Profilbild von Wacaha

Wacaha

Lesejury Star
offline

Wacaha ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Wacaha über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.01.2022

Urbayrische Dorftragödie

Das Dorf und der Tod
0

In Oberbayern gibt es einen idyllischen Ort, der von seinen Bewohnern nur „Das goldene Dorf“ genannt wird. Doch nicht alles ist Gold was glänzt und so geschah in genau diesem Ort im Jahr 1995 ein grausamer ...

In Oberbayern gibt es einen idyllischen Ort, der von seinen Bewohnern nur „Das goldene Dorf“ genannt wird. Doch nicht alles ist Gold was glänzt und so geschah in genau diesem Ort im Jahr 1995 ein grausamer Dreifachmord. Der Täter beging Suizid, das Motiv wurde als „unbändiger Hass“ identifiziert. Doch die Hintergründe der Tragödie führen bis weit in die Vergangenheit zurück und lassen auf generationenübergreifendes Unglück und die Konsequenzen von Leben ohne Liebe schließen.

In „Das Dorf und der Tod“ verarbeitet Autorin Christiane Tramitz die realen Geschehnisse, die sich in ihrem Heimatort zugetragen haben. Geschichten, die auf wahren Begebenheiten beruhen, faszinieren mich und machen mich des Öfteren emotional sehr betroffen. Leider ist das in diesem Fall aber überhaupt nicht passiert, vielmehr musste ich mich regelrecht durch das Buch hindurchquälen und hätte es sicherlich abgebrochen, wenn ich es nicht gewonnen hätte. Meine hohen Erwartungen wurden leider überhaupt nicht erfüllt und ich fand das Buch sehr langweilig. Die Geschichte hat sich sehr gezogen und durch den langsamen Schreibstil und die urbayrischen, trivialen Dialoge im Dialekt hat es das nicht einfacher gemacht. Über weite Teile der Story konnte ich überhaupt nicht einordnen, wohin die Geschichte geht und eigentlich habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass endlich etwas passiert, da über weite Teile nur die Idylle und das Leben auf dem Land zu verschiedenen Zeitpunkten der deutschen Geschichte – in Teilen sehr ausufernd – erzählt wurde. Auch haben mich die vielen, gefühlt gleichzeitig eingeführten Personen verwirrt und ich habe sie des Öfteren verwechselt.

Natürlich sind die Geschehnisse traurig und erschütternd, wenn man im Hinterkopf behält, dass es sich um reale Gegebenheiten handelt. Die Konsequenzen von Fehlverhalten, Zwangsheirat und einem Leben ohne Liebe über Generationen hinweg sind schlimm, waren aber leider zum damaligen Zeitpunkt im Ländlichen Gang und Gäbe – sie hätten so in jedem beliebigen Dorf auf dem Lande stattfinden können. Das Motiv, das letztendlich zur Tragödie geführt hat, konnte mich nicht überzeugen und war nicht nachvollziehbar, es hat mich einfach nur verwirrt und wenig betroffen zurückgelassen, da ich keinerlei Beziehung zum Mörder aufgebaut hatte. Der Showdown, auf den ich die ganze Zeit gewartet habe, ist schleichend und unspektakulär ganz am Ende passiert und wurde nur kurz beschrieben. Es ist natürlich dramatisch, dass dies in der Realität passiert ist, aber für mich bot die Geschichte nicht unbedingt Stoff für ein Buch.

Schade fand ich außerdem, dass bis zum Ende unklar geblieben ist, was Fiktion und was Wahrheit war. Welche Handlungsstränge sind allein der Fantasie der Autorin entsprungen, was lief wirklich so ab – und woher weiß die Autorin das? Mir hat am Ende ein aufklärendes Kapitel oder überhaupt Schlussworte der Autorin zu ihrem Bezug zum Buch, dem Hintergrund, ihrer Motivation ein Buch übe die Geschehnisse zu schreiben und vor allem zu ihrer Recherche gefehlt. So bleibt „Das Dorf und der Tod“ für mich leider ein urbayrischer Heimatroman, der ganz anders geschrieben war als ich erwartet und erhofft hatte und dementsprechend für mich nicht gehalten hat, was versprochen wurde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.01.2022

Alexis´ Geschichte geht weiter

Secret Academy - Gefährliche Liebe (Band 2)
0

Nachdem Alexis beim Versuch, ihre kleine Schwester aus den Fängen mächtiger Entführer zu befreien nicht nur sämtliche Regeln des MI20, der Geheimdienstorganisation in der sie ausgebildet werden soll, gebrochen, ...

Nachdem Alexis beim Versuch, ihre kleine Schwester aus den Fängen mächtiger Entführer zu befreien nicht nur sämtliche Regeln des MI20, der Geheimdienstorganisation in der sie ausgebildet werden soll, gebrochen, sondern auch noch ihre Mitschüler und große Liebe Dean in Lebensgefahr gebracht hat, lautet das Urteil über sie wenig überraschend: Hochverrat. Alexis wird ins sicherste Gefängnis Großbritanniens eingeliefert – und trifft dort nicht nur alte Bekannte wieder, sondern auch eine Gegnerin, die sie an ihre körperlichen und psychischen Grenzen bringt. Doch auch in der MI20-Academy ist seit Alexis Rauswurf nichts mehr wie es war: Durch die Freunde ihres Jahrgangs geht ein Riss und insbesondere Dean kann Alexis nicht vergessen. Noch dazu geht es ihrer Schwester Cassie immer schlechter und Dean ist überzeugt, dass nur Alexis ihr helfen kann. Doch diese sitzt bekanntlich im Hochsicherheitstrakt. Wird es gelingen, Cassie zu retten?

„Secret Academy – Gefährliche Liebe“ ist das finale von Valentina Fasts Dilogie über Alexis´ Geschichte an der MI20. Ich habe den ersten Band geliebt und hatte dementsprechend große Erwartungen an Band 2. Dieser konnte diese leider nicht ganz erfüllen, war aber dennoch ein spannendes und kreatives Buch, bei dem ich eine gute Lesezeit hatte. Valentinas Schreibstil war wieder grandios, durch ihre anschaulichen Beschreibungen von Örtlichkeiten, Personen aber auch Emotionen hat man die Bilder regelrecht vor Augen und fliegt nur so durch die Zeiten. Auch das Cover ist wieder absolut gelungen und passt optisch wie thematisch perfekt zum ersten Teil.

Für Quereinsteiger, die mit „Gefährliche Liebe“ erst in Alexis´ Welt einsteigen, stelle ich es mir schwer vor durchzublicken. Es gibt viele Anspielungen auf den ersten Band und auch die Figuren werden nicht mehr detailliert charakterisiert, so dass sicherlich viele Fragen offen und der Spaß an der Geschichte auf der Strecke bleiben. Da ich Band 1 aber kenne habe ich mich über das Wiedersehen mit Dean, Cassie, Grace & Co. sehr gefreut und konnte auch alles nachvollziehen. Besonders schön fand ich, dass die ein oder andere Figur eine ziemliche Wandlung durchgemacht und mich sehr überrascht hat. Ebenso schön fand ich, dass Valentina Fast für alle ein Happy End geschrieben hat.

Kritisieren muss ich an Band 2, dass mir persönlich manche Szenen einfach zu brutal und blutrünstig waren, das hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht, da die Spannung auch allein durch die Story permanent hochgehalten wurde. Gerade die häufigen Folterungen waren mir zu viel und zu grausam. Auch haben sich im Gegensatz zum ersten Buch manche Szenen doch sehr gezogen, bei anderen hingegen hätte ich mir mehr Hintergründe und Erläuterungen gewünscht – einige Handlungsstränge wirkten dann doch sehr schnell „abgehakt“. Auch waren Szenen dabei, die mir unlogisch erschienen und gerade die zentrale Handlung rund um Cassie hat für meinen Geschmack etwas zu unspektakulär dafür geendet, dass er der Auslöser von allem war. Insgesamt hätte das Finale actionreicher sein dürfen.

„Secret Academy – Gefährliche Liebe“ war ein Buch, das mich gut unterhalten hat und die Handlung aus „Verborgene Gefühle“ passend fortgesetzt hat, leider aber nicht komplett an Band 1 heranreichen konnte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.01.2022

Das Buch hat sich gezogen

Ein Grab für zwei
0

Der norwegische Volkssport des Langlaufes wird von einem Doping-Skandal erschüttert: Hat Hege Morell, die Nachwuchshoffnung für Olympia, wirklich zu illegalen Substanzen gegriffen? Ihr reicher Vater beauftragt ...

Der norwegische Volkssport des Langlaufes wird von einem Doping-Skandal erschüttert: Hat Hege Morell, die Nachwuchshoffnung für Olympia, wirklich zu illegalen Substanzen gegriffen? Ihr reicher Vater beauftragt die ehemalige Top-Anwältin Selma Falck damit, Nachforschungen anzustellen und Heges Karriere zu retten. Selma selbst hat jedoch mit ihren eigenen Dämonen und Fehlern der Vergangenheit zu kämpfen. Da passiert ein erneutes tragisches Ereignis im norwegischen Langlaufverband, der Selma zudem persönlich betrifft. Ehe sie sich versieht steckt sie tiefer in zwielichten Machenschaften und einem verstrickten Netzwerk aus Feindschaft und egoistischen Motiven als ihr lieb ist.

„Ein Grab für Zwei“ ist der erste Fall für Anne Holts neue Protagonistin Selma Falck. Da die Autorin auf dem Klappentext als „Norwegische Queen of crime“ bezeichnet wird und ich das Thema Doping im Spitzensport interessant fand, hatte ich hohe Erwartungen an das Buch, welche es leider ganz und gar nicht erfüllen konnte. Über viele Teile hat sich das Buch sehr gezogen und auch die Story hat sich in eine ganz andere Richtung entwickelt, als angekündigt: Der Aspekt des Dopings im Sport ist leider sehr weit in den Hintergrund gerückt und ist aufgrund zahlreicher weiterer Handlungsstränge am Ende leider untergegangen.

Diese Vielzahl an Handlungen und Personen hat mir zunächst den Eindruck vermittelt, dass es sich um ein sehr vielschichtiges Buch handeln könnte. Leider wurden diese immer undurchschaubarer und sehr verwirrend, ich konnte irgendwann nicht mehr nachvollziehen, wie sie miteinander zusammenhängen bzw. wurden gar nicht alle aufgelöst oder miteinander verwoben. Auch die geheimnisvollen Erzählstränge in der Zelle und des Drehbuchs lösen sich in meinen Augen eher unspektakulär, auf den Schuldigen hätte der Leser gar nicht kommen können und sein Motiv war ebenfalls nicht überzeugend – und insofern komplett unbefriedigend.

Die einzelnen Kapitel sind kurz gehalten, aber durch die Vielzahl an Perspektiven, Zeiten und Personen ist es mir nur schwer gelungen, in die Geschichte hineinzukommen und ihr zu folgen. Es war alles etwas zu viel und das noch dazu nicht überzeugend. Die Handlungsstränge wirkten zusammengewürfelt und unstrukturiert, das Lesen erfordert große Konzentration und somit kam bei mir leider auch keinerlei Spannung auf. Auch der Schreibstil überzeugt nicht durchgehend, das Buch konnte mich zu keinem Zeitpunkt fesseln und hat sich an vielen Stellen in die Länge gezogen.
Ebenfalls gestört haben mich die Charaktere, von denen mir keine einzige sympathisch ist und ich deshalb auch mit keiner mitgefiebert habe. Insbesondere die Protagonistin Selma Falck empfinde ich als einfach nur anstrengend, sie ist sehr unnahbar und ihre privaten Probleme überschatten die gesamte Story, ohne dass ich diese vollständig begreifen konnte. Ich bin nicht mir ihr warm geworden und möchte deshalb auch keine weitere Geschichte mit ihr als Protagonistin lesen.

Insgesamt hat mich das Buch enttäuscht. Das interessant klingende Thema wurde nur am Rande behandelt, stattdessen haben eine Vielzahl unsympathischer Figuren in einer Vielzahl an teils unwichtigen, uninteressanten und aufgeblasen wirkenden Handlungssträngen ihre jeweils eigenen Motive verfolgt. Kein Buch, das ich spannungsliebenden Lesern weiterempfehlen würde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.12.2021

Grausame Dystopie, beeindruckendes Buch

The Grace Year
0

Wir befinden uns in Garner County, einer Welt, in der die Männer das Sagen haben und an Magie geglaubt wird, die nur grausam unterbunden werden kann. Eine dieser magischen Mythen besagt, dass jungen Frauen ...

Wir befinden uns in Garner County, einer Welt, in der die Männer das Sagen haben und an Magie geglaubt wird, die nur grausam unterbunden werden kann. Eine dieser magischen Mythen besagt, dass jungen Frauen ein Zauber innewohnt, Männer zu manipulieren. Um ihnen diese Kräfte auszutreiben werden alle 16jährigen für ein Jahr aus der Gemeinschaft verbannt und in ein Lager im Wald verbannt. Während dieses sogenannten „Grace Years“ sollen die Mädchen geläutert werden, um danach entweder als unterwürfige Ehefrau oder Arbeiterin nach Garner County zurückzukehren. Das Grace Year ist grausam, nicht alle Mädchen kehren daraus zurück und diejenigen, denen die Rückkehr gelingt, sind gebrochen und sprechen niemals darüber. Deshalb weiß die rebellische Tierney auch nicht was sie erwartet, als ihr Grace Year beginnt – nur, dass sich dringend etwas ändern muss, damit Frauen wie sie mündige Mitglieder der Gesellschaft in Garner County sein können.

Das Cover der Erstausgabe von „The Grace Year“ (auch veröffentlicht unter „Das dunkle Schweigen der Mädchen“, welcher mich persönlich weniger anspricht) sagt zunächst nicht viel über den Inhalt aus, dennoch ist es in seiner Schlichtheit ausdrucksstark. Gut gefallen mir die schimmernden roten Elemente sowie ihre Symbolkraft: Eine Blüte und ein Tropfen Blut in einer Hand, während der unauffällig gehaltene Hintergrund ausschließlich aus Dornen besteht. Gut gefällt mir auch der hochwertige Hardcover-Einband.

Kim Liggetts Schreibstil ist absolut mitreißend! Durch Tierneys Ich-Perspektive kann ich als Leserin sofort mit ihr mitfühlen und sie verstehen. Diese Erzählperspektive verschafft einen tiefen Einblick in die Geschehnisse in Garner County und Tierneys Einstellung dazu. Des Öfteren habe ich beim Lesen mitgefiebert, da die Autorin es nicht nur meisterhaft versteht, Spannung aufzubauen, sondern mich auch emotional tief ergriffen hat. Sie konnte nicht nur eine fiktive Welt schaffen, in die ich voll eintauchen konnte, sondern auch eine Gefühlswelt, die mich mitgenommen hat: Hunger, Kälte, Angst, Schmerz, Perspektivlosigkeit, Hoffnung, Liebe,… ich konnte wahnsinnig gut mitfühlen. Teilweise waren die Beschreibungen so krass, dass ich mir sogar weniger Ausführlichkeit gewünscht hätte – an einigen Stellen habe ich mich doch sehr geekelt. Insofern würde ich das Buch auch nicht unbedingt an Jugendliche geben, es wird sowohl physische, als auch psychische Gewalt lebensecht beschrieben und kann verstörend wirken. Aufgebaut ist es in die einzelnen Jahreszeiten, die Tierney während ihres Gnadenjahrs durchlebt, wobei jedes Oberkapitel einen eigenen Fokus hat, ohne vom roten Faden der Geschichte abzuweichen.

Die Storyline und vor allem das Worldbuilding der Autorin überzeugt: Sie schafft eine Welt, die schockiert, wütend und betroffen macht, aber dennoch so realitätsnah bleibt, dass man sie sich vorstellen kann. Der Anfang des Buches besteht deshalb größtenteils aus dem Kennenlernen von Tierney, ihrer Familie und den Gegebenheiten der Welt und Gesellschaft, in der sie lebt. Die Rolle der Frau und die Angst vor dem bevorstehenden Gnadenjahr werden sehr eindringlich beschrieben und erschüttert. Auch den Dynamiken und Beziehungen der Menschen zueinander wird großer Raum gegeben, damit die Leser die Auswirkungen dieser Welt mit all ihren Traditionen und Glaubensweisen verstehen lernen. Insbesondere die Gruppendynamiken werden auch im folgenden Grace Year treffend und emphatisch dargestellt. Das Buch wird im weiteren Verlauf immer brutaler und die Spannung steigt kontinuierlich an. Die sich anbahnende Liebesgeschichte wirkte auf den ersten Blick deshalb etwas deplatziert und war für meinen Geschmack auch etwas schnell abgehandelt, rückte aber nicht zu stark in den Fokus, als dass sie das Geschehen zu sehr beeinflusst hätte. Zum Glück wurde Tierneys Streben nach Unabhängigkeit und Emanzipation davon nicht beeinflusst. Das Ende hingegen hat mich atemlos hinterlassen: Es passiert wahnsinnig viel und einiges davon kam für mich so unvorhergesehen und überraschend, dass ich nach Luft schnappen musste. Wow, wow, wow! Niemals hätte ich erwartet, dass sich die Story auf den letzten Seiten noch einmal so drehen wird! Der Ausgang war zwar nicht das Happy End, auf das ich hingehofft hatte, aber so sogar viel besser, stimmiger und realistischer – ein toller Twist, den die Autorin hier hingelegt hat! In gewisser Weise endet es zwar traurig, aber dennoch voller Hoffnung, es wird durch das offene Ende Raum für die eigene Phantasie gelassen. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen, auch wenn ich erst einmal Zeit zum Verarbeiten gebraucht habe.

Für mich war „The Grace Year“ ein Buch, das zum Nachdenken anregt und noch lange nachhallt. Es ist erschütternd, fesselnd und heftig, eine gelungene Dystopie zwischen den „Tributen von Panem“ und „The Handmaid´s Tale“. Natürlich gab es auch hier Szenen, die für meinen Geschmack zu schnell abgehandelt waren und offene Fragen zum Konstrukt „Garner County“ und seiner Lebenswirklichkeiten, aber alles in allem haben mich Tierney als rebellische Kämpferin und die gruppendynamischen Entwicklungen im Gnadenjahr-Lager überzeugen können. Ich finde jedoch, dass die Altersempfehlung von 14 Jahren bei so viel Grausamkeit heraufgesetzt werden sollte. Für mich war es aber auf jeden Fall ein Buch, das definitiv Eindruck hinterlassen hat und dessen krasse Story ich nicht vergessen werde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.12.2021

Der Wert unserer Erinnerungen

Memories of Summer
0

Wir befinden uns im Jahr 2043. Der medizinische Fortschritt ist inzwischen so weit, dass eine Möglichkeit gefunden wurde, Depressionen zu heilen. Diese hat jedoch einen Haken: Menschen werden Kindheitserinnerungen ...

Wir befinden uns im Jahr 2043. Der medizinische Fortschritt ist inzwischen so weit, dass eine Möglichkeit gefunden wurde, Depressionen zu heilen. Diese hat jedoch einen Haken: Menschen werden Kindheitserinnerungen aus dem Gehirn entnommen und Depressiven eingepflanzt, die Erinnerung ist somit aus dem Gedächtnis des Spenders verschwunden. Dem jungen Mika gefällt die Idee, mit seinen Erinnerungen Gutes zu tun, außerdem erhält er durch die Aufwandsentschädigung des Spendens die Möglichkeit sich Dinge zu gönnen, die ihm aufgrund der Armut seiner Familie ansonsten vergönnt geblieben wären. Und was sind schon ein paar Erinnerungen, die er nicht einmal vermisst? Doch eines Tages begegnet er Lynn, einem zerbrechlich wirkendem Mädchen, das unter depressiven Verstimmungen leidet. Lynn freut sich sehr ihren besten Freund aus Kindertagen wieder zu sehen, doch Mika hat keinerlei Erinnerungen an sie. Der Wunsch, seine gespendeten Erinnerungen zurück zu erhalten wächst in Mika und gemeinsam mit Lynn macht er sich auf die Suche nach einer Umkehr des Prozesses – und stößt dabei auf die dunkle Seite der Erinnerungsspende.

Die Idee hinter „Memories of summer“ ist kreativ wie einzigartig und lässt mich anhand einer fiktiven – aber nicht unrealistischen – Geschichte sofort über den Wert meiner eigenen Erinnerungen nachdenken. An sehr vielen Stellen ist es Autorin Janna Ruth gelungen, mich mit ernsten Themen der menschlichen Psyche, der Ethik und Moral und des Zusammenlebens auseinander zu setzen, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Das hat das Buch für mich absolut hervorgehoben, es hat für mich einen großen Alleinstellungswert.

Der Schreibstil ist flüssig und beschreibend, die aufgezeigte Welt ist unserer Gegenwart ähnlich, aber doch einige Jahrzehnte weiter. Die Geschichte wird aus Mikas Ich-Perspektive erzählt, so dass der Leser nah an seinen Gedanken, Sorgen und Ängsten ist und somit auch die Wandlung, die sich in seinem Denken vollzieht, live mitverfolgen kann. Zwischen einzelnen Kapiteln werden teilweise größere Zeitsprünge gemacht, an was ich mich zunächst erst gewöhnen musste, was aber nicht weiter schlimm war.

Bereits der Einstieg in die Story fällt leicht, ich war sehr schnell im Geschehen uns sehr neugierig, was es mit der Erinnerungsspende auf sich hat. Die Idee fasziniert wie schockiert gleichermaßen. Mika und Lynn sind mir als Protagonisten sehr sympathisch, ich kann beide Sichtweisen verstehen, da sie sehr gut argumentiert wurden. Super, dass so beide Seiten - Spender und Empfänger – mit all ihren Emotionen und Gedanken dargestellt werden. Sie führen sowohl tiefgründige Gespräche über moralische Themen, als dass sie einfach Teenager sein dürfen, die sich gegenseitig Halt geben. An einigen Stellen fand ich Mika sehr naiv und ich konnte seine Handlungen nicht immer nachvollziehen. Auch hat gerade gegen Ende die Story noch einmal sehr an Fahrt aufgenommen, was für mich in Teilen dann fast zu schnell ging – es ist zum Ende noch einmal wahnsinnig viel passiert und auf wenig Seiten ein komplett neuer Handlungsstrang hinzu gekommen. Das war zwar wichtig für die Geschichte, hätte meiner Meinung nach aber gerne ausführlicher erzählt werden können. Die Jagd nach den Erinnerungen hat mich überrascht, da ich etwas ganz anderes erwartet hätte - super. Denn so war das Ende absolut passend und stimmig, alles hat einen Sinn ergeben und war nicht rosarot perfekt. Durch das letzte Kapitel wird auch der Kreis zum Titel geschlossen, der hier absolut schlüssig aufgegriffen und erklärt wird – eine ideale Abrundung des gesamten Buches!

Insgesamt ist „Memories of summer“ ein tolles Buch mit vielen Denkanstößen. Die Idee hinter dem Plot ist sehr kreativ und faszinierend, dennoch hat mich die Tiefgründigkeit der Erzählung positiv überrascht. Das Buch hat mich nachhaltig beschäftigt, denn es bietet viel Stoff zum intensiven Nachdenken, insbesondere über die Frage, was ein Mensch ohne Erinnerung, also ohne Vergangenheit ist? Und immer wieder schwingt die moralische Frage mit: Was würde ich an Mikas Stelle tun? Ein Buch, das bewegt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere