Profilbild von Viv29

Viv29

Lesejury Star
offline

Viv29 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Viv29 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.12.2024

Idee gut, Umsetzung enttäuschend

Tief unter der Alb
0

Der Klappentext las sich äußerst spannend und ich fühlte mich gleich an einen anderen Roman erinnert, der ebenfalls das Motiv der in einer Höhle verirrten Protagonistin nutzt und ganz hervorragend ist. ...

Der Klappentext las sich äußerst spannend und ich fühlte mich gleich an einen anderen Roman erinnert, der ebenfalls das Motiv der in einer Höhle verirrten Protagonistin nutzt und ganz hervorragend ist. Das kann ich von "Tief unter der Alb" leider nicht sagen, hier ist die Idee wesentlich besser als die Umsetzung.

Die Geschichte beginnt schon ziemlich konstruiert und hat einige Plausibilitätslücken. Das setzt sich leider auch fort. Der überflüssige Nebenstrang mit einer weiteren Person, die sich in dem Höhlenlabyrinth befindet, war von Anfang an unglaubwürdig und ließ ebenfalls ziemlich viele Fragen offen. Ganz zu schweigen davon, daß diesem Nebenstrang ein sehr weit hergeholter Zufall zugrunde liegt. Immer wieder läßt die Autorin die Charaktere betonen, wie unglaublich riesig dieses Höhlensystem unter der Schwäbischen Alb ist, daß es fast unmöglich sei, dort zufällig jemanden zu finden, daß unzählige Menschen dort spurlos verschwinden. Und in diesem unglaublich riesigen Höhlensystem kommt es dann zu so einer Zufallsbegegnung - da fühlte ich mich verulkt.

Auch die Entscheidungen der Charaktere waren leider nicht immer nachvollziehbar, gerade zum Ende hin wird es schon fast absurd.

Während die Autorin es sich mehrfach auf Kosten der Plausibilität einfach gemacht hat, hat sie sie andererseits aber auch enorm viel Mühe gegeben. Die Leser tauchen tief in die Gedankenwelt Lauras ab, die mit jedem Tag, den sie orientierungslos im Dunkeln der Höhlenwelt verbringt, psychisch mehr abbaut und gleichzeitig versucht, dagegen anzukämpfen. Das war mir persönlich wesentlich zu detailliert und langatmig, aber man merkt, daß hier viel Überlegung und Sorgfalt in die Erzählweise floss und die mentalen Auswirkungen einer solchen Situation wohl ausgiebig recherchiert wurden. Auch sonst floß offensichtlich viel Recherche in das Buch ein, sogar ein kleines Literaturverzeichnis gibt es am Ende. Ebenfalls sehr lobenswert, aber ...

... die Überschwemmung der Geschichte mit Fakten tat dieser ganz und gar nicht gut. An mehreren Stellen werden Fakten ausführlich um ihrer selbst willen eingefügt. Zwei sehr deutliche Beispiele waren hier ein Moment, in dem ein Charakter in Tübingen aufs Wasser blickt und uns dann gedanklich nicht nur daran teilhaben lässt, wie die dortigen Flachboote heißen (was als Lokalkolorit ja noch verständlich wäre), sondern auch gleich noch einen Faktenexkurs zu entsprechenden Booten in Cambridge macht - ohne jegliche Relevanz für die Handlung. In einer anderen Szene werden zwei Charaktere mit einem Hubschrauber irgendwo abgesetzt. Dann folgte der Satz: "Dann drosselte er die Geschwindigkeit seiner 205 PS starken Robinson R44 Raven II i, deren Reichweite von 640 Kilometern Roger nahezu ausgenutzt hatte." Relevanz dieser ganzen technischen Informationen? Nicht vorhanden.

