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Veröffentlicht am 24.01.2019

Sprachgewaltiges Portrait von Gesellschaft und Freundschaft

Die Glut
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Der ungarische Titel dieses Buches, A gyertyák csonkig égnek, bedeutet übersetzt "Die Kerzen brennen bis zum Ende". Dies ist eigentlich der bessere Titel für dieses Buch, denn der Großteil der Handlung ...

Der ungarische Titel dieses Buches, A gyertyák csonkig égnek, bedeutet übersetzt "Die Kerzen brennen bis zum Ende". Dies ist eigentlich der bessere Titel für dieses Buch, denn der Großteil der Handlung (mehr ein Gespräch als Handlung) findet in einer Nacht statt, in der die Kerzen allmählich herunterbrennen.

Das Buch beschreibt eine Rückschau. Eine Rückschau auf eine untergegangene Zeit, die k.u.k. Monarchie, die Welt der Adligen, der Offiziere, der Ehre, des Verschweigens. Aber auch eine Rückschau auf eine Freundschaft und einen Betrug. All dies geschieht vor dem Ersten Weltkrieg und wird im Jahre 1942 in einer kammerspielähnlichen Situation betrachtet.

Der 75jährige ungarische General Henrik lebt alleine und zurückgezogen in seinem Schloß, erhält dann die Nachricht über den Besuch eines Freundes, den er seit über 40 Jahren nicht mehr gesehen hat. Man merkt, er hat seit über 40 Jahren auf diesen Besuch gewartet. Es gibt etwas zu klären, etwas Unangenehmes. Nach und nach blickt Henrik zurück auf die gemeinsame Jugend mit seinem guten Freund Konrád. In einer wunderbaren Sprache entfaltet sich vor uns die k.u.k.-Welt, die Ehe zwischen Henriks sehr verschiedenen Eltern, die Freundschaft zwischen dem privilegierten Henrik und dem aus verarmtem Adel stammenden Konrád. Beide jungen Männer werden Offiziere, Konrád paßt aus verschiedenen Gründen nicht in diese Welt und nach und nach merken wir auch, daß diese so gut erscheinende Freundschaft zwischen Henrik und Konrád viel komplizierter, tiefgründiger und teils ablehnender ist, als man denkt.

Allmählich, als werden Blätter von einer Blüte gepflückt, wird aufgedeckt, was damals alles geschah, was Konrád dazu veranlaßte, fast fluchtartig ins Ausland zu gehen, was Henrik zu seiner Zurückgezogenheit veranlaßte. Als Konrád zu seinem Besuch ankommt, verbringen die beiden jetzt alten Männer die Nacht mit den brennenden Kerzen damit, zu reden. Oder vielmehr, Henrik redet. Es ist ein langer Monolog, oft sehr weitschweifig, manchmal wiederholend. Die Sprache bleibt wundervoll, elegant, berührend.

Am Morgen sind die Kerzen heruntergebrannt, ist alles gesagt. Es bleibt einiges ungeklärt zwischen den beiden Männern, und doch ist es genau dadurch auch geklärt. Ein interessanter vielschichtiger Blick auf die verschiedenen Facetten von Freundschaft, Rache, Verzeihen, Sehnsucht. Sándor Márai konnte in seiner wundervollen Sprache eine untergegangene Welt auferstehen lassen, das Gefühl des Sterbens dieser Welt fast schmerzlich verdeutlichen. Ein wahres Lesevergnügen.

Veröffentlicht am 24.01.2019

Ungewöhnliche und spannende Geschichte mit Lektorierungsbedarf

Er hat mich umgebracht
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Die Beschreibung dieses Buches hat mich gleich neugierig gemacht - ein Mädchen träumt einen viele Jahre später stattfindenden Mord in allen Details, das ist schon ungewöhnlich. Der Prolog beschreibt diesen ...

Die Beschreibung dieses Buches hat mich gleich neugierig gemacht - ein Mädchen träumt einen viele Jahre später stattfindenden Mord in allen Details, das ist schon ungewöhnlich. Der Prolog beschreibt diesen Mord dann auch gleich sehr lebendig und anschaulich, man ist sofort drin.

Die nächsten zwei Kapitel widmen sich diesem Mädchen namens Luna und den verstörenden Träumen, die sie im Alter von 6 Jahren hat. In diesen Kapiteln empfand ich den Schreibstil manchmal als etwas unbeholfen und es gab auch einige Unklarheiten. Die Unheimlichkeit der Träume und das Gefühl der Bedrohung, welches diese auslösen, wurde allerdings hervorragend vermittelt. Mit einer Hypnose versucht die Familie, Abhilfe zu schaffen, Details möchte ich natürlich nicht verraten. Die angewandte Methode selbst und ihr Ergebnis war für mich nicht ganz nachvollziehbar. Allerdings muß man sich in diesem Buch auch einfach mal auf einige Dinge einlassen, die nicht rational erklärbar sind, das hat sich mir beim weiteren Lesen erschlossen.

Der Hauptteil der Geschichte behandelt dann Luna als Erwachsene, der geträumte Mord geschieht nun tatsächlich und es zeigt sich, daß die zu ihrer Kindheit versuchte Abhilfe erhebliche Nachteile hat. Nach und nach wird Luna sich bewußt, daß sie tatsächlich in Gefahr ist und erfährt auch allmählich mehr über die Probleme ihrer Kindheit und Jugend. Die entwickelt sich interessant und zwar sowohl die Mordermittlungen, Lunas allmähliche Erkenntnisgewinnung und auch Lunas inneres Wachsen als Person. Luna ist sehr gut und glaubhaft dargestellt, sie ist vielseitig und es ist hervorragend beschrieben, daß sie zugleich verletztlich & verängstigend, aber auch innen richtig stark ist.

Während die Charakterentwicklung und Spannung sich sehr gut entwickeln und auch der Schreibstil etwas kraftvoller wird, beeinträchtigen leider sehr häufige grammatikalische Fehler das Lesevergnügen doch erheblich, zumindest bei mir. Es sind ziemlich viele Schreibfehler im Buch, wesentlich stärker wirkt sich aber aus, daß die Vorvergangenheit so gut wie durchgehend (abgesehen von 2 oder 3 Ausnahmen) falsch - also: nicht - verwendet wurde. Dies erschwert an einigen Stellen das Verständnis und ist eben auch zum Lesen unerfreulich, ebenso wie der fast immer falsch verwendete Konjunktiv. Da hat, ich muß es leider schreiben, ein Lektor sehr unzureichend gearbeitet und ich kann nur dringend empfehlen, daß das Buch anständig lektoriert wird. Gerade bei einer so guten spannenden Geschichte ist es besonders schade, wenn so viele Fehler vorhanden sind.

Es gibt einige kleine Längen, aber im Ganzen wird die Geschichte immer spannender, Luna immer konturierter, der Schreibstil immer stärker. Sehr schön finde ich, daß die Autorin auf billige Effekte verzichtet hat. Es gibt eine Liebesgeschichte im Buch, aber sie ist nicht nur da, damit eine Liebesgeschichte enthalten ist, sondern ist wichtig für die Geschichte. Die Spannung wird raffiniert bis zum Ende gehalten, es gibt keinen 08/15-Showdown, sondern viele unerwartete Wendungen, die Schritt für Schritt zu einem wohlausgedachten Ende führen.

Veröffentlicht am 24.01.2019

Sehr gelungene und toll recherchierte Geschichte

Land im Sturm
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1000 Jahre deutsche Geschichte in einem Roman darzustellen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Als ich zuerst von dem Buch hörte, konnte ich mir kaum vorstellen, wie das zu machen sei. Nach dem Lesen stelle ...

1000 Jahre deutsche Geschichte in einem Roman darzustellen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Als ich zuerst von dem Buch hörte, konnte ich mir kaum vorstellen, wie das zu machen sei. Nach dem Lesen stelle ich sowohl erfreut wie auch bewundernd fest: Es ist Ulf Schiewe sehr gut gelungen!

Das Buch macht schon von außen einen guten Eindruck, wertig gestaltet, das Titelbild schlicht und zugleich eindrücklich. Um die 1000 Jahre zu vermitteln, wurden fünf für die deutsche Geschichte prägende Momente gewählt und mit der persönlichen Geschichte dreier Familien verknüpft. Diese Episodenform ist eine gute Idee und die einzelnen Abschnitte finde ich an und für sich gut gewählt. Es ist aber zwischen dem zweiten und dritten Abschnitte ein Sprung von 500 Jahren, was mir persönlich zu viel war. Wenn von 1000 Jahren 500 übersprungen werden, fehlt mir persönlich doch etwas. Da die beiden letzten Etappen zeitlich nah beieinander (1813 & 1848) liegen und die gleichen Charakter behandeln, hätte ich persönlich es erfreulicher gefunden, wenn diese in einem Abschnitt zusammengenommen und gestrafft worden wären, zugunsten eines weiteren Abschnitts zwischen dem zweiten und dritten Abschnitt. Aber natürlich ist das Geschmackssache - wenn man aus 1000 Jahren fünf Zeitpunkte wählen muß, kann man es unmöglich allen Lesern recht machen. In jedem Fall ist es gut gelungen, Deutschlands Entwicklung aufzuzeigen, die Veränderungen, sowie einige der wichtigsten Ereignisse, die das Land formten.

Die geschichtlichen Informationen sind reichhaltig und - soweit ich das beurteilen kann - hervorragend recherchiert, wir erfahren nicht nur etwas über die großen Ereignisse, sondern auch über das Alltagsleben, was ich immer besonders interessant finde. Gebrauchsgegenstände, Mode, Einrichtung, Bauweisen, das wird alles unaufdringlich und informativ in die Geschichte eingebracht, ebenso wie die jeweilige Lektüre der Personen. Im Kapitel über den 30jährigen Krieg erfahren wir auch Interessantes über die Weiterentwicklung von Waffen. Die Hauptfamilie des Buches sind Schmiede und auch da wird über den Beruf geschickt die Weiterentwicklung auch dieses Handwerkes, die sich ändernden Anforderungen, Risiken, Gebrauchsgüter erklärt. So macht Geschichte Spaß. Jedem Abschnitt ist eine kurze historische Einführung vorangestellt, eine hervorragende Idee, denn so kann auch der historisch Unkundige sich gleich ein Bild machen. In den ersten beiden Abschnitten werden die zu dem Punkt aktuelle politische Situation und die geschichtlichen Entwicklungen gut in Unterhaltungen eingeflochten, so daß man nicht seitenlange Hintergrundinformationen lesen muß. In den letzten beiden Abschnitten sind teilweise doch längere Hintergrundtexte und politische Diskussionen. Das ist zwar interessant und auch gut geschrieben, aber unterbricht die Handlung dann doch immer ein wenig. Die Recherchearbeit, die in diesem Buch steckt, ist jedenfalls beeindruckend.

Der Schreibstil ist durchgängig angenehm. Ich war sofort im Buch drin, die Handlung beginnt lebendig, das Tempo ist in den beiden ersten Abschnitten genau richtig für meinen Geschmack. Ein wenig irritierte mich im Buch die im Dialog gelegentlich zu moderne Ausdrucksweise der Personen, gerade weil sonst alles sehr der jeweiligen Zeit gemäß ge- und beschrieben wird.

Man lernt in jedem Abschnitt (abgesehen vom letzten) neue Charaktere kennen, begleitet diese ca 200 Seiten und verläßt sie dann. Dies klappt erstaunlich gut, in den ersten beiden Abschnitten waren mir die Hauptpersonen schnell vertraut und interessierten mich, auch Nebenpersonen waren mit Leben erfüllt. Am Ende des jeweiligen Abschnitts war der erzählte Lebensabschnitt der Hauptpersonen immer zu einem Ende geführt, so daß man sie mit einem Gefühl des Abschlusses zurücklassen konnte und sich nicht herausgerissen fühlte. Auch das hat mich beeindruckt, denn alle 200 Seiten gewissermaßen eine neue Welt zu schaffen und diese dann auch gut abzuschließen, ist sicher nicht leicht. Es gibt verbindende Elemente, so zieht sich eine Familie - meistens als Hauptpersonen - durch alle Abschnitte. Leider aber wird diese Familie im dritten Abschnitt kaum erwähnt und das fand ich bei insgesamt fünf Abschnitten schon bedauerlich. Man erlebt die Familie sehr intensiv im Jahre 955, dann im Jahre 1146 und dann so richtig erst wieder im vierten Abschnitt, der 1813 spielt. Es war schade, daß der Fokus für so viele Jahrhunderte weg war, denn sie sind einem doch ans Herz gewachsen.

Der dritte Abschnitt spielt zum Ende des 30jährigen Krieges und ist sehr auf einen einzigen Handlungsstrang konzentiert, während die anderen Abschnitte alle mehrere Handlungsstränge haben. Dadurch blieben für mich leider einige Aspekte unerwähnt, über die ich gerne gelesen hätte. Wir erleben sehr stark den Fokus einer Gruppe Soldaten, kaum aber den der Zivilisten. Die anderen Abschnitte konnten mehrere Blickwinkel und Situation sehr schön verbinden und das fehlte mir im dritten Abschnitt ein wenig. Nach den intensiven ersten beiden Abschnitten waren mir die beiden letzten Abschnitte teils etwas zu geruhsam und verweilten bei manchen Aspekten zu lang (gerade der vorletzte, 1813, spielende Abschnitt).

Insgesamt habe ich das Lesen des Buches aber genossen und gerade die ersten Abschnitte gedanklich noch öfter Revue passieren lassen. Es gibt eine Vielzahl interessanter Charaktere, man lernt auf angenehme Weise etwas über Geschichte und die sich verändernden Lebensbedingungen, dies alles in einem gut zu lesenden Schreibstil. Für jeden an historischen Romanen interessierten Leser ist dieses Buch ausgesprochen empfehlenswert.

Veröffentlicht am 24.01.2019

Recht unterhaltsamer Krimi mit einigen enervierenden Aspekten

Schandpfahl
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Dieser Krimi liest sich recht unterhaltsam und ist größtenteils flüssig geschrieben. Wir begleiten den jungen Kriminaler Jan bei seinem ersten Mordfall und erleben sein ständiges Zweifeln an seinem eingeschlagenen ...

Dieser Krimi liest sich recht unterhaltsam und ist größtenteils flüssig geschrieben. Wir begleiten den jungen Kriminaler Jan bei seinem ersten Mordfall und erleben sein ständiges Zweifeln an seinem eingeschlagenen Berufsweg. Jan war einst Philosophiestudent und hat sich dieses Interesse an der Philosophie erhalten. Das wird zeitweise etwas anstrengend, wenn wir immer wieder philosophische Exkurse lesen müssen, die nicht unbedingt interessant sind und die Geschichte eher unterbrechen, zusammen mit Erklärungen, die sich ein wenig wie ein Wikipediaeintrag lesen. Jans ständiges Hin und Her, ob er nun Polizist bleiben soll oder nicht, ist ebenfalls etwas anstrengend. Bei jedem Rückschlag will er hinwerfen, bei jeden Erfolg ist er voller Motivation – das nutzt sich ab. Überhaupt scheint er emotional ziemlich überbordend zu sein; nach einigen Tagen mit einer neuen Frau (Krimi ohne Romanze scheint kaum noch möglich) werden schon tiefe Liebeserklärungen gemacht und auch sonst bekommen wir viele starke, für mich teils übertriebene Emotionen und Gedanken mit. Im Klappentext wird er als Schöngeist bezeichnet, ich würde es überspannt nennen.

Der Fall selbst ist recht gut ausgedacht, bringt gute Wendungen mit sich und liest sich auch ganz unterhaltsam. Das Ende war nicht unbedingt mein Geschmack, aber an sich gefielen mir Fall und Hintergründe ganz gut, es war auf der Skala meiner Krimierfahrungen solides Mittelfeld.

Während der Stil gut zu lesen ist und gelegentlicher Humor aufblitzt, fand ich die ständigen Wiederholungen enervierend. Das fängt damit an, daß Jans Kollege ihn in jedem Satz mit Namen anspricht und setzt sich darin fort, daß das bereits Geschehene, welches der Leser ja bereits gelesen hat, nochmal zusammengefaßt wird, oft mehrfach. Dies hat mein Lesevergnügen ziemlich beeinträchtigt.

Im Ganzen hat mir das Buch bei einer Zugfahrt die Zeit ganz unterhaltsam vertrieben, mehr würde ich von diesem Autor aber nicht unbedingt lesen.

Veröffentlicht am 24.01.2019

Bemerkenswerte Recherche über ein deutsch-jüdisches Schicksal und die Macht der Versöhnung

Ein Akt der Vergebung
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In Düsseldorf-Oberkassel befindet sich der angenehme, recht unauffällige Werner-Pfingst-Platz. Ich habe bei meinem Besuch in Oberkassel den Namen des Platzes nicht bemerkt und hätte auch gar nicht gewußt, ...

In Düsseldorf-Oberkassel befindet sich der angenehme, recht unauffällige Werner-Pfingst-Platz. Ich habe bei meinem Besuch in Oberkassel den Namen des Platzes nicht bemerkt und hätte auch gar nicht gewußt, welch interessante Geschichte dahinter steckt. Zum Glück hat mir eine liebe Bekannte die Geschichte erzählt und mir dann dieses bemerkenswerte Buch geliehen. Werner Pfingst ist ein ehemaliger Einwohner Oberkassels, dem es zum Glück gelang, der Nazidiktatur rechtzeitig in die USA zu entfliehen. Leider war dieses Glück nicht all seinen Familienangehörigen vergönnt und so berichtet dieses Buch über viele deutsch-jüdische Schicksale, einige davon sehr tragisch, einige mit glücklichem Ende. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie die menschenverachtende Diktatur in eine deutsche Familie eingriff, sie auf ihr Jüdischsein reduzierte und sie dafür brutal verfolgte. Besonders beeindruckend ist es, daß dieses so sorgfältig recherchierte Buch die Arbeit dreier Gymnasialschülerinnen (der ehemaligen Schule Werner Pfingsts), eines Lehrers und eines Polizeibeamten ist. Unglaublich, was diese ungewöhnliche Kooperation an interessanten Fakten entdeckt und so gelungen in Buchform gebracht hat.

Das Buch beginnt mit der Lebensgeschichte des Vaters von Werner Pfingst, berichtet über dessen beruflichen Aufstieg und das Familienleben, welches bereits vom 1. Weltkrieg durcheinandergewirbelt wurde. Man lernt nach und nach die sechs Kinder der Familie kennen, Werner und seine fünf Schwestern. Auch interessante Fakten über historische Hintergründe, das Stadtleben (damals noch in einer Stadt in Ostpreußen, später in Düsseldorf), die Lebensumstände einer gutbürgerlichen, finanziell gut dastehenden Familie werden anschaulich dargestellt. Jeder Fakt ist mit einer Fußnote belegt und zeigt, wie sorgfältig recherchiert wurde, wie viele Dokumente gesichtet wurde. Es muß eine unglaubliche Arbeit gewesen sein und es hat mich tief beeindruckt, daß Schülerinnen soviel Zeit und Enthusiasmus in diese interessante Projekt gesteckt haben.

Der allmählich immer engere Griff der Nazidikatur und die wachsenden Einschränkungen der Familie werden eindrücklich beschrieben. Auch wenn man die historischen Fakten kennt, ist es beklemmend, sie an konkreten Personen dargestellt zu sehen. Die vielfältigen Wege der Pfingst-Kinder (zu dem Zeitpunkt junge Erwachsene), mit den Einschränkungen umzugehen und Emigrationsmöglichkeiten zu finden, sind interessant zu verfolgen. Es gibt viele Zitate aus damaligen Schriftstücken, wie zB Werner Pfingsts Zulassungsgesuch zum Abitur oder auch aus Emails seiner Tochter, die für dieses Buch befragt wurde. Dadurch wird gerade Werner Pfingst sehr lebendig, man lernt ihn gut kennen. Er macht 1933 Abitur und es ist auch sehr interessant, über das damalige Schulsystem zu lesen, allgemeine Hintergründe zu erfahren.

Das Kapitel über die Familienmitglieder, die dem Holocaust zum Opfer fallen, ist beklemmend. Auch hier wird die Angst, die immer größer werdende Gefahr, aber auch die gelegentliche Hilfsbereitschaft gut geschildert, ebenfalls wieder in einer gelungenen Kombination mit allgemeinen historischen Hintergründen und Zeitzeugenberichten.

So verfolgt man die Schicksale der Familie Pfingst, einer ganz normalen deutschen Familie, deren Leben durch die abscheuliche Diktatur gänzlich aus dem Normalen herausgerissen wurde. Obwohl Werner Pfingst unter der Diktatur selbst gelitten und zudem noch mehrere Familienmitglieder verloren hat, tritt er bei einem Besuch in Düsseldorf in den 60er Jahren seinen ehemaligen Schulkameraden offen und freundlich gegenüber - es werden alte Freundschaften gefestigt und neue begründet. Dies wird im Buch mit einem sehr schönen Satz beschrieben: "Aus einer alten Schulfreundschaft zweier Jungen ist eine Verbindung der Völkerfreundschaft geworden."

So ist dieses in zugänglichem angenehmem Stil geschriebene Buch, mit reichhaltigem Unterlagen- und Fotomaterial eine sehr lesenswerte Lektüre, die zeigt wie sich Geschichte auf Menschen auswirkt, wie sie damit umgehen, leider manchmal auch daran zerbrechen. Es ist auch ein Beispiel für die bemerkenswerte Größe von Werner Pfingst und der Macht der Vergebung. Zum Abschluß ein Zitat aus dem Buch: "Denn seine jüdische Familie hatte im Krieg einen schrecklichen Blutzoll unter dem verbrecherischen Regime zahlen müssen. Pfingst hätte Gründe genug gehabt, sich ganz anders zu verhalten. Er hat sich aber für Milde entschieden."