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Venatrix

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.11.2023

Hat mich gut unterhalten

Und nebenan der Tod
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Gleich im Prolog werden die Leser Zeugen eines Verbrechens: Ein Paar vergräbt eine Leiche. Noch weiß man nicht wer und wo sie sind und wer der tote Körper ist.

Dann lenkt Krimi-Autorin und Psychotherapeutin ...

Gleich im Prolog werden die Leser Zeugen eines Verbrechens: Ein Paar vergräbt eine Leiche. Noch weiß man nicht wer und wo sie sind und wer der tote Körper ist.

Dann lenkt Krimi-Autorin und Psychotherapeutin Andrea Nagele die Aufmerksamkeit der Leser auf zwei Paare: Adele und Niklas in Venedig sowie Veronika und Konstantin in Berlin.

Die gebürtigen Hamburger Adele und Niklas bewohnen ein kleines Haus auf der Giudecca, dem historischen Stadtteil von Venedig. Alles könnte wunderbar sein, wenn nicht Marlene, eine gemeinsame Freundin in Berlin, nach einer Kopfoperation Hilfe benötigen würde, und die beiden spontan beschließen, sofort nach Berlin zu reisen. Dazu wollen sie mittels Wohnungstauschbörse eine Unterkunft finden. Recht schnell meldet sich das andere Paar, das schon länger vorhat, Berlin zu verlassen, egal wohin, in den Süden soll es gehen.

Beim Skypen findet man sich sympathisch, der Wohnungstausch beschlossen. Bei der Ankunft der beiden Paare kommt es zum Kontakt mit jeweils einer Nachbarin, die sich augenscheinlich zu sehr für die Neuankömmlinge interessiert. Adele und Niklas bereuen es schon fast, ihr schönes Haus in Venedig verlassen zu haben. Nur das Pflichtgefühl Marlene gegenüber hält sie noch in Deutschland. Doch dann stürzt die neugierige Nachbarin, die zuvor von Konstantins Freundin Pauline und dem gemeinsamen Baby erzählt, aus dem Fenster und stirbt.

Meine Meinung:

Der Prolog suggeriert einen spannenden Thriller, bei dem quasi das Ende, nämlich ein Mord, inklusive Beseitigung des Opfers, vorangestellt ist. Doch Andrea Nagele führt ihre Leser ein wenig an der Nase herum, denn sie präsentiert hier ein Thriller, in dem nicht der Mord im Vordergrund steht, sondern ein Psychodrama.

Keine der vier Hauptpersonen ist wirklich sympathisch. Adele und Niklas leiden an ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Allerdings wirkt Adele selbst noch sehr kindlich. Dazu trägt die eigenartige Beziehung zu ihrem Vater, den sie häufig anruft und der seiner „Kleinen“, seinem „Kindchen“ alle Steine aus dem Weg räumt und das Loch auf dem Konto stopft. Niklas kommt gegen den dominanten Schwiegervater, der wie eine schwarze Wolke über den beiden hängt, nicht an und scheint resigniert zu haben. Immerhin partizipiert er von den Verbindungen und dem Vermögen.

Das andere Paar, Veronika und Konstantin führt eine, wie es scheint toxische Beziehung, wie gefährlich, erfährt der Leser erst gegen Ende des Thrillers. Auch das eigenartige Verhalten zum jeweiligen Freundeskreis des anderen, gibt einem zu denken. Es scheint, als hätte sich Veronika auf Biegen und Brechen in Konstantins Leben gedrängt, nun aber, wo sie ihr Ziel erreicht hat, ziemlich unzufrieden damit ist.

Die Spannung ist zu Beginn gar nicht vorhanden bzw. wird durch nerviges Geplänkel wie über z. B. Vor- und Nachteile einer Bialetti gegenüber einer Kapselkaffeemaschine verwaschen. So richtig spannend wird es erst, als die Nachbarin tot auf Beton liegt. Der geübte Leser von Andrea Nageles Büchern hat spätestens ab hier eine Ahnung, was vor sich geht bzw. wie sich die Zusammenhänge ergeben.