Der Pilot dieser Maschine ist wie die meisten Charaktere im Buch ein wandelndes Lexikon. Immer wieder gibt es Infodumping, alle können aus dem Gedächtnis eine Unmenge von Zahlen und Fakten zu allen möglichen Themen abrufen (unfreiwillig komischstes Beispiel: "Sie lag etwa 38.061 Jahre im Verborgenen." Ein anderer weiß nach über vierzig Jahren noch, daß sein damaliges Telefon 33 cm lang war.) und halten auch bei jeder Gelegenheit Vorträge. Das wurde unglaublich enervierend und auch zunehmend langweilig. Die Botschaft kommt auch an, ohne dass jede recherchierte Höhlenunglücksgeschichte im Buch heruntergeleiert wird. Auch sonst verlor die Autorin sich gerne ausführlich in Nebensächlichkeiten. Das alles machte das Buch zunehmend zäh zu lesen und ich habe mich immer mehr gelangweilt.

Der Schreibstil war in Ordnung, mir aber oft zu flapsig. Es wird reichlich mit unnötigem Denglisch gearbeitet (da steht die Soße in einem "old school Behälter", die Pension wird als Bed and Breakfast bezeichnet und der Vater arbeitet als Speaker und geht zu Lunches), und natürlich wird die Uhrzeit oder das Handy "gecheckt", was wirklich unangenehm zu lesen war.

Die Idee war gut, die Recherche sorgfältig, aber die Umsetzung leider gar nicht gelungen. Nötige Fakten und Plausibilität fehlten zu häufig, unnötige Fakten bekamen zu viel Raum, das ständige plumpe Infodumping und der Schreibstil nervten immer wieder. Leider eine Enttäuschung.


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.10.2024

Farbig und detailreich geschilderter Blick auf die frühen Jahre Chanels

Coco und die Revolution der Mode
0

In „Coco“ folgen wir dem Zeitraum zwischen 1895 und etwa der Mitte des Ersten Weltkriegs und begleiten Gabrielle Chanel so durch ihre Jugend und auf dem Weg bis zu ihrem Durchbruch. Während ich viele Bände ...

In „Coco“ folgen wir dem Zeitraum zwischen 1895 und etwa der Mitte des Ersten Weltkriegs und begleiten Gabrielle Chanel so durch ihre Jugend und auf dem Weg bis zu ihrem Durchbruch. Während ich viele Bände dieser kitschig betitelten Reihe „Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe“ schon nach der Leseprobe beiseitelegte, weil sie mir von Schreibstil und Ausrichtung zu flach waren, sprach mich hier der gelungene Schreibstil gleich an. An diesem Stil behielt ich dann auch das ganze Buch über Freude. Er ist leicht lesbar, ohne seicht zu sein, schildert farbig und mit vielen Facetten. Die Autorin hat offensichtlich sorgfältig recherchiert und es gelingt ihr, Hintergrundinformationen gut in die Geschichte einzuweben, ohne Info-Dumping oder belehrende Abschnitte.
Sie schafft es, uns Chanel in ihren jüngeren Jahren gut näherzubringen, wir erfahren, wie einige Inspirationen und Motivationen zustande kamen, wie sie von ihrem Umfeld geprägt wurde. Auch wenn einige der Nebencharaktere, wie z.B. die jüngere Schwester Antoinette, zu blass und eindimensional blieben, ist dieses Umfeld überwiegend ausgezeichnet geschildert. Man sieht die Szenen vor sich und kann sich die Charaktere gut vorstellen.
Gelegentlich wurde es mir etwas zu detailfreudig – gerade das mittlere Drittel enthält vieles, was für die Geschichte nicht nötig ist, und zieht sich sehr. Hier verliert sich das Buch ein wenig in sich selbst und mein Interesse sank hier stark, was durch eine weniger langatmige Erzählweise hätte vermieden werden können.
Ich hätte auch gerne mehr über die spätere Gabrielle Chanel erfahren, aber der hier berichtete Ausschnitt ist für den Fokus auf die Anfänge gut ausgewählt. Die Geschichte endet in einem prägenden Moment; man merkt, ein Abschnitt im Leben Chanels ist beendet, ein ganz neuer beginnt, insofern ist das Ende des Buches stimmig.
Insgesamt ein Buch, in dem ich mir Bekanntes farbig und gelungen umgesetzt fand, und einiges Neue erfuhr, zudem eine unterhaltsame, gut recherchierte Reise durch die Welt Chanels im frühen 20. Jahrhundert machen konnte, das in erfreulichem Schreibstil.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.10.2024

