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Veröffentlicht am 20.12.2018

Rolling back

Hippie
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In dem vorliegenden Buch „Hippie“, bestätigt der Autor Paulo Coelho einmal mehr, dass er zu den ganz großen Schriftstellern der Moderne gehört. In kurzen Kapiteln, mit noch kürzeren Sätzen, bringt er ein ...

In dem vorliegenden Buch „Hippie“, bestätigt der Autor Paulo Coelho einmal mehr, dass er zu den ganz großen Schriftstellern der Moderne gehört. In kurzen Kapiteln, mit noch kürzeren Sätzen, bringt er ein längst vergessenes Lebensgefühl wieder zum Erwachen – die Hippie Bewegung. Meist wird es von Kindern reicher Leute initiiert (S. 212).

Der Einband zeigt dem Betrachter schon auf den ersten Blick, in welcher Zeit dieser Roman spielt. Es war die Epoche der Hippies mit Flower Power und all den poppigen Farbe. Auf nicht ganz 300 Seiten entführt Paulo Coellho den Leser in diesem „Magic Bus“, der in der Realität doch so unscheinbar aussieht und erweckt wieder das ganze Lebensgefühl der damaligen Bewegung. Von den Alten wegen der wallenden Haare und den mitunter recht wilden Bärten beargwöhnt, machten sich junge Leute auf, sich selbst zu finden oder auch zu verwirklichen, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was am Ende dabei herauskommen wird.

Der biographische Roman ist nicht in der Ich-Form verfasst, sondern in der 3. Person, als schreibe der Autor über einen Anderen. Das klingt mitunter etwas befremdlich, als hätte diese ganze Aufbruchsstimmung nichts mehr mit ihm zu tun. Dabei war es seine Jugend, Teil seiner Entwicklung, der erfolgreiche Schriftsteller zu werden, der er heute ist.

Das wichtigste Buch dieser Epoche hieß, „Europe On Five Dollars a Day“, geschrieben von Arthur Frommer. Daneben war noch „die unsichtbare Zeitung entstanden, weil die jungen Leute sich bei diesen Konzerten darüber austauschten, wo sie sich als Nächstes treffen und wie sie die Welt entdecken könnten – ohne in einen Touristenbus steigen zu müssen…“(S.12)

„Eine Legende wird zur Wahrheit, wenn sie nur oft genug wiederholt wird“ (S. 21)

Peru mit La Paz auf einer Höhe von 3.640 Meter, Machu Picchu, von dort nach Bolivien, verlief die Reiseroute der Hippies. Doch Paolo reist mit seiner älteren Freundin nach Brasilien und sie werden entführt. Die Beschreibung dieser Entführung hat es in sich. Doch am Ende kommen sie wieder frei – und gehen getrennte Wege. Paulo führt es auf Umwegen nach Amsterdam und läuft am Dam Karla über den Weg. Karla und ihre wechselnden Männer werden auf S. 196 folgendermaßen beschrieben: „…Sie wäre gern eine Blume gewesen, die, von der Liebe in eine Vase gestellt, in deren immer frische Wasser sie, wie eben gepflückt, auf denjenigen wartete, der den Mut – genau, das Wort: MUT – hatte, sie sich zu nehmen. Aber es kam nie jemand – besser gesagt, die Männer kamen und gingen gleich wieder, ganz verschreckt, weil sie nicht eine Blume in einer Vase vorfanden, sondern eine Naturgewalt, ein Unwetter mit Blitzen, Sturm und Donner“. Welch eine geniale Beschreibung dieser Frau.

Für einen großen Teil der Hippies ist es „IN“ Drogen zu konsumieren, wie andere Menschen Schokolade. Vieles wurde ausprobiert und als Leser bekommt man einen Überblick, was damals alles so auf dem Markt war. Nur vor „The house oft the rising Sun“ warnt Karla ihn, als Paulo unbedingt diesen Drogenplatz kennenlernen will. Vielleicht sind die Abhängigen dort zu abschreckend, jedenfalls verlässt er diesen Platz ohne etwas probiert zu haben. Die Verlockungen haben einen bitteren Beigeschmack. Auch als großes Geld zum Greifen nahe ist, siegt sein gesunder Menschenverstand.

„Magic Bus“ klingt sensationeller als es ist. Dabei handelt es sich um einen alten, klapprigen, ausrangierten Schulbus, mit dem man für wenig Geld bis Kathmandu reisen kann. Im Magic Bus geht es mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe auf große Reise. Jeder dieser Aussteiger, mit denen Karla und Paulo die nächsten Tage auf engstem Raum zusammen verbringen, hat seine eigene Geschichte, die wir nach und nach erfahren. Für jeden von ihnen gibt es einen triftigen Grund aus seinem Leben auszusteigen, andere Erfahrungen zu machen, das Leben in seiner – konträren - Fülle kennen zu lernen. Der Leser bekommt viel kluge und weniger kluge Lebenserfahrung präsentiert.

Ich glaube es ist ein Markenzeichen des Autors, Weisheiten in kurzen Sätzen zu verpacken. „Wir können nicht wählen, was mit uns geschieht, aber wir können wählen, wie wir damit umgehen“, (S.57) ist eine seiner Aussagen der man sofort zustimmt und über die man stundenlang nachdenken kann.

Ich fand das Buch großartig, obwohl es sich von den üblichen Romanen die man von Paulo Coelho kennt, doch stark unterscheidet. Aber vielleicht macht gerade dies den Reiz aus, der von diesem Buch ausgeht.

Veröffentlicht am 20.11.2018

Ein Indianer des Sammes der Lakota im Heute

Indian Cowboy
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Allein das Cover dieses Buches spricht von Abenteuer und machte mir schon Lust aufs Lesen. Der Protagonist des vorliegenden Romans „Indian Cowboy“ - die Nacht der Wölfe – von Brita-Rose-Billert gehört ...

Allein das Cover dieses Buches spricht von Abenteuer und machte mir schon Lust aufs Lesen. Der Protagonist des vorliegenden Romans „Indian Cowboy“ - die Nacht der Wölfe – von Brita-Rose-Billert gehört zu den Ureinwohnern Amerikas. Genauer gesagt, er ist ein Lakota.

Ach, Indianer, wird so manch einer sagen und denkt an Pferde, Pfeil und Bogen, an Kriegsbemalung, Kriegspfad, Feuerwasser und Federschmuck. Vielleicht noch an die Romane von Karl May oder an die vielen Western die in den 60ern gedreht wurde, bei denen Indianer meist die Weißen überfielen, ihren Skalp oder deren schöne Frauen wollten und die guten Weißen gegen die bösen Rothäute gewannen. Dass die ersten weißen Siedler , die auf der Mayflower die neue Welt erreichten, ohne die Hilfe der Indianer nicht hätten überleben können, ist nur wenigen bekannt. Der Thanksgiving Day, der in ganz USA einer der höchsten Feiertagen ist, hat darin seinen Ursprung. Als Dankbarkeit an die Ureinwohner für die gewährte Hilfe. Aber das ist jetzt ein ganz anderes Thema.

In dem vorliegenden Roman lernen wir Indianer der Neuzeit kennen. Sie wohnen größtenteils in ihren Reservaten, wo sie in ihren Traditionen als auch in der modernen Zeit leben können. Für viele der Bewohner ein Drahtseilakt. Der Alkoholismus unter dieser Volksgruppe ist legendär. Direkt zu Beginn des Buches konfrontiert uns die Autorin mit der Problematik des leicht zugänglichen Alkohols, der viele dieser Ureinwohner zerstört. Das ist ein ganz großes Problem sowohl des letzten als auch dieses Jahrhunderts. Dazu kommt vielfach noch die mangelnde Bildung.

Im Vorspann lernen wir Ryan Black Hawk, ein Lakota, im Alter von 16 Jahren kennen, als er trinkt, Gras raucht, und nach einer durchzechten Nacht von seinen Freunden total besoffen und high vor der Haustür seines Elternhauses abgeliefert wurde. Sein Vater greift ihn am Kragen und schleift ihn unter kaltes Wasser, ist bitterböse über dieses Verhalten, doch seine Standpauke dringt nur schemenhaft durch den Alkohol- und Drogennebel in Ryans Hirn. Erst als die Polizei am nächsten Morgen auftaucht und nach dem Fahrer und Beifahrer des Autos fragt, mit denen Ryan die vergangene Nacht unterwegs war, fängt dieser an zu denken. Seine beiden Saufkumpane haben sich mit dem Auto überschlagen und dabei tödlich verletzt.

In diesem Moment nimmt sich Ryan vor, keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren und seinem Leben einen Sinn zu geben. So lernen wir ihn auf den nachfolgenden Seiten in diesem Roman auch kennen - als einen verantwortungsvollen jungen Lakota, der sein Ziel vor Augen hat. Ich muss gestehen, von da an wurde mir Ryan von Seite zu Seite immer sympathischer. Irgendwie sah ich ihn vor mir, mit seinem langen blauschwarzen Haar und der olivfarbenen Haut.

Da die Familie Geld braucht um die Farm zu halten, meldet er sich in einem Rekrutierungsbüro, kommt zur Air Force und wird zu einem Fahrer mit Sonderaufgaben (Personenschützer) ausgebildet. Die Beschreibung der harten Ausbildung bei der US Army, als auch wie es sich als Angehöriger des US Air Force lebt, ist der Autorin gut gelungen und sie bringt dies auf nur wenigen Seiten komplett rüber. Ryans besondere (indianische) Fähigkeiten werden schnell von seinem Vorgesetzten erkannt, gefördert und kommen in seiner neuen Tätigkeit voll zum Einsatz. Er ist präzise, schnell und kann sich völlig lautlos, als auch unsichtbar für seine Feinde, in der Natur bewegen. Das liest sich sowas von spannend, dass ich das Buch nicht mehr weglegen konnte. Der Roman hat aber auch seine komischen Seiten, z. B. als Ryan die Ehefrau und durchgeknallte Tochter eines Vorgesetzten zum Flughafen fahren muss, mit all den Begleiterscheinungen dieser eigenartigen Tour. Selbst auf abfällige, rassistische Äußerungen hat er gelernt, nicht zu reagieren.

Dass Ryan auf Gönner trifft die sein Talent erkennen und schätzen, als auch auf Schurken die ihm nach dem Leben trachten und in eine Falle locken, das versteht sich wohl von selbst. Spannung pur. Es ist ein moderner Roman über die Ureinwohner der USA im Heute. Der Autorin gelingt es, mit den Vorurteilen des „ewig Hinterwäldlerischen“ gegenüber diesen Menschen aufzuräumen. Das Ryan, ein intelligenter und moderner Lakota, trotzdem noch immer in den Traditionen seines Stammes zu Hause ist, erleben wir beim „Sundance“. Auch ist es der Autorin sehr gut gelungen, einige Probleme des modernen US-Amerikas - ich denke da an den Straßenausbau in dem Indianer Schutzgebiet, was zu Auseinandersetzungen führte - in die Handlung einzuflechten. Phantasie gepaart mit Realität.

Ich muss gestehen, dass ich auf den zweiten Band riesig gespannt bin und wissen will, was Ryan noch alles erlebt bis er das Leben leben kann, das sein eigentliches Ziel ist, Rancher sein und Pferde züchten. Doch bis er als Rancher sesshaft wird, gibt es hoffentlich noch etliche spannungsgeladene Romane mit Ryan Black Hawk.

Veröffentlicht am 13.11.2018

Der Wald und seine Wunder

Die wundersame Mission des Harry Crane
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Das Buch, „Die wundersame Mission des Harry Crane“ von Jon Cohen ist ein liebenswertes Buch, das den Leser zum Träumen bringt. Was ist real und was ist märchenhaft?

Real ist der Wald, der im Mittelpunkt ...

Das Buch, „Die wundersame Mission des Harry Crane“ von Jon Cohen ist ein liebenswertes Buch, das den Leser zum Träumen bringt. Was ist real und was ist märchenhaft?

Real ist der Wald, der im Mittelpunkt des Denkens von Harry Crane steht. Was er darüber denkt und sagt gleicht einer Liebeserklärung. Seite 315: „Ein stiller ungestörter Wald ist voller Leben“. Wie wahr! Von Harry hören wir von dem Zusammenleben der Bäume, ihrer Sprache und dass Bäume untereinander kommunizieren, mitunter eine Symbiose eingehen. Wer wie ich in direkter Nähe eines Waldes lebt, bekommt ein Gefühl für das, wovon er spricht. Seite 52 heißt es, „Im Wald verändert sich alles“ und auf Seite 73 „“Der Wald holt sich alles zurück“. Wie wahr. Brachliegende Flächen entwickeln sich von selbst zu lichten Wäldern, auch wenn der Mensch sich nicht darum kümmert. Man schaue sich nur in den National Parks in den USA um. Nach Vulkanausbrüchen oder schweren Waldbränden regeneriert sich der Wald von selbst. Natur pur.

All das liebt Harry Crane seit seiner Kindheit. Die Bäume sprechen zu ihm, weshalb es ganz selbstverständlich für ihn war, dass er in dem baumlosen Wald, bei der Forstbehörde in den USA anheuert und einen Schreibtischjob übernahm. Doch glücklich wurde er dabei nicht. Das Lebendige des Waldes kam für ihn dabei abhanden. Also suchte er sein Glück in der Lotterie, in der Hoffnung, dass er eines Tages den großen Gewinn macht, seine Stelle aufgeben und seine Liebe zum Wald vor Ort ausleben kann. Doch während er dem finanziellen Glück nachrannte, wurde ihm sein größtes privates Glück durch einen Unfall genommen: Seine geliebte Frau Beth.

Harry verarbeitet seine Trauer in Arbeit und noch mehr Arbeit. Alles was seine Kollegen vom Schreibtisch haben wollen, wird bei ihm abgeladen. Erst als sein Bruder eine riesige Summe Dollars als Entschädigung für den Unfalltot seiner Frau erkämpft, bricht Harry aus seinem dumpfen Leben aus. Er flüchtet. Wohin? Natürlich in den Wald.

Doch Harry ist nicht alleine mit seinem Kummer. Bei diesem Wald gibt es Amanda mit ihrer Tochter Oriana. Amand verlor genau zu der Zeit als Beth durch einen Unfall starb, ganz plötzlich ihren Ehemann. Ein großer, kräftiger Mann, strotzend vor Leben stirbt einfach so. Wie sagt man das seinem Kind? Amanda versucht es ihrer Tochter verständlich zu machen, doch Oriana flüchtet sich ins Märchenhafte, wird Dauergast in der örtlichen Bücherei und träumt sich ihre eigene Welt. Glaubt ihren Vater in anderer Gestalt im Wald finden zu können und legt für ihn überall Essen aus.

In dieser Situation treffen Oriana und Harry aufeinander. Natürlich im Wald. Harry zieht in das Baumhaus ein, dass Oriana von ihrem Vater bekam und ist nun seinen Bäumen so nah wie noch nie zuvor. Jeder Baum wird von da an von ihm erobert, indem er bis in die höchsten Gipfel klettert. Das liest sich richtig spannend. Seine Art, die Trauer um Beth zu bewältigen.

Amanda beobachtet diesen seltsamen Menschen, der so mir nichts, dir nichts in ihrem und Orianas Leben auftauchte. Zu ihrer Freude stellt sie fest, dass Harry ihrer Tochter hilft, über den Verlust des Vaters hinweg zu kommen. Zusammen lesen Harry und Oriana das Buch des alten Grum. Seite 188: „Dazu sind Bücher doch da, oder? Um einen zu trösten, zu beruhigen, auf andere Gedanken zu bringen“. Denn, S. 196: „Alles hat eine Geschichte“.

Bis etwas zum 20. Kapitel hat mich dieses Buch völlig in seinen Bann gezogen und ich hätte nicht nur 5, nein am liebsten 6 Sternchen vergeben. Doch ab da wird es mir zu märchenhaft und es war nicht mehr so mein Buch. Vielleicht bin ich einfach zu realistisch für das, was auf den folgenden Seiten noch kommt.

Im Grunde besteht „Die wundersame Mission des Harry Crane“ aus zwei Büchern, einem realen und einem märchenhaften, die zu einem Roman zusammen gefügt wurden.

Am Ende noch ein Satz, der mir besonders gefiel: „Lieben und loslassen, das ist der ewige Kreislauf“.

Veröffentlicht am 10.11.2018

Jugendliche in Ostsachsen auf der Sucher nach der eigenen Identität

Mit der Faust in die Welt schlagen
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„Mit der Faust in die Welt schlagen“. Der Wut und dem Frust Ausdruck verleihen, doch damit nichts lösen.

Wir sind in den Jahren 2000 – 2004 in Ostsachsen. Die Wiedervereinigung/Wende liegt 10, bzw. ...

„Mit der Faust in die Welt schlagen“. Der Wut und dem Frust Ausdruck verleihen, doch damit nichts lösen.

Wir sind in den Jahren 2000 – 2004 in Ostsachsen. Die Wiedervereinigung/Wende liegt 10, bzw. 14 Jahre zurück. Die Industrie der DDR erwies sich zu großen Teilen als zu veraltet und nicht zukunftsfähig. Fabrikruinen zeugen davon. Was nicht wirtschaftlich arbeitete wurde abgewickelt. Das sind die Gesetze des Marktes. Ein Schock. Was früher dem Leben dieser Menschen in dem kleinen Ort in Ostsachsen einmal Struktur gab, ist nicht mehr. Die bisherige Ideologie hat keinen Bestand mehr. Seite 132 über gesprengte Schornsteine: „Mit jeder Sprengung verschwindet ein Relikt ihrer Geschichte“. Besser kann man das Lebensgefühl dieser Menschen nicht ausdrücken. Die Angst über den Verlust ihrer eigenen Identität.

Vor diesem Hintergrund spielt der Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Lukas Rietzschel. Das ganze Buch wird getragen von einer düsteren Stimmung. Dazu schreibt der Autor vielfach in kurzen, abgehackten Sätzen.

Wir lernen eine ganz normale Familie kennen, Vater, Mutter, 2 Söhne und die Großeltern. Mit der neuen Zeit hat man sich inzwischen arrangiert. Die Mutter arbeitet als Krankenschwester und der Vater ist Handwerker. Die Familie kann sich jetzt endlich ein Eigenheim bauen. Aufbruch. Als Gast dieser heilen Familie kommt Uwe dazu, ein ehemaliger Arbeitskollege des Vaters. Ein guter Arbeiter und Kumpel, jedoch arbeitslos. Seine Frau hat ihn verlassen und ist in den Westen. Es wird gemunkelt er war IM bei der Stasi, habe seine Frau bespitzelt. Ob es stimmt oder auch nicht, weiß der Leser bis zum Ende nicht genau. Er gehört zu den Verlierern der Wende und ertränkt seinen Kummer in Alkohol.

Wir gehen mit den beiden Söhnen Philipp und Tobias zur Schule, lernen deren Lehrer und Freunde kennen. Dort tauchen erstmals Nazi-Symbole auf, die mit Tüchern verhängt und dann entfernt werden. Auf die Frage was das sei, bekommen die Kinder keine erklärenden Antworten. Über die Bedeutung dieser Symbole schweigt man sich aus. Es wäre der Einstieg zu einer Vergangenheitsbewältigung. Doch darüber redet man nicht. Nur so viel sagt der Rektor, sie sollten sich von bestimmten Jugendlichen fernhalten. Verbote hatten schon immer einen besonderen Reiz, so auch hier.

Im 2. Buch, es beschreibt die Jahre von 2004 – 2006 baut sich langsam die Gewalt auf. Ist es mangelnde Bildung? Auf jeden Fall jugendliche Selbstüberschätzung, gepaart mit jugendlicher Überheblichkeit. „Die Schule ist blöd und auf dem Gymnasium lernt man nur Zeug, das man später nie braucht“, ist ein Vorwand, sich beim Lernen nicht anstrengen zu wollen. Bequemer ist es, den vermeintlichen Wortführern des neuen Freundeskreises nachzurennen, deren Sichtweisen zu den eigenen zu machen. Man braucht ein Feindbild. Es bieten sich die Amis mit 9/11 an, doch die sind zu weit weg. In greifbarer Nähe leben die Sorben. Wahrscheinlich könnten es auch Türken, Araber, Juden oder sonst wer sein. Hauptsache man kann ein Feindbild aufbauen um sich selbst gut zu fühlen. Die Ausgrenzung der Sorben ist ein weiterer Schritt. Auf Seite 150 lesen wir von einem dtsch. Bad und dem sorbischen Bad. Der Leser sieht sich mit dem Neid der Menschen untereinander konfrontiert: „Denen ging es immer besser als uns“. Endlich einen Sündenbock. Wo Neid ist, kommt auch Aggression ins Spiel. Langsam schaukelt es sich höher. Dass der Vater von Philipp und Tobias die Familie verlassen hat und zu seiner neuen Freundin gezogen ist und somit der Mensch aus dem Leben der Brüder verschwindet, der ihnen im Alltag hätte Ratgeber und Freund sein können, macht es für Tobias und Philipp noch schwerer, sich im Leben einzurichten und einen Platz zu finden. Von nun an geben die neuen Freunde Philipp und Tobias vor, was richtig und falsch ist.

Dieses Buch „MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN“ ist kein alltäglicher Roman, den man in lockeren Musestunden weglesen und danach zur Tagesordnung übergehen kann. Ich habe dieses Buch zweimal hintereinander gelesen, damit ich auch die Feinheiten der Nebenschauplätze erfassen konnte.

Am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten. Warum sind Menschen in den neuen Bundesländern so empfänglich für Nazis? Nazis gab und gibt es überall auf der Welt, in überschaubarer Zahl überall in Deutschland. Doch warum so eine geballte rechte Szene in Teilen der ehemaligen DDR? Ist es die Angst vor Fremden, in diesem Fall Flüchtlingen? Oder geht da eine Angst um, im eigenen Leben zu kurz zu kommen? Anders sein heißt nicht besser oder schlechter sein, sondern einfach nur anders – völlig wertfrei. Bemerkenswert ist mir der Satz: „Sie schreien ‚Heil Hitler‘ und denken es sei Spaß und sie seien keine Nazis“. Interessant wäre zu erfahren, wie sie sich selbst definieren.

Zum Schluss möchte ich noch auf einen Satz auf Seite 202 eingehen: „Alle anderen dürfen stolz auf ihr Land sein, nur in Deutschland ist das verboten“. Will der Junge damit nicht eher ausdrücken: „Alle anderen dürfen stolz auf ihr Land sein, nur wir Bürger der ehemaligen DDR nicht auf unser DDR-Deutschland“? Weil es so bitter klingt kam mir diese Auslegung in den Sinn, als ich dies las.

Am Schluss des 3 Buches (2013-2015) werden die rechten Sprüche in die Tat umgesetzt. Die Situation eskaliert. Es wird lediglich "mit der Faust in die Welt geschlagen", doch keines der Probleme gelöst.

Veröffentlicht am 22.10.2018

So sieht Armut aus

Arminuta
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Was empfindet ein Mädchen, dass mit 12 Jahren plötzlich erfährt, dass ihre Eltern gar nicht ihre Eltern sind? Die heißgeliebte Mutter stellt sich als die Cousine ihrer leiblichen Mutter vor und sagt dabei ...

Was empfindet ein Mädchen, dass mit 12 Jahren plötzlich erfährt, dass ihre Eltern gar nicht ihre Eltern sind? Die heißgeliebte Mutter stellt sich als die Cousine ihrer leiblichen Mutter vor und sagt dabei gleichzeitig. die richtigen Eltern wollten sie nun zurück haben. "Arminuta" von Donatella Di Pietrantonio lässt den Leser an diesem sozialen Abstieg teilhaben.

Erzählt wird aus der Sicht von Arminuta.

Aus einem schönen Leben in einem Haus in Strandnähe, mit eigenem Zimmer und schönen Kleidern, wird sie trotz ihres Protestes zu ihrer unbekannten Familie gebracht. Welch ein Schock! Ihre leibliche Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater arbeitet in einer Ziegelei und verdient nur das Nötigste. Die Brüder entpuppen sich als Gelegenheitsarbeiter, die nächtelang außer Haus bleiben und dabei auch krummen Geschäften nicht abgeneigt sind. Schlafen die Brüder mit den Mädchen in einem Zimmer, so dass diese alle körperlichen Regungen ihrer Brüder mitbekommen, so muss Arminuta mit ihrer jüngeren Schwester, die nachts immer wieder einnässt, von nun an sogar das Bett teilen. Zu Beginn hat diese Familie nicht mal einen Platz für sie.

Warum wollten diese Leute ihr Kind zurück, wenn sich niemand freut dass sie da ist? Dass man sie über den Grund ihrer Rückkehr belogen hatte, wird dem Mädchen, welches man im Dorf nur noch Arminuta nennt, schnell klar. Ganz bestimmt ist ihre frühere Mutter schwer erkrankt oder womöglich schon gestorben, sonst hätte sie nie gewollt, dass sie so leben muss. In ihrem Kopf spielt Arminuta alle tragischen Möglichkeiten durch, die dazu haben führen können, dass sie aus ihrem früheren "Paradies" vertrieben wurde.

Anfangs fühlt sie sich wie das 5. Rad am Wagen, als ungebetener Esser. Erst langsam erobert sie sich mit Hilfe ihrer Schwester ihren Platz in der Familie. Diese Schwester, die mit 10 Jahren die Mutter bittet, sie zu schlagen, damit Arminuta keine Gewalt erleben muss. Sie sei daran gewöhnt. Wie sehr muss dieses Kind die neue Schwester lieben.

Armut - Verbitterung - Gewalt scheinen in dieser Familie Hand in Hand zu gehen. Ist die richtige Mutter lieblos oder ist sie nur durch die Armut und das entbehrungsreiche Leben so geworden? Als Leser hinterfragt man diese Familienstruktur. Erst als der älteste Bruder durch einen Unfall sein Leben verliert, zeigt die Mutter Gefühl - unendliche Trauer um ihren verlorenen Sohn. Auf einmal fühlt man als Leser mit dieser Frau, deren Leben nur wenige Freuden für sie bereit hielt. So sieht Armut aus.

Wollte Arminuta zu Anfang ihre neue Familie schnellstens wieder verlassen, so keimt im Laufe der Zeit eine geschwisterliche Liebe zu ihrer Schwester auf, die sie lehrt in der Armut zu überleben. Die beiden Schwestern geben sich gegenseitig Trost und am Ende bleibt mir als Leser die Hoffnung, dass Arminuta ihrer Schwester hilft, aus diesem trostlosen sozialen Umfeld auszubrechen.

Mir gefiel besonders die Sprache dieses Buches. Diese gab mir als Leserin das Gefühl, als lebte ich mitten in dieser Familie, säße mit ihnen am Tisch, wenn es ein ärmliches Mahl oder auch einen fetten Schinken gab, von dem alle ein Stück abhaben wollten.

Die Autorin muss man sich merken. Sie hat dem Leser etwas zu sagen. Ein großes Lob auch an die Übersetzerin.