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Veröffentlicht am 21.02.2026

Erstaunliche Twists

Die Housesitterin – Ein Traum von einem Job. Oder?
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Nach „Das Dinner“ ist das der zweite Thriller, den ich von Emily Rudolf gelesen habe. Und trotz einiger Schwächen definitiv der Bessere!

Cecilia ist professionelle Housesitterin und kommt zu Beginn der ...

Nach „Das Dinner“ ist das der zweite Thriller, den ich von Emily Rudolf gelesen habe. Und trotz einiger Schwächen definitiv der Bessere!

Cecilia ist professionelle Housesitterin und kommt zu Beginn der Geschichte auf einer Privatinsel in der Ostsee an, wo sie ein Anwesen der vermögenden Waldners hüten soll. Sie war bereits mehrmals für die Familie tätig; dass sie seit einigen Monaten eine leidenschaftliche Affäre mit dem Firmenerben Johannes Waldner hat, weiß allerdings niemand. Bis jetzt! Denn Cecilia lädt ihre Freunde auf die Ostseeinsel ein, damit sie Johannes kennenlernen. Das Cover lässt erahnen, dass es kein fröhlich-entspanntes Wochenende wird.

„Die Housesitterin“ wird sehr schnell sehr spannend. Der Prolog ist hochdramatisch, doch auch danach geht es bald hoch her. Eine bedrohliche Atmosphäre, nicht zuordbare Geräusche, furchteinflößende Ereignisse … und das ist nur der Anfang.
Die Geschichte wird aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Andeutungen und Untertöne haben dafür gesorgt, dass mein Kopfkino sehr schnell angesprungen ist und ich unterschiedlichste Theorien zu dem entwickelte, was da unter der Oberfläche vor sich hin zu brodeln schien. Als dann die Auflösung kam, war ich dennoch mehr als verblüfft. Nicht, weil sie so raffiniert war. Sondern, weil ca. die Hälfte des Buches noch vor mir lag. Hier ist Emily Rudolf ein faszinierender Twist gelungen, denn es folgte ganz unerwartet noch ein neuer Handlungsstrang, gefolgt von weiteren Wendungen, die ich kaum habe kommen sehen.

Nicht ganz so gut gefallen hat mir, dass die Autorin letztlich immer auf das gleiche Schema zurückgreift, um die Geschehnisse aufzuklären: Die Protagonist*innen berichten selbst, was passiert ist. Verglichen mit früheren Äußerungen aus ihren Perspektiven wirkt das nicht immer komplett stimmig. Einzelne Charaktere, die anfangs viel Potential hatten, bleiben außerdem Statisten. Nicht alles kommt mir rückblickend logisch vor und die spicy Szenen fand ich unnötig und auch zu plakativ. Ein spannender Pageturner ist „Die Housesitterin“ jedoch trotzdem.

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Skurril. Und richtig gut.

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Vor vielen Jahren habe ich eher zufällig einen Roman gelesen, der für mich völlig unerwartet ein absolutes Lesehighlight wurde: „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson. Den Autor behalte ich seitdem ...

Vor vielen Jahren habe ich eher zufällig einen Roman gelesen, der für mich völlig unerwartet ein absolutes Lesehighlight wurde: „Das war ich nicht“ von Kristof Magnusson. Den Autor behalte ich seitdem im Blick und bin froh, so auch auf sein neues Werk aufmerksam geworden zu sein – das wieder ganz anders ist. Wie eigentlich jedes Buch, das ich von Magnusson gelesen habe.

„Die Reise ans Ende der Geschichte“ spielt 1995. Protagonist Jakob Dreiser ist mit Mitte 20 bereits ein gefeierter Dichter. Außerdem kann er bestens mit Menschen, ist empathisch, herzlich und vom Fall des Eisernen Vorhangs anhaltend euphorisiert. Ganz im Gegensatz zu Dieter Germeshausen, einem 30 Jahre älteren Geheimdienstmitarbeiter, den das Ende des Kalten Krieges in eine Krise gestürzt hat. Nun plant er einen Coup. Dass Germeshausen und Dreiser zusammen nach Kasachstan reisen, kann ich verraten, denn das gibt schon der Prolog her. Welche aberwitzige Aktion dort geplant ist und was alles drumherum passiert, bildet die vermutlich skurrilste Agentengeschichte, die ich je gelesen habe. Sie hat mich bestens unterhalten und gleichzeitig etwas nostalgisch auf eine Zeit zurückblicken lassen, in der vieles plötzlich möglich schien: anhaltender Frieden, Völkerverständigung, blühende Landschaften. Ein originelles Lesevergnügen.

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Veröffentlicht am 30.01.2026

The Sky is the limit

Vom kleinen Spatz, der eine große Amsel werden wollte
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Was für ein tolles Bilderbuch! Meine Kinder lieben es. Auf jeder Doppelseite erzählt ein kleines Vögelchen seiner Mutter oder seinem Vater, was es später, wenn es mal groß ist, werden will: der kleine ...

Was für ein tolles Bilderbuch! Meine Kinder lieben es. Auf jeder Doppelseite erzählt ein kleines Vögelchen seiner Mutter oder seinem Vater, was es später, wenn es mal groß ist, werden will: der kleine Spatz eine Amsel, die kleine Amsel eine Taube, die kleine Taube eine Möwe … Das jeweilige Elternteil (erfreulicherweise überwiegend Papas – oft sind ja die Mamas in Kinderbüchern präsenter) dämpft dann die Erwartungen, wovon sich die kleinen Vögel aber nicht irritieren lassen. Und am Ende fliegen sie alle gemeinsam zum Mond.

Was meinen Kindern besonders gut gefällt: Die Gespräche, die alle recht ähnlich ablaufen, aber kleine Unterschiede haben: Das Graugans-Küken wird Schnucki genannt, der kleine Spatz denkt sich „Du hast keine Ahnung“, die kleine Amsel macht „Pfff“. Was ich super finde: Wie alle kleinen Vögel unbeirrt an ihren Zielen festhalten (obwohl der kleine Spatz doch wirklich keine große Amsel werden kann? Aber was weiß ich schon, ich bin ja erwachsen …).

Wir alle sind außerdem von den Illustrationen begeistert. Diese sind wunderbar bunt und recht großflächig. Jede Seite bietet ein paar Details, über die wir reden – bei jedem einzelnen Vorlesen. Dadurch, dass nicht so viele Einzelheiten zu sehen sind, reden wir sogar mehr über die Bilder – das ist mir so noch bei keinem anderen Buch aufgefallen. Der Spatz beim Essen, die Pfützen im Amselwohnzimmer, die Graugans, die ein Buch mit dem gleichen Cover liest und die Piñata auf der Vogelparty – alles spannend. Und auch die Vorsatz- und Nachsatzseiten, die die Vogelinsel jeweils bei Tag und Nacht zeigen und so die einzigen kleinteiligeren Bilder bieten, werden bestaunt. Dieses Kinderbuch besteht mit seinem gleichförmigen Aufbau, dem enthaltenen Schalk, der kraftvollen Botschaft und dem überraschenden Ende aus einer ungewöhnlichen Mixtur. Eine tolle Entdeckung!

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Veröffentlicht am 28.01.2026

Wenn ein Moment alles verändert

Hazel sagt Nein
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Das erste Buch, das ich 2026 gelesen habe, ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Jessica Berger Gross. Sein Titel „Hazel sagt Nein“, groß gedruckt über eine Bilderbuchidylle (weißes Haus mit grünen ...

Das erste Buch, das ich 2026 gelesen habe, ist der Debütroman der amerikanischen Autorin Jessica Berger Gross. Sein Titel „Hazel sagt Nein“, groß gedruckt über eine Bilderbuchidylle (weißes Haus mit grünen Fensterläden vor strahlend blauem Himmel), lässt erst einmal nicht auf den Inhalt schließen, doch Berger Gross klärt sehr schnell auf, was es mit dem „Nein“ auf sich hat: Es ist Hazels spontane Antwort, als der Leiter ihrer neuen Schule ihr an ihrem ersten Schultag ankündigt, mit ihr schlafen zu wollen. Was war ich erleichtert, dass Hazel dem Widerling sofort seine Grenzen aufzeigt. Gefahr erkannt – Gefahr gebannt? Ganz so einfach ist es leider doch nicht.
Hazels Nein hat Auswirkungen auf ihre komplette, gerade frisch nach Maine gezogene Familie: ihren Vater Gus, der seine erste richtige Professur an der örtlichen Uni bekommen hat, ihre Mutter Claire, die vor allem mit Selbstfindung und ihrem Heimweh nach New York beschäftigt ist, und ihren 11-jährigen Bruder Wolf, den alle von allem fernhalten wollen, was natürlich nicht gelingt.
Gut erzählt fand ich, wie schwer erträglich die Situation für Hazel ist. Ihr ursprünglicher Plan, ihr letztes Schuljahr möglichst gut und fokussiert hinter sich zu bringen, wurde unwiderruflich sabotiert und nun ist sie gezwungen, Gerede, Zweifel und Internetmobbing zu ertragen und irgendwie einen Weg zu finden, das Ganze hinter sich zu lassen. Jeder, der denkt „Es ist doch eigentlich nichts passiert“ wird nachdrücklich eines Besseren belehrt – das ist sehr gelungen. Welche Dynamiken sich im Roman entwickeln, erschien mir teilweise etwas abenteuerlich, aber insgesamt hat mich die Darstellung überzeugt. Was vor allem an der wahnsinnig reflektierten Protagonistin liegt, die vieles hinterfragt und auf den Punkt bringt, was mir als Leserin ebenfalls im Kopf herumspukte. Auch die Perspektiven ihrer Familienangehörigen finden kapitelweise statt: die Hilflosigkeit der Eltern sowie der Versuch von Wolf, an seiner neuen Schule Fuß zu fassen und nicht nur als „der Bruder von“ wahrgenommen zu werden.

Die vielen verschiedenen Sichtweisen sind spannend zu lesen; darüber hinaus beschäftigen sich alle Familienmitglieder naturgemäß noch mit dem restlichen Leben und haben in ihrem neuen Alltag Herausforderungen zu meistern. Dadurch wird eine Vielzahl an Themenkomplexen angeschnitten, die dann teilweise sehr wenig Raum bekommen – verständlich, aber doch etwas schade. Was außerdem zu kurz kommt, ist die Täterperspektive. Zwar finde ich die Fokussierung auf Hazel genau richtig, aber der Schulleiter kommt so selten vor und bleibt insgesamt so blass, dass seine Figur etwas unausgegoren wirkt.
Insgesamt hat mir „Hazel sagt Nein“ gut gefallen. Der Roman ist eine ungewöhnliche Coming-of-Age Geschichte, die dazu einlädt, Verhaltensweisen zu hinterfragen und sich zu positionieren.

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Veröffentlicht am 21.01.2026

Niedliche Hommage

Henri-Jette-Sausebahn
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„Henriette Bimmelbahn“ begeistert seit Generationen. Anlässlich des hundertsten Geburtstags ihres Autors James Krüss hat die rüstige Dampflok nun eine Hommage auf den Stahlleib geschrieben bekommen. Es ...

„Henriette Bimmelbahn“ begeistert seit Generationen. Anlässlich des hundertsten Geburtstags ihres Autors James Krüss hat die rüstige Dampflok nun eine Hommage auf den Stahlleib geschrieben bekommen. Es fängt schon gut an: Unverkennbar Henriette schaut freundlich einer anderen Bahn hinterher, die sich gerade mit zwei Loks auf die Reise macht – es sind ihre Enkel! Eine Lok fährt vorne, eine hinten, sie heißen Henri und Jette. Die Zwillingsbähnchen bringen ebenfalls Passagiere ans Ziel, im Gegensatz zum Original auch tierische. Da spielt ein Oktopus mit einer Katze Karten, ein Papa schläft und ein Eisbär schiebt ein Kind im Rollstuhl. Wer schon andere von Pina Gertenbach illustrierte Bilderbücher gelesen hat, wird ihren Stil bei den Tierfiguren schnell wiedererkennen. Gleichzeitig hat sie würdige Nachfahren der netten, alten, kleinen Bimmelbahn geschaffen – Henri und Jette passen einfach ins Bild. Spaß machen auch die unaufdringlichen Anlehnungen ans Original; ob es nun Hasen, Brombeerranken oder Klee- und Blumenfelder sind.
Der Text kann nicht mit dem Original mithalten. Es wird zwar eine nette, sich reimende Geschichte erzählt, aber so etwas wie „Doch dann pfeift sie und sie bimmelt; rattert, knattert, dampft und faucht; ruckelt, zuckelt, klappert, plappert (…)“ – das fehlt, dieser originelle Wortwitz, der auch beim Vorlesen besonderes Vergnügen bereitet. James Krüss‘ Stil lässt sich offensichtlich nicht mal eben imitieren; der Versuch könnte vermutlich auch schnell peinlich wirken. Autorin Cornelia Boese unternimmt ihn nicht, aber sie hat mit ihrer Story eine schöne Hommage an „Henriette Bimmelbahn“ geschrieben. Meinen Kindern macht das Buch großen Spaß.

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