Zuerst etwas ziellos, dann sehr berührend

Die Abende in der Buchhandlung Morisaki
0

Dieses Buch bezaubert schon durch den wundervoll gestalteten Einband, dessen Motiv Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlt. Auch haptisch überzeugt der feste, wertige Einband. Der Ort der Handlung, die Buchhandlung ...

Dieses Buch bezaubert schon durch den wundervoll gestalteten Einband, dessen Motiv Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlt. Auch haptisch überzeugt der feste, wertige Einband. Der Ort der Handlung, die Buchhandlung Morisaki, ist ein uraltes Antiquariat im Stadtteil Jinbocho der Stadt Tokio. Ich hatte vorher noch nie von diesem Stadtteil gehört und fand es ganz faszinierend, diesen nun kennenzulernen. Schon allein dafür hat sich die Lektüre gelohnt. Die Atmosphäre von Laden und Viertel wird gut eingefangen – wahrscheinlich kennt jeder buchaffine Mensch diese besondere Stimmung, die von alten Antiquariaten ausgeht.

Ich habe den Vorgängerband nicht gelesen, dies schadete aber zum Glück nicht, denn dort, wo auf vorherige Geschehnisse Bezug genommen wird, gibt es entsprechende Erklärungen, so daß man auch als Neueinsteiger die relevanten Zusammenhänge versteht. Das ist gut gemacht. Allerdings sind einem die Charaktere nicht so vertraut und sie werden verständlicherweise nicht so ausführlich eingeführt, wie es wahrscheinlich im ersten Band der Fall ist. So brauchte ich eine Weile, bis ich wirklich in der Geschichte angekommen war – dies ist aber kein Manko des Buches. Die Handlung wirkt allerdings anfangs noch etwas unschlüssig und konnte mich länger nicht fesseln. Es wird viel Belangloses geschildert. Eine Episode, in der die Protagonistin zwei Freunden Schützenhilfe beim Zueinanderfinden leistet, fand ich wenig überzeugend und auch die Beziehung der Protagonistin selbst bleibt blass und uninteressant, ihr Freund ist durchweg farblos. Ich habe mich in der ersten Hälfte oft gefragt, was der Autor eigentlich erreichen, sagen möchte. Auch die Liebe zu Büchern und zum Lesen kam nicht so durch, wie ich anhand des Klappentexts und Themas erwartet hatte.

Auch der Schreibstil überzeugte mich nicht richtig. Er ist schlicht und die Dialoge wirken oft unnatürlich. Wenn man beim Lesen dauernd denkt: „Kein Mensch würde so reden!“, dann spricht das nicht für ein Buch. Allerdings gibt es auch einige wirklich sehr schöne Sätze, und zum Ende hin werden die Dialoge natürlicher. Erfreulich ist, daß das Buch leicht lesbar ist, es eignet sich gut als entspannende Schmökerlektüre.

Im letzten Drittel wurde das Buch dann wesentlich besser und zog mich in seinen Bann. Nun gab es eine wirkliche Handlung, gewannen die Charaktere der Protagonistin, ihrer Tante und ihres Onkels richtig Kontur. Wie erwähnt wurden die Dialoge natürlicher und auch die Emotionen wirkten nachvollziehbarer und authentischer. Es schien fast, als ob der Autor sich da erst wirklich in Form geschrieben hätte. Das erste Drittel hatte einen gewissen Reiz des Neuen, das zweite Drittel ließ mich oft mit einem „Was soll das?“-Schulterzucken zurück und das letzte Drittel ließ mich wünschen, das ganze Buch wäre so gewesen. Hier wird die Geschichte berührend, die Beziehungen zueinander sind nicht wie vorher mit dem Holzhammer geschildert, sondern ganz fein, nuanciert und enorm wirkungsvoll. Die ganze Klaviatur der Emotionen wird meisterhaft gespielt und ja, hier spürte man es dann: die Macht der Worte, der Literatur, der Emotionen und des Zusammenhaltens.

Es ist also in mehrerlei Hinsicht ein ungewöhnliches Buch, das sich zu entdecken lohnt und das seine ganze Schönheit und Kraft zum Ende hin entfaltet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.10.2024

Stimmungsvolle Englandreise mit Werbeunterbrechung

Velvet Winter
0

„Velvet Winter – Wintertage wie Samt und Seide“: ein gelungener Buchtitel, der gleich Assoziationen und Erwartungen weckt. Der herrlich gestaltete Einband paßt ausgezeichnet dazu und greift visuell die ...

„Velvet Winter – Wintertage wie Samt und Seide“: ein gelungener Buchtitel, der gleich Assoziationen und Erwartungen weckt. Der herrlich gestaltete Einband paßt ausgezeichnet dazu und greift visuell die Stimmung der Titelworte auf. Die Gestaltung des Buches ist durchweg wertig und macht den auf den ersten Blick hohen Buchpreis angemessen. Ich war von der Haptik des Einbands ganz hingerissen, auch im Buch erfreuen gute Papierqualität und visuell stilvolle Aufmachung.

Im Buch nimmt die Autorin uns – größtenteils – auf eine Reise nach Oxford und in die Cotswolds mit, der m.E. malerischsten Gegend Englands. Dass sich „alles um (…) Samtstoff“ dreht, wie der Klappentext ankündigt, kann man nicht behaupten, an manchen Stellen wirkt die Velvet-Analogie etwas bemüht und ist letztlich auch gar nötig – als Einleitung und gelegentlicher Akzent hätte das Velvet-Motiv vollauf gereicht, um den Titel zu rechtfertigen. Die Einleitung führt auf angenehme Weise zum Thema Samt und Winter. Auch sonst sind die Texte gut lesbar, abgesehen von dem albernen Kunstwort „Studierende“ und gelegentlichem unnötigem Denglisch. Wir erfahren einiges über die Gegend, ihre Spezialitäten, Hotels, Restaurants o.ä., alles in gefälligem Stil und informativ. Hier habe ich einige Anregungen gefunden.

Insgesamt findet sich im Buch, wie der Klappentext auch ankündigt, eine Mischung aus Rezepten, Fotos und Bastelanregungen, der Großteil der Seiten gebührt den Fotos und Rezepten. Es ist – auch wenn ich mit den Bastelideen nichts anfangen konnte – eine angenehme Mischung, die beim Umblättern zu einem interessanten Wundertüten-Gefühl führt, weil man gespannt ist, was einen als nächstes erwartet. Auch ein paar Zitate sind vorhanden. Wie die Texte ist auch die Gesamtkomposition gefällig, nicht zu tiefgehend, angenehm. Ein Bogen beigelegtes Geschenkpapier trägt zum Wundertütengefühl bei. Man kann hier auf eine unterhaltsame Wohlfühlreise gehen.

Die Fotos überzeugten mich nicht vollständig. Es sind sehr viele herrliche, atmosphärische Bilder dabei, welche die Winterstimmung in den Cotswolds oder das Gemütliche in den Lokalen ausgezeichnet einfangen. Auch die Fotos der Gerichte sind ansprechend. Störend fand ich allerdings die vielen Fotos der Autorin selbst, gerne auch mal eine ganze Seite einnehmend. Ein Motiv von ihr auf einem Zaun wird uns gleich zweimal geboten. Abgesehen davon, dass diese Fotos gestelzt wirken, erschließt sich mir nicht, warum die Autorin sich selbst so häufig als Motiv ins Buch setzte – das wirkt selbstverliebt und entspricht zumindest meinen Erwartungen an ein Buch über die winterlichen Cotswolds nicht. Auch einige der Außenmotive ähnelten sich sehr und ein paar der Fotos fand ich selbst für ein englisches Wintermotiv etwas trist. Ich kenne die Cotswolds sehr gut und hier hätte man leicht etwas mehr erreichen können. Bei einigen der Texte, die Szenen beschreiben, dachte ich bedauernd: „Und warum gibt es davon kein Foto?“
Ein weiterer selbstverliebter und sehr dicker Minuspunkt: am Ende des Buches finden sich sechs Seiten (!) Werbung für das Hotel der Autorin (dies also zusätzlich zu der subtileren Eigenwerbung durch vorherige Fotos der Autorin und ihres Hotels). In ein (noch dazu hochpreisiges) Buch derart umfangreiche Werbung einzufügen, ist stillos und geradezu dreist.

Bei den Rezepten erfreute es mich sehr, daß fast alle vegetarisch waren. Richtig toll, daß hier mal gezeigt wird, wie viel man ohne Fleisch und Fisch machen kann! Es gibt einfache, erwartbare Rezepte wie Porridge, Shortbread- und Sauerteigbrotvariationen, aber auch Unerwartetes und Ungewöhnliches. Eine gute, vielfältige Mischung. Ich habe hier manche Ideen gefunden und werde einiges ausprobieren. Unerfreulich ist allerdings, daß hier dem von mir schon oft monierten Trend gefolgt wird, auf Nährwertangaben zu verzichten. Für manche sind diese Angaben notwendig und wichtig – man tut den Lesern keinen Gefallen damit, sie einfach wegzulassen.
Die Fotos der Gerichte sind nicht immer neben den Rezepten, sondern im Buch verteilt. Hier weisen dann Bildunterschriften darauf hin, um welches Gericht es sich handelt und auf welcher Seite das Rezept steht – das ist gut gemacht und bringt mehr Pfiff hinein.

Auch wenn mich die penetrante Hotelwerbung eher davon abhalten wird, zu weiteren Büchern der Autorin zu greifen, und mich nicht alles überzeugt hat, stellt „Velvet Winter“ eine interessante und erfreulich zu entdeckende Reise durch die Cotswolds da, welche sowohl von den Rezepten als auch von den örtlichen Besonderheiten manch neue Facette für mich eröffnete.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 25.09.2024

Unterhaltsam und interessant, aber stilistisch nicht ganz überzeugend

Wallis Simpson
0

Das Leben der Wallis Simpson und die Geschichte ihres skrupellosen Aufstiegs liefert definitiv das Material für eine interessante Biographie und die Autorin weiß es zu nutzen. Sie beginnt mit farbiger ...

Das Leben der Wallis Simpson und die Geschichte ihres skrupellosen Aufstiegs liefert definitiv das Material für eine interessante Biographie und die Autorin weiß es zu nutzen. Sie beginnt mit farbiger Erzählweise mitten in der Geschichte – Edward hat abgedankt, Wallis wartet auf ihre Scheidungspapiere. Dieser Einstieg, der bis zu den Flitterwochen des Paares geht, zieht sich über mehr als 50 Seiten (und enthält leider auch einige zähe Schilderungen minutiöser Reiseabläufe). Für Leser, die mit der Geschichte noch nicht sonderlich vertraut sind, könnte dieser Einstieg, der Vorwissen voraussetzt, etwas verwirrend sein. Erst nach diesem ersten Viertel des Buches wird dann überwiegend chronologisch erzählt.

Die Erzählweise gefiel mir einerseits gut, denn sie ist flüssig, mit vielen interessanten Details und Hintergrundinformationen versehen. Man kann dieses Buch leicht lesen und es verfügt über eine unterhaltsame Lebhaftigkeit. Allerdings haben mich zwei Aspekte des Erzählstils ganz enorm gestört und mir das Lesevergnügen verleidet. Das ist zum einen die fehlende Objektivität der Autorin. Immer wieder streut sie ihre eigene Meinung auf unangenehme Weise ein, ob nun durch teils geradezu gehässig wirkende Einschübe, eigene Beurteilungen oder kleine Zusätze wie „die versnobte Thelma“. Das liest sich, obwohl ich ihre Meinung in den meisten Punkte teilte, nicht nur unerfreulich, sondern ist auch unprofessionell. Eine fundierte Biographie sollte es den Lesern überlassen, sich selbst ein Urteil zu bilden, und sich durch eine objektive Erzählweise auszeichnen.
Der andere enervierende Aspekt war das ständige Denglisch. Warum die Autorin nicht Prominente, Gastgeberin, Königsfamilie, Geburtstagsfeier etc. schreiben kann, sondern es Celebrity, Hostess, Royal Family, Birthday Party o.ä. heißt, eine Reproduktion zu einer „Fake-Renaissance-Truhe“ wird oder das Brautpaar wie „zwei Outlaws“ dasteht, ist mir ein Rätsel. Das klingt albern und hat etwas von den Büchern dieser Influencer-Häschen, die leider momentan den Markt überschwemmen. Auch Formulierungen wie „… wie Herman, wenn auch nicht ganz so toll“ oder „dem superreichen Eisenbahnerben“ passen eher in ein Teenie- oder Inflencerbuch, aber nicht in eine ernstzunehmende Biographie. Es gab Momente, in denen ich eher ein gewisses Klatschzeitschriftengefühl beim Lesen hatte. Ich habe aus derselben Reihe das Buch „Leopoldine von Habsburg“ gelesen, dessen Autorin es wesentlich besser schafft, sowohl seriös wie auch unterhaltsam zu schreiben.

Vom Informationsgehalt ist das Buch ausgezeichnet, wenn es für meinen Geschmack doch manchmal an der Oberfläche bleibt. Schön ist, daß auch viele Zeitgenossen zitiert werden und zum umfänglichen Eindruck beitragen. Gestört hat mich, daß gelegentlich Behauptungen über Gedanken und Gefühle Wallis Simpsons getroffen wurden, zu denen kein Beleg erfolgte. Gerade bei solchen Aussagen, welche das Innere betreffen, fragt man sich ja, woher diese bekannt sind – Tagebücher, Briefe? Manchmal wird es erwähnt, manchmal aber eben auch nicht, was ich ebenfalls nicht sonderlich seriös finde. Auch hier fällt der Unterschied zum „Leopoldine von Habsburg“-Buch auf, welches 371 Anmerkungen enthält, die Aussagen belegen. Eine solche Anmerkungsliste fehlt hier komplett.

Die Zeit nach der Hochzeit wird leider eher summarisch abgehandelt, aber auch hier erfährt man viel Interessantes und sieht während der Kriegsjahre eine andere, unerwartete Seite von Wallis Simpson. Insgesamt vermittelt das Buch einen lebhaften und umfassenden Eindruck dieser Frau.

Die Ausstattung ist erfreulich, auch wenn ich die grellen Farben, in denen diese Buchreihe gehalten ist, persönlich überhaupt nicht mag. Ein herrlich fester Bucheinband und eine schlichte, aber durchdachte innere Gestaltung können überzeugen, auch sind die zahlreichen Fotografien erfreulich. Auch wenn das Buch hinsichtlich Anspruch und Schreibstil m.M.n. gegenüber dem „Leopoldine von Habsburg“-Buch abfällt und es ihm leider etwas an Sachlichkeit mangelt, bietet es doch einen unterhaltsamen und informativen Blick auf Wallis Simpson, Edward VIII und ihre Geschichte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil