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Veröffentlicht am 09.06.2025

»Engine 99«

Devil's Kitchen
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Der Einstieg in diesen Thriller beginnt mit einer Enttarnung und einem Verräter. Hier stehen zwei Leben auf dem Spiel und man erfährt zunächst nicht, wie es ausgeht. Das steht ganz am Anfang, bezieht sich ...

Der Einstieg in diesen Thriller beginnt mit einer Enttarnung und einem Verräter. Hier stehen zwei Leben auf dem Spiel und man erfährt zunächst nicht, wie es ausgeht. Das steht ganz am Anfang, bezieht sich aber auf einen Zeitpunkt drei Monate nach dem Beginn der eigentlichen Erzählung.

Die New Yorker Feuerwehreinheit »Engine 99« hat ihre ganz eigene Berufsauffassung. Sie löscht nicht nur Brände und rettet Menschen. Sie legt die Brände teilweise selbst, um in dem entstehenden Chaos Banken und Juweliergeschäfte auszurauben. Dabei schreckt sie selbst vor Mord nicht zurück. Eine weitere Masche der Truppe besteht darin, dass sie pro Jahr drei bis vier Großbrände legt und löscht. Wenn es einen Verdacht auf Brandstiftung gibt, dann werden die Besitzer erpresst, damit sie für die Beseitigung der Beweise einen Anteil zahlen.

Die Figurenzeichnung und Charakteristika von »Engine 99« hat Fox überzeugend herausgearbeitet. Es sind allesamt zwielichtige und toxische Figuren. Der Chef der Truppe ist Matthew Roderick. Matt ist einer der wenigen Einsatzkräfte, die bei 9/11 lebend die Twin Towers verlassen haben. Seitdem leider er unter Verfolgungswahn, hat Albträume und steckt voller Wut. Diese Wut lässt er auch an den Mitgliedern der Truppe aus. Keiner traut sich, seinen Anweisungen zu widersprechen.

Benjamin Haig ist eigentlich ein gewissenhafter Feuerwehrmann, der Leben retten will (wie ist er in diese Truppe überhaupt hineingeraten?). Mit seiner Freundin Luna und deren kleinem Sohn Gabriel läuft es sehr gut - bis die Beiden plötzlich spurlos verschwunden sind. Ben hat Angst, dass Luna hinter seine Machenschaften gekommen ist. In seiner Verzweiflung wendet er sich an die Polizei und gibt gleichzeitig einen Hinweis auf die Überfälle. Die Polizei leitet die Informationen weiter an das FBI.

Andy Nearland ist nicht ihr richtiger Name und sie ist keine offizielle Mitarbeiterin des FBI. Sie ist zielstrebig und hat die Power, sich bei einer chauvinistischen Truppe durchzusetzen. Das wird erst nach und nach deutlich. Aus diesem Grund setzt sie der FBI-Agent Tony Newler als »Spezialermittlerin« auf den Fall an. Das Verhältnis zwischen Tony und Andy ist ambivalent. Newler verfolgt ein ganz eigenes Ziel. Er möchte den Mörder von Officer Ivan Petsky überführen, der bei einem der Raubzüge der Feuerwehrcrew erschossen wurde. Andy soll Undercover ermitteln und die Mannschaft infiltrieren. Von Beginn an stößt sie auf Misstrauen bei den Feuerwehrleuten.

Sowohl Ben als auch Andy haben eine schwierige und traumatische Kindheit hinter sich. Nach und nach erfahren wir in verschiedenen Zeitebenen etwas über die Vergangenheit und deren Entwicklung. Ben wird Andys Bezugsperson sein, um neben der Suche nach Luna und Gabriel die Machenschaften der anderen Feuerwehrleute aufzudecken. Sie muss Ben immer wieder an die Vereinbarung zwischen ihm und dem FBI erinnern. Andy fahndet nach Luna und Gabriel und im Gegenzug soll Ben dafür sorgen, dass die Mannschaft vom FBI hochgenommen werden kann.

Zwei Themenkomplexe ziehen sich durch die gesamte Handlung. Der eine ist der Suche nach Luna und Gabriel gewidmet und der zweite Themenkomplex befasst sich mit den Raubzügen der Feuerwehrleute von »Engine 99« nach den zuvor selbst gelegten Bränden.

Fazit

Die Australierin Candice Fox ist mittlerweile eine der weltbesten Thrillerautorinnen. Ihre Bücher sind von Beginn an spannungsgeladen und zeichnen sich durch ein hohes Pacing aus. Die Handlung bei Devil’s Kitchen ist sowohl tempo- als auch actionreich. Verrückte Dialoge mit viel Witz und starken Twists bereichern diesen Plot.
Der Thriller sorgt von Beginn an für viel Verwirrung. Und das liegt weniger an der überschaubaren Figurenanzahl als an den schnell aufeinanderfolgenden Handlungssprüngen.
Der Plot ist überzeugend, wenn auch das Verbleiben von Luna und Gabriel leicht konstruiert wirkt. Das Setting erweist sich als schwierig, aber nachvollziehbar. Diesen Thriller mit Blockbuster-Feeling sollte man sich nicht entgehen lassen.

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Veröffentlicht am 28.05.2025

Ein klaustrophobisches Szenario

Die Kammer
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Nachdem von Will Dean »Totenstille« (2019) und »Totenwinter« (2020) bereits zwei Kriminalromane in Deutsch erschienen sind, ist nun mit »Die Kammer« erstmals ein deutschsprachiger Stand Alone Thriller ...

Nachdem von Will Dean »Totenstille« (2019) und »Totenwinter« (2020) bereits zwei Kriminalromane in Deutsch erschienen sind, ist nun mit »Die Kammer« erstmals ein deutschsprachiger Stand Alone Thriller von ihm erschienen. Im englischsprachigen Raum sind seine Thriller viel beachtet.

Der Plot beginnt langatmig und hat mit einem Thriller wenig gemein. Der Inhalt gleicht eher einem Sachbuch. Hier kann das Buch nicht punkten.

Die Geschichte wird von der Protagonistin Ellen Brooke erzählt. Sie ist die einzige Frau an Bord einer Dekompressionskammer, die insgesamt aus sechs Tauchern besteht. Alle außer dem jungen »Tea Bag« mit bisher nur zwei Tauchgängen sind erfahrene Tiefseetaucher. In den ersten Kapiteln erfahren wir mehr darüber, wie die Arbeit und das Leben als Berufstaucher in großer Tiefe ablaufen. Diese melden sich für diesen gefährlichen Job, weil er viel Geld einbringt.

Die Figurenzeichnung bleibt mit Ausnahme der Protagonistin Ellen Brooke blass. Man kann sich ein gutes Bild über deren bisheriges Leben machen. Sie sehnt sich nach ihrem Mann und ihren beiden Kindern, bevor man plötzlich erfährt, dass alle drei bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Die innere Zerrissenheit wird deutlich, um mit der Situation umzugehen. Brooke wird mit der Zeit immer paranoider.

Bei einem ersten Tauchgang von Ellen und André zur Überprüfung einer Ölpipeline irgendwo in der Nordsee kommt es fast zu einem Unglück, weil sich der Versorgungsschlauch von Ellen verhakt und ein Ventil in der Glocke defekt ist. Weitere Tauchgänge finden aufgrund des plötzlichen Ablebens des jungen Tea Bag gefolgt von weiteren mysteriösen Todesfällen nicht statt.

Die Stimmung in der nur wenige Quadratmeter großen Dekompressionskammer an Bord der DSV Deep Topaz ändert sich von gereizt bis ängstlich. Die Crew soll eine Fernautopsie bei Tea Bag durchführen und dem Leichnam Körperproben zur Bestimmung der Todesursache entnehmen. Das stellt eine enorme psychische Belastung für die Taucher dar und wird auch gut vom Autor beschrieben. Die schottische Polizei befragt die Crew-Mitglieder über Funk einzeln und getrennt voneinander, was zusätzlich für Unsicherheit sorgt.

Nach dem mysteriösen Todesfall des zweiten Tauchers zieht die Spannung an. Es entwickelt sich ein echter Locked Room-Thriller. Die verbleibenden Taucher werden spürbar nervöser, auf engstem Raum vergleichbar mit einem Kleinbus unter klaustrophobischen Verhältnissen und zwei Leichen in der Nähe. Zunächst der Sturm, das defekte Ventil, zwei erfolglose Wiederbelebungsversuche, die Befragung durch die Polizei und dann Tea-Bags Überführung in das Rettungsboot tun ihr Übriges.

Die Stimmung unter den verbleibenden Tauchern schlägt um. Was könnte zum Tod der Taucher geführt haben und woher kommt die Gefahr? Mord, Totschlag oder grobe Fahrlässigkeit? Müdigkeit gepaart mit Angst macht sich breit. Keiner möchte mehr was essen oder trinken, und es dauert noch Tage, bis die Dekomprimierung abgeschlossen ist und man diesen metallischen Sarg verlassen kann. Ein plötzliches Öffnen der Luke würde ohne Druckausgleich zu Gasblasen im Körperinneren führen. Das hat der Autor realitätsnah beschrieben.

Gegenseitige Verdächtigungen häufen sich, keiner traut mehr dem Anderen. Die Gefahr um Leib und Leben wächst, die psychische Anspannung auf engstem Raum ohne Ausweichmöglichkeiten nimmt zu. Das Ende wirkt konstruiert und hinterlässt beim Leser Staunen und Unverständnis.

In einem Glossar am Ende des Buches werden allgemein verwendete Begriffe des Sättigungstauchens erläutert. Diese Seiten zum Nachschlagen tragen dazu bei, die Materie besser zu verstehen.

Tauchunfälle und Tauchanekdoten vergangener Einsätze werden eingestreut. Die waren fast über die ganze Welt verteilt, und man erfährt dabei über Unglücke und Todesfälle aus dieser Zeit. Das bremst immer wieder die Spannung aus.

Fazit

Das Buch hat sowohl Stärken als auch Schwächen. Die Gefahren beim Tiefseetauchen und viele technische Begriffe speziell beim Sättigungstauchen werden vom Autor authentisch und leicht verständlich beschrieben. Das Setting ist düster, aber stimmig. Fehlendes Pacing ist ein Schwachpunkt in diesem Thriller.
Es gibt Unregelmäßigkeiten in den Beschreibungen, die evtl. auf eine mangelhafte Übersetzung zurückzuführen sind. Im Todesfall von Tea-Bag untersucht die Grampian Police den Fall. Diese territoriale Polizei der nordöstlichen Region Schottlands wurde bereits 2013 durch die Police Scotland abgelöst. Bei einem »Procurator Fiscal« handelt es sich nicht um einen Rechtsmediziner, wie irrtümlich beschrieben wird, sondern um einen schottischen Staatsanwalt.
Auch wenn der bekannte Tiefseetaucher Hans-Jürgen Strickling (49) dieses Buch als wirklichen Pageturner bezeichnet, so kann ich dem nicht ganz folgen.

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Liebe, Eifersucht, Machtspiele, Missgunst

Ein ungezähmtes Tier
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Joël Dickers erster Roman »Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert« aus dem Jahr 2013 wurde in Frankreich als literarische Sensation gefeiert. Das Buch wurde mit dem Grand Prix du Roman der Académie Française ...

Joël Dickers erster Roman »Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert« aus dem Jahr 2013 wurde in Frankreich als literarische Sensation gefeiert. Das Buch wurde mit dem Grand Prix du Roman der Académie Française sowie den Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet. Sechs weitere Romane folgten bisher.

Der Roman handelt von einem spektakulären Raubüberfall, der sich im Juli 2022 in Genf ereignet hat. Diese fiktive Geschichte spielt in einem kleinen Vorort der Genfer Gemeinde Cologny.

Zwei Familien, die in unmittelbarer Nachbarschaft leben, kommen sich schnell näher. Arpad und Sophie Braun leben in einer schicken Villa in dem Ort Cologny, Nahe des Genfer Sees. Dieser Kubus ist komplett verglast. Eine große Terrasse mit Schwimmbad rundet das Anwesen ab. Er ist Banker, sie ist Anwältin mit eigener Kanzlei. Greg und Karine Liégean leben eher bescheiden in einer kleinen Doppelhaushälfte, dass die wohlhabenden Nachbarn abwertend »Warze« nennen. Greg ist Polizist bei einer Genfer Sondereinheit und Karine arbeitet in einer Boutique als Verkäuferin. Um diese beiden Paare herum hat Dicker einen spannenden Roman mit unglaublichen Wendungen aufgebaut.

Arpad und Greg haben sich im Fußballverein kennengelernt, wo deren Söhne gemeinsam Fußball spielen. Obwohl beide Familien unterschiedlichen Gesellschaftsschichten angehören, entwickelt sich trotzdem eine Freundschaft. Es ist allerdings eine Freundschaft, die durch Neid, Eifersucht und Missgunst geprägt ist, aber auch voller Lügen und Intrigen.

Greg fühlt sich von Anfang an zu Sophie hingezogen und überschreitet dabei Grenzen, indem er zum Spanner wird und unbemerkt eine Kamera im Schlafzimmer der Brauns installiert. Arpad scheint ein dunkles Geheimnis mit sich herumzutragen. Anders ist es nicht zu erklären, warum er vor einigen Jahren fluchtartig Saint-Tropez verlassen musste, wo er einen guten Job als Barchef eines Clubs innehatte. In Genf arbeitete er bis vor einem halben Jahr als Vermögensberater bei einer Bank, bis er seinen Job verloren hat.

Greg und Karine sehnen sich nach Reichtum und Anerkennung. Karine und Sophie freunden sich an, obwohl das Leben von Sophie bei Karine teilweise Bewunderung, aber auch Neid hervorruft. Die Hauptfiguren sind allesamt klischeebehaftet und stereotyp.

Schließlich schleicht sich ein Unbekannter in einem grauen Peugeot in das Leben der Brauns, indem er sie zunächst nur beschattet. Es gibt offensichtlich Zusammenhänge aus der Vergangenheit, aber auch aus der geplanten Zukunft, an deren Ende der geplante Raubüberfall steht.

Etwas ungewöhnlich erscheint einem die eingeflochtene Geschichte von einem Panther, den sein Herr in der Toskana 1912 von einer Reise mit auf sein Schloss gebracht hat. Die Zeit vergeht und aus dem kleinen Kätzchen wird eine ausgewachsene Raubkatze. Es ist alles harmonisch bis zu dem Tag, an dem es zu einem verheerenden Unglück kommt. Das hat auf den ersten Blick eigentlich nichts mit der Handlung zu tun. Auf den zweiten Blick vielleicht doch, wenn man erfährt, dass sich Sophie am Oberschenkel einen Panther hat tätowieren lassen. Diese verwirrenden Plots scheint Dicker zu lieben.

Trotz verschiedener Zeitebenen verliert man nicht den Überblick. Was auffällt ist der Umstand, dass in den Rückblenden mit Fakten der Vorgeschichte fast ausschließlich von Arpad und Sophie die Rede ist. Greg und seine Familie kommen hier nicht vor. Ist man in der aktuellen Zeit, streut Dicker Kapitelanfänge mit wenig, aber aussagekräftigem Text ein. Auf den darauffolgenden Seiten schließt sich eine Auflistung mit der Anzahl der noch verbleibenden Tage bis zu dem erwähnten Raubüberfall an, die chronologisch heruntergezählt werden bis zum Tag des Ereignisses.

Nach ungefähr der Hälfte wechseln die Wendungen fast wie die Seiten. Häufige Plot-Twists sorgen für Verwirrung. Alle Hauptfiguren lügen fast ständig und haben eine gewaltige kriminelle Energie. Man kann dies als Mangel ansehen oder der hier erzeugten Spannung zuordnen. Die Geschichte wechselt ständig zwischen kriminalistischer Erzählung und Gesellschaftsroman.

Fazit

Joël Dicker ist bekannt für seinen ungewöhnlichen Erzählstil, der sich von anderen Autoren und Autorinnen abhebt. Er beherrscht es wie kein anderer Schweizer Autor, Spannung aufzubauen. Dem ordnet er auch die Glaubwürdigkeit unter.
Das Buch ist eine Mischung aus Kriminalistik und Roman. Liebe, Eifersucht, Lügen und Missgunst werden hier miteinander verwoben. Im Mittelpunkt steht ein geplantes Verbrechen.
Trotz häufiger Wendungen und Wechsel der Zeitebenen ist es unterhaltsam und leicht zu lesen, was für die Erzählkunst des Autors spricht.

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Eine unvollendete Liebe

Wie Risse in der Erde
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Die Geschichte beginnt im Jahr 1955 mit einem Todesfall. Erst sehr viel später wird man erfahren, wer Opfer und wer Täter ist. Die hier geschilderte Dramaturgie erzeugt gleich zu Beginn Spannung. Abwechselnd ...

Die Geschichte beginnt im Jahr 1955 mit einem Todesfall. Erst sehr viel später wird man erfahren, wer Opfer und wer Täter ist. Die hier geschilderte Dramaturgie erzeugt gleich zu Beginn Spannung. Abwechselnd erfährt man aus der Vergangenheit und der Gegenwart dreizehn Jahre später, wie sich alles entwickelt hat.

Elisabeth (Beth) Kennedy und Gabriel Wolfe sind zwei junge Teenager, die sich durch Zufall begegnen. Ihre Herkunft kann nicht unterschiedlicher sein. Sie, ein Mädchen aus einfachen Verhältnissen und er aus einem feinen Elternhaus. Es dauert nicht lange, und sie verlieben sich ineinander.

Tessa, die Mutter von Gabriel, ist eine Frau, deren Dekadenz kaum zu überbieten ist. Sie ist gegen diese Verbindung. Sie hält Beth für nicht standesgemäß für ihren Sohn und das sagt sie ihr auch überaus deutlich. Durch ein großes Missverständnis verändert sich alles. Der Sommer geht zu Ende und Gabriel beginnt sein Studium in Oxford. Beth bleibt auf dem Land. Am Anfang schreibt er ihr Briefe, die nach Sehnsucht und Leidenschaft klingen. Später verändert sich der Inhalt der Briefe. Sie klingen, als hätte er sie aus Pflichtgefühl geschrieben. Es ist eine Liebe, die nur einen Sommer lang Bestand hat.

Danach kommt die Zeit, in der sich Beth und Frank Johnson näherkommen. Er ist der gutaussehende Junge aus der Nachbarschaft, der Beth schon immer aus der Ferne bewundert hat. Sie heiraten und bekommen einen gemeinsamen Sohn. Die Ehe ist glücklich bis zu dem Tag, als der neunjährige Bobby durch einen Unglücksfall sein Leben verliert. Frank gibt sich daran die Schuld. Jimmy, der jüngere Bruder von Frank kommt nicht über Bobbies Tod hinweg.

Dreizehn Jahre später kehrt Gabriel - inzwischen ein erfolgreicher Romanautor - wieder in seine alte Heimat zurück. Die Liebe zwischen Beth und Gabe keimt wieder auf. Beth wird dabei bewusst, dass sie nie erloschen ist. Frank hat eine Ahnung von dieser heimlichen Liebesbeziehung, nimmt es aber gleichgültig hin, getrieben von den Schuldgefühlen an Bobbys Tod. Jimmy bezeichnet seine Schwägerin als Schlampe. Er ist jähzornig und labil. Nach einer mehrstündigen Sauftour droht er damit, Gabriel umzubringen.

Frank und Gabriel sind zwei Figuren, die mit vielen Klischees behaftet sind. Frank ist der verständnisvolle und gütige Ehemann. Auf der anderen Seite Gabriel, der smarte Sonnyboy, der in Oxford studiert hat, standesgemäß geheiratet hat und später wieder geschieden wurde. Im Gegensatz dazu die bodenständige Beth, deren innere Zerrissenheit durch die Liebe zu zwei Männern deutlich erkennbar ist.

Es ist der Autorin sehr gut gelungen, die verschiedenen Stimmungen einzufangen. Zu Beginn ist da die große Liebe zwischen Beth und Gabe, die abrupt zu Ende geht. Auf der anderen Seite der zunächst enttäuschte Frank Johnson, der doch noch seine angebetete Beth zur Frau bekommt. Dreizehn Jahre später die Rückkehr von Gabriel in seine alte Heimat, was bei Frank Misstrauen und bei seinem Bruder Jimmy Unmut und später Hass hervorruft.

Die Geschichte knüpft wieder an den Beginn an. Wir werden von einem Prozess im zentralen Strafgerichtshof des Vereinigten Königreichs Old Bailey erfahren, wissen aber zunächst nicht, wer auf der Anklagebank sitzt. Daher bleibt es auch bis zum Schluss ein großes Geheimnis, wer Schuld an dem Todesfall mit Fremdeinwirkung trägt.

Fazit

An der epischen Geschichte hat die Autorin rund vier Jahre bis zur Fertigstellung geschrieben. Sie hat den Roman unter dem Pseudonym Clare Leslie Hall in Gedenken an ihre verstorbenen Eltern Jean Leslie und William Hall gewidmet.
Eine gelungene Symbiose zwischen Liebe, Leidenschaft, tragischen Ereignissen, einem Kriminalfall und einem Gerichtsverfahren vereint diesen Roman zu einem großen Lesevergnügen.
Eingebaute Wendungen kommen überraschend und offenbaren Dinge, die man nicht für möglich gehalten hat. Zum Ende hin spitzen sich die Ereignisse immer schneller zu. Hier war mir der Plot etwas zu rasant im Vergleich zur Erzählung davor.

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Veröffentlicht am 24.04.2025

Was ist mit Dana Karasch geschehen

Die Nacht (Art Mayer-Serie 3)
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Dieser dritte Teil der Serie konzentriert sich ganz auf die Suche nach der vermissten Dana Karasch. Seit eineinhalb Jahren ist der BKA-Ermittler Art Mayer auf der Suche nach der Mutter der kleinen Milla. ...

Dieser dritte Teil der Serie konzentriert sich ganz auf die Suche nach der vermissten Dana Karasch. Seit eineinhalb Jahren ist der BKA-Ermittler Art Mayer auf der Suche nach der Mutter der kleinen Milla. Diese wohnt im selben Haus wie Mayer bei ihrer dementen Großmutter. Der ansonsten so ruppige und eigensinnige Ermittler hat ein Herz für die achtjährige Milla und möchte unter allen Umständen vermeiden, dass sie aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen wird. Diese Erfahrung hat er am eigenen Leib als Kind im Heim und später bei Pflegeeltern gemacht. Er ist auch nach wie vor davon überzeugt, dass Dana noch lebt.

Wechselweise erfahren wir in zwei verschiedenen Zeitebenen zurück in die Vergangenheit von vor fünfzehn Jahren und der Gegenwart aus der Erzählperspektive von Dana, was sich damals zugetragen hat. Die beiden Zeitebenen sind perfekt aufeinander abgestimmt.

Alles fing damit an, dass Dana Bauer (Karasch) mit ihren Freunden Samuel (Sammy) Krieger, Richard Dressel, Adi Weber und Lissi Manderscheidt zu einer Party aufgebrochen sind. Danas Stiefvater Walter Bauer hatte zuvor Dana aufgetragen, auf ihren fünfjährigen Stiefbruder Rocco aufzupassen. Als Dana und ihre Freunde spät nachts betrunken zurückkommen, ist Rocco verschwunden und trotz einer groß angelegten Suchaktion nie wieder aufgetaucht. Dana ist getriggert, wenn sie darüber nachdenkt, was in der Zeit ihres Blackouts mit ihr geschehen ist.

Walter ist ein gewaltbereiter und zorniger Typ, der vor nichts zurückschreckt. Das Verschwinden seines Sohnes Rocco bringt das Fass zum Überlaufen. Er bedroht Dana und ihre Freunde mit einer Waffe und zwingt sie zu russischem Roulette mit einem Revolver - einem tödlichen Glücksspiel. Die Zerrissenheit der Personen wird bildgewaltig beschrieben.

Die Suche nach Dana wird konkreter, als Art eine mysteriöse Nachricht auf sein Handy bekommt, mit der er Hinweise auf Danas Verschwinden in einer verlassenen Wohnwagensiedlung in einem Waldgebiet außerhalb Berlins bekommt.

In diesem Lost Place finden die Ermittler in einem der Wohnwagen eine gefesselte Leiche, die mit gestreckten Armen unter dem Dachfenster eines Wohnwagens hängt. Das Opfer ist übel zugerichtet. Bei dem Toten handelt es sich um den angesehenen Richter am Kammergericht Berlin, Dr. Richard Dressel. Die Spurensicherung findet in unmittelbarer Nähe vergrabene menschliche Knochen und Schädelteile.

Bei allen Personen aus der Vergangenheit rätselt man, ob sie heute noch leben und welche Rolle sie im Vermisstenfall Dana spielen. Darauf konzentrieren sich die Ermittlungen von Art Mayer und seiner taffen Assistentin Nele Tschaikowski. Beide Figuren erleben wir als ambivalentes Ermittlerduo mit einer gesteigerten emotionalen Reife. Allerdings sollen sie in diesem Fall nicht weiter tätig sein. Art ist aus persönlichen Gründen zu nah dran an dem Fall und Nele ist nach der Geburt ihres Sohnes noch in Mutterschutz. Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum Art und Nele nicht weiter in der Vergangenheit graben sollen. Trotzdem setzen sie sich über die Anweisung ihres Vorgesetzten hinweg und ermitteln weiter.

Die Geschichte ist vielschichtig angelegt. Es geht nicht nur um die Suche nach vermissten Personen und die Aufklärung eines Verbrechens, das vor fünfzehn Jahren geschehen ist. Es geht auch um eine rechtsradikale Vereinigung, die sich »WW - Wehrsportgruppe Wolfsrudel« nannte. Der Verfassungsschutz hatte einen V-Mann mit dem Decknamen »Wolf« darauf angesetzt. Diese Gruppe hat Attentate auf hochrangige Personen des Staates geplant.

Das Setting ist clever konstruiert, wenn es auch auf den ersten Seiten etwas Zeit braucht, um den richtigen Einstieg zu finden. Danach entwickelt sich schnell ein guter Spannungsbogen. Im letzten Drittel zieht das Tempo spürbar an. Cliffhanger bei den Wechseln der Zeitebenen tragen mit dazu bei. Es gibt viele überraschende Wendungen in diesem Fall mit einem Plot-Twist zum Ende hin, den man so nicht vermuten konnte.

Der Thriller dringt tief in die Psyche der einzelnen Figuren ein. Wir erfahren u.a. von einer dissoziativen Identitätsstörung einer Person. Sie schlüpft dabei in die Rolle der einen Person und dann wieder in die andere. Die ganze Haltung, Mimik, Stimme und das Vokabular übernimmt sie dabei. Das bringt Art und Nele in große Gefahr.

Fazit

Nach allen Büchern von Marc Raabe, die ich bisher gelesen habe, ist dieses Buch vielleicht das bisher Beste von ihm. Und dieser Eindruck bezieht sich nicht nur auf die aktuelle Reihe.
Trotz einiger Rückblenden auf vorangegangene Ereignisse kann man diesen dritten Band unabhängig von den ersten beiden Teilen lesen.
Wer gedacht hat, dass mit »Die Nacht« die Art-Meyer-Serie zu Ende geht, liegt falsch. Kaum ist dieser Band erschienen, gibt es schon den Hinweis auf einen vierten Band, der im Frühjahr des nächsten Jahres mit dem Titel »Im Morgengrauen« erscheinen soll. Es bleiben genug Fragen offen, die Raum für einen weiteren Band schaffen.

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