowie und deren Folgen für ihn als Einzelnen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass seit Hitzlspergers Coming Out vor nun gut 10 Jahren kein aktiver Fußballer in Deutschland den Schritt gewagt hat.

Weltweit gibt es rund zehn männliche Fußballprofis, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen. Das Thema scheint weiterhin unter den Teppich gekehrt zu werden.

Hitzlsperger erzählt von Justin Fashanu, dem Pionier aus England. Er war der erste Spieler, der sich 1990 (!) während seiner Profikarriere geoutet hatte. Fashanu war mit einer Welle an Ablehnung konfrontiert. Sein Trainer Brian Clough beschimpfte ihn vor versammelter Mannschaft etwa als "verdammte Schwuchtel". Fashanu wurde gleich doppelt diskriminiert: schwarz und schwul - eine unheilvolle Kombination, die ihn letztlich das Leben gekostet hat. Nachdem er von einem Minderjährigen der Vergewaltigung beschuldigt worden ist, begeht er Selbstmord.

Gemeinsam mit Co-Autor Holger Gertz erzählt Thomas Hitzlsperger in seiner lebendigen Autobiografie zahlreiche Anekdoten, zeigt aber auch seine verletzliche Seite als seine Persönlichkeit. Dabei wirkt Hitzlsperger, „Hitz the Hammer“ wie ihn die Engländer auf Grund seines scharfen Schusses nennen, geerdet. Er ist Vorbild. Sein Aktivismus ist leise und bestimmt, Brachialgewalt ist nicht das Seine. In seinem Buch verknüpft er Privates mit Öffentlichem. Er spricht sachlich und ohne die weit verbreitete Heuchelei die Widersprüche im Männerfußball an. Dabei ist er weder selbstgerecht oder belehrend oder suhlt sich in Selbstmitleid.

Dass Homophobie im Männerfußball noch immer sehr weit verbreitet ist, zeigt sich bei fast jedem Wiener Derby ein Bild machen. Die schwulenfeindlichen Fangesänge gehören genauso zum schlechten Ton eines Spiels zwischen Rapid und der Austria wie das spezifische Umfeld, das diese toxische Männlichkeit fördert.

Dass Hitzlpergers Buch nur wenige Wochen nach dem Eklat im Anschluss an das letzte Wiener Derby erschienen ist, ist wohl ein Treppenwitz der Geschichte. Was ist da passiert? Nach dem Sieg Rapids sind Funktionäre, Spieler und Fans durch homophobe Schlachtgesänge mehr als unangenehm aufgefallen. Rapid-Präsident Alexander Wrabetz sollte Hitzlspergers Buch als Pflichtlektüre für Spieler, Fans und Funktionäre seines Vereins einführen.

Dabei könnte gerade der Fußball einiges zur Akzeptanz von Homosexualität bewirken, denn "Der Ball ist rund und kann deswegen mehr ins Rollen bringen als viele es sich vorstellen können."

Fazit:

Dieser Autobiografie, die Pflichtlektüre für Fußballfunktionäre, Spieler und Fans sein sollte, gebe ich gerne 5 Sterne.

Veröffentlicht am 24.03.2024

Ein Urlaubskrimi

Der blaue Salamander
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Dieser Krimi ist der fünfte aus der Reihe rund um Ispettore Enrico Rizzi und seine Kollegin Antonia Cirillo. Für mich ist er der erste. Schauplatz ist die schöne Insel Capri.

Als die Modedesignerin Rosalinda ...

Dieser Krimi ist der fünfte aus der Reihe rund um Ispettore Enrico Rizzi und seine Kollegin Antonia Cirillo. Für mich ist er der erste. Schauplatz ist die schöne Insel Capri.

Als die Modedesignerin Rosalinda Fervidi tot im Beichtstuhl der Kirche entdeckt wird, muss Inselpolizist Rizzi anrücken, denn die Frau ist ermordet worden. Gefunden hat sie der Straßenkehrer Salvatore, der manchmal in der Kirche ein Nickerchen macht. Während sich Rizzis Vorgesetzte auf Salvatore als Täter einschießen, beginnen Rizzi und Cirillo das private wie geschäftliche Umfeld der Toten zu beleuchten.

Rosalinda ist Designerin und verkauft ihre Lederwaren gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Alessandra Nobile in einer kleinen Boutique. Während der Ermittlungen stellt sich heraus, dass nach einem Besuch Rosalindas bei Signora De Lulla, einer ehemaligen Schauspielerin, eine blaue Handtasche fehlt. Aber nicht irgendeine, sondern die „Blaue Salamander“. ein exklusives Designerstück, von dem es angeblich nur zwei gibt. Eben jene von Signora De Lulla und eine von Sophia Loren. Das Besondere an der Handtasche ist das Leder aus der sie gefertigt worden ist: Gegerbte Haut der lucertola azzura, einer Eidechsenart, die ausschließlich auf Capri lebt und entsprechend selten ist.

Was hat diese Handtasche mit dem Mord an Rosalinda Fervidi zu tun? Lohnt es sich, für ein solches Designerstück zu morden oder ist das nur eine falsche Spur und das Motiv liegt ganz wo anderes?

Meine Meinung:

Dieser Krimi ist einer der leisen Töne, auch wenn hier in Capri das eine oder andere Mal das südländische Temperament mit einem Charakter durchgeht.

Luco Venturas Schreibstil ist angenehm zu lesen. Man kann das Meer hören und die Früchte der Insel schmecken. Das Flair Capris mit seinen steilen Gässchen in denen man sich entweder zu Fuß oder mit einer Vespa fortbewegt, ist sehr gut beschrieben.

DIe Charaktere sind recht gut ausgearbeitet. Sie haben so ihre Ecken und Kanten sowie ihre privaten Sorgen. Enrico Rizzi, er ist geschieden und leidet nach wie vor daran, dass gemeinsam Kind mit seiner Ex-Frau als Baby gestorben ist, lebt nun mit Gina zusammen, deren Ex-Mann Carlo ein ziemlich zwielichtiger Charakter ist. Da Capri eine kleine Insel ist, läuft man sich häufig über den Weg. Auch das Privatleben von Antonia Cirillo ist nicht ganz einfach, steht doch der Besuch von Oscar, ihrem fast erwachsenen Sohn an.
Vielleicht ergibt es sich, den einen oder anderen Vorgänger dieser Reihe zu lesen.

Das Cover entspricht den Vorgaben des Diogenes-Verlag, mattweiß, mit schwarzer Schrift und einem Bild in der MItte, das Lust auf Capri macht. Damit die Leser ein Bild der Lage von Capri im Golf von Neapel haben, gibt es im Vorsatzblatt eine Karte.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Krimi, der sich gut als Urlaubslektüre eignet, 4 Sterne.

Veröffentlicht am 23.03.2024

Fesselnd bis zur letzten Seite

Im Sog des Schweigens
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Dass Zwillingsschwestern manchmal die Rollen tauschen, ist seit Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ mehrfach in die Literaturgeschichte eingegangen. In diesem Krimi hat Silke Ziegler eine höchst spannende ...

Dass Zwillingsschwestern manchmal die Rollen tauschen, ist seit Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ mehrfach in die Literaturgeschichte eingegangen. In diesem Krimi hat Silke Ziegler eine höchst spannende Variante geschrieben.

Die eineiigen Zwillingsschwestern Charlène und Aurélie gleichen sich zwar äußerlich so sehr, dass sie von niemandem auseinander gehalten werden können. Doch charakterlich scheinen sie weit von einander entfernt. Aurélie ist kunstsinnig, malt und arbeitet als Lehrerin. Sie wirkt verträumt, während Schwester Charlène zielstrebig bis unnachgiebig ist und als Journalistin arbeitet.

Als Charlène Aurélie eines Tages ersucht, sie für einen Abend bei Bastien, ihrem Ehemann, „zu vertreten“, kann Aurélie nicht nein sagen. Ob es daran liegt, dass Charéne so nachdrücklich darauf besteht, oder weil sie doch heimlich nach wie vor in Bastien verliebt ist und sie sich das nicht eingestehen kann, ist nicht ganz klar auszumachen. Jedenfalls tauschen die Schwestern Klamotten Handtasche und Mobiltelefon sowie ihre Rollen und kann sich keinen Reim darauf machen.

Erst als Bastien von Aurélie angefertigte Skizzen im Haus entdeckt, ist sein Argwohn geweckt. Die beiden beschließen, vorerst den Status Quo beizubehalten und auf eigene Faust zu recherchieren.

Die Lage spitzt sich weiter zu, als bei einer männlichen Leiche in Narbonne die DNA von Charléne, die ja als Aurélie gilt, gefunden wird. Als dann auch noch Bastien verhaftet wird, muss Aurélie die Karten auf den Tisch der Ermittler legen.

Meine Meinung:

Ein ziemlich komplexer Krimi, denn er beginnt mit dem Prolog, in dem die Zwillinge knapp sechs Jahre alt sind. Man weiß bis ziemlich zum Schluss nicht, warum die Lage so eskaliert ist. Die dazwischen eingeschobenen Auszüge aus dem Charlénes Tagebuch lassen zwar die eine oder andere Idee aufkommen, aber nichts genaues weiß man nicht.

Die Story ist spannend, weil sich statt Antworten, ständig neue Fragen ergeben. Warum Aurélie sich nicht schon früher Bastien und/oder der Polizei anvertraut hat? Mehrmals habe ich gedacht, jetzt, endlich, deckt sie den Rollentausch auf. Nein, wieder nichts! So dreht sich die Spirale immer schneller. Dass Bastien, Charlénes Ehemann nicht erkennt, dass es sich um die Zwillingsschwester handelt? Nun ja, die Beziehung ist ziemlich toxisch und die tote Schwester eine Manipulatorin der ersten Klasse, die vor nichts zurückschreckt, um ihre Ziele zu erreichen.

Dieses Verwirrspiel hat mit gut gefallen, denn man sieht nur, was man sehen will.

Die Charaktere sind gut herausgearbeitet. Hin und wieder habe ich mir zwar gedacht, dass kann doch nicht sein, dass weder in der Arbeit, im Freundeskreis noch beim Ehemann fallen die Veränderungen im Wesen Charléne/Aurélie auf. Die ermittelnden Polizisten haben zwar ein unterschwelliges Gefühl, dass in dieser Dreiecksgeschichte etwas nicht stimmt, können dies natürlich nicht belegen. Das Schweigen der Beteiligten erleichtert ihre Ermittlungen nicht wirklich.

Fazit:

Das Thema eineiige Zwillinge samt bizarrem Rollentausch ist fesselnd umgesetzt worden. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

Veröffentlicht am 23.03.2024

Ungewöhnlich EIndrücke

Ischl
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Dass (Bad) Ischl mehr zu bieten hat als Sisi, Franzl, Blasmusik und den Zauner-Stollen hat sich noch nicht bei allen herumgesprochen. Das Klischee der „Kaiser-Stadt“ oder „Kaiser-Villa“ wird liebevoll ...

Dass (Bad) Ischl mehr zu bieten hat als Sisi, Franzl, Blasmusik und den Zauner-Stollen hat sich noch nicht bei allen herumgesprochen. Das Klischee der „Kaiser-Stadt“ oder „Kaiser-Villa“ wird liebevoll gepflegt. Auch wenn man über die Massen von Touristen, die jedes Jahr über die Stadt wie Heuschrecken einfallen, nicht immer wirklich glücklich ist. Einheimische und Fremde sind eine von Hassliebe geprägte Gemeinschaft.

Stefan Oláh, ein begnadeter Fotograf, nimmt uns, unterstützt von Clarissa Stadler, nach Bad Ischl mit, um uns unbekannte, weniger bekannte und aus Film oder Fernsehen oft gesehene Ecken von Bad Ischl mit neuen Augen zu betrachten. Dass ihm hierbei auch die eine oder andere ästhetische Verfehlung vor die Linse kommt, ist beabsichtigt und hat nach all dem Zuckerguss ihre Berechtigung.

Auf den Seiten 145 - 150 erzählt er in einem Interview, über seine Arbeit hier in Ischl, die er „visuellen Parcours“ nennt. Und ja, es ist eine Art Hindernislauf Motive zu finden, die seinem Anspruch, Tradition und Moderne schweigend und für sich selbst sprechend, gegenüberzustellen, gerecht werden.

Und dann erzählt Clarissa Stadler von ihren frühen Kindheitserinnerungen, dass es Verwandtschaft in Ischl gäbe, Onkel Rudi und Tante Reserl, die in Ischl gewohnt haben. „Der Doppelblick“ sei der Inbegriff einer unbestimmt Sehnsucht gewesen. Erst als sie anlässlich einer Reportage dienstlich nach Ischl fährt und nach einem kleinen Unfall das Krankenhaus kennenlernt, das als „Kaiserin Elisabeth-Krankenhaus“ gegründet worden ist, erwacht die Neugier, nach den Spuren von Onkel Rudi und Tante Reserl zu suchen.

Gerne gebe ich diesem etwas anderen Blick auf Ischl 4 Sterne. Bad Ischl sagen nämlich nur die Anderen, die Auswärtigen, die Fremden.

Veröffentlicht am 23.03.2024

Ein gelungener Auftakt einer neuen Reihe

Mord in der Wiener Werkstätte
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Die neue Reihe von Beate Maly spielt im Wien von 1906. Liliane „Lili“ Feigl lebt mit ihrem alkoholkranken und spielsüchtigen Vater in einer heruntergekommenen Behausung im Magdalenengrund, von allen oft ...

Die neue Reihe von Beate Maly spielt im Wien von 1906. Liliane „Lili“ Feigl lebt mit ihrem alkoholkranken und spielsüchtigen Vater in einer heruntergekommenen Behausung im Magdalenengrund, von allen oft nur „Ratzngrund“ genannt. Der Vater, früher Maler und Dokumentenfälscher verliert auf Grund des übermäßigen Schnapskonsums und der nachlassenden Sehkraft zusehends die Fähigkeit, Dokumente sorgfältig zu fälschen. Seit einiger Zeit muss Lili, die diese Begabung geerbt hat, hier aushelfen, um sich und den Vater über die Runden zu bringen, andernfalls müsste sie sich als Prostituierte verkaufen. Als sie am Naschmarkt bei einem kleinen Diebstahl erwischt wird, lässt sie Kommissar Max von Krause, unter der Bedingung, sie möge sich eine ehrliche Arbeit suchen, laufen. Denn im Moment plagen ihn andere Sorgen als ein Lebensmitteldiebstahl. Es sind raffiniert und sorgfältig gefälschte Dokumente im Umlauf.

Wenig später erhält Lili eine Stelle als Putzfrau im Atelier der Wiener Werkstätte, einer Künstlerwerkstatt, in der Frauen ihre Begabungen ausleben dürfen. Blöderweise findet Lili dort die Leiche einer der Künstlerinnen und sieht sich sogleich dem ermittelnden Beamten gegenüber: Max von Krause.

Meine Meinung:

Ich kenne alle Bücher von Beate Maly, sei es ihre historischen Romane aus dem mittelalterlichen Wien, wie die Hebammen-Serie oder jene Krimis mit Ernestine Kirsch und Anton Böck, die in der Zwischenkriegszeit spielen. Allen ist gemeinsam, dass sie sorgfältig recherchiert und gekonnt erzählt sind. Deshalb habe ich mich auf diesen historischen Krimi, der im Fin de Siècle angesiedelt ist, sehr gefreut. Der Schauplatz ist allerdings nicht im mondänen großbürgerlichen Wien angesiedelt, sondern in den bettelarmen Vorstädten. Allerdings, das zeigt die Herkunftsgeschichte desMax von Krause, ist die Welt der Adeligen auch nicht mehr das, was sie einmal war. Obwohl viele von ihnen verarmt sind, versuchen sie auf Biegen und Brechen ihre Scheinwelt aufrecht zu erhalten und geraten dadurch in den Fokus von gerissenen Kriminellen.

Wie immer, hat Beate Maly ausgiebig und aufwändig recherchiert. Die Ateliers der Wiener Werkstätte eignen sich als Hintergrund von Eifersüchteleien und Neid ausgezeichnet- Sehr gut hat mir die Darstellung der weiblichen Wiener Künstlerszene gefallen. Frauen ist ja der Zutritt zur Akademie verboten. Sie sind höchstens als Kunsthandwerkerinnen geduldet. Wie später dann im Dessauer Bauhaus, sollen sich die Frauen mit ein bissen Stoffdesign, Keramik oder Teppichknüpfen - alles „weiblichen“ Künsten, bescheiden. Bildende Künstlerinnen wie Malerinnen oder Bildhauerinnen gelten als unweiblich.

Der Schreibstil ist bildhaft und daher angenehm zu lesen. Wir können mit den Protagonisten auf dem Naschmarkt Lebensmittel einkaufen, im Café Griensteidl, das im Augenblick Café Reil heißt, unseren Kaffee schlürfen und in den leicht heruntergekommenen Palais so mancher Adeligen einer Soiree beiwohnen, die nur mehr ein matter Abglanz der früheren Herrlichkeit ist.

Beate Malys Konzept, mit der jungen Dokumentenfälscherin, einer intelligenten, ziemlich selbstbewusste Protagonistin, und dem von Standesdünkeln befreiten Kommissar, zwei gegensätzliche Figuren, die aber doch mehr gemeinsam haben, als man glaubt, ist aufgegangen. Beate Maly ist es wieder ausgezeichnet gelungen, die ärmlichen Verhältnisse darzustellen und sympathische Protagonisten zu erschaffen. Sowohl Lili als auch Max wollen ihre Herkunft hinter sich lassen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Beide haben moderne Ansichten. Sie scheinen ein gutes Gespann zu sein, aus dem vermutlich (?) mehr werden kann, was natürlich auch für Konflikte sorgen wird. Der einzige Sohn einer Adeligen und die einzige Tochter eines Verbrechers? Stoff für weitere Krimis.

Herausragend wie immer ist die Cover-Gestaltung. Das Jugendstilmotiv passt hervorragend zum Inhalt und Setting. Der Emons-Verlag hat bei der Gestaltung des Cover ein sehr gutes Auge (und Händchen).


Fazit:

Gerne gebe ich diesem historischen Krimi, der einen differenzierten Blick auf die „gute alte Zeit“, die so gut gar nicht war, 5 Sterne, eine Leseempfehlung und hoffe auf eine Fortsetzung .