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Veröffentlicht am 04.12.2023

Der Wolf im Schafspelz

Kaltherz
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Nach seinem Debütroman »Ausweglos« aus dem Jahr 2021 präsentierte der österreichische Schriftsteller mit »Kaltherz« 2022 seinen zweiten Thriller.

Die fünfjährige Marie Lipmann ist seit viereinhalb Monaten ...

Nach seinem Debütroman »Ausweglos« aus dem Jahr 2021 präsentierte der österreichische Schriftsteller mit »Kaltherz« 2022 seinen zweiten Thriller.

Die fünfjährige Marie Lipmann ist seit viereinhalb Monaten verschwunden. Clara, die Mutter von Marie, lässt ihre Tochter kurz allein im Auto. Als sie von der Toilette wiederkommt, ist Marie nicht mehr da. Ein Alptraum beginnt für die Eltern.

Die Eltern Clara (28 Jahre) und Jakob Lipmann (37 Jahre) kommen aus völlig unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Während Clara in verschiedenen Heimen aufgewachsen ist, wuchs Jakob in einem behüteten und gut betuchten Elternhaus auf. Clara ist depressiv und suizidgefährdet. Jakob klettert berufsmäßig auf der Karriereleiter ständig nach oben (da stellt sich mir die Frage: Unter welchen Umständen?) und lässt sich auch vom Verschwinden der kleinen Tochter und den Selbstmordgedanken seiner Frau nicht aus der Bahn werfen.

Längst ist der Charme der ehemaligen Liebesheirat verflogen. Lediglich Clara ist nach wie vor verliebt in ihren Mann. Jakob will nur eins – er will seine Tochter zurück, die er abgöttisch liebt.

Auf der anscheinend ausweglosen Suche wird Clara schlussendlich an ihren Selbstvorwürfen zerbrechen, da sie sich die alleinige Schuld am Verschwinden ihrer Tochter gibt. Da Jakob keine öffentliche Fahndung möchte Obwohl Jakob die Öffentlichkeit heraushalten möchte, kann er nicht verhindern, dass die Polizei ermittelt. Zumal Marie nicht das einzige Kind ist, dass in München entführt wurde.
konzentriert sich die Die Suche konzentriert sich zunächst auf das Kindermädchen, das aber auch spurlos verschwunden ist.

Die Kommissarin Kim Lansky übernimmt den Fall. Der bisherige leitende Ermittler Norbert Krüger in dem Vermisstenfall ist kürzlich verstorben. Es bietet sich daher an, jemand unbedarftes mit den Ermittlungen zu betrauen. In den Aufzeichnungen von Krüger wird Lansky später brauchbare Hinweise finden.

Lansky war bis vor kurzem vom Dienst suspendiert, da sie sich nicht an die Regeln des Polizeidienstes hält. Sie hat ihre eigenen Ermittlungsmethoden. Sie ist sehr impulsiv, reagiert emotional und hält sich nicht immer an das Gesetz. Das kommt bei den Vorgesetzten nicht gut an, und es sind Konfrontationen im Umgang mit möglichen Verdächtigen entstanden.

Die Kommissarin hat schon in verschiedenen Dezernaten gearbeitet: Cybercrime, Glücksspiel, Urkundenfälschung. Kriminalhauptkommissar Theo Rizzi setzt sich für sie ein. Rizzi und Lansky kennen sich bereits aus Kindheitstagen. Er kann seine Vorgesetzten dazu bewegen, Lansky eine allerletzte Chance zu gewähren und sie als Ermittlerin im Vermisstendezernat einzusetzen. Als die Ermittlungen aus dem Ruder laufen, erinnert sich Lansky an Pater Helman, an den sie sich schon als Kind in schwierigen Situationen gewendet hat.
Die Hauptfiguren Clara und Robert Lipmann, deren Tochter Marie und die Kommissarin Lansky erzählen jeweils in sich abgeschlossenen Kapiteln in der Ich-Form. Deren jeweiliger Name wird der Beschriftung der Kapitel vorangesetzt. Das macht die Handlungsabläufe überschaubar – sehr gut!

