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Veröffentlicht am 26.01.2022

Gerät bei der Wanderung ständig auf Abwege

Der Wanderer
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Ich habe nun vier Bücher über Theodor Fontane gelesen. Dieses war am umfangreichsten, aber leider auch das, aus dem ich am wenigsten über Fontane erfahren habe. Der Anfang, in dem eine halbe Seite lang ...

Ich habe nun vier Bücher über Theodor Fontane gelesen. Dieses war am umfangreichsten, aber leider auch das, aus dem ich am wenigsten über Fontane erfahren habe. Der Anfang, in dem eine halbe Seite lang atmosphärisch und eher inhaltsleer der Anblick des Fontane-Denkmals an einem trüben Januartag heutiger Zeit geschildert wird, ist nicht nur eine ausschweifende Einleitung, sondern entspricht symptomatisch dem restlichen Buch. Der Autor verliert sich ständig in Wetterberichten, poetischen Landschaftsbeschreibungen und Allgemeinplätzen wie: „Mögen die nötigen Opfer und Verlust auch noch so groß sein – so läuft es in der Welt.“
Über Fontanes Leben erfährt man wesentlich weniger als der Umfang des Buches erwarten lässt, ich könnte mir sogar vorstellen, daß Leser ohne Vorkenntnisse hier eher verwirrt werden können. Das Buch geht nicht chronologisch durch Fontanes Leben, was an sich nicht schlimm wäre, aber die meisten Stationen seines Lebens werden so gut wie gar nicht behandelt, viele oft nur in Nebensätzen eingestreut, es gibt schmerzlich wenig richtige Informationen, die sich zudem noch im Kreis drehen. Zeitlich und thematisch wird wild hin- und hergesprungen. Insgesamt fehlt viel, wird viel kurz abgehandelt, während anderes ständig wiederholt wird.
Die Erzählweise erinnert mich ein wenig an meinen Großvater, der im höheren Alter Probleme hatte, beim Thema zu bleiben und sich auf Nebenschauplätzen verlor, die nur wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun hatten. Der Text mäandert ziellos vor sich hin, die abrupten Themenwechsel sind nicht nachvollziehbar, der Autor verliert sich ständig in irrelevanten Betrachtungen. Bezeichnend ist hier eine ausführliche Beschreibung der Stadt Memel, in der Fontane nie war, die in seinen Büchern und in seinem Leben keine Rolle spielt, wie uns der Autor auch selbst kundtut. Historische Exkurse weichen weit von dem ab, was für das Verständnis Fontanes relevant gewesen wäre, ein einmaliger Besuch einer Kirche durch Fontane führt zu seitenlangen Abhandlungen über die Lebensgeschichten der dort Begrabenen. Keine Möglichkeit einer Abschweifung wird ausgelassen und so geht Fontane in diesem Buch manchmal unter.
Sehr gerne verliert sich der Autor auch seitenweise in philosophischen Exkursen, die sich zwar mit Fontane beschäftigen, aber trotz vieler Worte wenig aussagen. Wenn sich das Buch dann endlich mal Fakten zuwendet, ist das interessant und gut geschrieben, lässt erahnen, wie viel man hier auf angenehme Weise über Fontane hätte erfahren können, wenn der Autor auf seiner Wanderung durch Fontanes Leben nicht jeder irrelevante Abzweigung eingeschlagen hätte. Auch die Abbildungen sind interessant und anschaulich. Diese guten Anteile muss man aber in dem Fabulier-Dickicht leider suchen und so bin ich insgesamt enttäuscht.

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Veröffentlicht am 03.01.2022

Oberflächlich, unstrukturiert und flapsig

Die Frauen der Diktatoren
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Das Buch wirft einen Blick auf das Eheleben und/oder erotische Leben von achtzehn Diktatoren. Wer durch den Titel erwartet, einen tieferen Einblick in die Gemüter der Frauen an deren Seite zu bekommen, ...

Das Buch wirft einen Blick auf das Eheleben und/oder erotische Leben von achtzehn Diktatoren. Wer durch den Titel erwartet, einen tieferen Einblick in die Gemüter der Frauen an deren Seite zu bekommen, wird zumindest teilweise enttäuscht werden. Tiefgängig ist hier sehr wenig und es geht auch nicht primär darum, diese Frauen kennenzulernen und genauer zu betrachten. Jedes der achtzehn Kapitel ist einem Diktator gewidmet. Eine Unterteilung in fünf Bereiche (Faschisten, Kommunisten, historisch weiter zurückliegend, Asien, Entwicklungsländer) ist keine schlechte Idee, damit hat es sich mit der Struktur aber auch weitgehend. Juan Perón, dessen Geschichte hier hervorragend hineingepasst hätte, fehlt seltsamerweise.
Die Kapitel sind vom Stil, Informationswert und Inhalt sehr unterschiedlich. Manche sind flach, kolportieren Klatschgeschichten oder gleichen einer persönlichen Abrechnung (professionelle Distanz oder sachlich geäußerte Kritik ist keine Stärke des Autors). Andere liefern historisch interessante Informationen. Fast alle verzichten darauf, die Lebensdaten der erwähnten Frauen zu nennen, ihre Herkunft zu schildern oder zu berichten, wo sie „ihre“ Diktatoren kennenlernten oder mit ihnen zusammenfanden. Meistens sind die Frauen einfach plötzlich da oder es gibt zur ersten Begegnung Informationen wie beim Paar Marcos: „Sie befanden sich in der Kantine.“ Wann, in welcher Kantine, wie alt sie waren, welche politische Phase es in Marcos’ Leben war – all das wird nicht erwähnt. Das ist einer der beiden Hauptkritikpunkte an diesem Buch: es fehlen ständig Informationen, Zusammenhänge werden kaum oder nicht erklärt, es gibt irritierende Zeitsprünge in beide Richtungen, häufig wirkt der Text ungeordnet, als ob der Auto einfach seine Notizen schnell heruntergeschrieben hätte. Manche Kapitel behandeln nur einzelne Episoden. So ist das Kapitel über Assad fast ausschließlich den Shopping-Mails seiner Frau gewidmet, im Kapitel über Gaddafi kommt dessen zweite Ehefrau, mit der er über vierzig Jahre verheiratet war, nur in einer Nebenbemerkung vor. Lieber wird in aller Ausführlichkeit sowohl bei Gaddafi wie auch bei Kim jeweils ein einziges Interview über ihre Ausschweifungen nacherzählt. Das wirkt häufig unprofessionell, ebenso wie viele der Quellenverweise. Besonders enttäuschte mich, dass wir vom Charakter der Frauen so gut wie nie etwas erfahren und genau das wäre doch interessant gewesen. Der Autor genießt es zwar, unpassende oder grausame Handlungen zu berichten (gerne auch mal mit dem Hinweis: „Sie war so dumm, dass ...“), seelische Einblicke aber gibt es kaum. So hat das Ganze etwas von einem Boulevardmagazin. Dass in den Quellenverweisen auch meistens nur auf eine Quelle pro Kapitel verwiesen wird, erweckte in mir zudem den Eindruck eines reinen Nacherzählens anstatt sorgfältiger Recherche. Bei vielen Kapiteln war ich über den geringen Informationsgehalt enttäuscht (auch der Werdegang der jeweiligen Diktatoren sollte einem besser vorher bekannt sein, hier erfährt man dazu nicht viel) und in den meisten Fällen hätte ich aus einem Wikipedia-Eintrag zur Person mehr erfahren (das kann ich sicher sagen, weil ich offene Fragen dort dann oft nachsehen musste).

Die andere Schwachstelle ist der Schreibstil. Der Autor schreibt betont flapsig, wirft gerne gewollt „witzige“ Bemerkungen in Klammern ein (für ein Sachbuch völlig fehl am Platz), bedient sich Begriffen wie „supernett“ (Beschreibung eines Botschaftsmitarbeiters) oder Ausdrücken wie „Sie war zu allen eklig“ (über Elena Ceaușescu), so dass man denkt, man würde gerade den Blogeintrag eines Teenagermädchens lesen. Die Übersetzung hält mit dem schlechten Schreibstil mit, es gibt zahlreiche falsche Begriffe und Satzstellungen. Ob nun Autor oder Übersetzerin den Unterschied zwischen Antisemit und Rassist sowie zwischen weltgewandt und raffiniert nicht kennen, erschließt sich mir nicht, jedenfalls wurden sowohl „Rassist“ wie auch „raffiniert“ im falschen Zusammenhang benutzt. Interessanterweise gibt es aber auch zahlreiche wirklich schön geschriebene Passagen (und Kapitel mit etwas mehr Tiefe), die zeigen, dass das Buch Potential gehabt hätte. Hier wurde eine gute Idee verschenkt.

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Veröffentlicht am 02.12.2021

Mehr Lust als Liebe, mehr Klatsch als Tiefe

Liebe in Zeiten des Hasses
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Florian Illies zeichnet das Leben unzähliger Menschen zwischen den Jahren 1929-39 unter dem Leitmotiv „Liebe“ nach. Sie ist sehr weit gefasst, quer durch alle Geschlechter und Konstellationen, körperlich ...

Florian Illies zeichnet das Leben unzähliger Menschen zwischen den Jahren 1929-39 unter dem Leitmotiv „Liebe“ nach. Sie ist sehr weit gefasst, quer durch alle Geschlechter und Konstellationen, körperlich ebenso wie philosophisch, umfasst aber auch die Liebe zu Eltern/Kindern, zur Kunst, zu sich selbst. An sich ein schöner Gedanke, die Liebe in all ihren Facetten zu demonstrieren. Allerdings fand ich die Gewichtung nicht sonderlich gelungen. Nachdem Titelbild und der Untertitel „Chronik eines Gefühls“ mir den Eindruck vermittelten, hier würde ich tiefgründige Einblicke zu Menschen bekommen, die ihre Liebe in der dunkelsten Zeit des letzten Jahrhunderts leben mussten, hatte ich bei dem Buch leider zu oft das Gefühl, die Klatschspalten zu lesen. Der Fokus liegt hier sehr stark auf körperlicher Liebe. Die „wer mit wem“-Informationen und ständiges „Verlieben“ auf ersten Blick nahmen den Großteil des Buches ein und gingen über „X schlief mit Y, welche die Verlobte von Z war, woraufhin Z eine Beziehung mit Xs Ehefrau begann“ inhaltlich oft nicht hinaus.
Die meisten der im Buch erwähnten Personen sind Künstler, die 1920er Jahre waren zudem eine ungewöhnlich freigeistige Zeit, da ist es nur natürlich, wenn selten traditionelle Ehen gelebt werden. Allerdings stellte sich mir die Frage, warum der Autor nicht eine repräsentative Auswahl getroffen hat, denn diese Geschichten ähneln sich alle sehr. Das ging so weit, dass ich manchmal am Anfang eines Absatzes schon wusste, was in den nächsten Sätzen stehen wird. Illies arbeitet mit Vignetten, wir reisen schnell von einem Schicksal zum anderen und wenn man sehr häufig Dinge liest, die wie eine Endloswiederholung wirken, dann verschwimmt alles und ist auch nicht mehr sonderlich interessant, gerade weil kaum in die Tiefe gegangen wird. Im Vergleich zu den vielen Kreuz-und-Quer-Affairen gehen dann interessante, tiefgründige Schicksale wie z.B. das von Victor Klemperer und seiner Frau völlig unter. Hier und da werden ein paar Sätze aus seinem Tagebuch eingeworfen, kaum Hintergrundinformationen, dabei hätte die Geschichte von ihm und seiner Frau eine wesentlich ausführlichere Behandlung verdient und wäre auch um einiges interessanter als der 27. herumschlafende Künstler.

Die Vignettenform ist an sich originell und abwechslungsreich. Allerdings waren es mir einfach zu viele Personen. Als ich auf Seite 100 war und immer noch mit jeder Vignette jemand Neues auftauchte, war es mir zu viel. Ich hätte mich gerne weniger Schicksalen gewidmet, diesen dafür eingehender. Das Personenverzeichnis hat neun Seiten, pro Seite etwas 60 Namen, also kann man sich vorstellen, wie voll es auf den Seiten des Buches wird. Manche werden leider nur einmal kurz erwähnt, in einer Vignette eingeworfen und gehen ebenso unter wie der o.e. Klemperer. Es ist ein wenig wie auf einer Party, bei der die lauteste Gruppe die meiste Aufmerksamkeit bekommt, obwohl die ruhig in einer Ecke Stehenden viel Aufschlussreicheres zu erzählen hätten, wenn man ihnen nur zuhören würde. Ich fühlte mich mit Namen und Schicksalen überschüttet und konnte immer nur zehn bis zwanzig Seiten am Stück lesen. Einerseits ist bewundernswert, welche Recherche und Hingabe in ein solches Werk gesteckt wurde, und man bekommt wohl selten einen so kondensierten Blick auf derart viele Schicksale. Wer nichts gegen schnelle Wechsel hat, mit kurzen Einblicken zufrieden ist und sich nicht daran stört, sehr häufig sehr Ähnliches zu lesen, wird hier eine Vielzahl interessanter Personen finden und manche von ganz neuen Seiten kennenlernen. Deshalb möchte ich gar nicht sagen, mir hätte das Buch nicht gefallen. Es war unterhaltsam, es hat mir viele neue Informationen geliefert und - gerade in den letzten Abschnitten - einige Beispiele dessen, was ich von dem Buch erwartet hatte: Liebe, die sich in dunkelsten Zeiten beweist.

Die Sprache ist eine wahre Freude. Illies geht mit ihr so gekonnt um, daß ich viele Formulierungen mehrfach las und gerne darin eintauchte. Ich war immer wieder beeindruckt. Ich habe aber auch immer wieder gedacht, wie herrlich es wäre, wenn diese Sprachvirtuosität mit der Einsicht „weniger ist mehr“ hinsichtlich der Vielzahl an Schicksalen und einem somit ermöglichen tieferen Einblick verbunden worden wäre. So blitzt die Tiefe nur ab und zu durch und geht inmitten von zu viel „Wer mit wem“ unter.

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Veröffentlicht am 25.11.2021

Spannendes Thema, stilistisch zu distanziert umgesetzt

Sehnsucht nach Shanghai
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Ich habe vor diesem Buch noch nie von Emily Hahn, der amerikanischen Journalistin, welche 1935 acht Jahre in China lebte, gehört, war vom Klappentext gleich fasziniert und freute mich darauf, mehr über ...

Ich habe vor diesem Buch noch nie von Emily Hahn, der amerikanischen Journalistin, welche 1935 acht Jahre in China lebte, gehört, war vom Klappentext gleich fasziniert und freute mich darauf, mehr über diese aufwühlende Zeit von Chinas Geschichte zu erfahren. Es ist ein ausgezeichnetes Thema für eine Romanbiographie und ich bin froh, einen Einblick in Emily Hahns Leben bekommen zu haben, und finde es ausgezeichnet, daß ihre Geschichte einem hoffentlich breiteren Publikum bekanntgemacht wird.

Vom Informationsgehalt her sind die weniger als 300 Seiten beachtlich, ich habe hier viel gelernt und interessante Einblicke bekommen. Auch die ab und an eingeflossenen Erklärungen zur chinesischen Denkweise, den Kulturunterschieden fand ich interessant - davon hätten es gerne mehr sein können. Dies führt zu einem Punkt, den ich etwas bedauerlich fand: entgegen meiner Erwartungen tauchen wir nicht wirklich tief in Kultur und Geschehnisse ein. Das liegt weniger an einem Mangel an Informationen als an der knappen, ausgesprochen distanzierten Erzählweise. Für eine Romanbiographie werden weder Charaktere noch Atmosphäre lebendig genug. Auch Motivationen, Gedanken werden nur angerissen und fast kühl berichtet. Konflikte werden rasch abgehandelt, Gefühle tauchen aus dem Nichts auf und verschwinden ohne Erklärung. Gerade bei den Dialogen war ich oft irritiert, es werden einige Sätze hineingeworfen, dann bricht der Dialog ab oder wird rasch aufgelöst, bei gegensätzlichen Meinungen reichen zwei Sätze, um den Gesprächspartner umgehend zu überzeugen. Hier fehlt die Tiefe. Symptomatisch fand ich eine Episode, in der Emily aus dem umkämpften Chongqing nach Hongkong kommt. In einer Bar kommt die Barbesitzerin zu Emilys Gruppe, fragt nach der Erwähnung Chongqings: „Wird dort nicht viel bombardiert?“ - Emily antwortet emotionslos: „Es gab jeden Tag einen Luftangriff. Manchmal sah ich Leichen auf der Straße (…). Manche hatten keinen Kopf mehr, manchen quollen die Gedärme aus dem Bauch.“ Es wirkt wie das Vorlesen eines Einkaufszettels, man liest es, aber es kann nicht berühren, wie überhaupt die an sich furchtbaren Kriegserfahrungen so geschildert sind, daß sie den Leser emotional nicht erreichen. Nach Emilys Antwort legt ihr Begleiter den Arm um sie und sie wird umgehend von erotischem Verlangen (!) übermannt, während die Barbesitzerin reaktionslos wieder verschwindet und die ganze Szene unbeholfen, abrupt und etwas unangemessen wirkt.

Der Fokus liegt leider ohnehin sehr auf Emilys erotischen Eskapaden. Ihre Arbeit wird nur am Rande dargestellt, das Buch über die Soong-Schwestern, welches sie berühmt macht, wird kaum beschrieben. Wir erfahren ein wenig über die Vorarbeit, aber dann ist es plötzlich geschrieben und ein Bestseller und ich saß ein wenig verwirrt da und fragte mich, warum dieses Buch so nebenbei abgehandelt wird, während Emilys Bettgeschichten so viel Raum einnehmen. Trotz dieser ausführlichen Behandlung fehlen hier, wie erwähnt, leider oft die tieferen Einsichten. Emilys große Liebe in Shanghai endet irgendwie sang- und klanglos, plötzlich ist sie rasend verliebt in einen andren Mann, ohne daß wir nachvollziehen können, woher diese Liebe - zuerst ging es nur um eine von sehr vielen Bettgeschichten - kam, worauf sie beruht.

Der Stil war allgemein nicht unbedingt mein Fall. Es gibt sehr schöne, poetische und treffende Formulierungen, die ich mehrmals gelesen habe, aber überwiegend fand ich ihn zu schlicht, manche Formulierungen sogar etwas unbeholfen. Positiv ist, daß sich das Buch sehr leicht und locker lesen läßt und die Autorin es geschafft hat, viele komplexe Informationen und Sachverhalte verständlich zu vermitteln. Es wurde auch nie langweilig und ich konnte aus der Lektüre viel mitnehmen. Ein Nachwort blickt gelungen auf das weitere Leben der Hauptcharaktere und gibt ein wenig Einblick in den Schreib- und Rechercheprozeß. Das Sujet ist ausgezeichnet gewählt; wäre die stilistische Umsetzung weniger distanziert und knapp gewesen und hätte die berufliche Seite und Fähigkeiten Emilys mehr berücksichtigt, wäre es für mich ein 5-Sterne-Buch geworden. So hat es mich leider nur teilweise überzeugt.

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Veröffentlicht am 13.11.2021

Spannendes Sujet, distanziert und etwas verharmlosend erzählt

Der Stammhalter
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Wahre Familiengeschichten in geschichtlich aufregenden Zeiten sind sowohl als Autor wie auch als Leser ein Lieblingsgenre von mir. Beim „Stammhalter“ hat mich zudem die ungewöhnliche niederländisch-lettische ...

Wahre Familiengeschichten in geschichtlich aufregenden Zeiten sind sowohl als Autor wie auch als Leser ein Lieblingsgenre von mir. Beim „Stammhalter“ hat mich zudem die ungewöhnliche niederländisch-lettische Ausrichtung gereizt. Alexander Münninghoff gelingt es auch ausgezeichnet, das Leben der lettischen Oberschicht zwischen den Weltkriegen einzufangen, das war für mich einer der interessantesten Teile des Buches. Er berichtet die Geschichte insbesondere seines Großvaters, seines Vaters und seiner Mutter, geht zurück in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, um zu berichten, wie der Großvater sein Vermögen anhäufte, und führt uns dann bis in die 1990er, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit liegt.

Im Klappentext wird das Buch als „zauberhafter, bewegender Roman“ beschrieben. Dem kann ich mich nicht anschließen, weil es sich meiner Ansicht nach eher um einen recht distanzierten, nüchternen Bericht handelt. Die stimmungsvollen Schilderungen der Anfangsszene und der Zeit in Riga bleiben Ausnahmen. Dialoge, atmosphärische Szenen, Lebhaftigkeit gibt es kaum. Über viele Strecken hat das Buch etwas Protokollartiges. Das liest sich keineswegs schlecht, der Schreibstil ist auf seine nüchterne Weise eingängig, aber es bleibt Distanz und so wurden selbst bei an sich bewegenden Geschehnissen kaum Emotionen bei mir wach. Auch die Charaktere blieben mir seltsam fremd. Dabei ist die Geschichte der Familie durchaus romanreif. Hier finden sich reichlich skurrile Familienmitglieder, ungewöhnliche Lebenswege, große Tragik, spannende Erlebnisse. Die emotionslose Schilderung nimmt ihnen aber viel. Ein wenig befremdlich fand ich auch die Beiläufigkeit, mit welcher die teils dunklen Machenschaften des Großvaters und die Nazianhängerschaft des Vaters geschildert wird. Dessen Mitgliedschaft bei der Waffen-SS, immerhin der Aufhänger der Eröffnungsszene und des Buches, wird von allen Seiten recht locker genommen und reichlich verharmlost. Das Scheitern der Ehe der Eltern wird lakonisch geschildert und läßt Fragen offen. Vielleicht ist dieses betonte Unbeteiligtsein des Autors sein Weg, mit schwierigen Aspekten der Familiengeschichte zurechtzukommen. In einem Roman, einer Familiengeschichte, wirkt es allerdings kontraproduktiv. Enervierend war die ständige Betonung von Reichtum. Es wird, selbst bei nur kurz auftretenden Charakteren, keine Gelegenheit ausgelassen, um zu erwähnen, wie nobel die Häuser und Wohngegenden, wie einflußreich das Umfeld, wie edel die Herkunft, wie unfassbar vermögend alle sind, auch wenn es für die Geschichte absolut irrelevant ist.

Durch diese Kombination blieben mir Familie und Geschehnisse eher fremd, was ich bedauerlich finde, da ich es vorziehe, beim Lesen innerlich involviert zu werden. Interessant ist das Geschilderte aber allemal, es entfaltet sich eine ungewöhnliche, leicht lesbare Familiengeschichte mit schwindelerregenden Höhen und dunkelsten Tiefen, welche auch viele informative Einblicke in das Lettland der Vorkriegs- und die Niederlande der Kriegs- und Nachkriegszeit bietet.

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