Mir persönlich ist die Auflösung ein wenig zu kurz geraten. Es braucht geraume Zeit, bis die Handlung so richtig in Schwung kommt. Ein paar Seiten mehr, um Pauline, die uns nur aus Erzählungen eines dritten (!) Paares, nämlich Jochen und Luise bekannt ist, besser kennenzulernen sowie um die Beweggründe von Veronika und Konstantin für ihre Handlungen zu verstehen, hätten dem Buch gutgetan.

Ich habe Andrea Nagele auf der Buchmesse Wien getroffen. Beim dortigen Interview hat sie erklärt, dass sie bei einem Thriller nicht auf die Tat selbst, sondern eher auf die psychologischen Zusammenhänge Wert legt. Als Psychotherapeutin ist sie natürlich mit den Abgründen der menschlichen Seele vertraut und kann aus dem Vollen schöpfen. Ich bin es glücklicherweise nicht, daher hat mir ein Puzzlesteinchen gefehlt.

Fazit:

Ein Psycho-Thriller, der sich erst langsam entwickelt und ein paar Seiten mehr verdient hätte. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

Veröffentlicht am 09.11.2023

Ein penibel recherchierter hist. Roman

Hochzeit in Wien
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Die Goldene Hochzeit des Hausbesitzerehepaares Johannes und Resi Hodl in der Wiener Luftbadgasse 12 bildet die Rahmenhandlung dieses historischen Romans der Autorin Marianne Philips (1886 – 1951), die ...

Die Goldene Hochzeit des Hausbesitzerehepaares Johannes und Resi Hodl in der Wiener Luftbadgasse 12 bildet die Rahmenhandlung dieses historischen Romans der Autorin Marianne Philips (1886 – 1951), die das Haus und die unmittelbare Umgebung bei einem dreimonatigen Wienaufenthalt kennengelernt hat, weil sie dort gewohnt hat.

In diesem typischen Winer Zinshaus leben die unterschiedlichsten Menschen. Zunächst einmal das saturierte Hausbesitzerpaar Hodl mit seinen erwachsenen Kindern, die beiden verarmten ehemaligen Gräfinnen Paula und ihre Tochter Lili, von Wernizek-Bolnanyi, die kaum mehr ihr Leben fristen können. Daneben kann Fräulein Goldös, Hauptkassiererin in einem traditionsreichen Kaufhaus, die durch die Heirat mit dem Otto Wernizek-Bolnanyi, dem zufällig auf Besuch kommenden Verwandten der Gräfinnen, dem Elend in Wien entrinnen. Die einst berühmte Sängerin Maria Ritter ist ohne Engagement und besucht die ehemalige Stätte ihrer Wirkung auf dem Stehplatz und drängt den menschenscheuen Musikstudenten Paul Wolùk auf der Goldenen Hochzeit zu musizieren.

Ein besonderer Mitbewohner ist auch der Tempelschreiber Meyer Jonathan, dessen Enkel Daniel, ein Jura-Student, von der Polizei verhaftet wird. In diesen beiden Figuren offenbart sich der immer stärker werdende Antisemitismus und Faschismus der Stadt.

Alle diese Hausbewohner treffen sich auf dem Fest des goldenen Hochzeitspaares.

Meine Meinung:

Marianne Philips hat während ihres dreimonatigen Aufenthalts in Wien die Menschen der 1930er-Jahre sehr genau beobachtet. Die Wahl von Hitler zum Reichskanzler löst bei ihr eine Schreibblockade aus, sodass sie ihren Roman mehrere Monate nicht weiterführen kann. Sie wird Friedensaktivistin und hilft Juden und Kommunisten. Ein Teil dieser Aktivitäten sind in die Figur des Daniel Jonathan eingeflochten.

Marianne Philips muss während der Besetzung der Niederlande durch die Nazis untertauchen. Über diese Zeit wird sie nie sprechen. Sie stirbt 1951 nach jahrelangem Leiden an einer schweren Form von Arthritis.

Wo liegt es nun das Haus Luftbadgasse 12 und was ist so besonders an dem Haus? Das Haus liegt im 6. Wiener Gemeindebezirk zwischen Naschmarkt und Esterházy-Park. Es stammt ursprünglich aus dem 18. Jahrhundert. Es ist ein typisches Zinshaus in der damaligen Vorstadt mit Pawlatschen und einem Salettl im Innenhof. Die Gasse wurde 1862 nach dem ersten Wiener Heilluftbad, dem in unmittelbare Nähe gelegenen „Esterházybad“ benannt. Zuvor hieß die Gasse ziemlich zutreffend „Obere Gestättengasse“, denn die Gasse ist eine Sackgasse. Das Esterházybad existierte übrigens bis 1982, dann wurde es abgerissen. Ich bin auf meinem Weg in Grundschule an der Luftbadgasse vorbeigekommen.

Das Coverbild zeigt leider nicht die Luftbadgasse, sondern gewährt einen Blick auf die Mariahilfer Straße, ein Stück weiter stadteinwärts. Es passt aber dennoch ganz gut, denn das Fräulein Goldös arbeitet beim „Korngross“, einem der Traditionskaufhäuser auf der Mariahilfer Straße, das Einheimische sofort als „Gerngross“ identifizieren. Das größte Wiener Kaufhaus ist schon zu Beginn der 1930er-Jahre Ziel antisemitischer Angriffe.

Der Schreibstil wirkt ein wenig antiquiert, da das Buch nur ganz behutsam der neuen Rechtschreibung angepasst worden ist. Allerdings kann dies auch an der Übersetzung liegen. Zahlreiche typisch wienerische Ausdrücke werden gebraucht. Deshalb kommt auch die beklemmende Stimmung sehr gut zur Geltung und lässt de Zustände im Haus Luftbadgasse 12 bildhaft auferstehen.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem Bild der 1930er-Jahre 4 Sterne.

Veröffentlicht am 09.11.2023

Ein profundes Sachbuch

Trügerische Ruhe
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Dieses Buch ist zum dritten Jahrestag des Terroranschlags in Wien (2. November 2020), bei dem vier völlig unbeteiligte Personen ermordet und 23 verletzt worden sind, erschienen.

Terrorismusforscher Nicolas ...

Dieses Buch ist zum dritten Jahrestag des Terroranschlags in Wien (2. November 2020), bei dem vier völlig unbeteiligte Personen ermordet und 23 verletzt worden sind, erschienen.

Terrorismusforscher Nicolas Stockhammer geht in seinem gut strukturierten Buch der Frage nach, ob und wie der Anschlag verhindert werden, hätte können. Eine Frage, die seitdem Justiz und Politik beschäftigt. Der Autor ortet Behördenversagen, da das (inzwischen aufgelöste) Bundesamt für Verfassungsschutz und (BVT) seinen Fokus auf die „Operation Luxor“, eine groß angelegte Razzia im Milieu der Muslimbrüder sowie der diversen Corona-Demos vorgelegt hat. Zusätzlich war das chronisch unterbesetzte BVT mit sich selbst beschäftigt. So ist dem Attentäter die Entwicklung vom schmächtigen Jugendlichen zum überzeugten Islamisten direkt unter den Augen des Staatsschutz gelungen.

Der Autor geht in seinem Buch nicht nur auf den Mann, der dem Verfassungsschutz bereits als Jugendlicher aufgefallen war und sich dem Islamischen Staat als Kämpfer anschließen wollte und sich dann im Gefängnis weiter radikalisiert hat, sondern auch auf Trends und Phänomene des europäischen Jihadismus ein. Denn, so Nicolas Stockhammer sind einige Stationen in der Entwicklung des Wiener Attentäters symptomatisch für Attentäter europäischer Prägung. Europa ist mit sogenannten „Einzeltäter Plus“, also eine Art „Gelegenheitsterroristen“ konfrontiert, die durch ihren „Low-Level-Terrorismus“ besonders schwer auszumachen sind. Oft reichen schon ein Küchenmesser oder Auto (wie in Nizza oder Barcelona), um Terrorakte zu verüben.

Wie solche Anschläge in Zukunft vermieden werden können? Die potenziellen Täter kommunizieren vor allem über Messenger-Dienste und besorgen sich ihre Waffen im Darknet. Hier hat Österreich einen Nachholbedarf anderen Ländern gegenüber, deren Nachrichtendienste über deutlich mehr Personal und Befugnisse verfügen.

Seit dem 2. November 2020 ist klar: Auch Österreich und Wien sind keine Inseln der Seligkeit. Die trügerische Ruhe, die bislang geherrscht hat, hat es dem Attentäter nicht allzu schwer gemacht, seinen Vorsatz in die Tat umzusetzen.