Gefühlte 260 Seiten präsentiert der Autor einen solide geschriebenen Thriller, in dem es allem Anschein nach um einen Entführungsfall geht. Die Ermittlungen stocken und die Polizei stochert in den wenigen Hinweisen ohne klaren Ansatz. Danach wird endlich ein hoher Spannungsbogen aufgebaut. Ein Twist reiht sich an den nächsten, und man ist gar nicht mehr gewillt, das Buch aus den Händen zu legen. Der Autor legt immer wieder neue Fährten. Zum Ende hin stellt sich alles anders dar als vorab vermutet, und es folgt ein ebenso überraschendes wie furioses Ende.

Fazit:

Eine starke Charakterzeichnung der Figuren ist ein Pluspunkt für den Autor. Mit dem Setting hatte ich zu Beginn des Plots Probleme.
In den ersten 40-50 Seiten musste ich mich überwinden, um weiterzulesen. Der Funke wollte einfach nicht überspringen, und ich konnte auch keine klare Linie erkennen.
Danach setzte eine Wende ein. Endlich bekam ich ein Gespür dafür, um was es hier in Wahrheit geht.
Es entwickelte sich ein Thriller, erst mit mittlerem Spannungspotential, um dann förmlich zu »explodieren«. Der Schreibstil nimmt in gleichem Maße zu wie die Handlung, zuweilen mit lustigen Vergleichen (Bsp.: »So hänge ich an der Decke, kopfüber wie Spiderman, mit dem Unterschied, dass dessen Lunge nicht rasselt wie die Percussion-Sektion einer Rumba-Band«). Solche Vergleiche finde ich immer amüsant.
Unzählige Überraschungen erwarten den Leser/die Leserin. Da sich der Plot geraume Zeit für mich nicht als Pageturner erwiesen hat, gebe ich vier Sterne.

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Veröffentlicht am 26.11.2023

»Was ich sage, muss geschehen!«

SCHWEIG!
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Judith Merchant ist eine ausgezeichnete Erzählerin, die großen Wert auf einen psychologischen Tiefgang legt.

Der Inhalt des Buches würde eine hervorragende Grundlage für ein Kammerspiel geben. Wenige ...

Judith Merchant ist eine ausgezeichnete Erzählerin, die großen Wert auf einen psychologischen Tiefgang legt.

Der Inhalt des Buches würde eine hervorragende Grundlage für ein Kammerspiel geben. Wenige Figuren machen den Inhalt überschaubar. Der Schwerpunkt liegt auf den psychologisch ausgerichteten Gesprächen zwischen den Figuren.

Esther und deren jüngere Schwester Sue könnten nicht unterschiedlicher sein und haben sich schon als Kinder nicht gut verstanden. In Rückblenden gewährt die Autorin Einblicke in die Kindheit der beiden Schwestern.

Aus Esthers Sicht hat sich eine gewisse Hassliebe gegenüber ihrer Schwester entwickelt. Sue möchte einfach von ihrer Schwester in Ruhe gelassen werden und am besten nichts von ihr hören und sehen.

Esther ist verheiratet und hat sowohl einen Sohn als auch eine Tochter. Sie lebt mit ihrer Familie in der Stadt. Sue hat sich von ihrem Mann Robert getrennt, ist kinderlos und lebt einsam im Wald in einem viel zu großen Haus. Von Robert wird man im weiteren Verlauf nichts mehr lesen, geschweige denn hören. Er ist nicht Gegenstand der Handlung.

Esther und Sue erzählen in der Ich-Form, später im Buch wird auch Esthers Mann Martin die Geschehnisse aus seiner Sicht erzählen. Ein sehr interessanter Schreibaspekt und was mir besonders gut gefallen hat: Die Autorin schreibt einzelne Begebenheiten und Handlungen jeweils aus der Sicht der beiden Schwestern – die Schilderungen laufen dabei völlig auseinander.

Esther ist sehr dominant, selbstsüchtig und hat narzisstische Züge. Sie will ihre jüngere Schwester Sue beherrschen, weil sie denkt, dass Sue sonst untergehen wird. Später wird man erfahren, dass Esther ihren Mann Martin demütigt und auch oft drangsaliert (Bsp.: weil Martin nachts schnarcht, näht sie ihm Tennisbälle in das Rückenteil des Schlafanzuges, damit er im Bett nicht mehr auf dem Rücken liegen kann – und den Schlafanzug darf er auch nicht wechseln). Keiner beherrscht diese Klaviatur besser als Esther. Martin wehrt sich nicht dagegen und ertränkt seinen Kummer lieber im Alkohol.

