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Veröffentlicht am 21.12.2025

»Trau, Schau, Wem«

Wem du traust
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Wenn der Schein trügt

Wir lernen eine nahezu perfekte Familie kennen. Eva Kramer, ihren Mann Daniel und der gemeinsame fünfjährige Sohn Linus. Sie leben glücklich und in Harmonie in einem Neubaugebiet ...

Wenn der Schein trügt

Wir lernen eine nahezu perfekte Familie kennen. Eva Kramer, ihren Mann Daniel und der gemeinsame fünfjährige Sohn Linus. Sie leben glücklich und in Harmonie in einem Neubaugebiet am Stadtrand. Eines Abends sind Eva und Daniel bei einer Geburtstagsparty eingeladen und die Babysitterin Sofia Ziemiak passt auf den kleinen Linus auf. Sofia ist die Tochter von Evas bester Freundin Susanne.

Nach der Rückkehr der Kramers fährt Daniel Sofia nach eigener Aussage nach Hause, wo sie aber nie ankommt. Die Fassade dieser scheinbar glücklichen Familie beginnt langsam abzubröckeln.

Die fünfzehnjährige Sofia ist sehr introvertiert. Sie pflegt keine sozialen Kontakte und hat weder Freunde in der Schule noch außerhalb. Das Handy benutzt sie nur zum Fotografieren. Zu den Aktivitäten auf ihrem Laptop kann ihre Mutter bei der Befragung durch die Polizei nichts sagen.

Risse in der Beziehung

Susanne lebt mit ihrem neuen Lebenspartner Axel Thürmer und Sofia in einer Patchworkfamilie zusammen. Es gibt Spannungen zwischen Sofia und Axel. Die Beiden verstehen sich nicht besonders gut. Sofia äußert sogar, dass sie ihr neues Zuhause »scheiße« findet. Es gibt auch Probleme in der Beziehung zwischen Susanne und Axel. Es sind Red Flags, die auch Sofia nicht verborgen bleiben.

Es bleibt unklar, was mit Sofia geschehen ist. Ist sie weggelaufen, wurde sie entführt oder ist sie vielleicht Opfer von Cyber-Grooming (Anbahnung sexueller Kontakte über das Internet) geworden? Lebt sie noch?

Unzertrennlich

Die persönliche Beziehung zwischen Eva und Susanne ist in dem Kriminalroman sehr stark ausgeprägt. Seit dem Gymnasium sind sie unzertrennliche Freundinnen. Nach dem Schulabschluss hat Susanne ein Studium begonnen und Eva eine Ausbildung. Nachdem Susanne ungewollt schwanger wird, ziehen die Beiden zusammen. Nach Sofias Geburt teilen sie sich die Erziehung. Als Sofia acht Jahre alt ist, lernt Eva Daniel kennen, den sie später heiratet. In dieser Zeit hat Sofia alles unternommen, um Eva und Daniel auseinander zu bringen. Nach und nach beruhigt sich aber die Situation wieder.

Was verschweigt Daniel Kramer

Daniel Kramer rückt immer mehr in den Fokus der Ermittlungen. Nicht zuletzt, weil er mehrmals Dinge verschwiegen oder schlichtweg gelogen hat bei Befragungen durch die Polizei. Wie ein roter Faden zieht sich die Verdächtigung durch den Plot. Daran ändert auch nichts, dass weitere Personen kurzzeitig verdächtigt werden. Das beeinflusst die narrative Wahrnehmung sehr stark.

Die Nerven liegen blank

Je weiter man liest, desto mehr Spannungen werden offensichtlich. Die einst »besten« Freundinnen Eva und Susanne geraten immer öfter aneinander. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe und machen ihre unterschiedlichen Standpunkte klar. Der Streit zwischen Eva und Susanne eskaliert. Eva wirft Susanne ihre Unterwürfigkeit gegenüber ihrem Partner Axel vor. Susanne kontert daraufhin und erwähnt die sexuellen Probleme zwischen Eva und Daniel. Eva und Daniel sind längst nicht mehr das Traumpaar von einst. Zu oft hat er Eva in der Vergangenheit belogen.

Sinnvolle Unterteilung

Der Kriminalroman ist in vier Teile aufgeteilt, was im Prinzip keinen Mehrwert für die Erzählung bringt. Interessanter ist da schon die Unterteilung in drei unterschiedliche Perspektiven. Eva, die Hauptprotagonistin, berichtet aus ihrer Sicht als Ich-Erzählerin. In kurzen Kapiteln erzählt uns eine andere Person über ihre Pein und Angst. Sie sucht verzweifelt nach einem Weg, wie sie der Situation entkommen kann.

Die dritte Ebene widmet sich der Ermittlungsarbeit durch die Polizei. Diese beschränkt sich nicht nur auf die Suche nach der vermissten Schülerin Sofia, sondern richtet sich auch auf einen zurückliegenden Mord von vor fünfzehn Jahren an einer Schülerin. Gibt es hier Gemeinsamkeiten mit dem aktuellen Vermisstenfall? Das hat die Autorin alles geschickt miteinander verknüpft.

Was am Ende steht

Es gibt Dinge, die mir am Setting nicht gefallen haben. Da sind zum einen die klischeehaften Wiederholungen von Anrufen auf dem Smartphone. Das hat mit der Zeit wie eine Floskel auf mich gewirkt. Die Aufklärung des Vermisstenfalls war mir zu banal und konstruiert. Alle offenen Fragen werden auf den letzten Seiten des Kriminalromans gebündelt beantwortet.

Das Sprichwort »Trau, Schau, Wem« ist eine zeitlose Mahnung zur Vorsicht. Es kommt hier sehr gut zum Ausdruck. Es erinnert daran, nicht jedem Menschen und jeder Situation blind zu vertrauen, sondern sich ein eigenes Bild zu machen und genau hinzusehen.

Fazit

»Wem du traust« ist ein psychologischer Kriminalroman, der weitestgehend auf blutige Details und harten Thrill verzichtet. Petra Johann ist eine klare Unterscheidung zwischen Krimi und Thriller gelungen.
Der Schreibstil ist flüssig und leicht verständlich. Die Verhaltensweisen der verschiedenen Figuren und deren Charaktere mit ihren Stärken und Schwächen herauszuarbeiten, spricht für die Autorin. Die Kapitel sind überwiegend kurzgehalten und enden mit einem Cliffhanger, um die Auflösung einer Situation zu verzögern.
Es gibt Längen in den Erzählungen (Bsp.: Lagebesprechungen bei der Polizei), die die Spannung des Öfteren ausbremsen.
Es werden immer wieder neue Figuren erwähnt, die in Erscheinung treten. Da sie für den Handlungsablauf nicht wichtig sind, verschwinden sie genauso schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit.

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Veröffentlicht am 23.10.2025

Alle sind in irgendeiner Weise schuldig

Dunkle Sühne
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Mit »Dunkle Sühne« präsentiert Karin Slaughter den ersten Band aus einer neuen Reihe. Das Buch ist in zwei Zeitebenen unterteilt. Es ist der 4. Juli – der Nationalfeiertag der Vereinigten Staaten von Amerika. ...

Mit »Dunkle Sühne« präsentiert Karin Slaughter den ersten Band aus einer neuen Reihe. Das Buch ist in zwei Zeitebenen unterteilt. Es ist der 4. Juli – der Nationalfeiertag der Vereinigten Staaten von Amerika. Wie jedes Jahr, wird auch in diesem Jahr der Tag der Unabhängigkeit gefeiert. Die Kleinstadt North Falls mit ihren weniger als tausend Einwohnern ist auf den Beinen, um sich das bevorstehende Feuerwerk anzuschauen.

An diesem Tag verschwinden die beiden fünfzehnjährigen Teenager Madison Dalrymple und Cheyenne Baker. Zwei Freundinnen, die nur sich selbst hatten und keinen Zugang zu anderen Gleichaltrigen suchten. Beide Mädchen haben schlechte Charaktereigenschaften in sich vereint. Sie sind aufmüpfig in der Schule, geben ständig Widerworte, passen nicht auf im Unterricht und sind abgelenkt durch ihre Handys. Cheyenne ist meist die Rädelsführerin und alles andere als ein »unbeschriebenes Blatt«.

Die Einwohner der Kleinstadt North Falls sind in Aufruhr. Chief Deputy Gerald Clifton und seine Tochter Deputy Emma Clifton sowie das hinzugezogene FBI arbeiten auf Hochtouren daran, den oder die Täter zu ermitteln. Man entdeckt die Fahrräder der beiden Mädchen, ein zerstörtes Handy und Blut am Fundort.

Madison wollte an besagtem 4. Juli noch mit Emmy sprechen und sie um Hilfe bitten, aber die hatte keine Zeit. Später macht sie sich große Vorwürfe. Madisons Stiefmutter Hannah ist außer sich vor Wut und Verzweiflung, als sie davon hört. Hannah und Emmy waren Freundinnen seit Kindheitstagen, aber jetzt hat Hannah mit ihr gebrochen.

Chief Deputy Gerald Clifton ist mittlerweile sechsundachtzig und immer noch im Dienst. Neben ihm und Tochter Emmy ist nun auch Emmys Sohn Cole als Deputy tätig. Der körperliche Verfall von Gerald ist nicht zu übersehen. Man wird erfahren, dass er an Krebs erkrankt ist und seine noch vorhandene Lebenszeit begrenzt ist. Die Alzheimer-Erkrankung im Endstadium von Geralds Frau Myrna belastet die ganze Familie schwer. Obwohl sie sich die Pflege aufteilen, muss sie letztlich in ein Heim. Die belastende Atmosphäre innerhalb der Familie hat Slaughter gut eingefangen.

Slaughter versteht es, Spannung aufzubauen, wenn der Anfang auch etwas träge ist. Sie legt verschiedene Spuren zu Personen, die als Täter infrage kommen. Einer davon, Adam Huntsinger, wird aufgrund von Indizien verurteilt. Nachdem er zwölf Jahre in der Todeszelle abgesessen hat, wird er auf Bewährung freigelassen. (Anm.: Das wirkt ziemlich konstruiert und nicht nachvollziehbar). Bald darauf verschwindet wieder ein Mädchen in North Falls. Dies gleicht demselben Muster wie die beiden zurückliegenden Vermisstenfälle. Nach den bisherigen Ermittlungen muss man davon ausgehen, dass es nicht nur einen Täter gibt, sowohl für den zurückliegenden als auch den aktuellen Fall.

Nach vielen Jahren taucht Emmys totgeglaubte ältere Schwester Martha wieder auf, die von dem neuen Vermisstenfall der jungen Paisley Walker in North Falls gehört hat. Die beiden Schwestern sind nicht gut aufeinander zu sprechen. Aus Emmys Sicht kann man fast von Hass sprechen. Emmys Verhalten lässt erkennen, dass sie aufgrund der vorangegangenen Ereignisse ein Trauma durchlebt. Martha Judean, die sich jetzt nur Jude nennt, reißt die Ermittlungen an sich, wie sie es aus ihrer Zeit als FBI-Agentin in San Francisco gewohnt war. Sie ist mittlerweile siebenundfünfzig Jahre alt und damit im obligatorischen Ruhestandsalter beim FBI. Die Vermutung liegt nahe, dass sie nach einer neuen Herausforderung sucht und wieder Kontakt zu ihrer Familie sucht.

Mit Jude kommen neue Ermittlungsansätze. Auch die beiden zurückliegenden Vermisstenfälle von vor zwölf Jahren werden mit einbezogen. Ein Täterprofil wird erstellt. Gesucht wird ein weißer Mann. Er ist in einer Position, die Bildung oder eine Ausbildung erfordert. Er hat häufig Kontakt zu Kindern und genießt eine
Vertrauensstellung in der Gemeinde. Slaughter versteht es geschickt, mehrere Spuren auszulegen.

Emmy und Jude stellen ihre Ressentiments in den Hintergrund, zudem ist Jude angetan von Emmys Sohn Cole, wie er sich in die Ermittlungen einbringt. Die Spannung zieht spürbar an. Fast kommt die Auflösung zu früh, was wieder einen Spannungsabfall bedeutet hätte. Aber Slaughter ist es mit einem Twist gelungen, für eine Überraschung zu sorgen und damit die Spannung hochzuhalten.

In diesem Thriller begegnen einem pädophile, psychopatische und andere »kaputte« Charaktere. Anders kann man es sich nicht erklären, wenn jemand seinen eigenen Sohn ans »Messer« liefert, um nicht in Verdacht zu geraten. Slaughter versteht es, die einzelnen Charaktere bildgewaltig zu beschreiben. So wird dem Leser klar ersichtlich, wer auf der Seite der »Guten« und der »Bösen« steht. Viele persönliche Begebenheiten bezieht die Autorin in die Handlung mit ein, die traurig stimmen und für Entsetzen sorgen.

Fazit

Die fiktive Kleinstadt North Falls im US-Bundesstaat Georgia könnte durchaus auch Clifton-Town heißen mit ihren vielen miteinander verwandten Einwohnern. Die ganze Szenerie wird beherrscht von menschlichen Abgründen und Tragödien. Deren Tragweiten werden erst nach und nach offengelegt.
Der Titel der englischen Originalausgabe »We are all guilty here« (Wir sind alle schuldig hier) könnte die Lage in dieser Kleinstadt nicht besser ausdrücken.
Lange Kapitel ohne eingeschobene Absätze nehmen die Spannung etwas heraus. Der Text hätte gestrafft werden können, um das Wesentliche noch besser zur Geltung zu bringen. Eine Anhäufung von Figuren kann man als leichten Störfaktor empfinden. Der Schreibstil ist flüssig und die Handlung ist vielschichtig.
Dieses Buch ist für hartgesottene Thrillerfans zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 26.08.2025

Pferderipper und grausige Funde

Mit kalter Hand
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Auch dieser 3. Band der Sabine Yao-Reihe befasst sich wieder mit einer fiktionalen Erzählung von echten Kriminalfällen, die sich so oder so ähnlich ereignet haben. Dieses Mal sind die Kenntnisse und Expertisen ...

Auch dieser 3. Band der Sabine Yao-Reihe befasst sich wieder mit einer fiktionalen Erzählung von echten Kriminalfällen, die sich so oder so ähnlich ereignet haben. Dieses Mal sind die Kenntnisse und Expertisen der stellvertretenden Leiterin der Berliner BKA-Einheit »Extremdelikte« doppelt gefragt.

Im ersten Fall sucht das LKA Berlin fieberhaft den Pferderipper von Lübars (Ortsteil des Bezirks Berlin-Reinickendorf). Er hat vier Pferde zum Teil so schwer verletzt und verstümmelt, dass man sie einschläfern muss.

Die Art und Weise der Tötung der Tiere macht es wahrscheinlich, dass der Täter irgendwann seine Projektionsfläche von Tieren auf Menschen überträgt. Das ist in der wissenschaftlichen Literatur belegt. Hier sei aus der Praxis an den deutschen Serienmörder Frank Gust erinnert. Hunderten von Tieren hat er sexuelle Gewalt angetan und sie getötet, bevor der sogenannte Rhein-Ruhr-Ripper zwischen 1994 und 1998 insgesamt vier Frauen ermordet und verstümmelt hat.

Im zweiten Fall entdeckt der Hund einer Spaziergängerin beim morgendlichen Auslauf im Spandauer Forst einen abgetrennten Fuß in einer Plastiktüte. Sowohl die Rechtsmedizinerin Dr. Sabine Yao als auch die Leiterin der vierten Berliner Mordkommission Monica Monti sind überzeugt, dass bei genauerem Suchen noch weitere Funde zu erwarten sind.

Eine Hundertschaft der Polizei durchkämmt daraufhin das Gebiet weiträumig, wobei mehr und mehr Leichenteile eines getöteten Menschen gefunden werden. Die meisten Teile sind schon stark skelettiert bis auf den Torso, der tief vergraben war. Nachdem die Meldung über den grausigen Fund auf mehreren Berliner Online-Portalen erschienen ist und der Täter sie liest, ist er verwundert darüber, dass man die Leichenteile so schnell und überhaupt gefunden hat.

Obwohl der erste Fall nicht zum Fachgebiet von Yao gehört, bittet Kriminalhauptkommissar Milan Hasanovic, Leiter der operativen Fallanalyse (OFA) beim Berliner LKA sie, bei einer eigens dafür eingerichteten SOKO ihre Expertisen zur Rechtsmedizin mit einfließen zu lassen.

Unbeachtet von seiner Außenwelt lebt in einer Ein-Raum-Wohnung in Berlin-Pankow ein Mann, der seine abartigen Fantasien in Dating-Portalen und im Darknet auslebt, bis ihm dies keine Befriedigung mehr bringt. Er möchte von der virtuellen in die reale Welt übergehen.

In den Erzählungen in Form eines whodunit erfahren wir immer mehr über diese Person, je näher wir dem Ende kommen. Der Mann hat ein verkorkstes Leben ohne Halt und eine kranke Psyche. Schlussendlich kommt es zu einem Polizeieinsatz kommt, der völlig aus dem Ruder läuft.

Alle Charaktere sind mit ihren Stärken und Schwächen beschrieben, sodass man sich ein Bild von ihnen machen kann, wobei der Schwerpunkt auf der Rechtsmedizinerin Dr. Sabine Yao liegt. Dass Yao bei den beiden Fällen an ihre körperlichen Grenzen stößt, kommt gut zum Ausdruck.

Manche Beschreibungen sind grausam und brutal. Sie wirken sehr realitätsnah. Das bezieht sich sowohl auf die Obduktionen im Sektionssaal als auch auf die Beschreibung der Tötung und Zerteilung eines Menschen. Das komplette Setting kann man als plausibel bezeichnen.

Fazit

Wie schon beim vorherigen Band »Mit kalter Präzision« fällt auf, dass bei dem Plot sehr viele Sequenzen dem Thema Rechtsmedizin gewidmet sind. Diese geben einen realistischen und informativen Einblick in den Beruf eines Rechtsmediziners.
Werden Fachbegriffe mit einbezogen wie bspw. »Asphyxie« oder »Exazerbation«, so werden sie dem Laien vom Autor verständlich erklärt. Trotz der Überladung mit Fachtermini ist der Schreibstil flüssig. Die Kapitel sind kurz und springen zwischen den Handlungssträngen hin und her. Sie enden mit Cliffhangern, was die Spannung beim Lesen hochhält.
Die fiktionale Handlung zu den hier geschilderten Fällen bekommt zu wenig Spielraum. Sich aufbauende Spannungsspitzen flauen somit immer wieder ab. Erst zum Ende hin entwickelt sich eine Art Sogwirkung.
Das Buch empfiehlt sich denen, die den Stil einer sachbuchähnlichen Darstellung gepaart mit fiktionalen Thrillersequenzen mögen.

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Veröffentlicht am 16.07.2025

Wie man ungeliebte Ehemänner loswird

Very Bad Widows
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Sue Hincenbergs präsentiert in ihrem Debütroman eine hintergründige Kriminalkomödie, die mit schwarzem Humor angereichert daherkommt. Die Erzählung ist hinterhältig, mörderisch und bitterböse zugleich, ...

Sue Hincenbergs präsentiert in ihrem Debütroman eine hintergründige Kriminalkomödie, die mit schwarzem Humor angereichert daherkommt. Die Erzählung ist hinterhältig, mörderisch und bitterböse zugleich, aber auch köstlich mit Kommentaren und Vergleichen der Autorin angereichert. Das spricht für den Fantasiereichtum der Autorin. In einigen Episoden erinnert der Roman an die US-Sitcom-Serie »Golden Girls« aus den 80er und 90er Jahren.

Zu Beginn fällt es etwas schwer, in die Geschichte hereinzukommen. Man wird mit vielen Personen konfrontiert und es dauert eine gewisse Zeit, bis die Zuordnung gelungen ist. Das geschieht relativ schnell und ab da liest es sich leicht und flüssig.

Vier Ehepaare sind seit Jahren befreundet. Obwohl alle bereits über sechzig sind, ist ihr Verhalten das einer Midlife-Crisis nicht ungleich. Von Liebe kann keine Rede mehr sein, man hat sich auseinandergelebt und nicht mehr viel zu sagen. Dann geschieht ein Unglück, das alles in eine andere Richtung lenkt. Dave, der Mann von Marlene, wird tot in seiner Garageneinfahrt gefunden.

Ab da geschehen Dinge, die man so nicht für möglich gehalten hat. Es gibt kaum eine Möglichkeit, um sich auf eine Situation einzustellen, bevor sich wieder alles ändert.

Marlene trauert nicht lange um ihren Mann, denn auf sie wartet eine Lebensversicherung über eine Million Dollar. Damit will sie einen Neuanfang in Boca Raton starten. Da Hank, Larry und Andre vor vier Jahren ihre Altersrücklage durch ein windiges Investment verzockt haben, bringt das ihre Ehefrauen Nancy, Pam und Shalisa auf eine Idee.

Wohlwissend, dass alle drei Ehemänner ebenfalls hohe Lebensversicherungen abgeschlossen haben, möchten sie es ihrer Freundin Marlene gleichtun und in ein neues, sorgenfreies Leben inmitten der High Society von Florida starten. Nur, wie kommen sie an die Lebensversicherungen heran? Der Haken bei der Sache ist, wie man die Männer loswerden kann. Da gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit.

Der Plot hat jede Menge Irrungen und Wirrungen. Die Geschichte ist in vier Abschnitte aufgeteilt, aus denen wechselseitig erzählt wird. Da sind zum einen die Frauen, deren Gedanken so schwankend sind wie die Palme während eines Tsunamis. Im Gegensatz dazu erfahren wir mehr über deren Ehemänner. Hank und Dave haben als Casinoangestellte die Spielautomaten manipuliert und über einen Zeitraum von vier Jahren fast 10 Mill. Dollar abgezweigt und untereinander aufgeteilt. Nach dem Tod ihres Freundes Dave fürchten die drei um das eigene Leben und sie wollen sich aus dem Staub machen. Nicht ganz so prominent, aber daher nicht weniger interessant ist die neue Betreiberin des Casinos Padma Singh, wofür die Hank und Dave gearbeitet haben. Ihr werden Verbindungen zum organisierten Verbrechen in Indien nachgesagt.

Dann wäre da noch der Herrenfriseur Hector Chavez, bei dem einer der Ehemänner Kunde ist oder war. Hector ist undurchschaubar und man weiß nicht, wie man ihn einordnen soll. Gehört er eher zu den »Guten« oder eher zu den »Bösen«? Im weiteren Verlauf wird er immer mehr zu einer zentralen Figur.

Sämtliche Figuren weisen eine gewisse Skurrilität auf sind sehr gut gezeichnet. Die Sympathie wechselt zwischen den drei Freundinnen und deren Ehemännern, je nachdem, was man gerade über sie erfährt. Auch für die Figur des Hector kann man durchaus Sympathie entwickeln. Unsympathisch kommt die Casinochefin Padma daher, deren Mutter für ein indisches Verbrechersyndikat verantwortlich zeichnet. Spielautomatenbetrug, ein Killer auf Bestellung und ein Hund namens Elmer geben dem Roman weitere Würze.

Zum Ende hin ist Hincenbergs sichtlich bemüht, einen Ausgleich zu schaffen, um das bisher Geschehene zu einem positiven Abschluss zu bringen. Sie möchte die einzelnen Figuren in einem besseren Licht dastehen lassen, was ihr auch gelingt.

Fazit

Man kommt nicht umhin darüber nachzudenken, ob die vermeintlichen Witwen wirklich die einzigen Bösen sind, wie es uns der Buchtitel verrät. Was haben die Casinobetreiberin Padma und der Herrenfriseur Hector zu verbergen?
Die Erzählung springt zwischen den vier Abschnitten hin- und her. Da das ohne harte Schnitte geschieht, kann man der Handlung mühelos folgen.
Dieses Buch ist ein Mix aus Kriminalroman und Komödie. Sie kommt teils köstlich und warmherzig daher, aber auch böse und hinterhältig. Die Erzählung ist stellenweise humorvoll, ohne albern zu wirken. Alles in allem ist »Very Bad Widows« sehr unterhaltsam und definitiv eine Empfehlung wert.

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Veröffentlicht am 03.07.2025

Ein Debüt mit Potential nach oben

Die feindliche Zeugin
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Alexandra Wilson ist von Beruf eine junge Prozessanwältin. In ihrem Debütroman erläutert sie einige Details zum Rechtswesen im Vereinigten Königreich. In dem hier erzählten Fall ist Mercedes Rosa Higgins ...

Alexandra Wilson ist von Beruf eine junge Prozessanwältin. In ihrem Debütroman erläutert sie einige Details zum Rechtswesen im Vereinigten Königreich. In dem hier erzählten Fall ist Mercedes Rosa Higgins eine Barrister (Rechtsanwältin, die Mandanten vor Gericht vertritt), die von ihrem Solicitor Craig (Rechtsanwalt für außergerichtliche Beratung) unterstützt wird.

Der junge farbige Emmett Hamilton soll während einer Auseinandersetzung mit Weißen den Krankenpfleger Thomas Dove in einem Park niedergestochen haben. Der Schwerverletzte stirbt später an den Folgen. Emmett schwört, die Tat nicht begangen zu haben, obwohl man die Tatwaffe bei ihm findet. Craig und Rosa übernehmen die Verteidigung. Bei einem Morddelikt ist die vorübergehende Freilassung auf Kaution nicht möglich und so kommt Emmett bis zum Prozess in Untersuchungshaft. Im späteren Verlauf erfährt man, dass Dove drogensüchtig und hoch verschuldet war.

Der Thriller erzählt abwechselnd in zwei verschiedenen Handlungsebenen. Wir erfahren von der farbigen Anwältin Mercedes Rosa Higgins, wie sie sich auf ihren ersten großen Fall vorbereitet. Sie ist ehrgeizig, gewissenhaft, hartnäckig und ist von der Unschuld ihres Mandanten überzeugt. Probleme in ihrem sozialen Umfeld belasten sie. Das Leben im gemeinsamen Haushalt mit ihrer Großmutter und ihrem kleinen Bruder gestaltet sich schwierig. Ihre privaten Pflichten leiden unter ihrer Arbeit.

Rosas Mandant Emmett Hamilton lebt ebenfalls bei seiner Großmutter. Der Junge ist introvertiert und misstrauisch allen gegenüber, die ihm helfen wollen. Er hält Aussagen zurück, die ihn entlasten könnten, aber gleichzeitig seine »Freunde« belasten würden. Man wird den Eindruck nicht los, dass er lieber eine lebenslange Gefängnisstrafe auf sich nehmen will, da er scheinbar um sein Leben fürchtet. Vorurteile gegen Farbige werden thematisiert.

Wilson beschreibt die Charaktere ihrer beiden Protagonisten Rosa und Emmett bildhaft und authentisch. Beide Figuren haben eine schwarze Hautfarbe und gehören somit einer sozialen Minderheiten-Gruppe an.

Zwei Zeugen belasten Emmett schwer. Sie sagen vor Gericht aus, dass er den weißen Thomas Dove in einem Park niedergestochen hat. Die Beweislage ist nahezu erdrückend und der Fall erscheint aussichtslos. Bei weiteren Recherchen stößt Rosa auf eine Person, die das Geschehen im Park als Augenzeugin verfolgt hat. Sie hat ebenfalls einen Migrationshintergrund und keine Aufenthaltsgenehmigung. Sie hat Angst und möchte vor Gericht daher nicht aussagen. Für den Prozessverlauf ist sie deshalb eine »feindliche Zeugin«.

Craig gibt der Verhandlung keine großen Aussichten auf Erfolg und wirkt daher eher desinteressiert. Das macht Rosa wütend, denn sie glaubt an die Unschuld von Emmett. Was macht sie da so sicher? Die Wahrheitsfindung in einem Prozess ist zweitrangig. Wichtig ist allein, was bewiesen werden kann und was nicht.

Es ist keineswegs überraschend, dass in Prozessen mit farbigen Angeklagten die ethnische Zugehörigkeit immer ein Thema ist. Schwarze Beschuldigte werden in Polizeiberichten nahezu subtil diskriminiert. Dass der weiße Prozessanwalt Craig nicht mit allem Nachdruck an der Verteidigung seines Mandanten arbeitet, verstärkt diesen Eindruck.

Über die Auswahl und Zusammensetzung der Geschworenen hätte es mehr Input geben können. Ohne große Einwände haben sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf die Jurymitglieder geeinigt. Da es in diesem Prozess nicht viele Zeugen gab, spielten auch Kreuzverhöre nur eine untergeordnete Rolle. Es fällt auf, dass die Jury ausschließlich aus weißen Personen besteht, was einen diskriminierenden Anschein erweckt.

Das Prozessende konnte man nicht unbedingt erwarten und bringt durch einen Plot-Twist eine so nicht vermutete Auflösung. Rosa hegt Zweifel, dass sie als Anwältin an der richtigen Stelle ist. Deshalb denkt sie darüber nach, zur Staatsanwaltschaft zu wechseln. Hier hätte sie mehr Macht, um etwas zu verändern. Bei einer größeren Sorgfaltspflicht würden ihrer Meinung nach weniger Fälle vor Gericht landen. Das ist ein interessanter Ansatz.

Fazit

Das Debüt von Alexandra Wilson, selbst Prozessanwältin von Beruf, ist ein Justizthriller mit Potential nach oben. Der Plot ist über weite Strecken gut durchdacht und die Figuren sind weitestgehend authentisch. Auch wenn sie noch nicht das Format eines John Grisham oder eines Steve Cavanagh hat, sollte man diese Autorin im Auge behalten.
Wir erfahren viel darüber, wie das britische Rechtswesen funktioniert. Das beschreibt Wilson detailliert und interessant. Alles, was nicht dazugehört (z.B. private Verbindungen), wird aber ebenso genaustens beschrieben. Das kann man in begrenztem Maße mit einbeziehen, sollte aber im Rahmen bleiben, ansonsten leidet die Spannung darunter.
So bleibt der Spannungsverlauf während der ganzen Zeit nahezu konstant auf einem mittleren Level. Einige Cliffhanger können daran auch nichts ändern. Man vermisst das Pacing.

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