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Venatrix

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Veröffentlicht am 03.02.2024

Eine Familiengeschichte aus Wuhan

Glänzende Aussicht
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Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang nimmt uns in diesem Roman die Provinz Wuhan mit.

Erzählt wird die Geschichte der elfköpfigen Familie, die aus den Eltern, sieben Söhnen und zwei Töchtern besteht, ...

Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang nimmt uns in diesem Roman die Provinz Wuhan mit.

Erzählt wird die Geschichte der elfköpfigen Familie, die aus den Eltern, sieben Söhnen und zwei Töchtern besteht, von Bruder Nummer acht, der als Kleinkind verstorben ist und hinter der Hütte begraben ist. Die Familie lebt auf knapp 13 Quadratmeter in der sogenannten Henan-Barackensiedlung. Man muss in Schichten schlafen und für Bruder Sieben, der von allen misshandelt wird, gibt es nur noch Platz unter dem Bett des Vaters. Das Leben ist hart und ohne jede Zuneigung, denn alle Kinder müssen schon in jungen Jahren zum Unterhalt der Familie beitragen. Sie stehlen Kohle oder wühlen im Müll, um Nahrungsreste oder Brauchbares zu finden. Doch in den Augen des alkoholkranken Vaters sind die Bemühungen nie genug.

Der Vater ist ein Diktator, der auch drakonische Strafen austeilt, egal ob sich ein Kind einer echten oder eingebildeten Verfehlung schuldig gemacht hat. Meistens trifft es Bruder Sieben.

Und ausgerechnet dieser von allem missachtete Bruder Sieben findet einen Ausweg aus dieser Tristesse.

Meine Meinung:

Dieser 1987 erstmals erschienene Roman der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang ist eine Parabel auf das nachkaiserliche China. Es spiegelt in der einfachen Arbeiterfamilie aus Wuhan die Verhältnisse des Landes wieder. Die ehemals bäuerliche Familie lebt mit ihren neun überlebenden Kindern in Armut in Wuhan. Noch ist Kinderreichtum erlaubt, bevor die Machthaber mit ihrer rigiden Ein-Kind-Strategie das Bevölkerungswachstum einschränken wollen.

Dass dieser Roman heute in China lieber unterdrückt als gelesen wird, ist klar, wenn man die Parallelen des Mikrokosmos Familie zum Staat zieht.

Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. In den letzten 35 Jahren hat sie eine Vielzahl von Romanen, Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. Stets spielen die Armen und Entrechteten in ihren Werken eine große Rolle. Sie erhielt eine Vielzahl von Auszeichnungen in China, hat sich aber mit ihren „Wuhan Diary“, in dem sie über die Abriegelung der ganzen Region in der Covid-19-Pandemie schreibt, keine Freunde gemacht.

Fazit:

Dieser Erzählung rund um die Allmacht eines Vaters innerhalb seiner Familie, die wie eine Parabel auf die chinesische Politik erscheint, gebe ich gerne 4 Sterne.

Veröffentlicht am 03.02.2024

Penibel recherchiert und gekonnt erzählt

Das Lächeln der Königin
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Dieser historische Roman ist das Debüt der in Berlin lebenden Autorin Stefanie Gerhold.

Im Mittelpunkt stehen nicht nur die titelgebende Königin Nofretete, sondern vor allem der jüdische Textilunternehmer ...

Dieser historische Roman ist das Debüt der in Berlin lebenden Autorin Stefanie Gerhold.

Im Mittelpunkt stehen nicht nur die titelgebende Königin Nofretete, sondern vor allem der jüdische Textilunternehmer und Kunstmäzen James Simon (1851-1932) und der Ägyptologe Ludwig Borchardt (1863-1938).

Nachdem Napoleon ab 1799 mit seinen Truppen in Ägypten einmarschiert ist und seine Wissenschaftler zahlreiche Kunstschätze entdeckt und anschließend nach Paris gebracht haben, ist ein regelrechter Wettlauf um Ägyptens Schätze entstanden. England und Frankreich plündern die antiken Stätten mit staatlicher Unterstützung. Das deutsche Kaiserreich kommt ein wenig zu spät, und baut auf private Geldgeber um an den Ausgrabungen teilzunehmen. Einer davon ist eben der kunstsinnige James Simon. Neben zahlreichen sozialen Projekten finanziert er unter anderem die Grabungskampagne im Tell el-Amarna. Die Freude ist groß, als Borchardts Mitarbeiter im Dezember 1912 die Büste der Nofretete, der Gattin von Echnaton, ausgräbt.

Nun muss das Kunstwerk nur noch an der Antikenkommission der Franzosen vorbeigeschleust werden, bevor es nach Berlin gebracht werden kann.

Meine Meinung:

Dieser historische Roman ist penibel recherchiert. Er erzählt, wie in der Vergangenheit (?) Kunstschätze früherer Epochen ausgegraben und in die diversen Privatsammlungen und Museen verbracht worden sind. Die Diskussion um die Restituierung dieser geraubten Artefakte ist ja seit Langem im Gang. Das würdelose Geschachere, wer welches Kunstwerk für welches Museum erhält, ist hier sehr gut beschrieben.

Stefanie Gerhold ist es sehr gut gelungen, die handelnden Personen dazustellen. Zum einen Ludwig Borchardt, der es als seine Lebensaufgabe sieht, vor allem die Bautechnik des antiken Ägyptens zu erforschen, und zum anderen James Simon, der einen beträchtlichen Teil seines Vermögens dafür verwendet, als Jude in der antisemitischen Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs anerkannt zu werden.

Der Schreibstil gefällt mir gut. Der Roman liest sich flüssig und die Leser können leicht in diese Zeit abtauchen. Dadurch ist er ein gelungenes Stück Zeitgeschichte. Geschickt sind Fakten und Fiktion miteinander verbunden. Auch das Gerücht, dass es zwei Büsten der Nofretete geben soll, wird hier eingearbeitet.

Im Epilog gibt es einen chronologischen Überblick über die wichtigsten Charaktere und die Ereignisse, die mit der Büste der Nofretete zusammenhängen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem gelungenen Debütroman, der auch ein Stück Zeitgeschichte ist, 5 Sterne.

Veröffentlicht am 30.01.2024

Eine detaillierte Biographie

Maler Friedrich
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Am 5. September 2024 jährt sich der Geburtstag von Caspar David Friede zum 250. Mal. Grund genug, den Maler und sein Werk ein wenig genauer zu betrachten. Caspar David Friedrich (CDF) komponierte Bilder ...

Am 5. September 2024 jährt sich der Geburtstag von Caspar David Friede zum 250. Mal. Grund genug, den Maler und sein Werk ein wenig genauer zu betrachten. Caspar David Friedrich (CDF) komponierte Bilder von magischer Schönheit, aber auch voll düsterer Melancholie. Das machte ihn zu einem der bedeutendsten Landschaftsmaler.

Eberhard Rathgeb begibt sich auf Spurensuche und malt (sic!) ein ganz eigenes Bild des Malers, der als Inbegriff der deutschen Romantik gilt.

Leider verzettelt sich der Autor in ausufernder Weise in mögliche innere Monologe des Malers. Außerdem kommen Zeitgenossen wie Hegel, Fichte, Kant oder Goethe ziemlich prominent zu Wort. Die zahlreichen Zitate aus Briefen an und über CDF unterbrechen mein Lesevergnügen.

Die Lebensgeschichte des CDF (1774-1840) ist für die damalige Zeit recht ungewöhnlich, denn er muss nicht in den väterlichen Betrieb einsteigen, sondern konnte sich der Kunst widmen. Sein Leben ist durch den frühen Tod der Mutter und den seines jüngeren Bruders Christoph, der beim Versuch, den ins Wasser gefallenen Caspar zu retten, selbst ertrunken ist, geprägt. CDF gründet erst sehr spät, nämlich 1818 seine eigene Familie. Schon in jungen Jahren wird der Maler von Depressionen geplagt, die ihn nicht nur einmal an Selbstmord denken lassen. Nach zwei Schlaganfällen kann er kaum noch arbeiten und stirbt am 7. Mai 1840.

CDFs Leben ist geprägt durch die Napoleonischen Kriege und dem Erwachen des deutschen Nationalismus. Die Restauration nach dem Wiener Kongress 1815 und die Repressionen durch die Bespitzelungen lassen die latente vorhandene Depression ausbrechen. Die schlägt sich auch in der Malerei nieder.

Eberhard Rathgeb interpretiert für mein Gefühl zu viel in die Bilder Friedrichs hinein und walzt diese Deutungen noch gewaltig aus. Leider sind die Abbildungen der sechs Bilder drucktechnisch nicht sehr gut gelungen. Da musste ich zum Internet greifen, um Fotos der Gemälde anzusehen.

Fazit:

Dieses Buch ist eher für Kenner des Malers gedacht, denn als Einstieg in das Werk von Caspar David Friedrich ist es vermutlich viel zu detailreich. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 30.01.2024

Hochspannung pur!

Die Nacht des Blutadlers
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Als der suspendierte Schweizer Kriminalbeamte Andreas Auer erfährt, dass er adoptiert worden ist, reist er für vorerst drei Wochen nach Gotland, Schweden, um nach seiner Herkunft zu suchen. Denn seit einiger ...

Als der suspendierte Schweizer Kriminalbeamte Andreas Auer erfährt, dass er adoptiert worden ist, reist er für vorerst drei Wochen nach Gotland, Schweden, um nach seiner Herkunft zu suchen. Denn seit einiger Zeit leidet er an unerklärlichen Albträumen, die nicht ausschließlich mit seiner beruflichen und privaten Situation zusammenhängen können. In Gotland, auf dem alten Bauernhof seiner Adoptivfamilie stößt er auf einen nach wie vor ungeklärten Mord an einer sechsköpfigen Familie aus dem Jahr 1979.

Doch je mehr er in Erfahrung bringen kann, desto verworrener wird die Geschichte. Seine Albträume nehmen konkretere Formen an. Was verheimlicht Albin Petterson, der Kriminalbeamte, der den Mord damals untersucht hat? Und warum ist seine damalige Kollegin Johanna Melander just seit jenen Tagen verschwunden?

Kann es sein, dass er, Andreas Auer, der einzige Überlebende dieses Massakers ist?

Meine Meinung:

Marc Voltenauer ist hier ein spannender Krimi gelungen. Wir Leser wissen nicht immer, woran wir sind. Manches, das in einem Kapitel klar erscheint, ist wenig später wieder im Nebel verschwunden. Zudem pendeln wir zwischen mehreren Zeitebenen hin und her. Das heißt, hier muss konzentriert gelesen werden.

Die Spannung ist stellenweise kaum auszuhalten: da eine neue Spur, dort eine Sackgasse. Wieder ein Erinnerungsfetzen, oder direkt ein Wechsel in die Vergangenheit.

Die Auszüge aus dem Obduktionsbericht der Opfer, in denen das Blutadler-Ritual beschrieben wird, ist nichts für Zartbesaitete. Man kann darüber hinweglesen. Vom barbarischen Tötungsritual „Blutadler“ habe ich in historischen Romanen aus der Wikingerzeit gelesen. Dabei sind sich Historiker nicht einig, ob es wirklich so stattgefunden hat oder ob es einer der zahlreichen Mythen rund um die Wikinger ist/war. Deshalb war ich neugierig, wie dieses Ritual in die Gegenwart transportiert wird.

Die Nebenhandlung, warum Auer suspendiert ist und die Krankengeschichte seines Lebenspartners Mikaël hätten für meinen Geschmack durchaus kürzer gehalten werden können. Aber das stört nur wenig.

Interessant habe ich auch die Passagen zur estnischen sowie zur schwedischen Geschichte im Zweiten Weltkrieg gefunden, zumal ich 2023 ein paar Tage in Tallin (Estland) war. Wer weiß, wer damals seinen Namen und seine Herkunft verschleiert hat.

Fazit:

Ein spannender Krimi, den ich nicht so schnell vergessen werde und 5 Sterne gebe.

Veröffentlicht am 29.01.2024

Ein netter Urlaubskrimi

Salvador und das schwarze Herz
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Salvador de la Siera, langjähriger Ermittler bei Interpol, bekommt es an seinem ersten Arbeitstag in seinem neuen Job als Polizist auf Ibiza gleich mit einem ungewöhnlichen Todesfall zu tun. Paolo de Angelo, ...

Salvador de la Siera, langjähriger Ermittler bei Interpol, bekommt es an seinem ersten Arbeitstag in seinem neuen Job als Polizist auf Ibiza gleich mit einem ungewöhnlichen Todesfall zu tun. Paolo de Angelo, die Hippie-Legende und einflussreicher Umweltschützer, ist tot. Der Mann ist nur mit einer Badehose bekleidet von einem der zahlreichen Felsen gefallen. Unfall, Selbstmord oder Mord?

Gemeinsam mit der quirligen Inselpolizistin Toni, die neben einem halsbrecherischen Fahrstil die Insel wie ihre Westentasche kennt, beginnt Salvador das Leben des Umweltaktivisten unter die Lupe zu nehmen. Dabei kommen alllerlei Ungereimtheiten ans Tageslicht, denn der Tote, der in Wirklichkeit Paul Engelmann heißt und Deutscher ist, hat sich mit seinen Aktivitäten wenig Freunde gemacht und so manchem Geschäftsmann die Existenz entzogen.

Meine Meinung:

Catalina Ferrera ist das Pseudonym von Eva Siegmund. Die Autorin hat hier einen flotten Urlaubskrimi mit einem höchst unterschiedlichen Ermittlerpaar geschrieben. Salvador hofft, nach seiner Tätigkeit bei Interpol in seiner Heimat, den Kanaren, in ein ruhigeres Fahrwasser einzutauchen. Toni hingegen, ist es leid, sich hauptsächlich mit Diebstählen oder Raufereien zwischen betrunkenen Urlaubern beschäftigen zu müssen. Sie will endlich Teil einer aufregenden Ermittlung sein. Beide haben gescheiterte Ehen hinter sich und ergänzen einander in diesen Fall. Hin und wieder spielt auch Kommissar Zufall mit.

Der Krimi liest sich flott und verströmt Urlaubsflair, spart aber die Schattenseiten des Tourismus nicht aus.

Hochspannung und tiefschürfende Gespräche darf man hier nicht erwarten. Dieser Krimi ist Auftakt einer neuen Reihe, die den Lesern Urlaubsfeeling vermittelt. Die Insel Ibiza und ihre Naturschönheiten sind gut in die Handlung eingeflochten. Zudem erfahren wir einiges über die kulinarischen Angebote der Insel.

Fazit:

Ein netter Urlaubskrimi, der noch ein wenig Luft nach oben hat und von mir 3 Sterne erhält.