Einen Tag vor Heiligabend macht Esther sich auf den Weg zu Ihrer Schwester. Sie möchte ihr wie jedes Jahr ein Weihnachtsgeschenk und eine Flasche Wein bringen. Aber sie möchte ihre Schwester auch überreden, mitzukommen in die Stadt in ihre Wohnung, um gemeinsam Weihnachten zu feiern.

Und dies, obwohl die drei an das vergangene Weihnachtsfest keine guten Erinnerungen haben. Martin ist von der Idee nicht angetan und auch Sue möchte partout verhindern, gemeinsam mit Esthers Familie Weihnachten zu feiern. Eigentlich müsste auch Esther schlechte Erinnerungen an das gemeinsame Weihnachtsfest im vergangenen Jahr haben, an dem Sue psychisch so instabil war, dass man sogar einen Notarzt rufen musste. Aus den ganzen Schilderungen heraus wird man den Verdacht nicht los, dass da noch etwas anderes war.

Das nahende Ende des Buches ist hervorragend konstruiert. Wieder wird alles nach dem Willen von Esther ablaufen und ein Ereignis sorgt dafür, dass Sue auf das Wohlwollen ihrer Schwester angewiesen sein wird.

Fazit:

Das Buch ist übersichtlich in nicht zu lange Kapitel aufgeteilt. Die Kapitelüberschriften nehmen Bezug auf die jeweils betreffende Person. Der Schreibstil ist angenehm und flüssig zu lesen.
Da sich das Setting auf lediglich drei Personen bezieht (Esther, Sue und Martin) und sich die Handlung entweder zuhause bei Esther und deren Familie oder im Haus von Sue abspielt, ist das Buch sehr übersichtlich. Man könnte es ohne weiteres in einem durchlesen. Ich habe mich jedenfalls gut unterhalten gefühlt und gebe fünf Sterne.

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Veröffentlicht am 22.11.2023

Höllentrip in die Alpen

Die Einladung
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Die Rezension zu diesem Buch war für mich nicht ganz einfach. Wie meistens bei den Thrillern von Fitzek haben viele Leser überwiegend positiv darüber geschrieben. Da ich diese Meinungen nur bedingt teilen ...

Die Rezension zu diesem Buch war für mich nicht ganz einfach. Wie meistens bei den Thrillern von Fitzek haben viele Leser überwiegend positiv darüber geschrieben. Da ich diese Meinungen nur bedingt teilen kann, musste ich länger überlegen, was meine Rezension beinhalten soll.

Die Idee ist nicht neu. Ein gemeinsames Treffen in einer abgelegenen Berghütte hat u.a. auch schon Arno Strobel als Grundlage für seinen Psychothriller »Offline« gewählt.

Ort der Handlung ist eine einsam gelegene Berghütte in Bayern oberhalb von Kaltenbrunn, eines der höchstgelegenen Dörfer in den Alpen nahe der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Wer sich zu diesem Chalet begibt, ist mehr oder weniger auf sich selbst angewiesen. Es gibt nur eine einzige Verbindung mit einem Bus hinauf zu dieser Hütte und auch wieder hinunter ins Tal. Der Bus fährt nur bei Bedarf und wenn die Wetterverhältnisse es zulassen.

Diese Hütte wird auch gerne als Nebelhütte bezeichnet, da sie meist wegen Nebel unsichtbar ist. Hier kommt es zu einem Jahrgangstreffen von ehemaligen Abiturienten. Amadeus, Paulina, Jeremy, Grete, Rebekka und Simon werden mit identischen Einladungskarten zu diesem Treffen eingeladen. Wer die Einladungen versendet hat bleibt diffus. Marla Lindberg, um die es in erster Linie in diesem Thriller geht, wird mit einer gesonderten Karte eingeladen mit dem Hinweis »Kilian kommt auch«. Marla war in der Klasse eher eine Außenseiterin und isoliert. Sie hatte eigentlich nur mit Kilian Kontakt, zu dem sie sich hingezogen fühlte. Marla entschließt sich aufgrund dieses Hinweises, zu dem Treffen zu fahren.

Bestand die Klasse nur aus sieben Personen, oder warum wurden gerade diese eingeladen? Hat das etwas zu bedeuten? Die Figuren werden im Laufe der Erzählung näher charakterisiert, damit man einen besseren Eindruck gewinnt. Das hat mir gut gefallen.

In der Hütte angekommen, findet Marla diese zunächst leer vor. Lediglich die vorhandenen Sachen deuten darauf hin, dass hier jemand wohnt. Als die übrigen Bewohner auftauchen (wo waren sie vorher?), misstrauen sie Marla und beschuldigen sie, einen Drohbrief verfasst zu haben (jetzt oder früher? Wann?). Im weiteren Verlauf wird jeder jedem misstrauen. Die Lage spitzt sich zu und eskaliert schließlich. Es geschehen schreckliche Dinge. Sogenannte »Gutmenschen« wird man in diesem Buch vergeblich suchen.

Cliffhanger sind eigentlich ein gutes Stilelement. Die werden hier zwar oft genutzt, jedoch hat mir dann die Auflösung gefehlt (Bsp.: Bei einem gemeinsamen Saunagang wurde es immer heißer in der Kabine. Ein paar Seiten später wird beiläufig erwähnt, dass irgendjemand eine Vergiftung durch einen toxischen Aufguss geplant hat. Aber wer? Die Frage bleibt unbeantwortet! Dann ist plötzlich von K.-o.-Tropfen die Rede, die jemand den einzelnen Personen verabreicht haben soll. Wer ist hierfür verantwortlich? Auch hierzu erfolgt keine Aufklärung.

Der Autor setzt immer wieder Twists ein, die Spannung erzeugen. Hierzu weise ich auf zwei Beispiele hin:
1. Wie ist es zu verstehen, dass die LKA-Beamtin Kristin Vogelsang Kontakt zu dem seltsamen Gottfried in Kaltenbrunn hat? Dieser wollte Marla bei deren Ankunft darin hindern, dass sie hinauf zur Hütte fährt.
2. Paulina Rogall aus der Gruppe ist eine angehende Schriftstellerin und hat als Debütroman einen Plot gewählt, dessen Inhalt »Der Einladung» entspricht. Was soll dem Leser/der Leserin damit gesagt werden?

Einiges erscheint mir zu sehr konstruiert und nicht nachvollziehbar. Insgesamt fand ich vieles diffus.

Im direkten Vergleich mit anderen Psychothrillern von anderen Autoren bzw. Autorinnen muss ich bei diesem Buch Abstriche machen.

Fazit:

Kurzgehaltene Kapitel sind immer ein gutes Stilelement. Den Schreibstil hat der Autor mit unterschiedlichen Schrifttypen angereichert, um auf etwas bestimmtes hinzuweisen. Meist kurze Sätze, die nicht verschachtelt sind, sorgen für einen positiven Lesefluss. Die Handlung springt in Bezug auf Ort und Zeit hin und her. Durch die Cliffhanger wird man angeregt weiterzulesen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die auch eine Aufklärung finden, was nicht immer der Fall ist. Manchmal folgen den Kapitel-Nummern Unterüberschriften (z.B. »Vier Jahre später – Fünf Jahre vor der Entscheidung« oder »Die Befragung – Gegenwart – Zwei Wochen nach der Entscheidung«) haben mich eher verwirrt, als dass sie mir Klarheit verschafft haben. In seinem Nachwort erläutert Fitzek, wie er sein Buch »Die Einladung« verstanden haben will.
Da mich das Setting insgesamt nicht überzeugt hat, kann ich nur drei Sterne vergeben.

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Veröffentlicht am 07.11.2023

Einer der auszog, um das Recht selbst in die Hand zu nehmen

Wie alles begann und wer dabei umkam
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Nachdem ich das Buch »Zwischen Welten« von Juli Zeh und Simon Urban gelesen hatte, wollte ich unbedingt wissen, wie dieser Autor in Eigenregie schreibt und habe mich für dieses Buch entschieden.

Fast ...

Nachdem ich das Buch »Zwischen Welten« von Juli Zeh und Simon Urban gelesen hatte, wollte ich unbedingt wissen, wie dieser Autor in Eigenregie schreibt und habe mich für dieses Buch entschieden.

Fast alles, was man hier liest, sollte man nicht ernst nehmen. Darauf sollte sich der Leser vor der Lektüre einstellen.

Erzählt wird in der Ich-Form aus der Sicht des Protagonisten J. Hartmann. Eine weitere Stärke von Urban neben seiner Erzählweise ist die Charakterisierung der einzelnen Figuren.

Das Buch kann man in zwei große Abschnitte einteilen. Rücksprünge in die Zeitspanne von Teil I werden dabei mehrmals eingeblendet.

Teil I: Die Jugendzeit in seiner Familie und das spätere Studium von Hartmann an der Universität Freiburg. Da er ein sehr begabter Jurastudent ist, soll er mit einem Exzellenz-Stipendium der Freiburger Studierendenstiftung gefördert werden, was er aber ausschlägt, weil er keine Karriere als Jurist anstrebt.

Teil II: Seine sogenannten Studienreisen in ferne Länder (Papua-Neuguinea, Indonesien, Bangkok, Singapur).

Bereits in seiner Jugendzeit befasst sich Hartmann mit der deutschen Rechtsprechung, die ihn als junger Erwachsener zum Jurastudium nach Freiburg führt. Er befasst sich mit dem Studium der Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit in Theorie und Praxis, wobei er das starre Regelwerk bemängelt. Er beschließt daher, dass Recht selbst in die Hand zu nehmen und es auch anzuwenden. Zusammen mit einer Kommilitonin arbeitet er an dem Entwurf eines inoffiziellen Strafrechts der Bundesrepublik Deutschland.

Zweimal führt er ein fiktives Gerichtsverfahren durch. In Jugendtagen verurteilt er die verhasste Großmutter in deren Abwesenheit zum Tode. Die Vollstreckung erübrigt sich, da ihn während seiner Studienzeit in Freiburg die Nachricht erreicht, dass sie friedlich eingeschlafen ist. Zum zweiten führt er während seiner Studienreisen ein Gerichtsverfahren in Singapur durch, um einen gewissen Wong Lin Malevich zum Tode zu verurteilen, da dieser wissentlich insgesamt 57 Frauen mit dem HI-Virus infiziert hat. Malevich ist ein Frauenhasser und ein Narzisst. Dieses Mal liegt der Fall insofern anders, da er das Urteil selbst vollstrecken soll.

Es gibt allerdings auch Passagen, die der Wahrheit entsprechen. In Singapur wird z.B. Won Lin Malevich (s. vorheriger Absatz) vorgeworfen, dass er junge Frauen und Prostituierte vorsätzlich mit HIV infiziert habe, da er die Frauen ohne Kondom zum Geschlechtsverkehr überredet hat. Bei der offiziellen Gerichtsverhandlung konnte er glaubwürdig nachweisen, dass er nichts von seiner Infektion wusste. Er wurde freigesprochen. Später aufgetauchte Zeugenaussagen konnten nicht mehr zu einem Wiederaufnahmeverfahren führen, da lt. Rechtsprechung ein Freispruch nicht nachträglich in einen Schuldspruch umgewandelt werden kann (Anm.: Dazu gab es 2023 ein Urteil vor dem Bundesverfassungsgericht).

Köstlich sind die Vergleiche und Wortspiele, die Urban immer wieder in die Handlung einfließen lässt. Beispielhaft sei ein Treffen mit seinen Eltern und seiner verhassten Großmutter erwähnt, die ihn in Freiburg besuchen kommen: »… sie trug ihr Sommerkleid, in dem sie aussah wie ein übellauniges Stück Dörrobst, das sein Verfallsdatum überschritten hat …« Oder den Besuch eines Heino-Konzerts mit seiner Großmutter in Pforzheim hat er witz- und wortreich beschrieben. Der Höhepunkt war der Versuch, Großmutter und Heino nach Konzertende in der Künstlerkabine zu verkuppeln, um die Frau loszuwerden. Dies endete jedoch mit dem Rausschmiss aus der Garderobe des Sängers. Beim Lesen dieses Buches musste ich mehrfach schmunzeln.

Fazit:

Man kann dieses Buch als Schelmenroman, Posse oder rabenschwarze Satire sehen. Das meiste der Erzählungen entspringt dabei der Fantasie von Hartmann.
Auch wenn Simon Urban für dieses Buch mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet wurde, sagt mir der Schreibstil nicht unbedingt zu. Wenn Urban lustige Episoden beschreibt, kommt er schnell auf den Punkt, dann macht das Lesen Spaß. Aber dann folgen Schreibszenen, die sich fast schon quälend in die Länge ziehen und die das Weiterlesen anstrengend machen.
Die einzelnen Kapitel sind mir zu lang. Bei einem Szenenwechsel haben mir zumindest Absatzmarken gefehlt.
Aber da dieses Buch mit viel positiver Ironie und guten Denkanstößen zu den Rechtsgrundlagen verfasst wurde und die von mir negativ angemerkten Punkte meiner subjektiven Wahrnehmung entsprechen, gebe ich vier Sterne.

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Veröffentlicht am 01.11.2023

Lügen, Stehlen und Betrügen

Die kleinen Lügen der Ivy Lin
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Der Debütroman von Susie Yang erschien 2020 in der amerikanischen Originalausgabe. Seit September 2023 liegt jetzt die deutschsprachige Ausgabe vor. Die Newcomerin wurde mit viel Lob überhäuft. Das Buch ...

Der Debütroman von Susie Yang erschien 2020 in der amerikanischen Originalausgabe. Seit September 2023 liegt jetzt die deutschsprachige Ausgabe vor. Die Newcomerin wurde mit viel Lob überhäuft. Das Buch schaffte es u.a. auf die New York Times-Bestsellerliste.

Zwei Familien unterschiedlicher Herkunft treffen in dieser Familiensaga aufeinander. Zum einen die chinesische Familie Lin, bestehend aus den Eltern Shen und Nan, sowie deren Kindern Ivy und Austin. Aber auch Großmutter Meifeng, die Mutter von Nan, gehört zur Familie und alle wohnen zusammen. Auf der anderen Seite die amerikanische Familie Ted und Poppy Speyer sowie deren Kinder Sylvia und Gideon.

Ivy Lin ist zwei Jahre alt, als die Eltern ihr Heimatland verlassen und in die Vereinigten Staaten auswandern. Ivy bleibt zunächst zurück bei ihrer Großmutter Meifeng. Als Ivy fünf Jahre alt ist, holen die Eltern sie nach. Später kann auch Meifeng mit einer Greencard in die USA einreisen.

Ivy erfährt bei ihrer Familie wenig Liebe und Geborgenheit. Die Erziehung geht einher mit körperlichen Strafen. Ihre Mutter Nan ist zuweilen brutal zu ihrer Tochter (Bsp.: einmal wirft sie Ivy vor Wut eine Orange so fest auf die Stirn, dass die Orange platzt). Auch in der Schule bleibt Ivy isoliert und eine Außenseiterin.

Nach der 5. Klasse besucht Ivy eine weiterführende Privatschule. Dort sieht sie zum ersten Mal Gideon Speyer, für den sie sofort schwärmt. Ihre Eltern wollen nicht, dass sie sich mit Gideon anfreundet und ziehen sogar in eine andere Stadt, was aber auch finanzielle Gründe hat. Ganze zehn Jahre dauert es, bis Ivy und Gideon sich nach dem Schulabschluss wiedersehen. Danach baut sich langsam eine Beziehung zwischen den Beiden auf.

Es gibt einen Zeitsprung und Ivy ist jetzt 27 Jahre alt. Sie wohnt längst nicht mehr zu Hause. Ihr Wunsch ist es, ein sorgloses Leben mit einem weißen Mann zusammen zu führen. Auch als junge erwachsene Frau sehnt sie sich nach Liebe, Geborgenheit und Reichtum. All diese Dinge hat Ivy bei ihrer Familie nie erfahren und das sucht sie auch nicht bei einem Chinesen. Sie ist kleinlich, eifersüchtig und rachsüchtig, aber sie hat auch die Gabe, diese Eigenschaften hinter Sanftmut und Bescheidenheit zu verstecken. Sie lügt, stiehlt und betrügt.

Sie geht zwei Beziehungen ein. Gideon Speyer stammt aus einer wohlhabenden Familie und ist selbst ein erfolgreicher Geschäftsmann. Sein Vater war ehemals Senator. Roux Roman ist ein rumänischer Einwanderer und sie kennt ihn schon aus Jugendzeiten, als sie gemeinsam auf Diebestouren gegangen sind. Mit ihm hatte sie auch erste sexuelle Kontakte in der Jugend. Von dessen Familie weiß man eigentlich nichts, und Roux hat seinen plötzlichen Reichtum unsauberen Geschäften zu verdanken. Somit treffen zwei grundverschiedene Gesellschaftsschichten aufeinander.
Roux kennt Ivys Beziehung zu Gideon, den sie heiraten will. Er möchte, dass Ivy Gideon von ihrer Beziehung zu Roux erzählt. Er setzt ihr ein Ultimatum von vierzehn Tagen, andernfalls will er es Gideon sagen. Ivy fühlt sich in die Enge getrieben und je näher der Tag »X« naht, umso panischer wird Ivy. Die Situation droht zu eskalieren.

Gideons Verhalten bleibt undurchschaubar. Er verhält sich immer sehr loyal gegenüber Ivy, ist um deren Wohlergehen bemüht und gesteht ihr auch des Öfteren seine Liebe. Obwohl er ihr einen Heiratsantrag macht, fordert er sie auf, alles gründlich zu überdenken, ob sie zu einer Heirat mit ihm auch wirklich bereit ist.

Man wird den Verdacht nicht los, dass er von der Beziehung zwischen Ivy und Roux weiß oder zumindest etwas ahnt. Aber da scheint noch eine andere Sache zu sein, die nur vage beschrieben wird und aus der man seinen eigenen Schluss ziehen muss.

Zum Ende hin bleiben leider ein paar offene Fragen. Was hat es mit dem Päckchen und den Hundert-Dollar-Noten auf sich, die ein Geschäftspartner von Roux Ivy übergibt. Und ist Gideon wirklich der integre Partner für Ivy, für den er sich ausgibt? Vielleicht sind diese offenen Fragen aber auch von der Autorin beabsichtigt, um den Leser bzw. die Leserin zum Nachdenken anzuregen.

Ganz zum Ende hin wird der Leser bzw. die Leserin erfahren, ob es zur Hochzeit zwischen Ivy und Gideon kommt.

Fazit:

Susie Yang hat sehr detailliert geschrieben. Besonders gut hat mir gefallen, wie sie die einzelnen Personen charakterisiert. Die Stärken und Schwächen der Figuren hat sie präzise herausgearbeitet. Das gilt sowohl für die Haupt- als auch für die Nebenfiguren. Der Plot ist eine hervorragende Charakterstudie mit häufigen Twists.
Die Kapitel sind nicht übermäßig lang und in Abschnitte unterteilt. Das hat mir gut gefallen. Andererseits kam es zu unvorhersehbaren Themenwechseln (wohlgemerkt keine Twists) ohne eine Leerzeile bzw. einen neuen Abschnitt einzufügen (bspw. auf den S. 282/83: Ivy und Roux unterhalten sich über eine mögliche gemeinsame Zukunft, direkt ohne Übergang wechselt die Handlung zur Familie von Gideon in der Kirche). Das hätte man besser lösen können.
Den Titel des Buches finde ich nicht ganz passend. Ein Titel soll den Leser auf ein Buch aufmerksam machen und sollte kurz und bündig sein. Außerdem sind die Lügen von Ivy Lin m.E. nicht das zentrale Thema des Inhaltes.
Ich kann mir durchaus vorstellen, ein weiteres Buch dieser Autorin zu lesen, sofern es eins geben wird. Ich gebe trotz kleiner Beanstandungen eine Leseempfehlung mit vier Sternen.

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