Fazit:

Diesem profunden Überblick über die aktuelle terroristische Bedrohungslage in Europa und Österreich gebe ich gerne 5 Sterne.

Veröffentlicht am 08.11.2023

Wie Hormone unser Leben beeinflussen

Achtung, Hormone
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Der niederländische Endokrinologe Prof. Max Nieuwdorp beschreibt in "Achtung, Hormone" den Einfluss verschiedenster Hormone auf unser Leben. Nach einem ausführlichen Vorwort und einer Einleitung erfahren ...

Der niederländische Endokrinologe Prof. Max Nieuwdorp beschreibt in "Achtung, Hormone" den Einfluss verschiedenster Hormone auf unser Leben. Nach einem ausführlichen Vorwort und einer Einleitung erfahren wir in zehn Kapiteln Bekanntes und Unbekanntes zum Thema Hormone:

Erst das Ei, dann das Huhn
Der große Anlauf
Wachstumsschmerzen und Schmetterlinge im Bauch
Wie Hormone unsere sexuellen Vorlieben und Gender-Identität beeinflussen
Alte Entscheidungen in einem neuen Paradies
Wichtige Akteure beim hormonellen Gleichgewicht
Hormone machen oder brechen den Mann und die Frau
Bei Frauen und bei Männern
Ein neues Gleichgewicht
Alt und abgedankt

Mit diesen zehn Kapiteln spannt er den Bogen vom Beginn des menschlichen Lebens über Geburt, Kindheit, Pubertät bis hin ins Erwachsenen. bzw. Seniorenalter.

Interessant sind die Themen Sexualität und sexuelle Identität. Hier haben die Hormone eine weitaus größere Bedeutung als bisher angenommen. Breiten Raum gibt er der Volkskrankheit Übergewicht, indem er Essverhalten und Darmgesundheit detailliert beleuchtet. Um die Themen auch für medizinische Laien gut lesbar zu gestalten, flicht er Fallbeispiele aus seiner medizinischen Praxis ein. Sehr aufschlussreich sind auch die historischen Hintergrundinformationen.

Der Schreibstil ist angenehm flüssig. Skizzen und Zusammenfassungen helfen den Lesern, den Überblick zu bewahren.

Fazit:

Gerne gebe ich diesem spannenden Buch über die Bedeutung der Hormone auf unser Leben 5 Sterne.

Veröffentlicht am 06.11.2023

Eine gelungene Fortsetzung

Die Zuckerbaronin
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Auch der zweite Band rund um die Schmugglerfamilie Schinder ist sehr gut gelungen. Hier können wir die Lebenswege der drei Schwestern Martha, Gwendolyn und Helena verfolgen.

Diesmal steht Gewndolyn im ...

Auch der zweite Band rund um die Schmugglerfamilie Schinder ist sehr gut gelungen. Hier können wir die Lebenswege der drei Schwestern Martha, Gwendolyn und Helena verfolgen.

Diesmal steht Gewndolyn im Mittelpunkt, die sich aufgrund ihrer Hochzeit mit dem Sohn des Zuckerfabrikanten von ihrer Herkunftsfamilie lossagen musste. Während sie sich mit ihrer Schwiegermutter, die die Schwächen ihres Sohnes Alexander kennt, arrangiert hat, ist der Schwiegervater selbst auf dem Sterbebett noch unversöhnlich. Dass die Ehe kinderlos bleibt, ist eine zusätzliche Bürde. Gewndolyn kann ihre Geschäftstüchtigkeit und Umsicht gekonnt einsetzen.

Nebenbei werfen wir einen Seitenblick in das Leben von Martha, die nach wie vor den Schmuggel von Saccharin betreibt. Doch dann kommt es, wie es kommen muss: Die Schmuggler werden erwischt und Martha, die inzwischen schwanger ist, muss ins Gefängnis.

Von der dritten Schwester erfahren wir, dass einem gewalttätigen Geschäftspartner gerade noch rechtzeitig vor der Hochzeit entfliehen kann, obwohl Martha aus Geschäftsgründen dieser Verbindung gerne zugestimmt hätte.

Noch sind nicht alle Rätsel und Verwirrungen aufgelöst, so dass ein dritter Teil mit Helena im Mittelpunkt durchaus im Raum stehen könnte.

Fazit:

Eine gut gelungene Fortsetzung, der ich gerne 5 Sterne gebe.

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